Leseproben

1.
Syrell stand vor dem großen Fenster des Zimmers und starrte in die Nacht. Regentropfen prasselten an die Scheibe und lieferten sich ein Wettrennen am kalten Glas. Immer wieder zuckten Blitze am Horizont und gaben den Blick auf das aufgewühlte, mit Schaumkronen übersäte, Meer frei. Seufzend strich er sich durch die langen Haare.
Hinter sich hörte er die Bettwäsche rascheln und immer wieder das gequälte Aufstöhnen von Yvonne, die sich im Schlaf von der einen auf die andere Seite warf und von ihren Erinnerungen gequält wurde. Die Geräusche, die sie von sich gab und die Bilder, die er nachts sah, zerrissen ihn.
Am Tage trug sie eine eiserne Maske vor sich her, die selbst er nicht durchschauen konnte. Nur nachts war sie nicht in der Lage die Fassade aufrechtzuerhalten, die sie errichtet hatte, damit niemand ihren inneren Dämon sah.
Syrell drehte sich um, holte tief Luft und ging auf das Bett zu. Die kleine Lampe, die Karen Yvonne kurz nach ihrem Einzug geschenkt hatte, spendete ein warmes Licht, in dem die Schweißperlen glitzerten, die sich auf Yvonnes Stirn gebildet hatten. Schwer atmend wandte sie sich von links nach rechts. Ihre Bettdecke war schon vor Minuten aus dem Bett gerutscht und Syrell hielt die Tränen zurück, die aufstiegen, als er Yvonne betrachtete.
Als er sie kennengelernt hatte, waren ebenfalls Tränen geflossen, aber damals waren es ihre, die sie vergoss, als ihre Vergangenheit sie erdrücken wollte. Sie war sicher nicht so stark, wie sie immer tat, aber sie nun so zu sehen, zu wissen was passiert war, brannte wie Feuer auf seiner Seele. Nacht für Nacht wieder die Bilder zu sehen, die sie in den Wahnsinn trieben, brachte ihn an den Rand dessen, was ein Mann ertragen konnte.
Tag für Tag hoffte er, dass sie endlich über das sprach, was passiert war. Aber nichts geschah. Nach außen gab sie sich eiskalt und noch verbissener in dem, was sie tat, als sie es eh schon war. Und ihren Psychologen spielte sie das vor, was sie selbst zumindest am Tage für wirklich hielt.
Er schüttelte den Kopf. Der Gedanken, aus ihrem Mund zu hören, was er Nacht für Nacht sah, war zu viel. Mit dem Handrücken strich er sich eine Träne aus dem Auge, die nicht dort bleiben wollte, wo sie bei einem SEAL zu sein hatte.
Vor ihrem gemeinsamen Bett blieb er stehen und holte tief Luft. Seit Tagen hatte jede Nacht den gleichen Ablauf für sie. Abends fand Yvonne den Weg in den Schlaf mit starken Schlafmitteln, die sie immer wieder Tom abrang, der sich täglich mehr weigerte, ihr welche zu geben.
Wenige Stunden herrschte dann eine beinahe unheimliche Stille. Bis ihre Träume sie erreichten. Dann begann für sie beide der allnächtliche Horror von neuem. Syrell wusste sich schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu helfen. Er war bereits an einem Punkt angelangt, an dem er seine Mutter um Rat fragen wollte, was er noch nie zuvor in seinem Leben getan hatte.
Wieder stöhnte Yvonne auf und stammelte seinen Namen. Er schluckte schwer und ließ sich am Bettrand nieder. Vorsichtig legte er eine Hand auf ihren Arm, der vor Schweiß nass war und sich unnatürlich kalt anfühlte.
»Ich bin hier, Ivy, ich bin hier.« Seine Stimme wurde heiser »Es ist alles okay.« Beinah tonlos brachte er die letzten Worte hervor.
Nichts war Okay. Er log sie Nacht für Nacht an und sie log ihn an, wenn sie am Tage sagte, dass alles bestens sei. Diese verdammte Fassade, die sie aufbaute, zog sich wie eine größer werdende Mauer in ihre Beziehung und die Angst, sie dahinter zu verlieren, wuchs jeden Tag weiter.
Um sich schlagend riss sie ihren Arm unter seiner Hand weg und schrie auf. Syrell schloss erschrocken die Augen, als er den schrillen Schrei vernahm. Schnell suchte seine Hand wieder ihre Nähe und er strich über ihre feuchte Stirn. Wie lange sollte er das noch ertragen? Wie lange sollte er Paul noch anlügen, wenn der ihn fragte, ob Yvonne sich im Griff hatte?
»Hey, alles Okay.« Er holte tief Luft, verdrängte die Bilder von seinem ehemaligen Kollegen, der mit einem eiskalten Grinsen vor seinen Augen auftauchte. Syrell schob das Gefühl, das von Yvonne ausging, welches er nur mit den Worten Ekel und Scham beschreiben konnte, zur Seite. Er zog seine Beine auf das Bett und behielt Yvonnes Hände genau im Auge. Schon zu oft hatte sie ihn im Schlaf derart hart getroffen, dass er der Meinung war, der Schlag wäre von einem seiner männlichen Kollegen gekommen.
Langsam rutschte er dichter an sie heran. Das indianische Kinderlied murmelnd, welches sie noch verband, legte er ein Bein über ihre, um zu verhindern, dass sie ihn trat. Es schmerzte ihn, dass er sie mit Gewalt darin hindern musste, um sich zu schlagen. Seinen Arm legte er bewusst nur über ihren Bauch, da er die Erfahrung gemacht hatte, dass sie bei Berührungen an ihrer Brust zu einer Furie wurde, die er dann nicht mehr unter Kontrolle bringen konnte. Sie atmete schwer aus, als er seinen Kopf an ihre Schulter legte.
»Es ist okay. Ich bin hier.« Er vermied es sie Kleine zu nennen, da auch das bei ihr Panik auslöste. So vieles, was vertraut zwischen ihnen gewesen war, sorgte nun dafür, dass sie sich abwandte, in Tränen ausbrach, oder vor ihm flüchtete.
Er spürte ihren rasenden Herzschlag, die panische Atmung und ihre Arm- und Beinmuskeln, die versuchten vor etwas zu flüchten, das sie Nacht für Nacht einholen wollte. Er schluckte und eine Träne rann von seinem Gesicht über ihre Schulter. Das Gefühl, dass er sie verlieren würde, wenn nicht bald etwas geschah, wuchs Nacht für Nacht. Er wiederholte das Kinderlied wieder und wieder und nach unendlich langen Minuten spürte er, wie sie sich beruhigte und ihr im Schlaf ein Schluchzen entwich.
In einigen Nächten war er kurz davor, das Zimmer zu verlassen, doch er brachte es nicht übers Herz. Er konnte und wollte sie nicht alleine lassen, aus Angst, dass er bei seiner Rückkehr etwas vorfinden würde, das nichts mehr mit der Frau gemeinsam hatte, die er liebte. In solchen Momenten fielen ihm wieder die Worte seiner Mutter ein, die gesagt hatte, dass er und Yvonne zusammengehörten, dass sie nie mit einem anderen Partner glücklich werden würden. Dass sie ihre Seelen vervollständigten. Nur wie sollten sie wieder glücklich werden, wenn ihre Seele gebrochen war?
Wenn er sie vielleicht nie wieder berühren konnte?
Was, wenn er nie wieder ihre Nähe und Wärme spüren würde?
Erst in der Morgendämmerung griff der Schlaf auch nach ihm.

2.
Sie war sich nicht sicher, was sie geweckt hatte, ob es ein Geräusch gewesen war oder der warme Atem, der über ihren Hals strich. Aber die Panik, die sich in ihr ausbreitete, die ihr Herz bis zum Hals schlagen ließ und die dafür sorgte, dass ihr Blut in den Ohren rauschte, trieb ihr Tränen in die Augen. Eine Hand lag auf ihrem Bauch und ein schweres Bein war über ihre gelegt. Ihr Herz raste, als sie langsam die Augen öffnete. Plötzlich bewegte sich die Hand und ein Finger strich kreisend durch ihr Shirt über ihren Bauch.
›Nein, nicht schon wieder, nein.‹
Er sollte sie endlich in Ruhe lassen, warum tat er das.
Ein Gefühl von Ekel überkam sie. Ihr Mageninhalt wollte sich einen Weg hinaus bahnen. Nur mühsam konnte sie ihren Würgereiz unterdrücken.
Er sollte sie loslassen, einfach loslassen, damit sie gehen konnte. Warum hielt er sie fest?
Bilder tauchten vor ihre Augen auf, wie er mit der Zunge über ihr Gesicht fuhr, wie sie hilflos zusah, während er ihre Oberschenkel ableckte.
Nach Luft ringend unterdrückte sie ein Schluchzen.
»Hey, alles Okay.«
Die Worte klangen seltsam. Es war eine andere Sprache, aber sie verstand ihren Inhalt und sie kannte die Stimme. Langsam tauchte sie aus der Welt zwischen Traum und Realität auf.
»Alles Okay.«
Sie schluckte ihre Tränen hinunter und holte tief Luft. Es war Syrells vom Schlaf heisere Stimme, die an ihr Ohr drang und seine Hand, die sich von ihrem Bauch entfernte. Er zog seinen muskulösen Oberschenkel von ihrem und drehte sich auf den Rücken. Mit geschlossen Augen zwang sie sich, sich zu beruhigen und lauschte auf ihre Umgebung. Sie hörte Syrells Atmen und das Klappern von Geschirr in der Küche.
»Geht es?«
Erschrocken zuckte sie zusammen, als seine Finger ihren Arm berührten und darüber streichen wollten.
»Fass mich nicht an, nicht jetzt«, brachte sie, noch heiser von ihren Gefühlen, hervor und zwang sich nicht in Tränen auszubrechen, als sie aus dem Bett stieg und aus dem Zimmer stürmte.
Sie konnte seine Berührungen nicht ertragen. Sie konnte das Mitleid nicht ertragen, das ihr alle entgegen brachten. Sie war schuld daran, dass Miguel sie zu einem Wrack gemacht hatte, sie alleine und sie hatte kein Mitleid verdient. Sie hörte, wie Syrell ihren Namen rief, als sie die Treppe hinunterstürzte und unten direkt in die Arme eines riesigen Mannes stolperte.
»Guten Morgen, Ivy«, brummte der Mann.
Murrend gab sie ihm einen Stoß und bekam als Antwort einen russischen Fluch an den Kopf geworfen, als sie auf das Bad zueilte. An der Tür stieß sie Tom zur Seite, der gerade aus dem Bad kam und warf die Tür hinter sich zu. Einen Augenblick blieb sie mit dem Rücken an das weißlackierte Holz gelehnt stehen und versuchte, ihren Herzschlag in den Griff zu bekommen. Ihr Puls beruhigte sich nur lähmend langsam und sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Den Blick in den Spiegel mied sie absichtlich. Sie wollte die armselige Kreatur nicht sehen, die Miguel zurückgelassen hatte. Sie warf ihr weites T-Shirt zur Seite und legte ihre Hose auf das kleine weiße Regal, in dem sich die Handtücher befanden.
Unter der Dusche vermischte sich schließlich das heiße Wasser mit Tränen, die sie wieder einmal ohne Vorwarnung übermannten. Frustriert legte sie den Kopf an die kalten Fliesen, während das heiße Wasser über ihren Rücken rann. Gedämpft vernahm sie die Stimme von Darrel.
»Och, Karen, bitte. Es sind noch zwei Wochen bis Weihnachten, muss das jetzt schon sein?«
»Was kann ich dafür, wenn ihr solche Weihnachtsmuffel seid. Ich finde es so schön, wie es ist.«
Yvonne fragte sich, was passiert war, dass der Australier sich so über ihre Haushaltsfee aufregte. Schließlich würde es nicht das erste gemeinsame Weihnachtsfest werden und Darrel sollte wissen, auf was Karen Wert legte.
Kurz wanderte ihr Gedanke wieder zu Syrell, der immer noch an ihrer Seite war, obwohl sie seine Nähe kaum noch zuließ.
Was wollte er noch von ihr?
Jede noch so kleine Berührung widerte sie an und sein Blick trieb sie zeitweise in den Wahnsinn.
Sie war sich klar darüber, dass er genau wusste, was passiert war und dass er nichts sagte, stimmte sie traurig. Yvonne selbst war nicht in der Lage über das zu sprechen, was passiert war, nicht mit ihm oder sonst wem im Team. Ihren bärtigen alten Psychologen hinters Licht zu führen, war eine Leichtigkeit, das hatte sie recht schnell festgestellt, als Paul ihr vor einigen Tagen mitgeteilt hatte, dass sie wieder diensttauglich wäre.
Aber wie lange konnte sie Syrell noch auf Abstand halten? Alleine der Gedanke, dass er sie auf das ansprechen würde, was Miguel getan hatte, machte ihr Angst.
Sie hatte Syrell die Treue geschworen. Sie war mit ihm zusammen und sie würde nie einen anderen anfassen. Und nun wusste er zu neunundneunzig Prozent, was Miguel getan hatte. Wie er in sie eingedrungen war und sie es einfach über sich ergehen und zugelassen hatte, ohne sich zu wehren.
Sie hätte sich wehren müssen. Schon von Beginn an hätte sie dem Italiener klar machen müssen, dass sie nicht wollte, was er tat. Seit Tagen wartete sie darauf, dass Syrell ihr Vorwürfe machte, aber er tat es nicht.
Kopfschüttelnd trocknete sie sich ab. Die letzten Spuren dessen, was passiert war, waren endlich verblasst und man konnte ihr nicht mehr ansehen, was sie durchgemacht hatte.
Yvonne holte tief Luft, als sie in ein Handtuch gehüllt den Flur betrat. Seit Wochen überkam sie ein seltsames Gefühl, das sie nicht in Worte fassen konnte, wenn sie so bekleidet nach dem Duschen durch die Villa Richtung Zimmer eilte. Vor Miguels Übergriff war es für sie völlig Normal gewesen, knapp bekleidet durch die Villa zu eilen. Nun fühlte sie sich beobachtet und verletzlich, wenn sie die wenigen Meter vom Bad in ihr Zimmer zurücklegte. Aber sie wollte sich nicht die Blöße geben und ihre Kleidung mit ins Bad nehmen. Die anderen sollten nicht merken, dass sie sich unwohl fühlte.
»Guten Morgen, Yvonne«, flötete Karen ihr entgegen, als sie einen kurzen Blick in die Küche warf. Mit einem erzwungenen Lächeln antwortete sie ihr.
»Morgen, Karen, ärgern sie dich wieder?«, fragte sie, bemüht locker zu klingen.
Sie hasste dieses Versteckspiel.
»War das je anderes?«, lachend verschwand die dunkelhaarige Frau um eine Ecke. Yvonne stieg langsam die Treppe hinauf und blieb zögernd in der Zimmertür stehen, als sie Syrell mit nacktem Oberkörper vor dem Fenster stehen sah. Tief in ihr kam der Wunsch auf, zu ihm zu gehen, ihre Arme um ihn zu legen und ihr Gesicht an seinem Körper zu vergraben. Seine Wärme und seinen Herzschlag zu spüren. Einen kurzen Moment so tun als wäre nichts passiert.
Energisch schüttelte sie den Kopf.
Nein, sie konnte nicht, sie wollte nicht. Er wusste genauso gut wie sie, dass etwas passiert war, etwas, das für immer zwischen ihnen stehen würde.
»Die Sonne ist wieder ohne uns aufgegangen.« Die leise ruhige Stimme von Syrell drang an ihr Ohr und versetzte ihr einen Stich. Schon seit einiger Zeit verzichtete sie auf das morgendliche Ritual des Teams, den Sonnenaufgang zu beobachten. Früher hatte sie die Zeit der Ruhe genossen. Es waren die wenigen Momente gewesen, in denen Sean sie nicht brüllend über den Strand getrieben hatte.
»Ja, scheint so.« Mit einer Träne im Auge öffnete sie ihren Kleiderschrank und starrte auf die ordentlich gefaltete Kleidung im Inneren, bemüht sich nicht umzudrehen. Nicht in Syrells Augen zu sehen, auch wenn sie wusste, dass er sie ansah.
Plötzlich strich ein warmer Atem über ihren Hals. Ihr Herz setzte einen Moment aus und ihr Blut sorgte für ein Pulsieren in ihren Ohren, als sie verzweifelt ihre Hände in eine Cargo Hose grub, die sie aus dem Schrank gezogen hatte. Sie holte tief Luft und drehte sich mit geschlossenen Augen, vor denen Sterne tanzten, um. Nach einigen Sekunden wusste sie, dass es Syrell war, der hinter ihr stand. Langsam öffnete sie die Augen und blickte in seine tief braunen Augen.
»Mach das nicht«, brachte sie heiser hervor.
»Was, Yvonne? Mich bewegen? Dass ich in deiner Nähe sein will? Dass ich dir helfen will? Dass ich es nicht ertragen kann, dich leiden zu sehen? Was soll ich nicht? Dir sagen, dass du dir verdammt noch mal keine Schuld geben sollst? Weil du verdammt noch mal nicht Schuld bist?«
Die Sätze hagelten auf sie ein und sie spürte, wie sehr ihr Verhalten ihn verletzte. Zitternd blieb sie vor dem, immer noch geöffneten, Schrank stehen als Syrell das Zimmer verließ.
»Hör auf dich einzumauern, Poison.« Vor der Tür blieb er stehen, drehte sich um und sah sie an. Yvonne schluckte, als sie seinen Zorn spürte.
»Nein, ich bin verdammt noch mal nicht sauer auf dich. Ich bin sauer auf mich. Darauf, dass ich dich nicht hier halten kann.« stieß er heiser hervor, als er seine Hand auf seine Brust legte. »Da wo du immer warst.« Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und sie hörte, wie er mit seinen nackten Füßen die Treppe hinunter ging. Ihr Blick war tränenverschleiert, als sie die Terrassentür zufallen hörte und wenige Minuten später beim Blick aus dem Fenster, die wehenden Haare von Syrell sah, der auf den Strand zuging.

3.
Sie war sich nicht sicher, was sie geweckt hatte, ob es ein Geräusch gewesen war oder der warme Atem, der über ihren Hals strich. Aber die Panik, die sich in ihr ausbreitete, die ihr Herz bis zum Hals schlagen ließ und die dafür sorgte, dass ihr Blut in den Ohren rauschte, trieb ihr Tränen in die Augen. Eine Hand lag auf ihrem Bauch und ein schweres Bein war über ihre gelegt. Ihr Herz raste, als sie langsam die Augen öffnete. Plötzlich bewegte sich die Hand und ein Finger strich kreisend durch ihr Shirt über ihren Bauch.
›Nein, nicht schon wieder, nein.‹
Er sollte sie endlich in Ruhe lassen, warum tat er das.
Ein Gefühl von Ekel überkam sie. Ihr Mageninhalt wollte sich einen Weg hinaus bahnen. Nur mühsam konnte sie ihren Würgereiz unterdrücken.
Er sollte sie loslassen, einfach loslassen, damit sie gehen konnte. Warum hielt er sie fest?
Bilder tauchten vor ihre Augen auf, wie er mit der Zunge über ihr Gesicht fuhr, wie sie hilflos zusah, während er ihre Oberschenkel ableckte.
Nach Luft ringend unterdrückte sie ein Schluchzen.
»Hey, alles Okay.«
Die Worte klangen seltsam. Es war eine andere Sprache, aber sie verstand ihren Inhalt und sie kannte die Stimme. Langsam tauchte sie aus der Welt zwischen Traum und Realität auf.
»Alles Okay.«
Sie schluckte ihre Tränen hinunter und holte tief Luft. Es war Syrells vom Schlaf heisere Stimme, die an ihr Ohr drang und seine Hand, die sich von ihrem Bauch entfernte. Er zog seinen muskulösen Oberschenkel von ihrem und drehte sich auf den Rücken. Mit geschlossen Augen zwang sie sich, sich zu beruhigen und lauschte auf ihre Umgebung. Sie hörte Syrells Atmen und das Klappern von Geschirr in der Küche.
»Geht es?«
Erschrocken zuckte sie zusammen, als seine Finger ihren Arm berührten und darüber streichen wollten.
»Fass mich nicht an, nicht jetzt«, brachte sie, noch heiser von ihren Gefühlen, hervor und zwang sich nicht in Tränen auszubrechen, als sie aus dem Bett stieg und aus dem Zimmer stürmte.
Sie konnte seine Berührungen nicht ertragen. Sie konnte das Mitleid nicht ertragen, das ihr alle entgegen brachten. Sie war schuld daran, dass Miguel sie zu einem Wrack gemacht hatte, sie alleine und sie hatte kein Mitleid verdient. Sie hörte, wie Syrell ihren Namen rief, als sie die Treppe hinunterstürzte und unten direkt in die Arme eines riesigen Mannes stolperte.
»Guten Morgen, Ivy«, brummte der Mann.
Murrend gab sie ihm einen Stoß und bekam als Antwort einen russischen Fluch an den Kopf geworfen, als sie auf das Bad zueilte. An der Tür stieß sie Tom zur Seite, der gerade aus dem Bad kam und warf die Tür hinter sich zu. Einen Augenblick blieb sie mit dem Rücken an das weißlackierte Holz gelehnt stehen und versuchte, ihren Herzschlag in den Griff zu bekommen. Ihr Puls beruhigte sich nur lähmend langsam und sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Den Blick in den Spiegel mied sie absichtlich. Sie wollte die armselige Kreatur nicht sehen, die Miguel zurückgelassen hatte. Sie warf ihr weites T-Shirt zur Seite und legte ihre Hose auf das kleine weiße Regal, in dem sich die Handtücher befanden.
Unter der Dusche vermischte sich schließlich das heiße Wasser mit Tränen, die sie wieder einmal ohne Vorwarnung übermannten. Frustriert legte sie den Kopf an die kalten Fliesen, während das heiße Wasser über ihren Rücken rann. Gedämpft vernahm sie die Stimme von Darrel.
»Och, Karen, bitte. Es sind noch zwei Wochen bis Weihnachten, muss das jetzt schon sein?«
»Was kann ich dafür, wenn ihr solche Weihnachtsmuffel seid. Ich finde es so schön, wie es ist.«
Yvonne fragte sich, was passiert war, dass der Australier sich so über ihre Haushaltsfee aufregte. Schließlich würde es nicht das erste gemeinsame Weihnachtsfest werden und Darrel sollte wissen, auf was Karen Wert legte.
Kurz wanderte ihr Gedanke wieder zu Syrell, der immer noch an ihrer Seite war, obwohl sie seine Nähe kaum noch zuließ.
Was wollte er noch von ihr?
Jede noch so kleine Berührung widerte sie an und sein Blick trieb sie zeitweise in den Wahnsinn.
Sie war sich klar darüber, dass er genau wusste, was passiert war und dass er nichts sagte, stimmte sie traurig. Yvonne selbst war nicht in der Lage über das zu sprechen, was passiert war, nicht mit ihm oder sonst wem im Team. Ihren bärtigen alten Psychologen hinters Licht zu führen, war eine Leichtigkeit, das hatte sie recht schnell festgestellt, als Paul ihr vor einigen Tagen mitgeteilt hatte, dass sie wieder diensttauglich wäre.
Aber wie lange konnte sie Syrell noch auf Abstand halten? Alleine der Gedanke, dass er sie auf das ansprechen würde, was Miguel getan hatte, machte ihr Angst.
Sie hatte Syrell die Treue geschworen. Sie war mit ihm zusammen und sie würde nie einen anderen anfassen. Und nun wusste er zu neunundneunzig Prozent, was Miguel getan hatte. Wie er in sie eingedrungen war und sie es einfach über sich ergehen und zugelassen hatte, ohne sich zu wehren.
Sie hätte sich wehren müssen. Schon von Beginn an hätte sie dem Italiener klar machen müssen, dass sie nicht wollte, was er tat. Seit Tagen wartete sie darauf, dass Syrell ihr Vorwürfe machte, aber er tat es nicht.
Kopfschüttelnd trocknete sie sich ab. Die letzten Spuren dessen, was passiert war, waren endlich verblasst und man konnte ihr nicht mehr ansehen, was sie durchgemacht hatte.
Yvonne holte tief Luft, als sie in ein Handtuch gehüllt den Flur betrat. Seit Wochen überkam sie ein seltsames Gefühl, das sie nicht in Worte fassen konnte, wenn sie so bekleidet nach dem Duschen durch die Villa Richtung Zimmer eilte. Vor Miguels Übergriff war es für sie völlig Normal gewesen, knapp bekleidet durch die Villa zu eilen. Nun fühlte sie sich beobachtet und verletzlich, wenn sie die wenigen Meter vom Bad in ihr Zimmer zurücklegte. Aber sie wollte sich nicht die Blöße geben und ihre Kleidung mit ins Bad nehmen. Die anderen sollten nicht merken, dass sie sich unwohl fühlte.
»Guten Morgen, Yvonne«, flötete Karen ihr entgegen, als sie einen kurzen Blick in die Küche warf. Mit einem erzwungenen Lächeln antwortete sie ihr.
»Morgen, Karen, ärgern sie dich wieder?«, fragte sie, bemüht locker zu klingen.
Sie hasste dieses Versteckspiel.
»War das je anderes?«, lachend verschwand die dunkelhaarige Frau um eine Ecke. Yvonne stieg langsam die Treppe hinauf und blieb zögernd in der Zimmertür stehen, als sie Syrell mit nacktem Oberkörper vor dem Fenster stehen sah. Tief in ihr kam der Wunsch auf, zu ihm zu gehen, ihre Arme um ihn zu legen und ihr Gesicht an seinem Körper zu vergraben. Seine Wärme und seinen Herzschlag zu spüren. Einen kurzen Moment so tun als wäre nichts passiert.
Energisch schüttelte sie den Kopf.
Nein, sie konnte nicht, sie wollte nicht. Er wusste genauso gut wie sie, dass etwas passiert war, etwas, das für immer zwischen ihnen stehen würde.
»Die Sonne ist wieder ohne uns aufgegangen.« Die leise ruhige Stimme von Syrell drang an ihr Ohr und versetzte ihr einen Stich. Schon seit einiger Zeit verzichtete sie auf das morgendliche Ritual des Teams, den Sonnenaufgang zu beobachten. Früher hatte sie die Zeit der Ruhe genossen. Es waren die wenigen Momente gewesen, in denen Sean sie nicht brüllend über den Strand getrieben hatte.
»Ja, scheint so.« Mit einer Träne im Auge öffnete sie ihren Kleiderschrank und starrte auf die ordentlich gefaltete Kleidung im Inneren, bemüht sich nicht umzudrehen. Nicht in Syrells Augen zu sehen, auch wenn sie wusste, dass er sie ansah.
Plötzlich strich ein warmer Atem über ihren Hals. Ihr Herz setzte einen Moment aus und ihr Blut sorgte für ein Pulsieren in ihren Ohren, als sie verzweifelt ihre Hände in eine Cargo Hose grub, die sie aus dem Schrank gezogen hatte. Sie holte tief Luft und drehte sich mit geschlossenen Augen, vor denen Sterne tanzten, um. Nach einigen Sekunden wusste sie, dass es Syrell war, der hinter ihr stand. Langsam öffnete sie die Augen und blickte in seine tief braunen Augen.
»Mach das nicht«, brachte sie heiser hervor.
»Was, Yvonne? Mich bewegen? Dass ich in deiner Nähe sein will? Dass ich dir helfen will? Dass ich es nicht ertragen kann, dich leiden zu sehen? Was soll ich nicht? Dir sagen, dass du dir verdammt noch mal keine Schuld geben sollst? Weil du verdammt noch mal nicht Schuld bist?«
Die Sätze hagelten auf sie ein und sie spürte, wie sehr ihr Verhalten ihn verletzte. Zitternd blieb sie vor dem, immer noch geöffneten, Schrank stehen als Syrell das Zimmer verließ.
»Hör auf dich einzumauern, Poison.« Vor der Tür blieb er stehen, drehte sich um und sah sie an. Yvonne schluckte, als sie seinen Zorn spürte.
»Nein, ich bin verdammt noch mal nicht sauer auf dich. Ich bin sauer auf mich. Darauf, dass ich dich nicht hier halten kann.« stieß er heiser hervor, als er seine Hand auf seine Brust legte. »Da wo du immer warst.« Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und sie hörte, wie er mit seinen nackten Füßen die Treppe hinunter ging. Ihr Blick war tränenverschleiert, als sie die Terrassentür zufallen hörte und wenige Minuten später beim Blick aus dem Fenster, die wehenden Haare von Syrell sah, der auf den Strand zuging.

4.
Mit geschlossenen Augen stand Syrell am Strand, wissend das Yvonne nur wenige Meter vor ihm stand. Er spürte, dass die Distanz zwischen ihnen mit jedem Tag größer wurde und er hatte keine Ahnung, was er dagegen unternehmen sollte. Er spürte, wie sehr es ihr zuwider war, dass er überhaupt in diesem Moment am Strand war. Er holte tief Luft und öffnete langsam die Augen. Immer noch stand Yvonne wie versteinert vor ihm und starrte auf das dunkelblaue Meer. Syrell war sich nicht sicher, ob sie überhaupt das Meer sah oder ob sie mit ihren Erinnerungen kämpfte.
»Ich wollte das doch nicht. Er hat einfach ...« Yvonne holte tief Luft und Syrell schluckte, als er spürte, dass sie ihm vielleicht endlich sagen würde, was passiert war. Vielleicht würde der Albtraum, in dem er sich seit Wochen befand, nun endlich enden. Langsam machte er einen Schritt auf sie zu.
»Er hat mich einfach zurück gerissen Sy, einfach so. Das war, als wollte Bear mich erwürgen. Irgendwas hat mich am Kopf getroffen. Ich weiß nicht, was es war.«
»Es ist egal, was es war«, murmelte er, als er weiter auf sie zuging.
Ihr leises Knurren bedachte er mit einem kleinen Lächeln, da er wusste, wie sehr sie sich manchmal auf Kleinigkeiten festbeißen konnte. Vielleicht war es ihr auch einfach wichtig zu wissen, womit Miguel sie außer Gefecht gesetzt hatte.
»Ich bin in einem Kofferraum aufgewacht. In einem gottverdammten Kofferraum.« Ihre Stimme brach und Syrell musste sich zusammenreißen, um sie nicht einfach in den Arm zu nehmen und ihr zu sagen, dass alles in Ordnung wäre. Es war solange nichts in Ordnung, bis sie nicht endlich ausgesprochen hatte, was sie bedrückte.
»Der hat mich behandelt wie ein ...« wieder schluckte sie und Syrell blieb neben ihr stehen.
»Navajo!«, dröhnte die Stimme von Paul zu ihnen herüber und Syrell sah, wie Yvonne erschrocken, beinahe panisch, zusammenzuckte.
»Herkommen, und das Ganze zügig!«
Yvonne sah ihn plötzlich mit großen Augen an und er konnte spüren, wie sich wieder etwas zwischen sie schob, was nicht dorthin gehörte.
»Nicht jetzt!«, schrie er zurück, es war ihm egal, was sein Captain wollte. Er wollte den Moment nicht verlieren, in dem sie sich endlich wieder öffnete.
»Herkommen!«
Syrell schnaubte und sah in die grünbraunen Augen von Yvonne, die ihn musterten. Ihre weichen Gesichtszüge versteinerten.
»Geh hin!«, spie sie ihm entgegen.
»Nein, ich will wissen, was du sagen willst.« Ruhig sah er sie an und hoffte, dass er den Zugang wieder finden würde, denn er soeben verloren hatte.
»Geh, verdammt, die Arbeit ruft«, erwiderte sie etwas ruhiger.
»Navajo, verdammt! Entweder du kommst her oder du packst deinen Kram!«, hallte die extrem verärgerte Stimme von Paul über sie hinweg, der inzwischen am Tor angekommen war.
»Geh.« Yvonnes Stimme war ein leises Flüstern, in dem mehr Aggression mitschwang als in dem lauten Brüllen von Paul.
»Geh verdammt!«, schrie Yvonne ihn an und er spürte, wie sie ihn auch geistig von sich schob. »Verschwinde«, zischte sie, als er sie erschrocken ansah. »Hau ab.« Gefühlskalt ging sie an ihm vorbei auf Paul zu.
»Syrell!« Der entnervte Ton von Paul zeigte ihm, dass sein Captain nicht mehr länger warten würde. Syrell beobachtete wie Yvonne, ohne Paul eines Blickes zu würdigen, an ihrem Captain vorbeiging.
Träge setzte er sich ebenfalls in Bewegung, immer noch unentschlossen, was er nun tun würde. Nach einigen Metern hatte er Paul erreicht und starrte den kleineren Mann wütend an.
»Was sollte das?«
»Sy, ich habe keine Zeit für Spiele. Du packst deine Sachen zusammen mit Tom, Bear und Sean. Ich will euch in dreißig Minuten auf der Base sehen. Ihr seid in ein paar Tagen wieder hier.« Paul drehte sich um und ging zurück zur Villa.
Syrell schnaubte.
Das war so typisch Paul.
Zwei Sätze, kein Wenn, kein Aber, keine Möglichkeit etwas gegen das zu sagen, was sich der Captain in den Kopf gesetzt hatte.