Leseproben

1.
Die tief stehende Sonne warf ihre Strahlen durch das hohe Gras des Tonto National Parks. Wenige Büsche verdeckten die Sicht auf die dahinterliegenden Grasflächen, aber Cayden Harrison hatte bereits gesehen, was er sehen wollte.
Auf einer Anhöhe liegend hatte er etwas ins Visier genommen, das rein optisch der Umwelt glich. Es war mehr ein Gefühl, als das er wusste, dass dort jemand lag und auf ihn lauerte. Er selbst war, wie sein Opfer, bis auf die Haut durchnässt und die Ghillie Suite machte jede Bewegung zu einer Herausforderung.
Mit Hilfe der mit Stofffetzen besetzten Suite, waren Scharfschützen in der Lage perfekt mit der Umgebung zu verschmelzen, da man sie zusätzlich noch mit Zweigen, Laub und Moos bestücken konnte.
Der unförmige Anzug hatte sich allerdings wie ein Schwamm mit Wasser vollgesogen, was die Aufgabe, nicht gesehen zu werden, nicht einfacher machte.
Zentimeter für Zentimeter kroch er weiter auf einen Punkt zu, von dem er die Bewegungen in knappen sechshundert Metern besser beobachten konnte. Wieder konnte er eine Regung sehen, die nicht der leichte Wind verursacht haben konnte. Er warf einen kurzen Blick an seinem Zielfernrohr vorbei und versuchte, seine überanstrengten Augen zu entspannen. Er hatte nur noch ein Ziel: Den Rest des Tages in einem warmen Bett zu verbringen. Um dieses Ziel zu erreichen, musste er zum Abschuss kommen.
Ein leises Stöhnen drang, gefolgt von einem Fluchen, über den Ohrstecker seines Headsets an sein Ohr.
»Hab ich heute schon gesagt, dass mir kalt ist, Snipes?«
Grinsend legte er sein Gesicht wieder an die Waffe und sah durch das Okular.
»Och, nur ein bis einhundert Mal, Poison«, murmelte er, als er die Stelle wieder ins Visier nahm, an der er eben noch eine Bewegung gesehen hatte.
»Was bestellen wir uns zu essen?«
»Keine Ahnung. Auf was hast du Lust?«, nuschelte er voll konzentriert in das Mikrofon.
»Na ja, Wild wäre nicht schlecht.«
In der nächsten Sekunde schlug zwei Meter links neben ihm eine Kugel in den, vom Regen der letzten Stunden, aufgeweichten Boden. Erschrocken riss er den Kopf zu Seite und starrte an die Stelle, an der er den Einschlag vermutete. Sein Herz raste, als auch auf der rechten Seite eine Kugel in einen Grasbusch schlug.
»Fuck, Poison.« Tief Luft holend konzentrierte er sich wieder auf die Stelle, an der er die Bewegungen gesehen hatte. Nichts rührte sich mehr. Sollte er die ganzen Stunden einem Phantom nachgejagt sein? Nein, da war etwas und es bewegte sich. Ein kurzes Aufblitzen und wieder schlug eine Kugel neben ihm ein. Frustriert nahm er sein Ziel ins Visier und drückte ab. Seine Kugel schlug in das Holz des Busches ein und er sah, wie sich unmittelbar neben dem Busch etwas rührte.
»Okay, ich glaube, es reicht für heute«, knurrte er und erhob sich schwerfällig.
»Nur, wenn du zugibst, dass ich gewonnen habe.«
»Ich hab dich die ganze Zeit gesehen.« Über sich selbst enttäuscht, dass er nicht derjenige gewesen war, der zuerst abgedrückt hatte, legte er den Riemen seiner MSR Remington über seine Schulter. Das Wasser tropfte aus den Stofffetzen seiner Suite und er machte sich auf den Weg zu der Stelle, an der er nun endlich Yvonne erkennen konnte. Oder zumindest eine Gestalt, die man für einen Menschen halten konnte. Zwischen ihnen befand sich auf halber Strecke ein Weg, der von den Parkrangern genutzt wurde und sie nach fünf Kilometern zurück zu ihrer Unterkunft führen würde. Die untergehende Sonne sorgte dafür, dass die Kälte durch den nassen Stoff kroch und er konnte sich ein Grinsen nicht verkeifen, als er an den Tag dachte, an dem Yvonne in Afghanistan ihren ersten erfolgreichen Abschuss hatte. Nur heute würde kein Hubschrauber kommen und sie abholen. Sie würden die wenigen Kilometer zurücklaufen. Selbst den Weg zurück nach San Diego würde er nicht im Helikopter, sondern im Auto zurücklegen. Aber, er hatte noch nicht vor, abzureisen. Eine weitere Woche war das Gebiet, in dem sie sich nun befanden, gesperrt, damit keine Touristen es betreten konnten und ihnen somit womöglich vor das Visier laufen würden. Dass sie mit scharfer Munition schossen, hatte den Parkrangern nicht zugesagt, aber irgendwie hatte Paul es geschafft, auch dafür eine Genehmigung zu bekommen. Der gesamte Aufenthalt im Park glich bisher mehr einem Urlaub für Sportschützen und Faulenzern.
Er war vor drei Tagen angekommen und hatte sich die Umgebung angesehen, um zu entscheiden, wo sie ihr Glück mit den Tarnanzügen versuchen wollten.. Yvonne hatte sich nur unter extremen Protest dazu bereit erklärt, mit ihm im National Park das Einsickern zu üben, da sie den Jahreswechsel mit Syrell bei seiner Familie verbracht hatte. Wenn er die Reaktion von Syrell am Telefon richtig gedeutet hatte, war der Indianer wenig begeistert davon, dass Yvonne ihren Urlaub abgebrochen hatte.
»Gewonnen!«, grinsend trat sie fast gleichzeitig mit ihm auf den vom Regen matschigen Weg.
»Ja.« Nur ungern gab er zu, dass sie ihren Job verdammt gut gemacht hatte. Dabei hatte sie vorher noch nie einen solchen Anzug getragen und hatte nicht wissen können, worauf sie achten musste. Schweigend stapften sie in ihren schweren, nassen Stiefeln über den mit Schlaglöchern gespickten Schotterweg. Er hatte keine Augen mehr für die Schönheit der Natur. Ihm war kalt und der Gedanke, dass ihn soeben eine Frau enttarnt hatte, nagte an seinem Selbstbewusstsein. Der Weg zog sich durch die nasse Kleidung in die Länge und er hörte den schweren Atem von Yvonne. Nein, sie würde nie im Leben mit ihnen mithalten können, aber irgendwie hatte sie es geschafft, sich einen Platz in ihrem Team zu erarbeiten, an dem sie unverzichtbar geworden war. Liv und Joyce waren zwar auch da, aber mehr das, was er als ›Schreibtischtäter‹ bezeichnen würde. Sean hatte beide bereits mit zum Trainingsgelände genommen, aber weder Joyce, die immer noch mit ihrer Gehirnerschütterung zu kämpfen hatte, noch Liv hatten es mit Yvonne aufnehmen können. Aber sein Bruder wäre nicht sein Bruder, wenn er nicht versuchen würde, die zwei Frauen weiter zu trainieren.
Grinsend beobachtete er, wie Yvonne einen Bogen um eine besonders große Wasserpfütze machte.
»Kind, deine neuen Schuhe!«, tadelte er lachend.
Knurrend drehte sie sich zu ihm um, konnte sich aber offensichtlich das Lachen auch nicht mehr verkneifen.
»Ja, Mama.« Eine Hand in die Taille gestemmt, vollführte sie eine, durch das Gewicht der nassen Suite, torkelnde Drehung.
Er war froh, dass sie scheinbar wieder die Alte war. Eine Kollegin, die fast die gleichen Sprüche an den Tag legte, wie ihre männlichen Kollegen. Der Umstand, dass sie in zwei Wochen nach Nigeria abreisen würden, schwebte bereits über ihnen. Er war froh, dass sie entweder noch nicht nervös war oder es sich noch nicht anmerken ließ.
»Snipes?«
»Ja?«
»Denk an was anderes.«
Mit den Augen rollend konnte er sich ein genervtes Schnauben nicht mehr verkeifen. An manchen Tagen hatte er das Gefühl, dass sie und Syrell mit Absicht in den Gedanken der Team-Mitglieder nach Gründen suchten, nur um den Spruch ›Denk an was anderes‹ benutzen zu können.
»Machen wir nicht!«, lachend rannte sie die letzten Meter auf die kleine Holzhütte zu, in der sie sich eingerichtet hatten.
»Poison, du Schlange.« Schnell war er neben ihr und zog an ihr vorbei. Froh, das kleine Gebäude erreicht zu haben, in dem normalerweise Parkranger ihr Quartier hatten, zog er die Tür auf. In dem Moment, als er den Raum betrat, der sich hinter der Brettertür verbarg, quälte er sich aus seinen schweren Stiefel.
»Also echt, Cayden.«
Er drehte sich um und sah Yvonne, die seine Stiefel mit den Füssen zur Seite schob und ihn wütend anfunkelte.
»Du könntest sie doch auch gleich wegstellen, oder?« Mit unüberhörbar gespielter Wut, zischte sie ihn grinsend an.
»Ja, Tinkerbell.« Er warf seine Ghillie Suite über einen der Holzstühle, die an einem Tisch standen. Als er sich wieder aufrichtete, traf sein Blick ihre fast grün schimmernden Augen. Ihr Lächeln verschwand so plötzlich, wie es gekommen war und sie machte einige Schritte zurück, bis sie mit dem Rücken an der Tür stand.
»Ivy?« Unbewusst kniff er die Augen zusammen und sah, wie plötzlich die Farbe aus ihrem Gesicht wich. »Ivy? Alles Okay?« Er hatte keine Ahnung, was passiert war. Ihr Blick war anders als noch vor wenigen Sekunden und er fühlte sich plötzlich, als würde sie direkt in ihn hineinschauen. »Poison?«
Nach einer gefühlten Ewigkeit blinzelte sie und strich sich mit einer Hand über das Gesicht, wobei sie den Schmutz des Anzugs auf ihrer Haut verteilte.
»Ja, alles gut.« Sie wirkte geistesabwesend, als sie Sand und Schlamm aus den Ärmeln der Suit schüttelte.
»Sicher?«
»Ja, verdammt.« Mit großen Schritten durchquerte sie den Wohnraum der kleinen Hütte und verschwand in einem kleinen Zimmer, das er ihr überlassen hatte. Es gab nur zwei Räume und ein kleines Bad in der Holzhütte. Cayden hatte Yvonne das Schlafzimmer überlassen und sich selbst auf der großen Ledercouch einquartiert.
Unschlüssig, ob er an ihre Tür klopfen sollte oder nicht, blieb er in seinen nassen Sachen mitten in dem Raum stehen. Die Wände waren aus großen Stämmen zusammengesetzt, der Boden mit hellen Brettern belegt und selbst die kleine Küchenzeile war aus hellen Holz. Ein schrilles Handyklingen riss ihn aus seinen Gedanken und er hastete auf das kleine schwarze Mobiltelefon zu, das auf dem hölzernen Tisch in der Mitte des Raumes lag. Ein winziger Augenblick reichte, um zu sehen, dass er bereits zehn Anrufe verpasst hatte und die eingeblendete Nummer, die von Paul war. Tief einatmend nahm er das Gespräch an und verstummte noch vor der ersten Silbe, als er Paul verärgerte Stimme vernahm.
»Himmel, Snipes! Ich hab gesagt, nimm dein beschissenes Handy mit! Ich hab gesagt, nimm es mit, und nicht, lass es liegen! Bist du überhaupt in der Lage, mal irgendetwas richtig zu machen!?« Die Wut seines Captain schwappte durch die Leitung.
»Wie stellst du dir das vor, Hawk?«, blaffte er wütend zurück.
»Ganz einfach, Snipes! Mitnehmen!«, schrie der Mann am anderen Ende ins Telefon.
»Himmel, wir versuchen, uns lautlos zu bewegen, da ist ein Anruf das Letzte, was ich brauche.« Caydens Puls raste vor Zorn, aber er bemühte sich, nicht ausfallend zu werden.
»Ihr müsst erreichbar sein, verdammt!«, schnauzte Paul ihn an.
»Sind wir doch!« Langsam dämmerte ihm, dass es besser gewesen wäre, das Handy bei sich zu führen, auch wenn er so Gefahr gelaufen wäre, dass Yvonne ihn sofort entdeckt hätte.
»Bist du, verdammt nochmal, nicht.«
Mit den Augen rollend wollte Cayden sich auf die dunkle Couch fallen lassen, als hinter ihm ein wütendes Zischen ertönte. Erschrocken von dem Geräusch drehte er sich um und traf auf den erzürnten Gesichtsausdruck von Yvonne. »Zieh dir trockene Sachen an, das Leder bekommt sonst Flecken.«
»Hörst du mir überhaupt zu, Snipes?« knurrte Paul ins Handy.
»Ja, verdammt!«, fuhr er Paul an und erntete einen wütenden Blick von Yvonne, als er wieder auf den Stuhl zuging, über den er seinen Ghillie Suite geworden hatte. Wasser tropfte aus dem Stoff und hinterließ kleine Pfützen auf dem Holzboden.
»Was willst du überhaupt?« In dem Moment, in dem er die Worte ausgesprochen hatte, hätte er sich am liebsten selbst geohrfeigt. Einen Vorgesetzten in einer solchen Tonlage zu fragen, was sein Anliegen war, war eine absolute Unmöglichkeit. Aber warum musste Paul ihn auch derart angehen. Schritte näherten sich von hinten und neben ihm tauchte der Schatten von Yvonne auf, die ihn mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie eine kurze Boxershorts trug und ein weiter, viel zu großer, hellbrauner Rollkragenpulli ihre weibliche Figur verdeckte.
»Euer Auftrag hat sich geändert.«
»Wie geändert?« Sein Blick ruhte auf Yvonne, ihn interessiert beobachtete
»Angeblich ist Damanis in Maiduguri.«
»Ach, Blödsinn, was soll der da?« Cayden schüttelte den Kopf. »Der ist doch nicht Lebensmüde, was ist das für eine hirnrissige Idee, Hawk. Wer sagt so was?«

 
2.
Yvonne beobachtete, wie sich Caydens Gesichtsausdruck von verwundert über irritiert bis schließlich amüsiert veränderte.
Das breite Grinsen in seinem Gesicht, mit dem immer wiederkehrendem Kopfschütteln, während er begann, nur in Boxershorts und T-Shirt bekleidet, in dem kleinen Wohnesszimmer auf- und abzulaufen, ließ nur einen Schluss zu. Paul war mal wieder auf eine Idee gekommen, die keinen Sinn machte. Was ihr Kollege dachte, wusste sie gerade nicht. Sie wollte es auch nicht wissen. Yvonne würde alles daran setzen um zu verhindern, dass die Vision zur Wirklichkeit wurde. Diese Vorahnung in Zusammenhang mit der bevorstehenden Mission, hatte ihr zumindest kurzfristig den Boden unter den Füßen weggerissen. Der Gedanke, einen ihrer Kollegen ...
Nein, es waren keine Kollegen mehr. Es waren Freunde. Der Gedanke, gute Freunde zu verlieren, war einfach zu viel für sie.
Sie hatte einige Minuten für sich benötigt, um sich zu beruhigen und um die Hoffnung zu schöpfen, dass ihre Vision nur ein Bild einer möglichen Zukunft war und nicht das, was mit Sicherheit passieren würde. Minuten waren verstrichen, ehe sie ihrem Gehirn und sich selbst dieses klar gemacht hatte,. Tief Luft holend ließ sie ihre Gedanken zu Syrell wandern.
Er war immer noch im Reservat bei seiner Familie und sie hoffte, dass sie ihn nochmals sehen würde, bevor sie mit Cayden nach Nigeria abreiste. Die wenigen Tage mit Syrell im Reservat hatte sie in vollen Zügen genossen. Syrell hatte die Chance genutzt, um ihr entlegene Stellen zu zeigen, und gemeinsam hatten sie die mystische Wirkung der Umgebung wie ein Schwamm in sich aufgesogen. Sie war sich sicher, dass sie seit ihrer Ankunft in San Diego und der damit verbundenen Begegnung mit Syrell, ein anderer Mensch geworden war. Ihre Gabe, die sie früher als selbstverständlich und lästig empfunden hatte, nahm sie jeden Tag stärker und deutlicher wahr. Der Indianer trug die Schuld daran, dass sie kleinste Zeichen sofort wahrnahm und sich schnell Visionen und Ähnliches daraus entwickelten. Es gab Tage, an denen es ihr schwerfiel, die vielen kleinen Begebenheiten zu ignorieren, die um sie herum passierten. Dann war es fast unmöglich, einen klaren Kopf zu behalten.
»Ivy?« Aus einem Nebel tauchte plötzlich die Stimme von Cayden auf, der direkt vor ihr stand. Verdammt, es geschah schon wieder. Sie war in Gedanken so weit entfernt, dass sie ihn völlig ausgeblendet hatte.
»Ja? Entschuldige, ich war in Gedanken.« Sie blinzelte und versuchte, Caydens Blick nicht auszuweichen. Plötzlich waren da wieder Bilder von einer riesigen Blutlache die vor ihren Augen auftauchten. Ihr Puls raste und sie musste sich zwingen, ruhig weiter zu atmen, um die Bilder in den hintersten Winkel ihrer Gedanken zu schieben, damit sie den Inhalt von Caydens Worte verstehen konnte.
»Ich merke es. Das war Paul.« Skeptisch musterte er sie.
»Das hab ich mitbekommen. So wie du ihn angemacht hast, hat er keine guten Neuigkeiten für uns.«
Caydens kurzfristiges Grinsen verschwand. »Nein, hat er nicht. Wir sollen mit Collister und Harson ein Haus überwachen, in dem sich angeblich Damanis aufhält.«
»In Afghanistan? Ich dachte ...«
»Nein, in Maiduguri.«
»Was macht der in Nigeria?« Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
»Das hab ich Hawk auch gefragt und als einfache Antwort bekommen: Der Geheimdienst hat Informationen, die besagen, dass Damanis sich zur Zeit in Maiduguri aufhält.« Er sank auf das Sofa.
»Sicher? Und Paul glaubt das?« Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der meistgesuchte Terrorist einfach aus Langeweile seine Zeit in einer umkämpften Stadt wie Maiduguri verbrachte.
»Keine Ahnung, ob er es glaubt. Auf alle Fälle sollen wir direkt in die Stadt«, murmelte Cayden.
»Wie soll das gehen? Luftweg? Oder was?« Leicht verwirrt sah sie ihn an und begann darüber nachzudenken, wie man in eine Stadt hineinkommen konnte, in der Terroristen die Macht an sich gerissen hatten und jeden hinrichteten, der nicht ihren Idealen entsprach.
»Mit einem Special Boat Team. Die bringen uns mit Small Unit Riverine Crafts rein, oder so. Du weißt schon die Jungs mit den schwerbewaffneten Booten.« Das Genuschel des Scharfschützen war kaum zu verstehen. »Die sind doch nicht ganz sauber. Und dann auch noch mit Collister und Harson.« Die Worte waren mehr ein argwöhnisches Knurren, als etwas, das der menschlichen Sprache glich.
»Collister?« Sie legte die Stirn in Falten und betrachtete Cayden, der den Boden vor seinen Füssen anstarrte.
»Ja, weißt du nicht mehr, wer das ist? Wenn die sich wieder so aufführen wie beim letzten Mal, kann ich mir auch gleich die Kugel geben, Poison.« Er sah zu ihr auf und hatte tiefe Sorgenfalten auf der Stirn.
Yvonne wusste durchaus noch, wer Collister und Harson waren und ihre Erinnerungen an die zwei waren nicht unbedingt die Besten. Wobei sie bei Abschluss ihrer Mission den Eindruck bekommen hatte, dass man mit den beiden SEALs durchaus arbeiten konnte.
»Die können dich beide nicht leiden. Sie sind gegen Frauen in der Army und vor allem gegen Frauen, die Waffen tragen. Wenn dann auch noch eine kommt, die besser ist als sie, dann ist es ganz vorbei.«
»Na prima, dann ist alles beim Alten«, nuschelnd ließ sie sich neben ihm nieder, als er auf die Couch gesunken war. »Aber sei doch mal ehrlich, Damanis wird nie im Leben dort sein.«
»Denk ich auch, aber wenn die obersten Möchtegernschnüffler sagen, wir sollen da hin, müssen wir da hin.« Cayden erhob sich. »Ich geh duschen und mach mir mal Gedanken.« Er verschwand, ohne sie anzusehen, in dem kleinen Badezimmer.
So hatte sie Cayden noch nie erlebt. Irgendetwas, das er ihr noch nicht gesagt hatte, schien ihn zu beschäftigen, und es waren nicht die beiden Männer des SEAL Team 10. In Gedanken versunken lehnte sie sich im Sofa zurück und versuchte, die Worte von Cayden zu sortieren. Was sollte Damanis in Nigeria in einer Stadt, in der Krieg herrschte? Wo man schon beim Verlassen eines Hauses Gefahr lief, von einer Kugel getroffen zu werden und wenn es nur ein Querschläger war.
Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Strauchelnd erhob sie sich und lief in das kleine, aber gemütliche Schlafzimmer der Hütte. Ihr Handy lag vibrierend und klingelnd auf dem Bett, wo sie es vor wenigen Minuten abgelegt hatte, nachdem sie frustriert festgestellt hatte, das Syrell nicht einmal versucht hatte sie anzurufen. Nun blinkte seine Nummer im Display und sie war versucht, ihn warten zu lassen. Ihre Hand wanderte auf das schwarze Mobiltelefon zu und sie nahm das Gespräch an.
»Na, wieder zurück, Kleines?«
Ein angenehmer Schauer lief über ihren Rücken, als sie die tiefe, ruhige Stimme von Syrell vernahm.
»Ja. Wie geht es dir?« Sie ließ sich auf das Bett fallen und starrte aus dem kleinen Sprossenfester zu ihrer Linken. Ihre Gedanken wanderten nach San Diego, wo man um diese Zeit den Sonnenuntergang durch das Fenster ihres Zimmers betrachten konnte. Auch hier im National Park neigte sich der Tag dem Ende zu. Draußen war es bereits fast dunkel und ihr Magen meldete das erste Mal an diesem Tag, dass sie Hunger hatte.
Syrell berichtete ihr, dass er nicht viel unternommen, sondern einfach die Zeit genutzt hatte, um seine Gedanken zu ordnen und dass es ihm lieber gewesen wäre, wenn sie bei ihm wäre. Nach einigen Minuten berichtete sie ihm von dem Gespräch zwischen Paul und Cayden. Syrells Reaktion war unerwartet heftig und aggressiv.
»Dieser Vollidiot, das muss er doch wissen! Ein Typ wie Damanis wird sich nie im Leben nach Maiduguri bewegen. Selbst dann nicht, wenn es seine Leute sind, die dort für Angst und Schrecken sorgen. Er weiß, dass wir versuchen werden, die Stadt zurückzuerobern. Und wenn wir es nicht sind, ist es die nigerianische Regierung. Damanis ist kein Idiot. Der weiß, dass es zu gefährlich wäre. Der ist doch nicht auf den Kopf gefallen.« Unüberhörbar steigerte sich der Mann am anderen Ende der Leitung in seine Wut hinein. Dass auch Syrell derart sauer auf den Befehl von Paul reagierte, sorgte dafür, dass sie begann, sich Gedanken zu machen.
Warum regten die Männer sich über diesen Befehl derart auf? Hatte sie etwas verpasst? Sicher war Maiduguri zur Zeit in der Hand einer radikalen Gruppe und mit Sicherheit war das Leben dort mehr als gefährlich, aber warum regten sich die Männer so auf?
»Ist Snipes da irgendwo, Poison?« Der harsche Ton von Syrell sorgte dafür, dass sie zusammenzuckte.
»Der ist duschen.« Sie schwang ihre Beine aus dem Bett und ging auf die angelehnte Tür zu, die plötzlich von Cayden aufgerissen wurde.
»Gib mal her.« Ohne zu warten, entriss er ihr das Handy, warf ihr einen scharfen Blick zu und verschwand, nur mit einem Handtuch bekleidet, vor die Tür der Hütte.
»Ähm, hallo? Was soll das jetzt?« Sie lief ihm nach.
»Warte hier!«
»Aber…«
»Kein Aber, verdammt, Poison. Wenn ich sage, warte, dann wartest du!«
Cayden warf die Tür mit deutlich mehr Schwung als nötig ins Schloss. Verwundert starrte sie die geschlossene Tür an. Die Stimmung war innerhalb weniger Sekunden völlig gekippt und sie fragte sich, was genau sie verpasst hatte, dass Cayden und auch Syrell derart reagierten. Was um alles in der Welt war in die Männer gefahren, dass sie so aufbrachte?
Ihr Auftrag hätte sie sowieso nach Nigeria geführt. Auch war Maiduguri ihr eigentliches Ziel gewesen. Sie hätten einen Trupp Army Soldaten als Scharfschützen unterstützen sollen. Cayden hatte ihr haarklein erklärt, was ihre Aufgaben gewesen wäre, auch wenn sie es sich bereits gedacht hatte. Eine Aussage von Syrell tauchte wieder in ihrer Erinnerung auf, während sie die verschlossene Tür anstarrte. Er hatte gesagt, dass sie zum Glück weit von den Irren entfernt sein würden. Mit den Irren meinte er die vielen Selbstmordattentäter, die in der Stadt ihr Unwesen trieben und die Sprengfallen die an allen Ecken zu finden waren. Ihre Aufgabe als Scharfschützin wäre es gewesen, zusammen mit Cayden von einem erhöhten Punkt aus die Umgebung zu überwachen und Gefahren auszuschalten, während die Soldaten die Straßen sicherten. Somit wären sie fast immer mindestens achthundert Meter vom eigentlichen Geschehen entfernt.
Wenn sie nun ein Haus überwachen sollten, waren sie doch genauso wenig in Kampfhandlungen verwickelt, oder doch? Sie strich sich durch die Haare und drehte sich zum Bad um. Sollte sie duschen gehen, während Cayden mit Syrell sprach oder lieber warten, bis die Männer ihr Gespräch beendet hatten? Schließlich wollte sie noch mit Syrell sprechen, auch wenn sie nicht genau wusste, worüber.
Nein, kopfschüttelnd entschloss sie sich, zu warten.
Minuten verstrichen, bis die Tür sich öffnete und Cayden den Raum betrat.
»Hier.« Mit einer deutlich gereizten Bewegung reichte er das Handy an sie weiter und Yvonne musste enttäuscht feststellen, dass Syrell bereits aufgelegt hatte.
»Was ist eigentlich los?« Sie sah den dunkelblonden Mann an, der im Normalfall immer die Ruhe in Person war und ihr nun, derart aufgebracht, völlig fremd war.
»Geh duschen. Ich schieb uns eine Pizza in den Ofen und dann erkläre ich es dir.«
Sie konnte spüren, welche Anstrengung es Cayden kostete, die Aufforderung in einem ruhigen Ton zu formulieren und sie nicht anzufahren. Sie starrte das Handy an.
»Er hat aufgelegt. Wir treffen uns morgen gegen Mittag in San Diego.«
»Morgen? Ich dachte ...«
»Geh duschen, verdammt!«, zischte er sie an, während er wutentbrannt einen Pizzakarton aus dem kleinen Tiefkühlfach des Kühlschranks riss.
»Sag mal, für wen hältst du dich, Snipes? Was, um alles in der Welt, ist los, dass ihr euch verhaltet wie ... ja Himmel, keine Ahnung, wie ihr euch verhaltet!«, schrie sie ihn an.
»Hast du überhaupt eine Ahnung, was Hawk da verlangt?« Er kam auf sie zu und sie wich eingeschüchtert zurück.
»Nein?« Ihr Herz schlug bis zum Hals. Angst griff nach ihr und sie versuchte verzweifelt, sowohl die Angst zu verdrängen, als auch sich einzureden, dass Cayden ihr sicher nichts tun würde, auch wenn er gerade in diesem Moment anders auf sie wirkte.
»Der schickt uns mit fast keiner Planung da hin und erwartet, dass wir einen Kerl fassen, der sicherlich nicht da ist. Wir sind dann mit vier Leuten in einer Gegend, wo wir wie Freiwild abgeschossen werden, wenn man uns sieht«, flüsterte er drohend.
Ein kalter Schauer jagte über ihren Rücken. »Ich dachte, ihr steht auf das Adrenalin.« Sie schluckte und versuchte, ruhig zu klingen.
»Adrenalin ist das eine, Poison.« Endlich machte er einige Schritte zurück. Für sie fühlte es sich an, als hätte man ihr eine tonnenschwere Last von der Brust genommen. »Aber was er da von uns verlangt, ist schon eine Nummer härter. Klar brennen wir drauf. Ich will auch mal wieder ein wenig Action haben, aber lebensmüde bin ich auch nicht. Wir werden keine Möglichkeit des Rückzugs haben und wir werden keinerlei Unterstützung bekommen. Dazu kommt, dass die ganze Aktion mehr oder weniger spontan ist und keine Zeit zum Planen bleibt. Und ...« Er sah ihr in die Augen und sie wusste, was er sagen wollte.
»Ich bin dabei. Ich bin eine Frau und ihr habt Angst, dass ich im entscheidenden Augenblick nicht mithalten kann.« Die Enttäuschung, dass Cayden glaubte, sie könne ihren Job nicht genauso gut erledigen wie die Männer, ließ sie heiser werden. Trotzdem zwang sie sich, ruhige zu bleiben und es sich sie Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Hab ich euch nicht im Hindukusch bewiesen, dass ich es kann?«
»Ja, hast du. Aber was uns in Maiduguri erwartet, ist Häuserkampf. Das ist etwas völlig anderes und wir haben noch nicht viel trainiert. Ich dachte, wir gehen mit der Army los und geben ihnen Deckung. Wir bleiben hinter der Line, während die Army die Häuser und Straßen säubern. Ich dachte, es wird ein Schützenfest für uns, ohne dass wir Gefahr laufen, in Schwierigkeiten zu geraten. Ivy, das ist eine enorme mentale Belastung. Da kann jeden Moment ein Spinner mit einer Waffe vor dir stehen, der sich in irgendeiner Ecke versteckt hat. Oder dir springt so ein fanatischer Suizidattentäter vor die Füße. Die warten nicht, die bringen dich eiskalt um. Entweder du bist schneller als sie oder du bist tot.«
»Willst du damit sagen, dass du mir das nicht zutraust?«
»Collister und Harson sind nicht unbedingt die beste Besetzung, um mit uns loszuziehen. Ich hoffe nur, sie haben sich im Griff.« Knurrend und ohne ihre Frage zu beantworten, drehte Cayden sich wieder um und schob die Pizza, die er nur aus dem Karton gerissen hatte, in den Backofen.
»Eine für uns beide?«, fragend legte sie den Kopf schräg und beobachtete, wie Cayden mit einem kleinen Grinsen im Gesicht, eine zweite Pizza aus dem Gefrierfach zog.
»Ich hab einfach kein gutes Gefühl bei der Sache, Yvonne. Die Vorbereitung ist gleich null. Wenn es hart auf hart kommt, sind wir auf uns gestellt oder schlimmsten Falls jeder auf sich.«
»Du hast meine Frage nicht beantwortet, Snipes.« Sie stand immer noch mitten im Raum, ihr war es inzwischen völlig egal, dass sie sehr wahrscheinlich wie Bigfoot roch und noch vor wenigen Minuten den Gedanken gehegt hatte, sich unter das heiße Wasser der Dusche zu stellen.
Doch die Antwort auf ihre Frage, ob Cayden an ihr zweifelte, war wichtiger als alles andere.
Deutlich hörbar atmete er aus, als er sie mit seinem Blick fixierte und sich auf einem der zwei Stühle niederließ, die an dem kleinen Tisch standen. Mit einer knappen Geste gab er ihr zu verstehen, dass sie sich auch setzen sollte. Kopfschüttelnd deutete sie auf die tropfnasse Suite, die über dem anderen Stuhl hing.
»Sofa.«, war die knappe, Antwort ihres Kollegen, als er aufstand und sie sich zeitgleich auf die Couch setzten. Drückende Stille breitete sich im Raum aus.
»Ich mache mir einfach Gedanken, dass dir vielleicht etwas zustoßen könnte, Poison. Wir SEALs erleben schon in der Ausbildung, was uns im allerschlimmsten Fall passieren kann. Wir werden mit Waterboarding und Reizgas auf das vorbereitet, was uns zustößt, wenn wir in Gefangenschaft geraten. Und ein SEAL lässt sich normalerweise nicht gefangen nehmen, Poison. Nicht lebend«
Sie wagte es nicht, ihn zu unterbrechen. Sie wollte wissen, was ihr widerfahren könnte. Warum er ein solches Problem mit der Mission hatte und was genau geplant war.
»Du bist stark, Ivy, aber ...« Er brach ab und sah sie an.
»Du denkst, dass ich im Falle einer Gefangennahme eine Folter nicht überstehe.« Leise und ohne Vorwürfe sprach sie das aus, was er dachte. Das er nickend die Tür anstarrte, war ihr egal. Sie konnte seine Angst spüren. Er hatte Angst vor dem Einsatz. Davor, dass ihr etwas zustoßen könnte. Es ging ihm einzig und allein um sie. Was sollte sie erwidern? Hatte er noch nicht verstanden, dass sie ebenso bereit war wie er, für ihre Mission an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen? Dass sie sich der möglichen Gefahren bewusst war?
Minuten verstrichen.
Schweigend saß Yvonne auf dem Sofa, starrte stur auf ihre nackten Beine und die Narbe, die sie sich in Afghanistan zugezogen hatte. Cayden hatte sich zurückgelehnt und den Kopf mit geschlossenen Augen in den Nacken gelegt.
»Ich könnte Syrell nicht mehr unter die Augen treten, wenn dir etwas zustößt, Poison. Einen SEAL zu verlieren, den man Jahre lang kennt, ist schwer. Aber wenn ich Syrell sagen müsste, dass ich schuld bin, wenn dir etwas passiert … Ich könnte es nicht.«
Cayden erhob sich und ging zum Backofen, um die Pizza herauszuholen. Nachdenklich beobachtete sie ihn, als er die heißen Bleche aus dem Ofen zog.

 
3.
»Sag mal, Rafe, wie kommen die auf diese beschissene Idee? Es gibt doch keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Damanis in Maiduguri ist, oder?« Liv lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück und starrte an ihrem PC Bildschirm vorbei Rafael an, der ihr gegenübersaß.
Vor drei Tagen hatte sie ihr neues Büro bezogen. Aber die Freude war begrenzt, da sich ihr knapp zwanzig Quadratmeter großes Revier im Keller eines der riesigen Gebäude der Naval Base befand. Ein einziges kleines vergittertes Fenster in Höhe der Decke ließ nur einige Stunden am Tag ein wenig Sonnenschein in den kargen Raum. Das aber auch nur, wenn kein Auto davor geparkt war. Im Prinzip war es kein Büro, es war mehr ein Kerker. Rafael, der immer öfter in der Base war, verzog jedes Mal das Gesicht, wenn er den Raum betrat und Joyce, die ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte, starrte oft gedankenverloren einen Kalender mit Südseemotiven an. Harry hingegen könnte man sicher in einen noch kleineren Raum pferchen. Sobald der Engländer vor einem PC saß, schien er alles um sich herum zu vergessen.
»Ach, was weiß ich.« Er sah nicht von seinem Bildschirm auf. Stur bearbeitete er weiter die Tastatur seines PCs.
»Rafe?« Inzwischen hatte sie gelernt, die Art und Weise, wie der Agent ihr Antworten gab, zu deuten und die Antwort, die er ihr gerade gegeben hatte, zeigte deutlich, dass es doch etwas gab, das ihm nicht zusagte.
»Was?« Er sah von seinem Bildschirm auf und starrte sie an.
»Wie kommen die auf die Idee, dass er da ist? Los, sag, ich weiß, dass du was weißt, was wir noch nicht wissen.«
»Wer weiß was?«
Erschrocken zuckte sie zusammen, als Joyce den Raum betrat. Ihre Kollegin und Freundin brachte eine neue Thermoskanne mit Kaffee, die sie von einem der SEALs besorgt hatte, der auf dem Stützpunkt sein Quartier hatte. Der Automat, der im Eingangsbereich des großen grauen Bürogebäudes stand, in dem sie ihrer Arbeit nachkamen, war nicht in der Lage, einen Kaffee zu brühen, der auch nur annähernd als Selbiges bezeichnet werden konnte. Meist war das Bohnengetränk aus dem Automaten schwarz wie die Nacht und variierte geschmacklich zwischen Spülwasser oder einer Version, die so stark war, dass selbst Milch und Zucker nicht mehr in der Lage waren, das Getränk genießbar zu machen. Und so hatte sich Calvin, ein Petty Officer der SEALs, bereit erklärt sie regelmäßig mit Kaffee zu versorgen.
»Bishop weiß etwas, das wir nicht wissen.« Grinsend sah sie von Joyce zu Rafael, der sich schnaubend nach hinten lehnte.
»Ich weiß auch nicht mehr.«
»Aber?« Joyce hatte die Kanne auf die Tischkante gestellt, stützte sich am Schreibtisch von Rafael ab und fixierte ihn mit ihrem Blick. Der NCIS Agent stöhnte auf.
»Sie haben vor zwei Wochen einen Typen festgesetzt, der behauptet, dass Damanis sich zur Zeit in Nigeria aufhält und so ne Tussi vom Geheimdienst hält diese Aussage für glaubhaft. Aber irgendwelche handfesten Beweise haben wir ja nicht, weil keiner mehr vor Ort ist, der das bezeugen oder beweisen könnte. Nicht wahr, Miss Dearing?«, stachelte Rafael gegen Joyce, die ihn anzischte. Liv sah erschrocken zu Joyce. Um ihren Mundwinkel spielte eine Emotion, die sie nicht benennen konnte und in ihre Augen funkelte Wut.
»Rafe, das war jetzt echt nicht nötig«, beeilte sie sich zu sagen, ehe Joyce mit ihrem Ärger herausplatzen konnte.
»Da hast du deine Antwort.« Ihre Freundin stapfte an ihr vorbei zu dem Schreibtisch, der rechts von Liv stand und sank auf den Stuhl.
»So so, und nun meint diese Tussi, dass man ernsthaft vier Mann losschicken muss, um das zu überprüfen? Was ist das für ein Typ und wann hat er wie die Aussage gemacht?« Liv beugte sich vor, ohne Rafael aus den Augen zu lassen, der scheinbar mehr wusste, als er zugeben wollte.
»Ja, meint sie. Ich weiß nicht genau, wer sie eigentlich ist, aber sie hat enormen Einfluss. Da alle Damanis haben wollen, ist es klar, dass man jeden Strohhalm greift, der sich anbietet, oder?«
»Rafe, nun sei mal ehrlich, das glaubst du doch genau so wenig wie wir?«
Rafael seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
»Wenn ich ehrlich bin, halte ich es nicht nur für vertane Zeit, sondern auch für gefährlich.«
Liv schaute vorsichtig zu Joyce. Ihrer finsteren Miene und ihrem starren Blick nach zu urteilen, hatte Rafael einen wunden Punkt getroffen. Sie kannte Joyce und wusste, dass sie sich seinen Vorwurf sehr zu Herzen nahm.
Die schwere Tür öffnete sich erneut und Nathan Harrison betrat, gefolgt von Harry Flynt, den Raum.
»Morgen«, knurrte der SEAL, als er sich auf einem Tisch niederließ, der hinter Liv an einer Wand stand.
»Morgen?« Sie drehte sich zu Nathan um und sah ihn mit einem fragenden Blick an. »Dein Schreibtisch ist da.« Sie deutete auf den grauen Schreibtisch, hinter dem ein bequemer Schreibtischstuhl stand.
»Ach, hör auf. Die haben doch alle einen Sockenschuss.« Nathans Laune war im Keller.
»Nathan, was ist los?« Langsam aber sicher war sie es leid, dass sie an diesem Morgen allen die Informationen aus der Nase ziehen musste.
»Die wollen wirklich, dass vier Mann da reingehen. Paul hat Snipes angerufen. Der ist nun mehr als schlecht drauf. Poison hat Syrell Bescheid gegeben und der wiederum hat seinen Frust am späten Abend bei Sean und John abgeladen. Die beiden wollten dann Paul anrufen, der aber nachts um zwölf nicht mehr ans Telefon gegangen ist.« Nathan sank mit dem Rücken gegen die Wand und sah in die Runde. »Ratet mal, wen sie dann angerufen haben.«
Liv legte den Kopf zur Seite, und noch bevor sie Nathan antworten konnte, sprach er weiter.
»Mich. Und als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, hat um halb zwei in der Nacht Cayden angerufen und mich mit demselben Scheiß genervt wie Sean und John. Und bevor ihr nun auch noch fragt: Nein, wir können nicht anderes. Wir müssen dahin, der Befehl kommt von ganz oben.« Er glitt von dem Tisch herunter, ging an den Tischen von Liv und Joyce vorbei und ließ sich gegenüber von Joyce an einem der Schreibtische nieder.
Eine bedrückende Stille machte sich in dem Raum breit. Liv war klar, dass es nicht einfach sein würde, vier Männer in die belagerte Stadt zu bringen. Doch der Rückweg machte ihr noch viel mehr Sorgen. Wie das Ganze allerdings von statten gehen sollte, war ihr ein Rätsel. Und doch kam ihr plötzlich ein absurder Gedanke, den sie sofort kopfschüttelnd wieder verwarf.
Nein, wenn Jamain wieder mit einem Flugzeug oder gar einem Hubschrauber über die Stadt fliegen würde, um das Team abzusetzen, würde sie ihn umbringen. Für den Fall, dass er lebend zurück kam. Das war eine der dümmsten Ideen, die ihr seit Wochen durch den Kopf gekrochen war. Letztes Mal hatte sie zu seinem Glück erst nach dem Einsatz erfahren, in welcher Gefahr sich Jamain befunden hatte, als er mit der Lockheed über Maiduguri um ein Haar abgeschossen worden wäre. Nein, das würde sie kein zweites Mal zulassen.
»Wer geht von euch mit, Nathan?« Rafaels Stimme riss sie aus ihren Gedanken, in denen sie schon dabei war, Jamain dazu zu bewegen, sich krankschreiben zu lassen, damit er weder in ein Flugzeug noch in einen Helikopter stieg.
»Keiner«, nuschelte Nathan.
»Keiner? Ich dachte, ihr geht zu viert? Verwirrt sah Liv zu ihrem Kollegen.
»Sie gehen zu viert. Es sollen vier Sniper sein und die haben wir nicht.« Er legte die Füße auf den Schreibtisch und sah zu Harry, der wie so oft nichts von der Diskussion mit bekam, da er angeregt telefonierte.
»Kannst du nun mal sagen, was los ist. Hier kotzt gerade jeder rum, alle haben schlechte Laune und keiner sagt, was Sache ist. Ich kann so nicht arbeiten.« Liv starrte ebenfalls Harry an und beneidete ihn um die Eigenschaft, alles um sich herum ausblenden zu können. Vor nicht mal vierundzwanzig Stunden hatte sie die Information erreicht, dass das Team früher als erwartet in den Einsatz gehen würde. Nun versuchte sie verbissen, alle nötigen Informationen zusammenzuziehen, die sie bekommen konnte, um dem Team mit ihren Daten bei der Planung zu helfen. Und jetzt erzählte Nathan ihnen, dass sie die benötigten Männer nicht hatten. Wozu dann die Eile?
»Hey, Crack.« Nathan stieß einen Pfiff aus, der ihre Ohren zum klingen brachte.
»Ja, gleich. Paul und John sind in fünf Minuten hier.«
Liv rollte mit den Augen. Paul war in diesem Moment der Letzte, den sie sehen wollte. Der Captain des Teams führte sich in letzter Zeit mehr und mehr auf wie ein Tyrann auf. Nichts konnte man ihm mehr recht machen. Keine Information war ihm ausreichend und ständig hatte er etwas an ihrer Arbeit auszusetzen. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, wartete sie auf den Tag, wo er einen Raum betrat und erwartete, dass alle salutierten. Sicher trug er eine gewaltige Verantwortung, aber sie hatte auch schon hinter vorgehaltener Hand gehört, dass er sich mehr und mehr zum Schlechten veränderte. Warum der Mann, der in der ersten Zeit immer über alle eine schützende Hand gehalten hatte, sich immer mehr von seinen Männern abwandte, wollte und konnte sie nicht verstehen.
»Mahlzeit, die Damen.«
Mit großen Augen beobachtete Liv, wie Paul förmlich an den Schreibtischen vorbeirauschte und neben Harry stehen blieb, der einen riesigen Flachbildschirm einschaltete, der an der Wand zu ihrer Rechten hing. Sollte sie einen Versuch wagen und den Mann mit dem buschigen, dunklen Bart darauf ansprechen, was er plante? Die Tür flog erneut krachend gegen die Wand und ein großer Mann stürmte herein. Roderick, der im Team den Ruf des ständigen Nörglers und Schwarzsehers innehatte, stürmte gefolgt von John in den Raum.
»Redman, das ist nicht dein Ernst? Das kannst du nicht machen! Tu nicht so, als ob du den Scheiß glauben würdest, den die Tussi vom Geheimdienst von sich gibt«, brüllte der Sprengstoffexperte des Teams seinen Vorgesetzten an. Liv zog den Kopf ein, als sie das vor Zorn gerötete Gesicht des Hünen sah.
»Das geht dich nichts an, Chief Petty Officer, und nun geh an deine Arbeit«, blaffte Paul zurück, während John das Schauspiel mit hinter dem Rücken verschränkten Armen beobachtete.
»Meine Arbeit? Meine Arbeit? Dass ich nicht lache, Hawk. Ich sitze seit Wochen auf Bereitschaft und gammel entweder in der Base rum oder schau dem Kraut vor der Villa beim Wachsen zu!« Die Lautstärke des dunkelhaarigen Mannes zog nochmals an.
Liv beobachtete, wie der Gesichtsausdruck von Paul sich veränderte und er einen Blick zu John warf.
»Eagle, ein Mann zum Entschärfen von Sprengfallen ist sicher nicht schlecht, oder? Davon wird es da mehr als genug geben. Dann kann er mal zeigen, ob er nur eine große Klappe hat oder ob auch was dahinter steckt.«
Roderick holte Luft, wollte etwas erwidern, wurde aber mit einer einzigen Geste von Paul zum Schweigen verdammt.
»Nein, Rod, halt’s Maul, verdammt!« Nun wanderte der Blick von Paul über sie alle. »Glaubt ja nicht, dass mir, das Spaß macht. Meinetwegen könnten sie sonst wen schicken, aber wir sind es nun mal die, die Arschkarte gezogen haben und ich will nichts mehr hören. Haben wir uns verstanden?«
Etwas Seltsames schwang in der dunklen Stimme und der aggressiven Tonlage von Paul mit, als er sich wieder zu Harry wandte. Liv sah, wie Rod seine Hände zu Fäusten ballte, und sie meinte zu hören, wie seine Zähne knirschten, als er sich daran hinderte, seinem Captain nochmals die Meinung zu sagen. Aber wahrscheinlich wusste er genau, wann es besser war, einfach einige Minuten zu schweigen und zu warten, bis er Paul vielleicht in einem ruhigen Moment von seinem Anliegen überzeugen konnte. Wobei sie sich beim Anblick der aufgebrachten Männer nicht sicher war, ob es überhaupt einen ruhigen Moment geben würde.
»Nathan, komm her und zeig uns, was du ausgearbeitet hast. Erzähl mal, wie du dir das vorstellst.«
Liv schüttelte den Kopf. Plötzlich war Paul wieder völlig gelassen, auch wenn Rod immer noch mit wütendem Ausdruck im Gesicht nur wenige Meter hinter ihm stand.
Die folgenden Minuten lauschte sie den Ausführungen von Nathan, der scheinbar schon den gesamten Einsatz durchgeplant hatte. Er hatte zwei weitere Scharfschützen organisiert und bereits mit den Special Boat Teams gesprochen, die ihnen eine Gruppe von sechs Männern zur Verfügung stellen wollten. Ebenso war ein Chinook auf Abruf bereitgestellt worden, der ein Boot mitsamt Besatzung auf dem Ngadda, einem Fluss, der durch Maiduguri floss, abzusetzen. Nathan hatte ebenfalls mit Harry zusammen einen Flughafen ausgemacht, an dem Jamain das Team nachts absetzen konnte, ohne dass sie Aufsehen erregen würden. Es hörte sich wirklich alles perfekt an und vor allem klang es so, als seien alle Beteiligten einverstanden mit dem, was geplant wurde.
»Okay, wann kommen Snipes und Poison zurück?« Paul drehte sich zu John um.
»Sie sollten in ein paar Stunden hier sein«, war die kurze Antwort von dem kleinen Mann, der mit seinen fast schwarzen Augen die gesamte Zeit den Bildschirm angestarrt hatte.
Pauls Blick wanderte zu Nathan. »Dann will ich alle, auch die Jungs vom Team Zehn hier haben. Verstanden, Harrison?«
»Aye.«
Fünfzehn Minuten später sank Liv mit einem Seufzer in ihren Stuhl und griff nach der vollen Kaffeetasse, die Joyce ihr reichte.
»Meine Güte, ist das eine Stimmung hier«, murmelte ihre Freundin und warf einen Blick zu Nathan, der hinter Harry stand und den Bildschirm des blonden Mannes betrachtete.
»Ich weiß auch nicht, was in die gefahren ist«, gab sie leise als Antwort. »Normal ist das auf alle Fälle nicht.«

 
4.
Schweigend lief Yvonne neben Syrell her, dessen Shirt an seinem nassgeschwitzten Oberkörper klebte. Der Geruch seines Schweißes zog in ihre Nase und vermischte sich an ihren Riechzellen mit dem salzigen Geruch des Meeres.
Vor nicht einmal drei Stunden war sie mit Cayden zur Villa zurückgekehrt und hatte seitdem die meiste Zeit in der Base verbracht, wo sie mit den anderen den Einsatzplan überarbeitet hatte. Nun neben ihrem Freund durch den Sand des Strandes zu laufen, war eine willkommene Abwechslung um ihre Müdigkeit zu verdrängen. Syrell warf ihr einen flüchtigen Blick zu und sprintete davon, bevor sie reagieren konnte. Sie versuchte, ihn einzuholen, aber es war ein sinnloses Unterfangen. Ihr Blick ruhte auf seinem Rücken und seinen Beinen, wo sie sah, wie seine Muskeln arbeiteten. Der Gedanke, dass ihr Traummann wirklich mit dem Gedanken spielte, seinen Beruf aufzugeben, tauchte immer wieder in ihrem Kopf auf. Nur war sie noch nicht bereit, ihren Traum aufzugeben und erst recht nicht jetzt, wo sie begann, sich wieder zu finden. Endlich begannen sich die Dinge, die sie tat, wieder normal und richtig anzufühlen.
Die Leidenschaft zwischen ihr und Syrell brannte wieder. Sie war stolz auf sich und ihm unendlich dankbar, dass er ihr die Zeit eingeräumt hatte, die sie so dringend benötigt hatte. Kopfschüttelnd sah sie, wie Syrell in das eiskalte Meer rannte und sich in die Wellen stürzte. Nur widerwillig folgte sie ihm im vollen Lauf. In den letzten Jahren hatte sie sich daran gewöhnt, sich mit Hose, Shirt und Schuhen in den kalten Pazifik zu stürzen. Sie schwamm einige Meter ins Meer hinaus und sah sich suchend um. Syrell war verschwunden. Ihr Herz begann zu rasen, wie konnte er in so kurzer Zeit einfach verschwinden? Er war ein SEAL, ein SEAL ertrank nicht im Meer und verschwand auch nicht einfach so. Wieder und wieder drehte sie sich um die eigene Achse, aber der Indianer blieb verschwunden. Das konnte doch nicht sein. Plötzlich sah sie einen Schatten unter sich im Wasser. Lautlos tauchte Syrell vor ihr auf und strich sich mit einer Hand seine Haare und Wasser aus dem Gesicht.
»Kleines, ich bin doch hier.« Er legte seine Arme um sie und zog sie schwimmend an sich. Yvonnes Herz raste und wenn sie sich nicht im eiskalten Wasser befunden hätte, wäre ihr der Angstschweiß den Rücken hinunter geflossen. Warum brach sie bei dem Gedanken, ihn zu verlieren, derart in Panik aus? Seine Lippen legten sich betörend auf ihre und seine Hände wanderten erstaunlich warm über ihren Rücken. Schwimmend, mit seinen Lippen auf ihren, zog er sie Richtung Strand, bis ihre Füße festen Boden berührten.
In seinen Armen, vor Kälte zitternd, torkelte sie an den Strand. Willig und durchgefroren ließ sie sich von ihm auf den Boden ziehen. Warm und schützend legten sich seine Arme über ihren Rücken und seine Zunge strich nach Einlass bettelnd über ihre Lippen. Mit geschlossenen Augen tasteten ihre Finger sein Gesicht ab, fuhren über den leichten Bartansatz die Wangenknochen bis zu seiner Stirn, während ihre Zungen in wilder Ekstase miteinander tanzten. Vor Erregung zitternd schoben Syrells Hände ihr nasses Shirt hoch und wanderten wie heißes Wachs über ihren nassen, kalten Rücken. Der Wunsch, seine Haut zu spüren wurde übermächtig. Hektisch riss sie an seinem nassen Shirt. Der Stoff klebte an seiner Haut, was ihr die Arbeit erschwerte. Deutlich konnte sie sein Verlangen spüren. Sein Schaft presste sich fordernd durch ihre Hosen an ihren Schritt. Schwer atmend löste Yvonne sich einen Moment von seinen Lippen, um seinen Körper von dem nassen Stoff des Shirts zu befreien. Schneller als sie reagieren konnte, hatte Syrell ihr das Shirt über den Kopf gezogen und warf sich mit einer geschmeidigen Bewegung zur Seite, sodass sie unter ihm lag. Ihre Hände begannen unkontrolliert zu zittern, als sie sich zwang, ihn von dem grauen Stoff zu befreien, welcher sich einfach nicht von seiner Haut lösen wollte. Nervös wie ein Teenager sah sie ihm zu, wie seine Zunge ihren Körper erkundete. Jede Berührung brannte wie Feuer auf ihrer kalten Haut und sie zwang sich, ruhig weiter zu atmen.
Panik kroch aus einer dunkeln Ecke ihres Geistes hervor. Sie schloss die Augen. Nie wieder sollte Miguel Momente wie diesen zerstören. Sie würde die Angst besiegen, die der Italiener in ihr Leben gebracht hatte. Sie wollte Syrells Berührungen endlich wieder genießen.
Syrells Hände und seine Zunge schienen plötzlich überall zu sein und ihre Hände suchten nach seinem Körper. Mit geschlossenen Augen wanderten ihre Finger über seine Brust zu seinem Rücken und gruben sich dort tief in sein Fleisch. Ein Fluch entfuhr Syrells Kehle und seine Zunge wanderte rasend schnell von ihrem Bauch, wo sie eben noch im Zeitraffer ihren Bauchnabel umrundet hatte, hinauf zu ihren Brüsten. Ihre Fingernägel gruben sich immer tiefer in seinen Rücken. Mir einer Hand befreite Syrell ihre Brüste von dem schwarzen Sport-BH, und seine Lippen legten sich wie Lava auf ihre Brustwarzen.
Was auch immer er gerade tat, ihr Körper entglitt ihr. Ihre Seele befand sich in einer Wolke aus Gefühlen, die sich nicht in Worte fassen lassen wollten. In ihren Schoss spürte sie seine erigierte Männlichkeit. An ihren Brustwarzen saugend wanderten seine Finger zu ihrem Hosenbund.
Kurz blitzten wieder Erinnerungen auf.
Sollte sie sich wehren? Sollte sie ihn von sich stoßen?
Nein, dieses Mal nicht.
Es war Syrell, niemand sonst. Sein Geruch, seine Wärme, die kleinen Narben, die sie kurz auf seinem Rücken gesprüht hatte, bevor ihre Krallen sich in seine Haut gebohrt hatten, gehörten zu ihm. Wie in einem Traum sah sie, wie er sich von seiner Hose und Shorts befreite. Spürte sein Gewicht, das sich nicht drohend, sondern schützend warm auf sie legte. Sein heißer Atem strich über ihren Hals, jagte Schauer der Erregung durch ihren Körper, trugen sie Stück für Stück näher an die Ekstase. Sanft glitt er in sie. Das Gefühl, explodieren zu müssen, als er sich langsam wieder aus ihr zurückzog, um dann sanft wieder in sie einzudringen, wuchs mit jedem seiner glühend heißen Atemzüge. Immer noch krallten ihre Fingernägel in seinem Rücken, sie traute sich nicht, ihn loszulassen. Nur langsam steigerte er sein Tempo, trieb sie weiter und weiter zu einem Gefühl, das sie meinen ließ, sie würde schweben. Sein Atem verschwand an ihrem Hals und sie bemerkte seine Zunge, die heiß und unerbittlich Einlass in ihren Mund forderte. Der salzige Geschmack seiner verschwitzen Haut berührte eine sekundenlang ihre Geschmacksknospen bevor seine Zunge, die ihre zu einem wilden Tanz aufforderte. Weiter und weiter trieb er sie zum Höhepunkt, den sie irgendwann nicht mehr hinauszögern konnte. Wie die stürmische Brandung, die das Meer wild und aufschäumend an den Strand trieb, rollte ein gewaltiger Orgasmus über sie hinweg, nahm ihr den Atem und die klaren Gedanken. Sekunden, Minuten, eine gefühlte Ewigkeit, befand sich ihr Geist auf einer großen Wolke. Wissend, dass Syrell auf jede ihrer Regungen achtgab, ließ sie sich treiben. Irgendwann bemerkte sie den schweren Männerkörper, der nass geschwitzt auf ihr lag und die Augen, die sie mit einer Tiefe ansahen, die sie lange nicht in den Augen des Indianers gesehen hatte.
»Danke.« Heiser, fast stumm hauchte sie ihm das Wort auf die Lippen, die er ihr darbot.
Schweigend rollte er sich von ihr hinunter, blieb mit dem Rücken im Sand liegen und starrte den Himmel an, während Yvonne sich an ihn schmiegte. Sanft streichelte er ihren Rücken.
»Pass auf dich auf, Kleines. Ich brauche dich hier«, flüsterte er und sie sah, wie er seinen Blick in den mit grauen Wolken überzogenen Himmel wandte.