Leseproben

1

»Hast du eine Idee, wie lange wir hier noch durch den Dschungel schleichen sollen? Ich dachte das der Typ weiß, wo wir hin müssen.« Völlig genervt und durchnässt schob Madison einen Ast zur Seite und ließ ihn los, ehe ihre Mentorin ihn fassen konnte. Die blonde Frau mit den grünen Augen fluchte als ihr der Ast vor die Brust schlug.
»Maddi, ich habe keine Ahnung, wie lange es dauern wird, ich weiß nur, wie weit es als Luftlinie ist, mehr nicht. Wenn du wissen willst, wie lange wir noch unterwegs sind, frag unseren Guide oder den Professor.«
Madison beschleunigte ihre Schritte, um ihren Professor zu erreichen. Sie wollte endlich wissen, wie lange sie noch den Regen, die Insekten und die Blutegel ertragen musste, sie sich von überall auf sie stürzten. Seit einer Woche sah sie nicht außer Büschen, Bäumen, Farn und Regenwald. So hatte sie sich die Expedition nach Guatemala nicht vorgestellt. Diese ständige Nässe, kein Kontakt zur Außenwelt und dazu ihre Mentorin, die tat, als hätte sie eine solche Reise schon mehrere hundertmal unternommen. Als Lyndsay ihr geraten hatte, den Professor zu begleiten hatte sie gehofft, dass sie die meiste Zeit damit verbringen würde, die Schriftzeichen zu entschlüsseln, die sie am Inkatempel vorfinden würde. Ihre Freundin hatte ihr aber nicht gesagt, dass sie und ihre Mentorin sehr gute Freundinnen waren und dass sie mehr zeit bei der Suche nach dem Tempel verbringen würden, als mit der Arbeit. Sie sah über die Schulter zurück und meinte kurz etwas im Augenwinkel gesehen zu haben, bis ihre Mentorin sie anlächelte. Die grünen Augen der Frau strahlten doch allen Ernstes Freude aus. Sollte es wirklich Menschen geben, denen es Spaß machte, von Blutegeln und Insekten ausgesaugt zu werden oder im Dauerregen zu ertrinken? Sie hatte keine Lust der Frau in die Augen zu sehen. Sie konzentrierte sich wieder darauf, ihren Professor einzuholen.
»Entschuldigen Sie?«
»Bitte?« Der Mann Anfang 60 sah sie an.
»Wie lange sind wir noch unterwegs?« Im nächsten Augenblick war sie sich nicht mehr sicher, ob es sinnvoll gewesen war ihren Professor anzusprechen, da dieser die Augen skeptisch zusammenkniff und stehen blieb.
»Sie sind doch keine 5 mehr oder? Es dauert so lange, bis wir da sind«, zischte er ihr zu und ging weiter ohne sie nochmals anzusehen.
»Du hast ihn nicht ernsthaft gefragt?« Hinter Madison tauchte ihre Mentorin auf.
»Ähm doch.« Madison stand immer noch in einer riesigen schlammigen Pfütze.
»Oh man.« Die blonde Frau eilte an ihr vorbei, während sie versuchte ihre, in schwarzen Stiefeln steckenden, Füße aus dem Schlamm zu ziehen. Der schwarze Schlamm war unnachgiebig und wollte ihre Fußbekleidung nicht frei geben.
»Wartet«, rief sie, als der Guide, der sonst immer hinter ihr gewesen war, an ihr vorbei ging, leichte Panik machte sich in ihr breit, als der Mann sich nicht einmal zu ihr umsah. Sekunden, die sich unendlich lang anfühlten, verstrichen. Plötzlich sprangen vermummte Gestalten aus dem Busch und rissen ihre Gruppe zu Boden. Einer der Guides rief etwas, das sie nicht verstand, dann hallte ein Schuss durch den Dschungel, der die Vögel aufschreckte. Madisons Herz setzte aus, als sie verzweifelt versuchte zu fliehen. Davon hatte Lyndsay nicht ein Wort verloren. Madison stieß einen grellen Schrei aus, als sie das Kreischen ihrer Mentorin vernahm.
Ein Mann tauchte neben ihr auf, packte sie am Arm und riss sie erbarmungslos aus dem Schlamloch. Sie starrte ihre Stiefel an, die alleine im Wasserloch zurückblieben.
»Lassen sie mich los.« Kreischend schlug sie um sich, erntete aber nur ein höhnisches Lachen, von dem Mann der sie wie ein Stück Vieh hinter sich herzog.

 


2

»Du keines Biest, bleib stehen.« Bear hastete hinter einem kleinen dunkelhäutigen Mädchen her, das ein Handtuch hinter sich herziehend durch die Villa rannte..
»Lauf Samira lauf.« Cayden Harrison stand lachend in der Terrassentür, als das Mädchen freudekreischend an ihm vorbei flitzte.
»Was macht er, wenn ich jetzt unter die Dusche gehe?«, lachend tauchte Yvonne neben ihm auf und sah Samira und Bear nach. Cayden sah grinsend, mit hochgezogenen Augenbrauen, in die grünbraunen Augen seiner Kollegin.
»Dann wirst du wieder zur Hexe.« Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Sandweg und konnte beobachten, wie Bear Samira wenige Meter vor dem Meer erwischte und sie sich wie einen nassen Sack über die Schulter warf. Das Mädchen schrie und hämmerte mit den Fäusten auf den Rücken seines Kollegen.
»Was macht er wieder?«
Cayden sah zur Seite, als auch Karen neben ihm auftauchte und einen Blick auf das Schauspiel warf, welches sich vor ihren Augen abspielte. Ein Mann von fast zwei Metern kam mit einem beinah gelangweilten Gesichtsausdruck auf sie zu, während Samira auf seiner Schulter lag, und wild auf ihn einschlug.  
»Lass mich runter. Bear. Lass mich runter!«, kreischte das kleine zierliche Mädchen, das Caydens Leben in den letzten Monaten komplett auf den Kopf gestellt hatte.
»Was bitte ist hier los? Ich dachte wir wollen den Grill anwerfen und nicht mit der Kurzen fangen spielen.«
»Ich mach den Grill gleich an und dann lege ich dieses kleine Biest als Erstes drauf.« Bear ließ Samira einen Meter von Cayden entfernt auf den Boden gleiten. Schreiend rannte Samira an ihm, Karen und Yvonne vorbei und klammerte sich an Jordan die mitten im Flur stand und das Schauspiel anscheinend gespannt beobachtete hatte.
»Er wollte mir mein Handtuch klauen«, brachte Samira im gebrochenen Englisch hervor.
»Ich dir dein Handtuch klauen? Du kleines Luder.« Wieder wollte Bear, der nun vor der Badezimmertür stand, nach Samira greifen, die geschickt seinen riesigen Händen auswich und sich hinter Jordan versteckte. Jordan, die ihre Freizeit nur noch gemeinsam mit Cayden in der Villa verbrachte stemmte mutig die Hände in die Hüften und baute sich vor dem Russen auf.
»Lass die Finger von der Kleinen.« Die Ärztin musste sich bemühen, ernst zu klingen.
»Sie hat angefangen.« Bear zog einen Schmollmund und Cayden konnte ein lautes Lachen nicht mehr unterdrücken als Yvonne in aller Seelenruhe im Bad verschwand und die Tür schloss.
»Ich fasse es nicht«, lachend drehte der riesige SEAL sich zu Cayden, der nur hilflos mit der Schulter zucken konnte.
»Da ist noch eine Dusche« Karen wandte sich Richtung Küche ab und schob bear in das zweite Bad.
Caydens Herzschlag beschleunigte sich, als Jordan auf ihn zukam und ihm einen sanften Kuss auf die Lippen hauchte. Nie hätte er gedacht, dass er je so entspannt sein könnte. Samira und Jordan hatten sein Leben komplett verändert. Auch wenn der Tod von Logan sie alle sehr mitgenommen hatte, so war es Samira gelungen zumindest ihm zu zeigen, dass der Tod des jungen SEALs nicht sinnlos gewesen war. Die letzten Tage waren mehr als ruhig. Jeder nutzte seine Zeit auf seine Weise. Nur die Abende endeten meist am Grill in der Villa. Selbst Paul tauchte von Zeit zu Zeit auf, um ihnen Gesellschaft zu leisten. Einzig Darrel andauernde Abwesenheit trübte von Zeit zu Zeit die Laune im Team. Der Australier hatte sich Urlaub genommen, um nach Melbourne zu fliegen und einige Dinge zu klären, die bereits viel zu lange auf seiner Liste standen. Das waren zumindest die Worte gewesen, mit denen er Cayden abends in einer Bar gesagt hatte, dass er 4 Wochen fortbleiben würde. Allerdings waren diese 4 Wochen, seit mehr weitern 4 Wochen vorbei und niemand von ihnen wusste, wo Darrel war.
Paul ging immer noch davon aus, dass Darrel sich bald melden würde. Cayden war sich, was das anging, nicht sicher, wollte ihrem Chef aber auch nicht vor den Kopf stoßen.
»Wann gibts essen?« Nathan bog völlig verschwitzt um die Ecke und Cayden löste seinen Blick von Jordans tiefblauen Augen, in denen er scheinbar für einige Minuten versunken war.
»Wenn der Große mit dem Duschen fertig ist, denke ich.« Er ließ seine Hände über Jordans Rücken wandern und kämpfte das Verlangen zurück das ihn dazu treiben wollte mit ihr in seinem Zimmer zu verschwinden. Es nervte ihn, dass Jordan jeden Abend mit Samira zu ihrer Wohnung fuhr und er in der Villa zurückblieb. Hin und wieder rang er sich dazu durch mit ihr zu fahren und sie verbrachten einige Stunden zusammen, allerdings endeten die Nächte immer wieder, damit das er früh morgens verschwand, um am Training teilzunehmen oder um einem Briefing beizuwohnen, die Paul am liebsten noch vor Sonnenaufgang abhielt.
Cayden beobachtete, wie Nathan Samira durch die Haare strich und sie an ihm und Jordan vorbei zur Tür hinausschob. Das kleine Mädchen hatte alle Herzen im Sturm erobert und war schuld daran, dass er immer öfter darüber nachdachte, aus dem aktiven Dienst auszuscheiden. Immer wieder kam in ihm der Gedanke auf, wie es für sie wäre, wenn sie ihre neu gefundene Familie wieder durch den Krieg verlor, in dem sie sehr wahrscheinlich auch ihre richtigen Eltern verloren hatte. Allein der Gedanke das eines Tages jemand kommen und behaupten könnte, dass Samira ihre Tochter wäre, versetzte ihm von Zeit zu Zeit einen Stich. Sicher, er würde sich freuen, wenn der kleine Wirbelwind seine Eltern wieder finden würde, allerdings würde dann nicht nur ihm etwas fehlen.
»Du träumst.« Die warmen weichen Finger von Jordan legten sich an seine Wagen, dann berührten ihre Lippen die seinen. Sie hatte Recht, er war so in Gedanken versunken, dass er kaum etwas von dem mitbekam, was gerade um sie herum geschah. Ihre Zunge strich elektrifizierend über seine Lippen und forderte Einlass. Seine Hände wanderten unte rihr samtweiches leichtes weißes Top bis hinauf zu ihrem Nacken, wo er mit den Fingerspitzen dafür sorgte, dass sich ihre Nackenhaare aufrichteten und sie ein leises lüsternes Schnauben ausstieß. Dass sie sich noch dichter an ihn drängte und ihre Zunge sich wie eine Schlange um seine schlang, trug nicht dazu bei, dass seine Lust verschwand. Ihre Hände wanderten über seinen Rücken hinunter in die Gesäßtaschen seiner enganliegenden Jeans, was dafür sorgte, dass die Hose noch enger wurde und er der Meinung war, dass die Nähte des Reisverschlusses dem Druck nicht mehr lange standhalten konnten. Ihr heißer Atem strich wie Feuer über seinen Hals. Er war versucht sie zu schnappen, und mit ihr in einem Zimmer zu verschwinden.
»Ey, wirklich muss das hier sein. Snipes nimm die Zunge aus der Frau.« Rod drängte rücksichtslos an Jordan vorbei auf die Terrasse. Durch den leichten Rempler des SEALs trat Jordan Cayden auf den Fuß, der sich schwer atmend von ihr löste.
»Ey steck deine Scheiß Laune sonst wo hin. Du wirst doch ein Jahr mit weniger Geld auskommen.So schlimm ist es doch auch nicht«, knurrte Cayden.
»Nicht schlimm? Soll ich dir mal 400 Dollar jeden Monat abziehen?« Roderick machte auf der Ferse kehrt und kam mit wutverzerrtem Gesicht auf ihn und Jordan zu. Die grüngrauen Augen seines Kollegen funkelten ihn zornig an und er konnte es wohl dem Umstand das Jordan noch vor ihm stand verdanken das Rod ihn nicht am Kragen packte, sondern wie ein Nashorn schnaubend nach draußen verschwand.
»400?«, flüsterte Jordan ihm zu als Rod außer Hörweite war.
»Okay das ist mehr als ich gedacht habe, aber er ist ja auch selber schuld.« Gab er ebenfalls kaum hörbar als Antwort.
»Lass ihn das nicht hören.« Jordans Lippen legten sich zart auf seine, doch ehe er den Kuss erwidern konnte, schob Syrell sich grinsend an ihnen vorbei.
»Ihr solltet euch wirklich einen anderen Ort suchen.«
»Vielleicht sollten wir das.« Jordans finger strichen über seinen Nacken und jagten einen angenehmen Schauer über seinen Rücken. Sollte sie so weiter machen, würde er sie innerhalb der nächsten Sekunden in den nächsten freien Raum schieben und vernaschen.

 

 

3

»Meinst du nicht das Samira uns sucht?« Jordans Finger malten kleine Kreise auf seinen Bauch, während er ihren Nacken massierte. Er war sich relativ sicher, dass Samira sie nicht suchte, da das Mädchen sehr wahrscheinlich mit einem seine Kollegen über den Strand tobte oder von Karen bemutterte, wurde. Also hatte er noch Zeit um Jordans Nähe zu genießen. Ihre gemeinsame Zeit war einfach zu knapp bemessen, vor allem die, in der sie nackt nebeneinander auf einem Bett liegen konnten. Der Gedanke diese Zeit dadurch zu verlängern, dass er bei Jordan einzog, war in letzter Zeit dauerpräsent. Allerdings wäre Samira dann immer in ihrer Nähe und die Intimitäten würden vielleicht auf der Strecke bleiben.
»An was denkst du?«
Ein wohliger Schauer durchlief seinen Körper als Jordans weiche Zunge über seine Bauchmuskeln strich. Musste diese Frau immer Fragen stellen und im nächsten Augenblick dafür sorgen, dass er sie sicher nicht beantworten konnte, weil er viel zu abgelenkt war?
Das schrille Klingeln der Haustürklingel ließ ihn die Augen öffnen. Angespannt lauschte er, ob Karen vielleicht noch in der Villa war und so das Geräusch hörte oder, ob sie bei den anderen am Grill stand, wo sie sicher nicht einen Ton hörte, dass seine Kollegen einen solchen Lärm machten, dass es unmöglich war, die Klingel zu hören. Minuten verstrichen, aber er vernahm weder Schritte noch das Geräusch der sich öffnenden Tür. Gerade, als er sich wieder Jordan zuwenden, wollte die ihn von seiner Brust aus interessiert beobachtete schellte es wieder. Sollte er vielleicht hinuntergehen? Seine Hand lag auf dem nackten Rücken von Jordan und seine Finger strichen verträumt über ihre Wirbelsäule. Nur Sekunden später wurde die Klingel wieder betätigt. Jordan hob ihren Kopf.
»Vielleicht solltest du gehen«, hauchte sie ihm zu.
»Vielleicht sollten wir es ignorieren, vielleicht will und einer Staubsauger verkaufen, vielleicht sind es die Zeugen Jehovas, vielleicht ist es der komische Nachbar der sich über den rauch vom Grill beschwert, vielleicht ...« er ließ seine Fingerspitzen durch ihr langes Haar gleiten und genoss das samtweiche Gefühl. Die Art und weise, wie die gebürtige Texanerin ihn ansah, deutete auf Widerspruch hin. Das linke Auge zukneifend blinzelte Jordan ihn an. Cayden wollte gerade etwas zu ihrem leicht vorwurfsvollen Blick sagen, als es erneut schellte und Jordan ihm ins nicht gesprochene Wort fiel.
»Ein bisschen viel vielleicht oder? Es scheint wichtig zu sein.« Ihr warmer Kopf löste sich von seiner Brust, was ihm einen Protestlaut entlockte. Die Bettdecke von der Seite des Bettes hochziehend setzte sie sich auf und bedeckte ihre Blöße. »Nun geh, ehe Samira dich so sieht.« Jordans Blick wanderte an seinem nackten Körper hinunter, wo sich allein schon durch den Anblick von Jordans Augen wieder ein Verlangen meldete, das scheinbar nicht zufrieden zu stellen war. Sollte das junge Mädchen ihn nun so sehen, würde sie eventuell kreischend davon rennen oder er müsste sich mit dem Thema Aufklärung befassen. Kopfschüttelnd und Letzteres ausschließend, da er hoffte, dass Jordan ihm diese Aufgabe zum richtigen Zeitpunkt abnehmen würde, stand er auf und zog sich seine Boxershorts an.
»Ich bin gleich wieder da.« Wenn Jordan ihn nicht mit diesem ›Tu was ich dir sage oder ..‹ Blick angesehen hätte, wäre er wohl nicht aus dem Zimmer gegangen. Darüber grübelnd, ob es nicht wirklich an der Zeit war, sich eine Wohnung zu suchen, oder so Jordan in das kleine Appartment zu ziehen bewegte er sich auf die Haustür zu.
Als er die Klinke nach unten drückte, konnte er bereits den Umriss einer Frau erkennen. Er zögerte kurz, da er sich nicht sicher war, ob es sinnvoll wäre, nur mit Shorts bekleidet Damenbesuch zu empfangen, den er nicht kannte. Gerade als er die Tür aufziehen wollte, klingelte es erneut.
»Ja verdammt, nu tu doch nicht so, als würdest du mich nicht sehen«, knurrte er lautlos und öffnete die Tür. Etwas verblüfft über das, was er sah, starrte er eine junge Frau um die 25 an die mit rotunterlaufenden Augen vor der Tür stand. Ihre Haare waren schulterlang und dunkelbraun, allerdings wirkten sie genauso mitgenommen wie der Rest der Frau. Ihre Wangen waren rot und er konnte Spuren auf ihren Wangen erkennen, die eindeutig von Tränen stammten. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Sollte ihr oder jemandem etwas passiert sein, so dass sie Hilfe benötigte?
»Guten Tag«, brachte sie heiser hervor und schien enttäuscht zu sein, ihn zu sehen.
»Hi, kann ich Ihnen helfen?« Er öffnete die Tür weiter und warf einen prüfenden Blick auf die Umgebung vor der Tür.
»Ich weiß nicht, ich suche jemanden.« Wer auch immer sie warm sie schien sich gefangen zu haben, denn sie straffte ihre Schultern und sah ihn mit grünbraunen Augen entschlossen an.
»Wenn suchen Sie?« Cayden hatte keine Ahnung, wer die Frau war und war daher gespannt, wenn sie suchte. Vielleicht war sie ja eine Freundin von Karen, eine durchaus attraktive Freundin.
»Roderick Rodriguez.« In dem Blick der Frau lag etwas, das erkennen ließ, das es ihr unangenehm war, nach seinem Kollegen zu fragen. »Ich hab nur diese Adresse und demnach wohnt er hier«, fügte sie zögernd hinzu.
Seine Augen wurden vor Verwunderung riesig. Hatte sie gerade gesagt sie, wolle zu Rod? Seit wann hatte sein Kollege eine Freundin und dazu noch eine die extrem gutaussehend war. Als Cayden den immer noch fragenden Blick der Frau bemerkte, fiel ihm auf das er ihre Frage noch nicht beantwortet hatte. Er schüttelte seine Spekulationen innerlich ab und konzentrierte sich wieder darauf ihr eine Antwort zu geben.
»Das tut er, kommen Sie rein ich bringe Sie zu ihm.« Cayden trat zur Seite und damit die Frau eintreten konnte. Er konnte nicht anders, er musterte ihren scheinbar makellosen Körper auf das genaueste, als sie eintrat. Eine solche Frau hätte sein Kollege ihm doch nicht vorenthalten. Wer um alles in der Welt war sie und was wollte sie.

 

 

4

»Sag mal wie wäre es, wenn du mir auch mal ein Steak überlässt?«
Roderick schob sich, mit einem gut gefüllten Teller, an Sean vorbei.
»Ich war zu erst da«, grinsend sank er neben Nathan auf einen Stuhl, stellte den Teller ab und griff nach seinem Bier. Dieser Moment war einer der wenigen, in denen er den gesamten Ärger der letzten Wochen vergessen konnte. Einer der Momente an denen er nicht an das hämisch grinsende Gesicht von Lyndsay Roberts denken musste die sich in den nächsten 12 Monaten auf seine kosten ein schönes Leben machen würde. Diese hochtrabende Person nahm sich einfach die 400 Dollar, die er in einen neuen Wagen hatte investieren wollen. Nun würde ihm nichts anderes übrig bleiben als zu hoffen, dass sein alter Chervolet ihm noch mindestens ein Jahr die Treue halten würde. Naja, er legte den Kopf schräg und starrte geistesabwesend das Stück Fleisch auf seinem Teller an, so wie er sie einschätzte würde sie weiter klagen. Als Roderick bemerkte, wo seine Gedanken waren, schnitt er ein viel zu großes Stück Fleisch ab und schob es unter dem kopfschüttelnden Blick von Nathan in seinen Mund.
»Hey rod du hast Besuch.«
Rod sah von seinem Teller auf, als er die Stimme von Cayden vernahm, der in der Verandatür stand und zu ihm und Nathan hinübersah. Dann tauchte eine Frau von 1,75m in der Tür auf, deren dunkelbraunen Haare ein wenig zerzaust wirkten auf die Entfernung. Er blinzelte. Nein, das konnte nicht sein, was wollte sie hier.
»Hey was das? Rod hast du eine Freundin? Ist ja ein scharfes Gestell.« Nathans Hand landete auf seiner Schulter und er verschluckte sich hustend am Fleisch. Grund war allerdings nicht der Schlag von Nathan, sondern die Frau, die näherkam, da er sich mit jedem Meter sicherer war, sie zu kennen. Sie war es. Nach Luft ringend stand er mit der Gabel in der Hand auf und ging auf die Frau mit den dunkelbraunen Haaren zu, die er in den letzten Monaten viel u oft gesehen hatte.
»Was wollen Sie hier?«, fuhr er sie wütend an, ehe er sie erreicht hatte.
»Das ist aber nicht unbedingt die feine Englische Rod.« Caydens Tadel bedachte Rod mit einem zornigen Schnauben.
»Ich wollte Sie um Hilfe bitten Mister Rodriguez«, brachte die Frau fast heiser hervor und es war ihr sichtlich unangenehm, das alle Augen auf sie gerichtet waren.
»Bitte was wollen sie?« Rod konnte das laute ironische Lachen nicht mehr unterdrücken.
»Sie um Hilfe bitten.«
»Sie mich um Hilfe bitten? Reichen die 400 Dollar nicht? Raus, verschwinden Sie Miss Roberts.« Sein Blutdruck stieg an. War diese Person noch bei Trost? Dass seine Kollegen und selbst die kleine Samira ihn geschockt ansahen, als er mit der Gabel bewaffnet auf die wesentlich kleinere Frau zuging, ignorierte er. Was fiel ihr ein. Hatte sie nicht Besseres zu tun, als ihn zu belästigen?  
»Rod beruhig dich.« Syrell tauchte wie aus dem nichts neben ihm auf und wollte ihn an der Schulter fassen. Doch seine Sinne waren so gereizt, dass der die Hand des Indianers kommen sah und ihr auswich.
»Fass mich nicht an und Sie verschwinden hier.« fuhr er die dunkelhaarige Frau an die mehrere Schritte zurückwich, als er vor ihr stehen blieb.
»Bitte Mr. Rodriguez. Ich weiß nicht, wenn ich sonst um Hilfe bitten soll.« Flehend sah sie ihn an und Tränen rollten über ihre Wangen.
Schnaubend sah er sie an. Bildetet sie sich wirklich ein das er seine Meinung änderte, weil ein paar Tränen flossen? Seit Monaten sah er sie immer wieder, in ihrem dunkeln Hosenanzug, wenn sie bei Gericht den Saal mit einem Grinsen verließ und nun stand sie vor ihm und wollte ihm um Hilfe bitten? Nie im Leben, darauf würde er nicht reinfallen. Wahrscheinlich war das ein weiterer Versuch, um an sein Geld zu kommen. Er bereute es bitter, das er sie bei ihrer Befreiung auf ruppige Art zum Schweigen gebracht hatte, aber das sie sich mit einer Entschuldigung von seiner Seite nicht abgegeben hatte, empfand er als bodenlose Frechheit, vor allem da er ihr das Leben gerettet hatte. Sollte es vielleicht sogar in Mode kommen, dass man Lebensretter verklagte, weil ein Nagel abgebrochen war? Sollte das der Fall sein, würde er seinen Job niederlegen.
»Bitte, Mr. Rodriguez. Bitte.« Immer mehr Tränen stiegen der Frau in die Augen und bei einem kurzen Blick zur Seite sah er wie Sean, der neben Bear am Grill stand und die Augen seltsam zusammenkniff.

 

 

5

Da stand er nun vor ihr. Eine Gabel in der Hand und einen Gesichtsausdruck, der vor Hass nur so strotzte. Verdammt, was hatte sie sich dabei gedacht aus gerechnet ihn zu fragen? Vorsichtig machte sie einen weiteren Schritt nach hinten. Der Mann, der sie an der Tür in Empfang genommen hatte, stand nun bei den anderen am Grill und hielt eine dunkelhaarige etwas kräftigere Frau am Arm fest. Wollte sie ihr helfen? Lyndsay schluckte. Sie stand mitten zwischen Soldaten. Vor ihr der Mann, der sie vor Monaten aus dem Dschungel von Guatemala gerettet hatte. Es war die dümmste Entscheidung ihres ganzen Lebens gewesen, ihn zu verklagen. Ihr Vater hatte sie immer wieder bedrängt es zu tun, schließlich war es die Aufgabe eines Soldaten Leben zu retten und nicht Leben in Gefahr zubringen, in dem man Menschen erwürgte. Aber nein, ihr Vater war nach dem ersten Prozess nicht zufrieden gewesen genauso wenig wie nach dem 2 und dem 3. Nun endlich war er glücklich und ihr war es eigentlich schon fast egal gewesen, wie alles ausgegangen war. Allerdings wusste sie, bis vor einigen Tagen nicht das sie jemals auf die Hilfe von Mr. Rodriguez angewiesen sein würde. Seine grüngrauen Augen bohrten sich förmlich in sie, als er noch näherkam. Nicht zurückweichen, versuchte sie sich einzureden, was bei der der Gestalt von 1,95 vor ihr nicht einfach war. Er der vor Muskeln strotzend sie sicher mit einem Handgriff umbringen konnte. Quatsch, beinah hätte sie den Kopf geschüttelt. Er würde sie nicht umbringen, so weit würde er nicht gehen. Oder doch?
Er beugte seinen Kopf zu ihr hinunter und raunte ihr ins Ohr: »Verschwinden Sie sofort.«
Lyndsay konnte weitere Tränen nicht zurückhalten, wohl aber das Schluchzen, das ihrer Kehle entweichen wollte. Wie um alles in der Welt sollte sie ihn, soweit bekommen das sie ihm wenigstens ihr Anliegen vortragen konnte.
»Raus.« Sein heißer Atem strich wie bedrohliches Feuer über ihr Ohr. Er richtete sich wieder au,f ohne sie aus den Augen zu lassen.
»Rod es reicht.«
Lyndsay zuckte zusammen, als von der Seite eine zweite dunkelhaarige Frau auf sie zukam und einen Blick auf den Indianer warf, der immer noch in der Nähe von Mr. Rodriguez stand, dessen Brustmuskeln sich unter seinem weißen Shirt abzeichneten.
»Misch dich nicht ein Poison, wag es nicht!«, fuhr er die Frau an sie neben ihr stehen blieb.
»Und ob ich es wage, überleg dir bitte mal, wie du dich aufführst.« Der Ton der Frau war ruhig und leise aber es lag soviel Nachdruck darin, dass Lyndsay seltsamerweise der Meinung war, dass man sie doch anhören würde.
»Ivy!«, knurrend machte Rodriguez einen Schritt auf die Frau zu, die keinen Zentimeter zurückwich. Lyndsay versuchte in die Gesichter zu schauen, was ihr aber nicht gelang, da sie nur noch den Hinterkopf der Frau sah, die nun schweigend vor dem Mann stand, vor dem sie reichlich Respekt hatte. Das die Frau mit den kurzen dunkeln Haaren nun nur wenige Zentimeter vor diesem Riesen stand ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen.
Wortlos drehte sie sich zu Lyndsay um und berührte ihren Arm. Erschocken zuckte Lyndsay zusammen.
»Ich fresse Sie nicht auf Miss Roberts, bei Rod bin ich mir da gerade nicht sicher. Wollen wir ein stück gehen?«
Lyndsay spähte über die Schulter der Frau zu Rodriguez, der denn Indianer ansah, als würde er ihn gleich anfallen.
»Gerne.« Sie schluckte. Vielleicht würde sie ja irgendwie eine Möglichkeit bekommen, um ihn doch noch um Hilfe zu bitten. Die Frau sah nett aus und der Indianer schien einen Plan zu verfolgen, als er den Soldaten Richtung Grill schob.
»Lasst mir was über.« Die Frau mit dem Akzent schob sie Richtung Strand, als sie den Männern am Grill einen warnenden Blick zu warf.
»Och Ivy immer doch.« Lachend wendete ein Mann von sicher zwei Metern Größe ein Steak.
Bemüht ihren rasenden Puls unter Kontrolle zu bringen warf sie einen Blick auf das Meer. Die Wellen rollten mit Schaumkronen an den Strand und in wenigen Stunden würde die Sonne untergehen. Sie schluckte und verdrängte mit letzter Mühe eine Träne, für einen Augenblick vergaß sie, dass sie nicht alleine war.
»Sie sind also Mrs Roberts. Mutig von ihnen herzukommen.«
Lyndsay sah zur Seite und bemerkte das die Frau sie nicht ansah, sondern auf das Meer blickte, als sie ansprach.
Mutig, nein es war nicht mutig, es war töricht von ihr gewesen zu glauben das der Mann, der sie beinah umgebracht hatte, ihr helfen würden. Nein, er sollte nicht ihr helfen, er sollte ihrer Freundin helfen.
»Ich habe mich noch nicht vorgestellt, Yvonne Banz.«
Die Frau drehte sich mit einem warmen Lächeln zu ihr und reichte ihr die Hand.
»Lyndsay Roberts.« Brachte sie hervor, ehe ihr Tränen über die Wangen rollte und ihr ein Schluchzen entwich.
»Was ist passiert, dass Sie ausgerechnet den Mann um Hilfe bitten denn sie seit Monaten von einem Prozess zum anderen jagen?«
Lyndsay legte den Kopf zur Seite und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sollten in dern Worten nicht vorwürfe liegen? Sie sah ihre Gesprächspartnerin an. Da war nicht mal ein vorwurfvoller Blick.
»Ich suche meine Freundin«, brachte sie mit Mühe hervor und war bemüht, wenigstens für einen Augenblick ihre Trauer zurückzuhalten.
»Da gibt es aber weit bessere Anlaufstellen als einen SEAL, der nicht gut auf sie zu sprechen ist.« ein Grinsen umspielte die Lippen von Mrs Banz, als sie ihren Blick wieder auf das Meer richtete.
»Ich weiß, aber ich hab schon alles versucht.«
»Was ist passiert Lyndsay?«
Sie schluckte.
»Meine Freundin ist vor 2 Monaten mit unserem Professor ihrer Mentorin und 2 weitern nach Guatemala aufgebrochen. Ich, also wir studieren Archäologie. Unser Professor hat ein paar Führer gefunden und wollte zu einem alten Inka Tempel. Madison hat sich regelmäßig gemeldet aber seit 3 Wochen.« eine Träne rollte über ihre Wangen »Nichts mehr, kein Lebenszeichen. Ich habe in der Uni andere Professoren gefragt, aber auch die haben nichts gehört.«
»Du weißt schon, das es da unten schwer sein kann Kontakt zur Außenwelt zu bekommen oder?«
Wieder waren keine Vorwürfe zu hören. Die Stimme war sanft und wirkte seltsamerweise beruhigend auf sie. Auch das die Frau neben ihr sie beim Vornamen nannte, störte sie nicht, es war eher angenehm, wirkte vertraut und nahm ihr ein wenig die Scheu.
»Ja, das weiß ich, und wenn ich nicht vor einer Woche dann ein Gespräch zwischen einem Mann der ganz sicher nicht zur uni gehört und meinem Geschichtsprofessor mitbekommen hätte, wäre ich wohl nicht hier, aber ich habe gehört wie der Mann erwähnte das unser Professor, meine Freundin und die anderen wohl gefangen gehalten werden.«
»Von wem weißt du nicht?«
Lyndsay schüttelte den Kopf und war nicht in der Lage ihre Tränen zu kontrollieren. Die Angst Madison nicht wiederzusehen war schrecklich. In letzter Zeit wurden immer öfter Menschen in Guatemala verschleppt und sie wusste von keinem Fall, in dem die Menschen lebend zurückgekehrt waren.
»Und nun hoffst du, dass Roderick dir helfen kann?«
Sie nickte. Wobei es sicher töricht war, zu glauben das ein SEAL in der Lage war ihre Freundin zu finden, schließlich hatte dieser Mann sicher auch etwas anderes zu tun. Außerdem war es nicht zu übersehen, dass er sie hasste.
»Komm mit.«