Leseproben

1.
»Meinst du nicht, dass Yvonne uns das übel nimmt?« Anja konnte förmlich spüren, wie die Falten auf ihrer Stirn tiefer wurden, als sie fragend zu Mick sah, der sich nicht bei seiner Arbeit stören ließ und einen weitern Heuballen in eine Futterraufe warf. Auch wenn er mehrere Meter von ihr entfernt war, so wusste sie, dass er sie gehört hatte. Seit sie vor 6 Monaten bei Mick eingezogen war, hatten auch einige Tiere die leerstehenden Ställe bezogen. Auch wenn Mick sein Geld immer noch mit dem Anfertigen von teuren Möbeln verdiente, so war die kleine Rinderherde etwas, wovon er sich ein Zubrot versprach. Biofleisch von Biorindern. Anja verzog den Mund bei dem Gedanken das eines der kleinen Kälber, die vor wenigen Wochen geboren waren und wie kleine Teddybären aussahen, irgendwo in einer Fleischertheke enden könnte.
Ein dumpfes Bellen ließ sie über die Schulter schauen wo Artus, Micks Hund, mürrisch eine Katze anstarrte, die provozierend vor ihm auf und ab lief. Der große dunkle Bernersennen Bernhardiner Mix könnte das ungeliebte Katzentier mit einem Satz verscheuchen, oder sogar verschlingen, war aber zu faul, um aufzustehen. Kopfschüttelnd über den trägen Hund sah sie wieder zu Mick, der seelenruhig über den Kopf eines riesigen Bullen strich. Anja lief ein Schauer über den Rücken. Mit den Kühen hatte sie sich abgefunden aber dieser gewaltige rotbraune Bulle mit seinen langen Hörnern machte ihr Angst. Mick hatte ihn liebevoll Zorro getauft und so wohl gehofft das sie eine Beziehung zu ihm aufbauen würde aber das würde nie passieren. Mick konnte ihr noch so oft versprechen, dass das schwere Tier harmlos war, sie würde ihm nicht zu nahe kommen. Zwischen ihr und dem Bullen würde es immer einige Meter Abstand und einen soliden Zaun geben. Auch wenn er von weitem noch so flauschig aussah. Mick meinte, Highlander wären die gutmütigsten Rinder schlechthin. Sie hingegen kannte Highlandern bezüglich nur einen Spruch. Es kann nur einen geben, und sie war nicht darauf erpicht zu erfahren, was geschah, wenn Zorro seine Hörner einsetzen würde, um diesen einen zu finden.
»Nein, warum sollte sie?«
Erschrocken zuckte sie zusammen, als Mick plötzlich vor ihr stand und sie nur noch durch den Stacheldrahtzaun getrennt waren.
»Na, ich meine, dass ich ihr auch persönlich davon erzählen könnte. Also dass ich ihr den Termin ja schon mal sagen kann.« Sie legte den Kopf zur Seite, sah kurz Mick an und ließ dann ihren Blick über seine Schulter schweifen, wo sie Zorro entdeckte. Der Bulle stand an der Futterraufe und schob eine Kuh zur Seite, die ebenfalls fressen wollte. Typisch Kerl schoss es ihr durch den Kopf.
»Hey, ich dachte, du willst mich heiraten und nicht den Dicken hinter mir.« Micks Hand legte sich sanft an ihre Wange und zwang sie so den Blick von dem Tier zu lösen.
»Ja, will ich auch.« Sie blieb an seinen grünbraunen Augen haften. »Ich würde es ihr gerne am Telefon sagen. Was machen wir, wenn sie nicht da ist, wenn die Post ankommt? Oder sie gerne alle mitbringen will?«
»Sie wird sich melden, wenn sie die Einladung erhalten hat, ganz sicher und das sie zurzeit in San Diego ist, weißt du doch, sonst würdet ihr nicht soviel telefonieren. Selbst wenn sie auf eine Mission müsste, würde Karen sich sicher melden, oder glaubst du ernsthaft, dass Karen es sich nicht zur Aufgabe macht regelmäßig nach den Wohnungen zu sehen?« Lächelnd strich Mick ihr über die Wange.
Der Gedanke das ihre beste Freundin und seine Schwester ihrer Trauung nicht beiwohnen konnten versetzte ihr einen Stich. Sie würde Mick auf keinen Fall heiraten, wenn Yvonne nicht dabei war.
»Und du hälst dich an dein Versprechen, dass wir uns dann einen anderen Termin suchen werden? Ich will nicht ohne Ivy heiraten.« Auch wenn er es ihr bereits gefühlte tausend Mal versichert hatte, so wollte sie es nochmals von ihm hören.
»Ja dann suchen wir uns einen anderen Termin und nein, du rufst sie nicht an. Sie weiß, dass wir uns verlobt haben. Das wusste sie 5 Minuten nach meinem Antrag.« Gespielt vorwurfsvoll sah er sie an und sie wollte ertappt zu Boden sehen, aber er verhinderte, dass sie sich von ihm abwenden konnte, indem er ihr Gesicht mit seinen nach Rind riechenden Händen gefangen hielt. »Jetzt überraschen wir sie mal, okay?«
Einen mürrischen Ton ausstoßend nickte sie und war sich nicht sicher, ob sie wirklich so lange warten konnte. Ob es ihr gelang Yvonne nichts zu verraten, wenn sie telefonierten oder ob es ihr irgendwann einfach herausrutschen würde.
»Danke.« Mick trat näher an den Zaun, legte seine Hände in ihren Nacken und zog sie so an sich. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, als sein Mund langsam näherkam. Wie ein Wundhauch legten sich seine Lippen auf ihre und seine Zunge begann, sanft um Einlass zu bitten. Ein angenehmer Schauer lief ihr über den Rücken und sie wollte Mick zurückhalten, als er sich von ihr löste. Erst als sie sah, warum Mick einen Schritt zur Seite ging, zuckte sie zusammen. Zorro stand nur wenige Zentimeter neben Mick und schob ihn zur Seite.
»Hey Dicker, das ist meine Frau«, lachend trat Mick zur Seite und Anja machte einige erschrockene Schritte zurück.
»Hey, er wird dich nicht fressen, der ist erwiesener Maßen Vegetarier.« Mick kletterte lachend zwischen den Drähten hindurch, um den Annäherungsversuchen des tonnenschweren Tieres zu entgehen.
»Fressen nicht, aber erdrücken.« Sie beobachtete, wie Mick wieder auf sie zukam.
»Du magst doch starke Kerle mit vielen Muskeln«, grinsend zog er sie wieder na sich. Doch jetzt war da kein mit Nadeln besetzter Draht mehr, der sich bei einer falschen Bewegung in ihren Bauch bohren konnte. Willig ließ sie sich in eine enge Umarmung ziehen.
»Aber nicht so Haarige.« Warf sie ein und es gelang ihr ihre Lippen auf seine zu legen, ehe er ihr erneut erzählen würde, dass Zorro weit mehr Muskeln besaß, als jeder SEAL den sie je gesehen hatte. Mit diesem Vergleich zog er sie immer wieder auf und wollte ihr so wohl die Angst vor dem zotteligen Tier nehmen.
Micks Hände wanderten an ihren Hintern, während sie ihre Finger auf seinem Rücken vergrub. Sein Atem strich heiß an ihrem Hals entlang und sie vergaß einen Moment ihre Sorgen. Sie hatte tatsächlich den Mann gefunden, den sie nie wieder gehen lassen wollte, und das nur, weil ihre beste Freundin in Afghanistan in gewaltige Schwierigkeiten geraten war. Wäre Yvonnes erster Einsatz planmäßig verlaufen, hätte sie nie mitten in der Nacht Mick angerufen und wäre auch nie auf die Idee gekommen, zu ihm zu fahren.
Micks Zunge forderte Einlass, den sie ihr willig gewährte. Seit sie Mick kannte, fühlte sich alles so richtig und perfekt an, das es nicht besser sein konnte. Einzig der Umstand, dass Yvonne tausende Kilometer entfernt war, wenn sie Sorgen und Probleme hatte, brachte an einigen Tagen dunkle Wolken in ihr Leben. Diese verflüchtigten sich aber immer wieder, wenn sie endlich telefonieren konnten. Die Freundschaft zu Yvonne war etwas ganz besonders und auch das Verhältnis zu ihrem Freund und den andren Mitgliedern des Teams der I.A.T.F war freundschaftlich. Zu gerne würde sie Yvonne wieder besuchen, aber die Kosten für einen Flug nach San Diego waren nicht gerade gering und das Loch, das ihr letzter Besuch in die Kasse gerissen hatte, war gerade gestopft. Jetzt war erst die Hochzeit geplant, dann irgendwann würde sie Yvonne wieder besuchen. Dann aber in Ruhe, und ohne dass sie Stunden in Angst verbringen, müsste. Dann wollte sie sich von Yvonne San Diego zeigen lassen und das kleine Haus, dass Yvonne und Syrell sich gekauft hatten, nachdem sie bei einem Anschlag ihr Zuhause verloren hatten. Und sie würde Karen Baker besuchen. Die Haushälterin des Teams war ihr innerhalb weniger Tage sehr an Herz gewachsen. Ohne Karen wäre Anja Amok gelaufen in der Zeit, als ein ehemaliger Kollege des Teams ihre Freundin gekidnappt hatte und niemand wusste, ob man sie lebend finden würde.
»Hey, du träumst ja.« Micks leises Lachen ließ sie blinzeln. Er hatte sich von ihr gelöst, ohne dass sie es gemerkt hatte. Sie schüttelte kurz den Kopf.
»Nein, ich habe nur ...« sie geriet ins Stocken. Ja, was hatte sie?
»Hast du wohl.« Micks Mundwinkel bogen sich nach oben und kleine Grübchen bildeten sich in seinem Gesicht. »Lass uns reingehen. Ich hab Hunger.« Er legte einen Arm um ihre Taille und sie ließ sich widerstandslos von ihm mitziehen. Arthus erhob sich schwerfällig und folgte ihnen trottend.
»Du hast einen vergessen.« Anja warf einen Blick über die Schulter, sprach aber nicht Arthus an, der sie mit seinen treuen Augen musterte, sondern Mick, der einfach weiterging, obwohl der Hund ein tiefes Bellen von sich gab.
»Der kann auch warten, bis ich uns was gekocht habe.« Mick lachte auf »Außerdem fällt dann ja vielleicht was für ihn ab, dass nicht aus der Dose kommt.«
»Hast du gehört? Der Boss macht dir ein Leberwurstbrot.« Anja löste ihren Blick von Arthus und betrat gemeinsam mit Mick das Haus. Dass es seine schwarzen Stiefel unkonventionell von seinen Füßen strich und dann mit einem Rumpeln in die Ecke des kleinen Raumes beförderte, in dem sie standen, ließ sie genervt aufseufzen. Der Dreck, der eben noch unter den Sohlen gehaftet hatte, war nun in großen Stücken auf die cremefarbenen Fliesen gebröckelt.
Der Raum war keine 9qm groß und jede einzelne Ecke war mit dreckigen Schuhen und Klamotten gefüllt.. Die Wände hatten einen blauen Anstrich, auf dem ein Muster aufgebracht war, dass mit Sicherheit älter war als Mick. Irgendwann würde sie ihn davon überzeugen, dass dieses kleine Kabuff dringend eine Renovierung benötigt. Seine Jacke flog auf einen alten Holzstuhl und Sand fiel aus seinen Hosentaschen, als er auch diese auszog. Unbewusst fuhr sie sich bei dem Anblick der muskulösen Beine mit der Zunge über die Lippen. Langsam ließ sie ihren Blick von seinen Waden über seine Oberschenkel bis hin zu seiner Brust wandern. Auch wenn sie seine Bauchmuskeln gerade nur erahnen konnte, wusste sie das sich unter dem dunkelblauen Hemd ein Sixpack befand, welches man mit den Fingern nachzeichnen konnte. Verträumt nagte sie an ihrer Unterlippe, als sie darüber nachdachte, wie sich seine Haut anfühlte.
»Soll ich mich ganz ausziehen?« Mick ließ seine Muskeln spielen und drehte sich um die eigene Achse.
»Wenn du das machst, gibt es weder für uns noch für den Hund was zu essen.« Anja konnte sich durchaus vorstellen, das Essen ausfallen zu lassen und dann den Abend mit Mick im Bett zu verbringen. Das Klingeln des Telefons sorgte jedoch dafür, dass sie ihren Gedanken fürs Erste verwarf. Auch die Reaktion ihres Verlobten deutete an, dass er wenig gewillt war, nun ans Telefon zu gehen. Schnaubend ging er an ihr vorbei durch die alte Holztür in den Flur. Seufzend tauschte Anja ihre Schuhe gegen weiße Plüschschuhe und betrat ebenfalls den Flur mit den kleinen gelben und blauen Fliesen. Hier war die Zeit wirklich stehen geblieben. Die Tapeten mit den großen Ährenmustern waren gut und gerne 30 Jahre alt und die Fliesen brachten es sicher auf 50 Jahre. Renovieren schoss es ihr wieder durch den Kopf. Sie mussten dringend den alten Muff aus dem Haus bekommen. Sie wollte die Küche betreten, zögerte aber, als sie Micks aufgebrachte Stimme vernahm. Skeptisch machte sie einige Schritte zurück, Richtung Wohnzimmer, an dem sie vorbeigekommen war, um Mick besser verstehen zu können. Wütend redete er im Wohnzimmer auf seinen Gesprächspartner ein und schnell wurde ihr klar, dass es seine Mutter war, die für seine gereizte Stimmung sorgte. Tief ausatmend überlegte sie, ob sie zu ihm gehen, oder lieber warten sollte, bis er das Gespräch beendet hatte.
Die Eltern von Mick und Yvonne waren alles andere als einfach, wobei sie immer das Gefühl hatte, das sie das Leben ihres Sohnes weit mehr unterstützten, wie das ihrer Tochter. Yvonne hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen, da sie einen Job ergriffen hatte, der ihnen nicht passte und dazu einen Mann an ihrer Seite hatte, der ihnen ebenso wenig gefiel. Anja hatte Micks Eltern bisher nur einmal getroffen und war positiv überrascht gewesen. Zumindest bis zu dem Moment als Yvonne zur Sprache kam. Margit Banz hatte sich begeistert darüber geäußert, dass ihr Sohn eine so bodenständige Frau gefunden hatte. Das ältere Ehepaar hatte ihnen Hilfe bei der Organisation der Hochzeit zugesagt und sich mehrfach dafür entschuldigt, dass sie so lange den Kontakt zu ihrem Sohn gescheut hatten. Es wurden ruhig Dinge besprochen, die weit vor Anjas Zeit passiert waren und sie war kurz der Meinung gewesen, dass ein normales Familienleben mit seinen Eltern möglich sein könnte. Wenn dann nicht der Satz von ihrem Verlobten gekommen wäre, dass sie nur heiraten würden, wenn Yvonne auch dabei sein könnte. In diesem Augenblick explodierte eine Zeitbombe.
»Also ich bin noch eine Bleistiftlänge davon entfernt, sie auszuladen.« Mick kam mit vor wutfunkelnden Augen auf sie zu.
»Wieder wegen Yvonne?« Eigentlich hätte sie sich diese Frage auch verkneifen können. Natürlich ging es um Yvonne. Wenn es ein rotes Tuch in der Familie gab, in die sie einheiraten wollte, dann war es die Polizistin.
»Ja, sie wollen das wir auch heiraten, wenn sie nicht hier sein kann, außerdem hat mein Vater mir eben dazu geraten das Haus zu verkaufen, da es nur kosten verursacht. Ich soll Ivys Sachen einfach in die Altkleidersammlung tun und die Möbel verschenken.« Er ließ den Kopf in den Nacken fallen und starrte die Decke an.
»Bitte was? Ich werde dich nicht heiraten, wenn Yvonne nicht hier ist und das Haus wirst du nicht verkaufen. Notfalls zieh ich da ein, oder du vermietest es. Aber auf keinen Fall wird es verkauft oder irgendetwas von den Sachen die dort noch sind entsorgt.« Entrüstet stemmte sie die Hände in die Hüften.
»Ich habe doch gar nicht vor das zu tun was meine Eltern wollen, Maus.« Er griff nach ihrer Hand und zog sie an sich. »Ich würde das Haus nie verkaufen. Vermieten vielleicht, aber ich würde es nicht verkaufen. Wer weiß, vielleicht ziehen da irgendwann unsere Kinder ein.« Ein schelmisches Lächeln umspielte seine Lippen. Schweigend schüttelte Anja den Kopf. Kinder waren zwar geplant aber der Gedanke daran, dass diese irgendwann in das kleine Haus ziehen würden, war so weit weg, dass sie ihn nicht greifen konnte. Zurzeit lebte ein alter Freund von Mick in Yvonnes ehemaligem kleinen Heim. Rainer Becht war vor drei Wochen bei ihnen aufgetaucht und hatte Mick gefragt, ob er ihm für einige Wochen eine Unterkunft bieten könnte, da seine Frau ihn rausgeworfen hatte und er nicht gewillt war, wochenlang in seinem 40 Tonner zu nächtigen. Auch wenn Mick anfangs gezögert hatte, da er Rainer über 15 Jahre nicht gesehen hatte, so hatte er schließlich zugesagt. Anja wusste nicht, was sie von dem Mann mit den langen ungepflegten Haaren und dem wild wuchernden Bart halten sollte. Bisher war er zweimal auf einen Kaffee bei ihnen gewesen. Er machte einen netten und ruhigen Eindruck und trotzdem war da immer ein seltsames Gefühl. Mick verschwand abends oft zu ihm und kam erst Stunden später angetrunken zurück.  In Gedanken versunken folgte sie Mick in die Küche, wo ihr bereits der Duft von Kaffee entgegenwehte.

2
Tief ausatmend ließ Yvonne sich auf das Sofa sinken. Jeder Knochen schmerzte, aber was noch schlimmer war, als dieser Schmerz, war das Gefühl in ihrem Kopf, dass ihr sagen wollte, dass jede weitere Information dafür sorgen würde, dass ihr Kopf platzen könnte. Den ganzen Tag hatte Rafael sie mit Gesetzestexten und anderen Formalitäten gequält und nun war sie der Meinung, dass bereits eine einzige Feststellung von Syrell, ihre Aufnahmefähigkeit sprengen könnte.
Sie schloss die Augen und lauschte auf die Geräusche im Haus. Sie konnte Syrell hören, der an der Küchenzeile die Post sortierte und das leise Ticken der Wanduhr. Mehr war da nicht. Sie hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass sie nur zu zweit in dem Haus waren. Da waren keine dutzende Fußpaare, die irgendwo herumliefen. Keine Gespräche, die sie von dem ablenken wollten, was sie gerade tat und niemand, der ihr nun einen Kaffee anbot.
»Hey, das stimmt nicht. Ich mache dir gerne einen.« Syrell kam von der Seite auf sie zu und sie konnte spüren, wie seine Präsenz sich schützend und beruhigend um sie legte. Auch wenn er ihr einen Kaffee machen würde, an manchen Tagen fehlte ihr der Trubel der Villa, die Nähe der anderen Teammitglieder und das gute Essen von Karen. Auf der anderen Seite genoss sie auch die Ruhe und das Zusammensein mit Syrell. Die Wohnung war ein Traum und hatte das besondere Etwas. Schon beim Ersten betreten hatte sie gespürt, dass dieser Ort, der einzig richtige für sie in San Diego war. Es hatte sich angefühlt, als wäre sie nach einer langen Reise endlich daheim angekommen. Syrell sank neben ihr auf die Couch.
»Schau mal, du hast Post.«
Blinzelnd öffnete sie die Augen und sah direkt auf einen quadratischen beigefarbenden Umschlag. Zögernd ergriff sie ihn, als sie die Handschrift auf der Vorderseite erkannte. Eigentlich hätte sie ihn nicht umdrehen müssen, sie tat es trotzdem. Er war von ihrer besten Freundin und in ihr keimte ein leiser Verdacht dessen auf, was sie dort vorfinden würde. Mit leicht zitternden Fingern öffnete sie den Umschlag und zog eine runde Karte heraus, die wie eine Parkscheibe aufgebaut war. Es gab ein kleines Fenster, hinter dem sich eine Scheibe drehen ließ. Mit jedem Mal drehen, bekam man eine neue Information. Als Erstes stand dort Wir trauen uns. Yvonne schnappte nach Luft und sah zu Syrell, der sich lächelnd zurückgelehnt hatte, um besser sehen zu können, was sie sah. Langsam drehte sie die Scheibe weiter Anja Ringe und Mick Banz.
»Das gibt es nicht. Warum hat sie nie etwas gesagt?« Fassungslos drehte sie die Scheibe weiter und erhielt ein Datum. »Das ist in einer Woche.« Kopfschüttelnd drehte sie weiter und erhielt die Adresse einer Gaststätte, die sie noch aus Kindertagen kannte. Als Letztes war Anjas Handynummer aufgelistet und eine kleine handgeschriebene Notiz. Du kannst gerne alle mitbringen. Wenn du nicht kannst, verlegen wir die Hochzeit. Ruf mich an. Die letzten Buchstaben waren kaum noch zu lesen, da der Platz nicht ausgereicht hatte, um deutlich zu schreiben. »Ich fasse es nicht.« Ungläubig sah sich nochmals alle Daten an. »In einer Woche Sy.«
»Tja, da würde ich sagen wir buchen einen Flug, nehmen uns Urlaub und besuchen deine alte Heimat.« Syrells Lippen legten sich auf ihre Wange und er gab ihr einen kurzen Kuss, ehe er aufstand.
»Wo willst du hin?« Verwundert sah sie ihn an.
»John anrufen, Urlaub einreichen und dann einen Flug buchen.« Ein Schmunzeln umspielte seine Lippen. Das ging ihr gerade etwas zu schnell. Sie hatte das Gefühl, dass Syrell bereits vor ihr von der Hochzeit erfahren hatte.
»Moment, wusstest du davon?« Träge von dem langen Tag setzte sie sich auf.
»Nein, ich wusste nichts davon, es war nur eine Vermutung nach den vielen Gesprächen, die ihr in letzter Zeit geführt habt.«
Yvonne stieß den kurz angehaltenen Atem laut aus, während sie Syrell beobachtete, der bereits das Mobilteil des Telefons in der Hand hielt.
Hatte sie Anja in den letzten Wochen nicht zugehört oder waren ihr wichtige Dinge entgangen, wenn sogar Syrell damit gerechnet hatte, das Anja und Mick heiraten würden. Okay, sie legte nachdenklich den Kopf zur Seite und starrte den Kamin an. Die beiden hatten ihnen vor einigen Monaten mitgeteilt, dass sie sich verlobt hätten, aber damals gab es noch nichts, was auf eine Hochzeit hingedeutet hätte. Seufzend schob sie ihre Füße über das Parkett, bis ihr Beine komplett ausgestreckt waren. Nach einer Verlobung kam logischerweise eine Hochzeit, aber warum hatte Anja in den letzten Wochen nicht ein Wort darüber verloren? Sie würde, sobald Syrell John angerufen hätte, Anja anrufen und ihr sagen, dass ... ja, was wollte sie ihr sagen?
Dass sie es nicht Okay fand, wenn sie nicht informiert wurde? Irgendwie fühlte sie sich übergangen. Anja war ihre beste Freundin auch nach zwei Jahren noch. Auch, oder erst recht, weil sie seit zwei Jahren nicht mehr in Deutschland gewesen war. Allein über die Telefonate pflegten sie ihre Freundschaft. Wenn sie von Anjas Besuch vor Monaten absah, den weder sie noch ihre Freundin hatte genießen können, hatten sie sich ewig nicht gesehen. Sorgte die Entfernung von San Diego nach Deutschland nun dafür, dass ihre Freundschaft auseinanderdriftete? Wurde sie nicht einmal angerufen, wenn ihr Bruder und ihre beste Freundin sich für einen Termin für ihre Hochzeit entschieden hatten? Das war doch das mindeste, was sie erwarten konnte, oder nicht? Grübelnd wanderte ihr Blick von dem leeren Kamin, der ihr gegenüberstand, zu der großen Terrassentür die in ihren Garten führte. Draußen begann es zu dämmern und die untergehende Sonne hatte tiefrote Streifen an den Horizont gemalt. Ihre Gedanken entglitten ihr und sie erinnerte sich an das letzte Telefonat mir Anja. Sie hatte ihr wiedereinmal von einer jungen Kollegin erzählt, mit der sie in letzter Zeit fast täglich vor oder auch nach der Arbeit gemeinsam Kaffee trank und wie es sich anhörte, auch gerne mit ihr telefonierte. Umso länger Yvonne darüber nachdachte, desto schmerzlicher wurde es. Legte Anja keinen wert mehr auf ihre Freundschaft?
»Hey, du bist ja eifersüchtig.« Syrell fiel wie ein Stein neben ihr auf die Couch.
Ein leises Brummen ausstoßend nickte sie. Er hatte recht, sie fühlte sich übergangen und bildete sich ein, dass Anja sie einfach gegen eine andere beste Freundin eingetauscht hatte.
»John gibt uns eine Woche Urlaub. Wir können in fünf Tagen fliegen«, erklärte Syrell ihr gelassen.
»Hm.« Sie starrte weiter aus der Glastür in den Garten, wo man nun eine Reihe kleiner Solarlampen erkennen konnte. Es dauerte einige Minuten ehe sie begriff das Syrell ihr das Telefon reichen wolte, damit sie Anja anrufen konnte.Sollte sie wirklich anrufen? Es war 5 Uhr am Morgen in Deutschland und sie wusste, das Anja jeden Tag gegen 7 aufstand. Da würde eine Störung um 5 Uhr sicher nicht positiv aufgenommen werden. Zumindest konnte sie es nicht leiden, wenn sie früher als geplant aus dem Bett gerissen wurde.
»Dann essen wir erst was, und dann rufst du sie an.« Er zog die Hand mit dem Telefon grinsend zurück.
»Kannst du mal kurz aus meinem Kopf rausbleiben?« Sie sah auf und ließ sich von seinen braunen Augen gefangen nehmen die sie amüsiert anfunkelten. Schweigend legte er den Kopf zur Seite und sie wusste, was er dachte. Es war ihr kaum möglich nicht zu wissen, was er dachte und da es ihm ähnlich ging, konnten sie sich oft die Worte sparen, die sie sprachen. Verträumt sah beobachtete sie, wie er zurück zur Küchenzeile ging, den Kühlschrank öffnete und dabei ein leises Stöhnen ausstieß. Sie wusste, dass dort seit Tagen Ebbe herrschte und das sich nichts daran ändern würde, wenn sie jeden Tag völlig erledigt von der Base heimkommen würde. Das war einer der Gründe, warum sie Karen so sehr vermisste. In der Villa hatte es nie einen leeren Kühlschrank gegeben. Irgendetwas war immer da gewesen, was man sich kurz in den Backofen oder die Mikrowelle hatte schieben können, wenn man kaum noch in der Lage gewesen war, seinen eigenen Namen auszusprechen. Karen hatte sie so oft vor dem hungertot bewahrt. Ohne Karen war es, als wäre hinter der Kühlschranktür ein schwarzes Loch, das alles in sich hineinsog, was man hineinstellte.
Träge erhob sie sich und verließ das Zimmer.
»Die Handtücher sind noch auf dem Wäscheständer«, rief Syrell ihr nach, als sie die Badezimmertür bereits geöffnet hatte. So ein Mist! Wieder ein Moment, den es in der Villa nie gegeben hatte. Langsam schlich Yvonne mit schmerzenden Beinen die Treppe hinauf in das Zimmer, welches von dem Vorbesitzer des Hauses als Kinderzimmer genutzt worden war. Nun gab es in dem Zimmer nur drei Wäscheständer, die nur darauf warteten, dass jemand kam und die Wäsche dorthin zurückbrachte, wo sie hingehörte. Yvonne war klar, dass die Sachen bereits seit Tagen trocken waren, aber sie hatte sich noch nicht aufraffen können sie in die Schränke zu räumen, die im Schlafzimmer nebenan standen. Mit einem Handtuch und frischer Wäsche in der Hand schloss sie wenige Minuten später die Badezimmertür hinter sich. Das heiße Wasser der Dusche tat gut und ihre verkrampften Muskeln entspannten sich langsam wieder. Sie begann zu verstehen, warum die anderen Teammitglieder in letzter Zeit immer wieder sagten, sie würden gerne wieder in einen Einsatz gehen und sei es nur eine Trainingsmission. Sie bildete sich ein, das eine Mission nur halb so anstrengend war, wie das Training der letzten Tage und Wochen. Die Einheiten am Strand, auf dem Parcours und in den Schwimmbecken war neben den stundenlangen Unterrichtseinheiten der blanke Horror. Noch nie hatte sie so viele Paragraphen gepaukt wie in der letzten Zeit.
Mit geschlossenen Augen ließ sie sich das heiße Wasser über das Gesicht laufen. Erst Minuten später, als Syrell an die Tür klopfte, drehte sie das Wasser wieder ab und stieg aus der Dusche. Der Raum war mit einem Dunstnebel gefüllt, der sich auch am Spiegel niedergeschlagen hatte.
»Kleines, dass essen ist da.«
Sie konnte hören, wie er wieder verschwand, und wunderte sich, dass sie das Klingeln an der Tür nicht gehört hatte. Wann hatte er etwas zu essen bestellt und vor allem, für was hatte er sich heute entschieden? Am Tag zuvor war es Indisch von einem Lieferservice gewesen, dass leider fast kalt bei ihnen angekommen war und trotzdem ein halbes Vermögen gekostet hatte. Mit der Hand strich sie den Dunst vom Spiegel und was sie sah, ließ sie aufstöhnen. Ein müdes Gesicht blickte ihr entgegen und schrie förmlich nach Urlaub. Aber ob eine Woche in Deutschland ausreichend war und ob es überhaupt so etwas wie Urlaub werden würde, wusste sie nicht.
Zehn Minuten später trat sie verblüfft in die Küche, wo ein dampfender Topf auf dem Herd standen und Lyndsay mit einem großen Holzlöffel den Inhalt umrührte. Die fünfundzwanzigjährige dunkelhaarige Frau sah sie lächelnd an.
»Hey Ivy. Rod meinte, dass ihr vielleicht Hunger habt. Ich habe viel zuviel Chilli con Carne gemacht. Außerdem haben wir uns lange nicht gesehen.« Sie umrundete die freistehende Küchenzeile.
»Na, so lang ist es auch nicht her.« Yvonne umarmte Lyndsay freundschaftlich. »Schön das ihr hier seid. Sind die Männer draußen?« Sie warf einen kurzen Blick aus den großen Terrassenfenstern, konnte aber niemanden sehen.
»Ja, die holen noch das Bier aus dem Wagen, Rod meinte, ohne Bier dürfen wir nicht herkommen.« Lyndsay eilte wieder zum Topf, wo man ein leises blubbern hören konnte. Das Chilli kochte bereits wieder.
»Ihr könnt jederzeit auch ohne Bier kommen. Ich deck mal den Tisch.« Kopfschütteln über Rods Meinung griff Yvonne in einen der Hängeschränke und nahm Teller mit an den Esstisch, der in der Ecke des Wohnzimmers meist ein einsames Leben fristete.

Eine dreiviertel Stunde später lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen. So gut hatte sie seit Wochen nicht gegessen. In ihren Gesprächen war mehrfach der Vorschlag gefallen das Lyndsay gemeinsam mit Karen ein Cateringservice gründen und so das Team versorgen könnte. Leider war es Rod, der diesen Vorschlag schnell niedergemacht hatte, so das die Hochzeit von Anja in den Mittelpunkt gerückt war. Rod hatte Anja zwar nur flüchtig kennengelernt, freute sich aber spürbar für das Paar in Deutschland. Yvonnes Gedanken drifteten immer weiter ab. Die Müdigkeit griff erbarmungslos nach ihr.
»Hey Kleines, wolltest du nicht noch telefonieren?« Syrells Stimme riss sie aus dem Dämmerzustand und das Erste, was sie sah, war Rods breites Grinsen, der darüber amüsiert war, dass sie um ein Haar auf dem Stuhl eingeschlafen wäre.
»Ich sag ja, Sean ist ein Sadist Ivy. Er macht sich einen Spaß daraus uns zu quälen und zu sehen, wie wir am Abend tot ins Bett fallen, während er die Bars unsicher macht.« Rod kippelte auf seinem Stuhl und nippte an seinem Bier.
Yvonne erwiderte nichts auf die Feststellung. Sie erhob sich und ging auf die Küchenzeile zu, wo das Mobilteil des Telefons auf der schwarzen Arbeitsplatte lag. Sie bekam nur noch am Rande mit wie Syrell und Rod sich über Nuyen unterhielten, der seit kurzem mit Cayden auf dem Schießplatz trainierte. Der Marine machte sich auf dem Schießplatz und beim Training sehr gut, was ihm nicht lagen waren Paragraphen. Die anderen Drei beobachtend, wie sie Bier tranken, lauschte sie dem Freizeichen.
Es dauerte lange, bis in Deutschland jemand ihren Anruf annahm aber die Freude am anderen Ende der Welt, war nicht zu überhören.
»Schnecke lass mich raten der Brief ist angekommen, was sagst du? Kommt ihr?« Anja fiel mit dutzenden Fragen über sie her, die von der Einladung bis hin zu Caydens verletztem Arm reichten.
»Langsam Anja. Ja, er ist angekommen, und ja wir kommen, aber warum hast du mir nichts gesagt.« Yvonne drehte sich zum Herd um, was nichts daran änderte, dass sie spüren konnte, wie die Blicke von Syrell, Rod und Lyndsay auf ihr lagen. Sie wollte den anderen nicht zeigen, wie sehr es sie schmerzte, dass sie nur eine schriftliche Einladung bekommen hatte und nicht schon viel früher eingeweiht worden war.
»Mick wollte dich überraschen.« Anja klang verunsichert.
»Überrumpeln trifft es wohl eher.« Yvonne biss die Zähne zusammen. So hatte das nicht klingen sollen. Sie wollte ihrer besten Freundin keine Vorwürfe machen. Aber es hatte sie wirklich getroffen diese Karte plötzlich in der Hand zu halten und nicht einmal mit Anja über die Hochzeit gesprochen zu haben, dabei dachte sie, beste Freundinnen würden sich alles erzählen und auch alles gemeinsam planen. Egal wie viele tausend Kilometer zwischen ihnen lagen. Jetzt fühlte sie sich übergangen, traute sich aber nicht Anja das direkt zu sagen. Sie wollte sie nicht verletzen, sie wollte ihr den Moment gönnen und vielleicht war wirklich Mick Schuld, dass sie nicht schon viel früher eingeweiht worden war.
»Mick wollte dich wirklich überraschen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, aber er meinte, du würdest damit rechnen, dass wir dir irgendwann eine Einladung zur Hochzeit schicken werden.« Es war nicht zu überhören, dass Anja sich rechtfertigen wollte und Yvonne musste sich auf die Zunge beißen, um nicht etwas Falsches zu sagen. Ihr Bruder war manchmal ein Dickkopf. Er konnte auf der einen Seite ihr größter Unterstützer sein aber auch derjenige, der sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Tief durchatmend schloss sie einen Augenblick die Augen und spürte, wie Syrells Blick auf ihr lag. Als sie die Augen wieder öffnete, hatte sie sich vorgenommen, die Sache auf sich beruhen zu lassen und Anja auszuhorchen.
»Wann habt ihr das beschlossen und überhaupt erzähl mal.« Durchatmend drehte sie sich wieder zu ihren Zuhörern um, die alle eine Dose Bier in der Hand hielten und jedes Wort, dass ihre Lippen verließ, genau verfolgten.
Die folgenden Minuten erzählte Anja ihr nochmals von Micks Antrag, den er ihr mitten im Stall im frischen Heu gemacht hatte. Diese Geschichte kannte Yvonne bereits vorwärts und rückwärts aber sie fand es immer wieder toll, die schwärmenden Worte ihrer Freundin zu hören. Nachdem Mick derjenige gewesen war, der ihr den Antrag gemacht hatte, war sie diejenige, die ihn mit einer Location und einem Termin einfach überrannt hatte. Es sollte der  3.10 sein. Ein Tag, der das Leben von Anja und Mick für immer verändert hatte und der bei ihr einen faden Beigeschmack hinterlassen hatte. Es war gerade mal ein Jahr her, dass sie von einem ehemaligen Kollegen gekidnappt worden war und er ihr Dinge angetan hatte, die sie tief in sich begraben hatte, um nicht wieder daran denken zu müssen. Erst eine Woche später am Dritten war es Syrell und ihren anderen Freunden gelungen, sie zu finden und zu befreien. Während ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken ließ, erzählte Anja voller Elan davon, dass sie mit einer guten Freundin bereits ein Hochzeitskleid ausgesucht hatte und das eben diese Frau auch schon einen Junggesellinnen Abschied organisiert hatte.  Auch wenn sie auf die Worte ihrer Freundin konzentriert war, so entging ihr nicht, wie sich zwischen Rod und Lyndsay ein wildes Gespräch entwickelte. Die beiden gestikulierten wild, während Syrell immer wieder die Augenbrauen hochzog und nach einigen Minuten den Tisch verließ, um auf das Sofa zu sinken. Yvonne versuchte zu begreifen um, was es bei dem leisen aber emotionsgeladenen Gespräch ging, aber es war ihr nicht möglich sich dann noch auf Anjas Worte zu konzentrieren. Ihre beste Freundin schwärmte von dem weißen Kleid mit dem großen Reifrock und den Stickereien. Genervt von dem Gespräch zwischen Rod und Lyndsay verließ sie nach einigen Minuten die Küche und ging die Treppe hinauf ins Schlafzimmer, wo sie sich aufs Bett sinken ließ.
»Was meinst du dazu?« Anja Stimme riss sie aus ihren Gedanken, in denen sie sich fragte, wer die neue Freundin von Anja wohl sein mochte. Ertappt schüttelte sie den Kopf, obwohl sie wusste, dass Anja das nicht sehen konnte.
»Entschuldige, ich hab dir gerade nicht wirklich zugehört. Wozu?« Yvonne befürchtete, dass Anja ihr nun die Meinung sagen würde aber die lachte nur amüsiert auf.
»Na und ich dachte, ich bin nicht aufnahmefähig am frühen morgen, bei dir ists ja abends noch viel schlimmer. Ich wollte wissen, was du zu einer traditionellen Hochzeitssuppe vor dem Essen sagst. Jessica meint, dass man sowas heute nicht mehr braucht. Du weißt schon, so eine mit Klößchen, Eierstich, Blumenkohl, leckerer Brühe und so.«
»Natürlich gehört die dazu.« Yvonne setzte sich wieder auf. Wie konnte diese Jessica nur behaupten, dass man eine Hochzeitssuppe nicht mehr benötigte?
Yvonne und Anja sprachen noch über eine Stunde. Sie lachten, schmiedeten Pläne und ihr wurde das erste Mal seit langem wieder bewusst, wie lange sie nun schon von daheim fort war, und das sie ihre Heimat vermisste. Erst als Mick mehrfach angedeutet hatte, dass Anja zu spät zur Arbeit kommen würde und Anja irgendwann fluchend festgestellt hatte, dass sie bereits seit 15 Minuten auf der Arbeit hätte sein sollen, beendeten sie die Verbindung.
In dem Moment, in dem Yvonne das Mobilteil des Telefons auf den kleinen weißen Nachttisch legte, griff eine bleierne Müdigkeit nach ihr. Es fiel ihr unglaublich schwer, sich nochmals zu erheben. Sie wollte unbedingt schauen, was die anderen in der unteren Etage machten. Als sie die Treppe hinunterging, wunderte sie sich darüber, dass sie kein Laut vernehmen konnte. Schmunzelnd blieb sie neben der Küche stehen. Syrell saß schlafend auf der Couch, von Lyndsay und Rod war allerdings nichts zu sehen. Da aber auch der große Topf verschwunden war, den Lyndsay mitgebracht hatte, ging sie davon aus, dass das frisch verliebte Paar bereits gefahren war. Leise trat sie an Syrell heran, wagte es allerdings nicht ihn zu berühren, da er schlafend mindestens ebenso gefährlich war, wie in Momenten in denen er im Einsatz als SEAL war. Sie ließ sich mit einigem Abstand neben ihm nieder und schmunzelte, als sie sein tiefes Brummen vernahm. Sie konnte spüren, dass er langsam aus dem Schlaf auftauchte und wusste auch das ihm klar war, wo er war und wer neben ihm saß. Sie rutschte näher an ihn heran und strich sanft über seinen Arm. Blitzschnell hatte er sie gegriffen und zog sie dicht an sich. Auch wenn ihr Herz im ersten Moment aussetze, da seine Reaktion so schnell und überraschend kam, so fand es schnell seinen Rhythmus wieder, als seine Lippen sich sanft auf seine legten.