Leseproben

1

»Stevie? Ach komm, ich weiß, dass du da bist. Mach die Tür auf«
Stevie McInnes sah von dem Zeitungsartikel, auf den sie schon so oft gelesen hatte, dass sie ihn auswendig kannte. Die Stimme an der Tür rief erneut ihren Namen und sie wusste, dass ihre beste Freundin nicht so leicht aufgeben würde. Es könnte Stunden dauern, ehe Jodie verschwand. Tief ausatmend erhob sie sich vom Boden. Beim Blick über das dunkle Laminat wurde ihr klar, dass sie dringend aufräumen müsste und dass am besten noch, bevor sie ihre Freundin hineinließ. Überall lagen Notizen, herausgerissene Adressen, Unmengen an Zeitungsartikeln und Fotos. Bilder ihrer älteren Schwester.
»Stevie bitte.« Wieder holte sie die ruhige warme Stimme ihrer Freundin aus Erinnerungen.
Langsam, darauf achtend, dass sie keine der Notizen oder Bilder betrat, machte sie sich auf den Weg zur Tür ihres Apartments. Sie warf einen kurzen Blick in das kleine Bad und zog die Tür zu. Die Wäsche stapelte sich bereits seit Tagen, und wenn sie nicht bald die Waschmaschine anmachen würde, müsste sie entweder nackt zur Arbeit oder sich krankschreiben lassen. Stevie warf einen Blick durch den Spion. Auf der anderen Seite der Tür stand eine strohblonde Frau mit grünen Augen und starrte auf den Boden. Stevie schloss kurz die Augen, als sie die Tür entriegelte und einen Spaltbreit öffnete.
»Hey du.« Sie schob sich in den Türspalt und wollte so Jodie den Blick in den Raum verbauen. Auf keinen Fall sollte sie das Chaos in ihrer Wohnung sehen.
»Ehm, ich wollte mal fragen, was los ist. Du bist die letzten Tage nach Feierabend immer so schnell weg, dass man sich nicht mal mehr tschüss sagen kann und in den Pausen starrst du dein Handy an.« Sorgenfalten lagen auf dem Gesicht der 24 Jährigen.
»Alles okay.« Stevie zwang sich zu einem Lächeln. Dabei war nichts Okay. Jahrelang hatte sie versucht zu vergessen, aber immer wieder waren die Schatten aus der Vergangenheit gekommen und hatten sich in ihr Leben gedrängt. Schon einmal war sie an einem Punkt wie diesem angelangt und es hatte Wochen gedauert, ehe Jodie ihr klar gemacht hatte, dass es sinnlos war, was sie tat.
»Lüg mich nicht an. Was ist los?« Jodie wollten einen Blick an ihr vorbei in die Wohnung werfen. »Wenn du da nen Typen verstecken würdest, hättest du einen anderen Blick.«
Stevie versuchte, Jodie den Blick erneut zu verstellen. »Es ist alles okay, wirklich.« Es fiel ihr schwer, überzeugend zu klingen. Als Jodies Blick sich veränderte bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. Es war eine Mischung aus Mitleid und Trauer, die sie in den grünen Augen erkennen konnte. Nur schwer konnte sie die Tränen zurückhalten, die in ihre Augen steigen wollten. Dabei war da doch eigentlich kein Grund, der sie zum Weinen bringen sollte. Eher viele, die sie in die Verzweiflung trieben aber keiner war es wert in diesem Augenblick in Tränen auszubrechen.
»Nicht doch Stevie, ich dachte, das Thema hätten wir erledigt.« Jodie holte tief Luft, drückte die Tür weiter auf und schob sie so in den kleinen Flur ihrer Wohnung.
Ja, das hatte sie schon so häufig gedacht. Erledigt, abgeschlossen vorbei. Vergangenheit. Und doch konnte sie es nicht vergessen. Sie konnte ihn nicht vergessen. Sie ließ Jodie eintreten und schloss die Tür hinter sich. Mit dem Rücken an die Tür gelehnt beobachtete sie, wie ihre Freundin kopfschüttelnd das Chaos betrachtete, das sich in den letzten 2 Wochen entwickelt hatte.
»Stevie, ich dachte, wir haben das besprochen.« Jodie sah sich nicht um, als sie sprach. Ihr Blick ruhte auf dem dunklen Boden, der über und über mit Papier übersät war. »Ich dachte wirklich, wir hätten das abgeschlossen. Du hast doch gesagt, du bist darüber weg.« Jetzt drehte sich Jodie um und strich sich durch die schulterlangen Haare.
»Dachte ich auch, aber dann kamen die Träume wieder.« Vorsichtig, wieder darauf achtend keinen der Artikel, zu betreten, ging sie auf das Sofa zu, wo ihre dunkle Jacke neben einer getragenen Hose und einem Pizzakarton lag. Der Wohnzimmertisch war mit Kaffeetassen vollgestellt und in der kleinen Kochnische stapelten sich Teller in der Spüle. Die kleine freie Arbeitsfläche war mit Verpackungsmaterial von Fertiggerichten zugemüllt und der Mülleimer in der Ecke quoll auch über. »Ich wollte ihn vergessen ich kann es aber nicht.« Die Tränen, die sie zurückgehalten hatte, ließen sich nicht mehr bremsen.
»Oh Stevie es tut mir leid.« Jodie kam auf sie zu und Stevie ließ sich dankbar in eine Umarmung ziehen.  
All die Jahre der Therapie hatten ihr zwar geholfen mit dem umzugehen, was man ihr angetan hatte, aber vergessen hatte sie weder die Gräueltaten, die Schreie noch die Augen des Mannes, der sie befreit hatte.
Es war Jahre her, das sie und ihre drei Jahre ältere Schwester auf die Idee gekommen waren einen richtigen Backpacker Trip zu unternehmen. Raus dem dem Haus, in dem sie die meiste Zeit ihres Leben verbracht hatten und endlich das Land kennenlernen, in dem sie geboren waren. Nicht nur immer den kleinen Ort sehen der über 80 km von der Farm entfernt war, auf der sie aufgewachsen waren. Sie wollten das Land sehen. Die Großstädte, die Strände und das Leben kennenlernen, welches sie bist dato nur aus dem TV kannten. Auch wenn ihre Eltern nicht begeistert gewesen waren, so hatten sie sie ziehen lassen. Cyntia hatte vehement darauf bestanden, dass sie sich zwar regelmäßig bei ihren Eltern melden würden, aber auch darauf, dass ihre Eltern sie nicht als vermisst meldeten, wenn sie sich mal 4 oder 5 Tage nicht meldeten.
Also schwangen sie sich mitten im Hochsommer in Cyntias uralten VW Käfer und fuhren mehr oder weniger ohne Plan los. Sie hielten hier und dort an, mal nur zum tanken und essen, mal auch um einige Tage die Gegend zu genießen und um Menschen kennenzulernen. Und dann kam der Tag, an dem sie Cyntia von einer Idee überzeugt hatte, die sie bis heute bitter bereute. In Darvin hatte sie Bilder aus Sumba gesehen und es war ihr tatsächlich gelungen günstige Tickets zu bekommen. Auch wenn ihre Schwester sich anfangs gegen dieses Hirngespinst gewehrt hatte, so hatte sie am Ende doch zugesagt. Einmal den Kontinent verlassen, der ihre Heimat war. Einmal über den Tellerrand schauen. In ein Land, welches nur wenige hundert Kilometer entfernt lag und wunderschön wenn auch arm war. Nur einmal ein paar Tage, um anschließend sagen zu können, man war in Indonesien. Was um alles in der Welt hatte sie nur geritten?
Stevie nahm das Geräusch von fließendem Wasser und der Kaffeemaschine wahr und warf einen Blick über ihre Schulter zu Jodie, die an der Spüle stand und Wasser einfüllte. Wenige Sekunden später stieg ihr der Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase. Sie war sich nicht sicher, ob sie aufstehen sollte und Jodie bei der Mammutaufgabe helfen sollte, die ihre Freundin sich offensichtlich vorgenommen hatte. Der Abwasch stand immerhin schon seit 2 Wochen unangetastet dort.
»Hilfst du mir? Sonst steh ich heut Nacht noch hier.« Jodie schien ihre Gedanken erraten zu haben. Träge erhob sie sich, stieg mit einem großen Schritt über eine Zeitungsseite, auf das Foto eines großen Militärhubschraubers zu sehen war. Wie in Trance ging sie auf Jodie zu, die bereits einige gespülte Teller auf die Ablage gelegt hatte und ihr ein Geschirrhandtuch reichte. Geistig abwesend griff sie sich einen der weißen Teller und begann ihn abzutrocknen. Mit ihren Gedanken war sie an einem anderen Ort einem, der ihr Leben und das ihrer Familie für immer verändert hatte.
Sumba war die ersten Tage ein Traum. Eine Insel mit wunderschönen Stränden, traumhaften Sonnenuntergängen und einer umwerfend schönen Natur. Weder sie noch Cyntia hatte sich sattsehen können. Sie durchquerten einen Teil der Insel zu Fuß. Entdeckten Dinge, die andere Reisende nicht sahen und kamen an vielen der typischen Dörfer vorbei. Immer wieder kamen sie an den Häusern vorbei, die durch ihre typischen Reetdächer ins Auge stachen. Die Dächer, die an einen Spitzhut erinnerten, waren so ungewöhnlich, dass man sie nie wieder vergaß. Aber es war noch mehr auf der Insel passiert, die auch ihre tiefen Schattenseiten hatte. Warum ausgerechnet sie und Cyntia im falschen Moment am falschen Ort gewesen waren, wusste sie nicht. Vielleicht hätten sie irgendwann auf ihrer Tour anders abbiegen sollen. Vielleicht wäre all das dann nie passiert, was ihr den Schlaf raubte.
Sie hatten am Wegesrand angehalten und die Waren bestaunt, die eine ältere Dame anbot. Über den matschigen mit Schlaglöchern übersäten Weg kam ein alter Pick-up. Der Blick der Frau hätte ihnen Warnung genug sein müssen. Die panisch aufgerissenen braunen Augen und ihre wilden Gesten hätten sie doch warnen müssen. Aber sie waren unerfahren gewesen, wussten nichts von den Männern, die den Weg entlang kamen.
Der Wagen hielt und ein Mann mitte 40 sprang heraus, brüllte die Händlerin an, die ihnen deutete wegzulaufen, aber da war es schon zu spät. Drei weitere Männer zerrten sie in den Wagen. Sie hatten um ihr Leben geschrien und sich mit Händen und Füßen gewehrt. Aber die Männer waren stärker und die Schläge sie in Magen und am Kopf trafen waren hart und sorgten dafür, dass sie schnell nicht mehr in der Lage waren sich zu wehren.
Vorsichtig strich sie sich mit der Zunge über die Lippen und bildete sich ein wieder das Blut zu schmecken, welches sich damals in ihrem Mund verteilt hatte. Sie erinnerte sich wieder an Cyntias grelles Kreischen und an das Gebrüll der Männer. An die Unmengen an Schlägen, die folgten und die Wochen, in denen sie in einem Zelt festgehalten worden waren. Ihr stiegen Tränen in die Augen, als sie von dem Teller aufsah, den sie immer noch in der Hand hielt.
»Hey.« Jodie legte den Lappen zur Seite und strich sich ihre nassen Hände an ihrer Hose ab ehe sie sie an ihr Gesicht legte. »Es ist vorbei, Stevie.«
Stevie schloss die Augen und atmete mehrfach tief durch um ihre Emotionen wieder in den Griff zu bekommen, die in der Zeit zurückgereist waren. Es war vorbei, ja, schon seit Jahren, aber vergessen würde sie nie.
»Soll ich dir helfen hier alles auf Vordermann zu bringen oder schaffst du es alleine?« Jodie zwang sie sanft, sie anzusehen. Kennengelernt hatte sie die junge Frau vor 4 Jahren ironischerweise bei ihrem Therapeuten im Wartezimmer. Jodie hatte sich damals von ihrem Freund getrennt und war der Meinung, dass die gesamte Welt sich gegen sie verschworen hatte. Stevie ging zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Jahr einmal die Woche zu Dr. Kickett der ihr half, sich selbst wieder zu finden. Sie war eigens wegen ihm nach Perth gezogen und hatte die Farm, auf der sie aufgewachsen war hinter sich gelassen. Ihre Eltern hatten sie auf der Farm halten wollen doch dort gab es keinen Zentimeter, kein Zimmer, kein Geruch, der sie nicht an Cyntia erinnerte. Anfangs war sie einmal im Monat die  400 km gependelt um eine Therapiestunde zu bekommen, dann kam der Tag, an dem Dr Kickett ihr empfahl einmal die Woche vorbei zukommen, da er mit ihrer Entwicklung nicht zufrieden war.
Sie hatte nicht lange mit sich gehadert. Sie hatte Glück und bekam sehr schnell das kleine Appartment, in dem sie jetzt lebte. Der Job in dem Callcenter kam erst später und war bis heute nicht das, was sie sich unter einem Traumjob vorstellte, aber er brachte ihr das Geld, welches sie benötigte, um hier zu leben.
»Stevie?« Jodie lächelte, als sie den Kopf schüttelte, um die Gedanken abzuwimmeln.
»Wäre es okay für dich?«
»Wenn es das nicht wäre, hätte ich dich wohl kaum gefragt oder?«
2

Stunden später schloss Stevie die Tür hinter Jodie und fühlte sich als hätte sie gerade die gesamte Welt in kleine Schuhkartons und Schachten gesteckt, die sie im Laufe des Lebens gesammelt hatte. Da war eine tiefe Leere in ihr. Ein schwarzes Loch, das nur danach schrie, dass sie sich hineinwarf, aber sie wusste, dass sie diesem Ruf nicht nachgeben durfte. Ein Bild ihrer Schwester und einen Zeitungsartikel hatten sie nicht weggeräumt, alles andere war wieder feinsäuberlich verpackt zurück in die Tiefen ihres Kleiderschrankes gewandert. Müde sank sie auf ihre Couch, die nun wieder so viel Platz bot, dass sie sich hinlegen konnte. Sie angelte nach der Wolldecke, die Jodie als letzte Amtshandlung, ordentlich zusammengelegt hatte, und kuschelte sich in den weichen Fleecestoff ein. Auch wenn draußen sicher noch 25 Grad herrschten, obwohl es kurz vor Mitternacht war, so fror sie. Erst langsam begriff sie wie müde sie war, dass ihr Körper sich nach einer Auszeit sehnte, damit sie am nächsten Morgen wieder auf der Arbeit erscheinen konnte. Der Gedanke an den folgenden Tag ließ sie aufstöhnen. Wieder würde sie dutzende Gespräche annehmen und Verträge vermitteln, erboste Kunden beruhigen oder Störungsmeldungen bearbeiten. Ihre Arbeit bei einem der größten Mobilfunkanbieter Australiens war alles andere als ein Traumjob, aber was sollte sie machen? Nach der Schule hatte sie auf der Farm gearbeitet. Sie konnte Pferde beschlagen, Rinder einfangen und Schafe scheren, mehr hatte sie nie gelernt. Dann kam ihre Auszeit mit ihrer Schwester und deren Tod. Erst auf Drängen ihrer Eltern, die ebenso wie sie unter Cyntias Tod gelitten hatten, suchte sie den Therapeuten auf.
Müde ließ sie ihren Kopf auf das kleine Kissen sinken und schloss die Augen. Der Schlaf griff erbarmungslos nach ihr. Er zerrte sie in einen Traum, der sie seit Wochen Nacht für Nacht verfolgte und immer mit den graublauen Augen eines Mannes endete, dessen Gesicht sie nicht erkennen konnte, da es von dunkler Farbe verdeckt wurde. Aber seinen Geruch hatte sie oft auch Stunden nach dem Erwachen noch in der Nase. Eine Mischung aus Schweiß, Schlamm, Regen und Mann, denn sie einfach nicht vergessen konnte. Wer er war, wusste sie nicht. Sie hatte nie erfahren, wer sie des Nachts aus der Hölle befreit hatte. Zu wem die ruhige Stimme gehört hatte, die auf sie eingeredet hatte.
Als die Männer sie und ihre Schwester am Straßenrand gekidnappt hatten, hatten sie noch gehofft, dass man Lösegeld für sie fordern würde, aber dem war nicht so. Sie waren nur zur Erheiterung der Männer da, die mitten im Wald irgendwelchen kranken Ideen folgten. In ihr stieg wieder diese Übelkeit, auf die sie so oft heimsuchte. Sie wusste nicht mehr, wie oft man sie missbraucht und verprügelt hatte, sie wusste nur, das irgendwann der Wunsch in ihre aufkam, einfach sterben zu dürfen, aber diesen erfüllte man ihr nicht. Tag für Tag wurden sie gefoltert und all das nur zum Spaß einiger kranker Typen, die dabei geil wurden. Nach einigen Tagen brachten ihre Peiniger einen Mann mit. Einen, der ausgesprochen unpassend für einen Touristen gekleidet war, in seinem schwarzen Anzug mit Schuhen, die sicher ein Vermögen wert waren. Im Gegensatz zu ihnen, wurde dieser Typ fast wie ein König behandelt. Er bekam zu essen und zu trinken und Schläge musste er nur selten einstecken. Schnell wurde ihnen aber klar, dass dieser Typ ein mindestens ebenso großes Arsch war, wie ihre Kidnapper. Selbst wenn von seinen Rationen etwas überblieb, so gab er es nicht an sie oder ihre Schwester weiter. Er ergriff nicht das Wort, wenn sie wieder vor seinen Augen vergewaltigt wurden. Er sah einfach nur zu.
Stevie konnte sich an einen Tag erinnern, da man sie zu einem Wasserlauf gebraucht hatte, wo sie sich waschen sollten. Das kalte Wasser tat gut, aber ihr Durst war unbändig und sie konnte sich nur schwer daran hindern von dem Wasser zu trinken, sie wusste, nicht ob es genießbar war, oder ob sie krank werden würde, wobei ihr keine Krankheit schlimmer erschien, als die Folter, die sie durchlebte. Cyntia hingegen trank gierig von dem Wasser, obwohl sie ihr davon abgeraten hatte. Sie wurden zurück zu den Zelten gezerrt, wo ihr Mitgefangener bereits auf einem Baumstumpf saß und von schwerbewaffneten flankiert, wurde. Sie wurden gezwungen sich neben ihn zu knien dann wurde eine Kamera auf sie gerichtet und einer der Männer, die sie Nacht für Nacht quälten, sprach. Was er sagte, verstand sie nicht und auch der Mann in dem Anzug schien nicht zu wissen, um es ging. Aber dieser Mann war ihr egal, er war selbst unter jetzigen Umständen hochnäsig und ihr zuwider.
Nur wenige Stunden später begann ein weiterer Horror. Cyntia bekam einen Brechdurchfall, der sie innerhalb weniger Stunden so sehr schwächte, dass sie kaum noch die Augen offenhalten konnte. Sie konnte weder Wasser noch Nahrung bei sich behalten. Schon einen Tag später befand sie sich in einer Art Delirium und reagierte nicht mehr auf Stevies Ansprachen.
Dann sprach sie plötzlich wieder mit ihr. Nur wenige Sätze aber damals wusste Stevie noch nicht, dass es das Letzte war, was sie aus dem Mund ihrer Schwester hören würde.
»Stevie, ich liebe dich, vergiss das nie.«
»Ich liebe dich auch.« Ihr rannen Tränen über die Wangen.
»Ich hab keine Kraft mehr, sag Mom und Dad das ich sie liebe.« die Stimme ihrer Schwester war kratzig und von Tränen gefüllt.
»Das sagst du ihnen gefälligst selbst.« Tränen erstickten ihre Stimme.
Cyntia bekam keine Chance ihr zu antworten. Ein wild brüllender Mann stürmte in das Zelt und riss ihre Schwester hinaus. Erst eine Ewigkeit später brachte man sie zurück und warf sie achtlos in eine Ecke des Zeltes. Stevie versuchte mehrfach ein Lebenszeichen von ihr zu erhalten, aber sie reagierte nicht. Selbst als sie sie anschrie, passierte nichts. Einzig ihr nobler Mitgefangener blaffte sie an, dass sie leise sein sollte, wenn sie an ihrem Leben hing. Irgendwann war sie dann eingeschlafen, obwohl sie sich geschworen hatte, die Augen nicht zu schließen, aus Angst das Cyntia sie brauchen könnte.
Etwas riss sie aus ihrem Dämmerschlaf. Es folgte ein Tumult, Schreie und Schüsse und ihr Herz setzte aus, als das Licht einer Taschenlampe durch das Zeltinnere tanzte. Männer kamen herein und es war das erste Mal seit Wochen, das sie die Worte verstand, die sie sprachen, nur konnte sie sich einfach nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern. Es war alles wie weggeblasen. Sie hatte wie in Trance gesehen, wie ein Mann in dunkler Kleidung den Mann aus dem Zelt zerrte und wie ein weiterer Cyntia aufhob und nach draußen verschwand. Panisch, nicht in der Lage etwas zu sagen kroch sie eine Ecke und versuchte verzweifelt ihre Blöße zu bedecken, was ihr mit den Resten ihres Shirts nicht gelingen wollte. Warum sie es tat, wusste sie nicht. Ein dunkler Schatten, der sich als Mann entpuppte, kam mit einer Taschenlampe in der Hand auf sie zu. Ihr Herz begann zu stottern, als er sich vor ihr auf die Knie sinken ließ, und das Licht zur Seite richtete. Sie traute sich nicht, ihn anzusehen. Wenn dieser Kerl nur halb so gefährlich war, wie er aussah, dann würde er sie sicher töten.
»Stevie, wir holen Sie hier raus! Ich erkläre Ihnen alles unterwegs. Wir haben keine Zeit. Ich trage Sie, okay?«
Seine Stimme war angenehm und wirkte im Gegensatz zu seinem Erscheinungsbild nicht beängstigend. Aber woher wusste er ihren Namen? Wer war er? Wo war Cyntia und wo wollte er sie hinbringen? Fragen begannen in ihrem Kopf zu rotieren, aber sie war nicht in der Lage auch nur eine einzige zu formulieren.
Panisch atmend wachte Stevie aus einem viel zu kurzen Schlaf auf. Ihr Herz raste und es fiel ihr schwer zu atmen. Zitternd strich sie sich über die Augen. Dieser Traum verfolgte sie seit Wochen Nacht für Nacht und immer wieder war das Letzte voran sie sich erinnern konnte der Mann, dessen Gesicht sie nicht erkannt hatte und der sie zaghaft, fast liebevoll am Arm berührt hatte und ihre versichert hatte, dass er ihr nichts tun würde.
Nur selten tauchte mehr in ihren Träumen auf. Nur hin und wieder fand sie sich im Traum in seinen Armen wieder. Ihr Gesicht dicht an seinem Hals und immer wieder mit dem Bewusstsein kämpfend. Aber seine Stimme sein Geruch und seine Augen hatten sich tief eingebrannt. Sie konnte ihn einfach nicht vergessen. Nie hatte sie die Möglichkeit bekommen ihrem Retter zu danken, geschweige denn ihn zu sehen. Bruchstückhaft konnte sie sich einen unendlich langen Weg durch den Dschungel erinnern und an einen Flug in einem Hubschrauber.
Das Nächste, an was sie sich genau erinnern konnte, war der Moment, in dem sie in einem steril wirkenden Krankenhauszimmer erwacht war. Dort hatte sie über zwei Wochen verbracht und man hatte ihr erst nach einigen Tagen erzählt das Cyntia noch während der Rettungsaktion der SASR verstorben war. Für sie brach eine Welt zusammen.
Mit Tränen in den Augen erhob Stevie sich. Müde gegen die Emotionen kämpfend begab sie sich in ihr Schlafzimmer. Ihr Körper schrie nach Schlaf aber ihr Kopf arbeitete, wie immer nach diesen Träumen. Ein Blick auf die roten Digital Zahlen ihres Weckers zeigte ihr, dass es halb zwei in der Nacht war. Sie blieb mitten im Zimmer stehen. Sie wusste, dass sie in den nächsten Stunden kein Auge zu tun würde. Es würde nichts bringen ins Bett zu gehen. Träge ging sie zurück zur Couch. Suchend sah sie sich um, nicht wissend, was genau sie suchte. Ihr Blick blieb auf dem Zeitungsartikel hängen, den sie schon auswendig kannte.
Der Bericht war fast zwei Wochen nach ihrer Rettung veröffentlicht worden. Alle anderen Berichte hatten bis zu diesem Zeitpunkt immer nur von der heldenhaften Rettung von Albert Harris berichtet, der unzählige Interviews gegeben hatte, aber nie ein Wort über sie und Cyntia verloren hatte.
Wie aus sicherer Quelle bekannt wurde, wurden bei der Rettung von Albert Harris ebenfalls zwei junge Frauen gerettet. Die Schwestern hatten sich auf einem Backpacker-Tripp befunden und wurden von den gleichen Männern gefangen genommen, die auch Albert Harris gekidnappt hatten. .....
Stevie hatte versucht über die Zeitung heraus zu bekommen, wer die sichere Quelle war, aber selbst das Zusenden ihres Ausweises hatte die Mitarbeiter nicht davon überzeugt, dass sie wirklich die Frau war, die gerettet worden war. Man hatte ihr gesagt, sie dürften ihr den Namen der Person nicht nennen. Die Ärzte schloss sie aus, da diese sich hoffentlich an ihre Schweigepflicht hielten, Freunde und Bekannte von sich schloss sie ebenfalls aus.
Stöhnend über ihre Gedanken, begann sie mit dem Artikel in der Hand durch das Wohnzimmer zu laufen. Es musste doch einen Weg geben, denn Mann zu finden, der ihr Leid beendet hatte, der sie zurückgebracht hatte, der dafür verantwortlich war, das Cyntia beerdigt werden konnte. Dass man sie nicht zurückgelassen hatte, obwohl der reiche Schnösel es mehrfach verlangt hatte. Ihr Weg führte sie wieder ins Schlafzimmer an den Kleiderschrank. Tief einatmen und wissend das es ein Fehler war, die Kartons wieder herauszuholen, zog sie einen schwarzen Schuhkarton als Erstes hervor. Vorsichtig nahm sie den Deckel ab und griff nach den Fotos, die sie an den Campell Barracks heimlich geschossen hatte. Dutzende Männer hatte sie fotografiert in der Hoffnung den zu finden, der sie gerettet hatte. Es war wie eine Sucht, ein Wahn. Sie wollte ihn finden und würde erst wieder zur Ruhe kommen, wenn sie ihn gefunden hatte. Was aber wenn er nicht dort, sondern wo anders stationiert war? Die Bilder, die sie in der Hand hielt, waren schon über zwei Jahr alt. Es war ihr eine Weile gelungen den Wunsch zu verdrängen ihn zu finden, nun aber war er stärker denn je zuvor. Wer zum Teufel konnte etwas über den Mann wissen, denn sie so verzweifelt suchte? Anfragen über soziale Netzwerke würden ihr sehr sicher nichts bringen, da ein Soldat, selbst wenn er die Suche sehen würde, wohl kaum darauf reagieren würde. Mit dem Karton in der Hand ging sie ins Wohnzimmer und sank auf die Couch, wo sie begann die Bilder zu betrachten. Selbst wenn ihr Retter unter den abgelichteten sein sollte, so würde sie ihn auf einem Foto wahrscheinlich nicht erkennen, sie musste in seine Augen sehen, um zu 100% sicher sein zu können. Verflucht in was hatte sie sich da verrannt? Kopfschütteln griff sie nach der Fernbedienung. Durch das Programm zappend blieb sie bei einer Reportage hängen, die die Arbeit in der Notaufnahme zeigte. Patienten wurden hektisch hereingeschoben, behandelt, Ärzte klagten über zu lange Arbeitszeiten und Schwestern über ungeduldige Patienten. Die Piloten der Rettungshubschrauber sprachen über Donuts und Kaffee, über nicht unterschriebene Übergabeprotokolle ...  
Stevie schreckte hoch.
Die Notaufnahme. Wenn ihr dort auch kein Arzt Auskunft erteilen konnte, vielleicht - Nein, sicher würde sich noch jemand an ihre Ankunft erinnern. Sie wusste, dass sie mit einem Militärhubschrauber nach Darvin gebracht worden war. Vielleicht wusste jemand aus der Notaufnahme noch etwas über die Männer, die sie eingeliefert hatte. Schließlich sollte man meinen das dort nicht jeden Tag ein solcher Hubschrauber zur Landung ansetzte. Achtlos warf sie die Fotos in den Kartoon zurück und schaltete den Fernseher aus. Suchend sah sie sich nach ihrem Handy um, welches normalerweise auf der Ablage in der Küche lag, aber da dort nun aufgeräumt war, wusste sie nicht, wo sie es hingelegt hatte. Fluchend lief sie suchend durch die Wohnung.
Eine knappe Stunde später hatte sie ihr Handy gefunden ein paar Kleidungsstücke in einen Rucksack gesteckt und das Ladekabel des Handys mit dem Adapter für ihren Holden Commodore zusammengerollt in die Tasche ihrer weiten Jogginghose gestopft. Mit dem Navi in der einen, dem Rucksack in der anderen Hand, zog sie die Tür ihres Appartments hinter sich zu. Ihr war klar das die Idee, die sie gerade hatte absolut hirnrissig war, aber sie schwor sich, wenn sie in Darwin nichts erreichen würde, würde sie die Suche endgültig einstellen. Ihren Vorgesetzten würde sie in den Morgenstunden anrufen und sich für die Woche krankmelden, alles Weitere würde sich ergeben, wenn sie in Darwin angekommen war. Eilig, als dürfte sie einen wichtigen Termin nicht verpassen, spurtete sie die Treppe hinunter. Ihren Wagen hatte sie auf dem kleinen Parkplatz vor der Tür geparkt und war froh, dass sie Straßenlaternen, auch wenn es schon kurz vor 3 Uhr war, die gesamten Parkfläche immer noch in ein helles Licht tauchten. Hier in der Gegend gab es Stellen, wo sie sich nachts sicher nicht rumtreiben würde und schon oft hatte sie das Gefühl gehabt, verfolgt zu werden, was absolut schwachsinnig war. Wer sollte hinter ihr her sein? Es gab niemanden, dem sie etwas getan hatte, also wurde sie auch nicht verfolgt. Wer sollte ihr schon etwas antun wollen? Sie tat dieses seltsame Gefühl, welches sie so oft heimsuchte mit ihren Erfahrungen auf Sumba ab.


3

Jodie sah sich suchend in dem Großraumbüro um. Überall wurde gesprochen und niemanden schien zu interessieren, dass sie nicht an ihrem Platz war, aber da war noch ein Platz, der nicht besetzt war. Stevie war nicht da. Schon mehrfach hatte Jodie versucht sie anzurufen, aber sie ging einfach nicht an ihr Handy. War ihr vielleicht etwas zugestoßen oder hatte sie sich gar etwas angetan? Nachdem Jodie am Abend zuvor mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend zu ihrer Freundin gefahren war, hatte sich schnell herausgestellt, dass ihr Gefühl sie nicht getäuscht hatte. Warum Stevie nicht in der Lage war, diesen ominösen Mann zu vergessen konnte sie einfach nicht verstehen. Wenn Stevie wenigstens mit ihm gesprochen hätte, oder seinen Namen wüsste oder sonst irgendetwas, was bei der Suche helfen könnte. Aber Stevie wusste nichts, gar nichts. Nur die Augenfarbe. Wie um alles in der Welt sollte man unter über sieben Milliarden Menschen den einen finden, von dem Stevie immer wieder schwärmte. Das war unmöglich. Man konnte ja schlecht alle Männer mit graublauen Augen zu einer Gegenüberstellung einladen.
»Jodie? Warum bist du nicht an deinem Arbeitsplatz.«
Sie stieß den Atem aus und drehte sich mit einem gezwungenen Lächeln zu dem fülligen Mann Mitte 50 um, der auf sie zu kam.
»Ich wollte auf Toilette.« Mist, das war die schlechteste Notlüge, die ihr einfallen konnte. Das Klo befand sich genau am anderen Ende des Flurs.
»Also, wenn du nicht zufällig an Alzheimer leidest, glaube ich dir kein Wort.«
Mister Brandis war nicht der Typ Chef, mit dem man Spaß haben konnte und so befürchtete sie, dass er ihr mit einer Abmahnung drohen würde. Sollte sie ihm sagen, dass sie schauen wollte, wo Stevie war?
»Wenn du nicht aufs Klo musst, möchte ich dich zu mir ins Büro bitten, Jodie.«
Verfluchte Scheiße, ins Büro. Jodies Herz setzte schmerzhaft aus und ein Kloß im Hals wollte ihr die Luft nehmen. Wegen zwei Minuten, im Gang zwischen den Arbeitsplätzen Stehen, ins Büro. Er würde sie doch nicht vor die Tür setzen oder doch? Nickend und unfähig zu denken, folgte sie dem Mann mit den grauen Haaren unter den Blicken ihrer Kollegen in sein geräumiges Büro. Das Letzte, was sie nun brauchen konnte, war eine Abmahnung.
»Du bist doch mit Stevie befreundet, oder?« Brandis sank auf seinen riesigen Ledersessel, der hinter dem weißen Monster von einem Schreibtisch stand.
»Ja.« Was um alles in der Welt wollte er wissen?
»So wie du da eben gestanden hast« Er deutete durch die Scheibe der Tür auf den Gang »Weißt du auch nicht, wo sie ist, oder?«
»Nein, leider nicht.« Sollte sie ihm sagen, dass sie am Abend zuvor bei Stevie gewesen war, das es ihrer Freundin psychisch nicht gut ging? Nein, auf keinen Fall. Erst mal abwarten was er will, redete sie sich ein.
»Hast du schon versucht sie anzurufen?« Er beugte sich nach vorne.
»Nein, Mister Brandis, noch nicht.«
»Dann mach das, ich will wissen, warum sie sich noch nicht gemeldet hat.« Er schob ihr das Telefon zu, das am Rand seines Schreibtisches stand. Ihr zögern bedachte er mit einem knappen in Nicken in Richtung des Telefons. »Ich dachte, du weißt, wie man damit umgeht, oder soll ich es dir erst zeigen?«
Da war er, ihr gehässiger Vorgesetzter. Mit Argusaugen beobachtete er sie dabei, wie sie mit zitternden Fingern die Handynummer von Stevie wählte. Es war ihr unmöglich den Blick von ihm zu lösen, als sie dem Freizeichen lauschte.
»Stevie McInnes?« Die Stimme ihrer Freundin war heiser.
»Stevie, wo bist du?« Jodie bemühte sich, nicht besorgt zu klingen. Ihr Vorgesetzter sollte keinen falschen Eindruck gewinnen.
»Jodie? Aber das ist doch die Nummer von Brandis.« Stevies Heiserkeit war verfolgen.
»Ja, ich sollte dich fragen, wo du bist.«
»Ich bin krank. Sorry das ich mich noch nicht gemeldet habe aber mir geht es wirklich schlecht.«
Jodie wollte mit dem Kopf schütteln, konnte sich aber im letzten Moment noch daran hindern. Stevie klang nicht als wäre sie krank. Schon gar nicht so krank, dass sie nicht ans Telefon gehen, könnte im sich krankzumelden. Aber sie konnte nun auch nicht sagen, das sie ihr nicht glaubte. Schon gar nicht unter dem prüfenden Blick von Mister Brandis.
»Okay, gute Besserung. Ich melde mich nach der Arbeit noch mal bei dir. Wenn ich dir was vorbeibringen soll, sag es einfach. Bis später.« Sie beendete das Gespräch. »Sie ist krank. Ich werde heute Abend bei ihr vorbeifahren.« Kurz angebunden erklärte sie ihrem Chef, was Stevie gesagt hatte und hoffte, dass sie das Büro schnell wieder verlassen konnte.
»Dann sag ihr, dass ich ihre Krankmeldung hier haben will, sonst schicke ich ihr Post. Das kann doch nicht so schwer sein sich morgens abzumelden«, giftete er drauf los. »Geh wieder an deine Arbeit.« Er deutete auf die Tür.
Jodie konnte seine pochende Ader an der Schläfe sehen, die immer zum Vorschein kam, wenn er wirklich verärgert war. Jedes weitere Wort könnte nur noch mehr ärger bedeuten, also verließ sie schweigend das Büro und machte sich an ihrem Arbeitsplatz wieder an die Arbeit, obwohl ihre Gedanken ganz wo anders waren.
Eine Stunde, nachdem sie mit verschwitzten Händen Mister Brandis Büro verlassen hatte, suchte sie dieses Mal tatsächlich die Toilette auf. Allerdings nicht um sich zu erleichtern. Sie konnte und wollte nicht mehr bis zum Feierabend warten, sie musste wissen, was mit Stevie los war. Hoffend das niemand sonst auf der Toilette war, zog sie die Tür auf und wäre um ein Haar mit einer blonden Frau zusammengestoßen, die gerade heraus wollte.
»Hey, die in der Mitte ist verstopft, voll ekelhaft.« Mit angewiderter Miene deutete sie auf die mittlere von 3 Kabinen und ging an Jodie vorbei in den kleinen Flur, der ihr Großraumbüro von Toiletten, Fahrstuhl und zwei weiteren Büros trennte. Jodie nickte und wartete darauf, dass die Tür ins Schloss fiel. Prüfend ließ sie ihren Blick durch den klarweiß gefliesten Raum wandern. Die Türen der drei Kabinen standen offen, der Wasserhahn des alten Waschbeckens tropfte unablässig und von irgendwoher konnte sie ein leises Brummen hören. Sie war alleine. Instinktiv steuerte sie die mittlere Kabine an und warf einen Blick auf das in einer Brühe schwimmende Klopapier. Stöhnend klappte sie den Toilettendeckel hinunter, zog die Tür zu und sank auf die geschlossene Toilette. Sie zog ihr Handy aus der Gesäßtasche ihrer Hose. Sie wusste, dass sie nicht viel Zeit haben würde, selbst bei einer Frau würden mehr als 10 Minuten auf der Toilette verdächtig wirken und sie wollte sich auf keinen Fall weitern ärger mit Mister Brandis zuziehen. Mit den Fingern glitt sie über den Touchscreen und wählte Stevies Nummer.
»Ja, hast du schon Feierabend?« Stevie klang leicht verwundert.
»Nein, ich sitz auf dem Klo.« Jodie lehnte sich nach hinten gegen den Spülkasten und fragte sich, was ihre Freundin nun wohl dachte?
»Wo?«
»Auf dem Klo«, wiederholte Jodie und hatte die Befürchtung, dass die Verbindung abgerissen war.
»Warum rufst du mich an, wenn du auf dem Klo bist, ich kann dir kein Klopapier bringen.« Stevie lachte auf und auch Jodie entfuhr ein amüsierter Ton bei der Anspielung. Vor einigen Monaten hatte sie Stevie eine Nachricht geschickt, als sie auf dem Klo festgestellt hatte, das kein Toilettenpapier mehr da gewesen war und sie auch keine Taschentücher zur Hand gehabt hatte. Also war Stevie aus dem Büro geeilt und hatte ihr unter der Tür hindurch eine neue Rolle gereicht.
»Blöde Ziege, das war mir klar. Ich will wissen, was bei dir los ist, und nun erzähl mir nicht, dass du krank bist, das glaub ich dir nicht. Sag mir einfach, was los ist. Soll ich dir später etwas vorbeibringen? Soll ich herkommen? Wollen wir mit Schokoeis eine Liebesschnulze schauen? Sag mir, was ich tun muss, damit du morgen wieder da bist.« Jodie beendete ihren Redeschwall, erst als sie Stevies Lachen vernahm. Sie biss sich auf die Unterlippe und wartete gespannt auf die Antwort ihrer Freundin.
»Nein, ich brauch nichts. Ich bin nicht zuhause.«
»Du bist was? Wo bist du?«, fiel Jodie ihrer Freundin ins Wort und beugte sich nach vorne.
»Auf dem Weg nach Darwin.« Stevies Stimme wurde leiser.
»Wohin?« Jodie zweifelt an dem, was sie gerade gehört hatte.
»Ich fahre nach Darwin.«
»Du fährst nach Darwin? Was um ...« Nein. Jodie holte tief Luft. Sie durfte nun keine Vorwürfe machen. Kozentriert schloss sie die Augen und dachte darüber nach, wie sie Stevie klar machen konnte, dass es dumm war, was sie tat. Schließlich war Darwin über 4000 km von Perth entfernt. Mit welchen Worten konnte sie ihre Freundin zur Umkehr überreden?
»Mit dem Auto?« Jodie strich sich über die Stirn, bei dem Gedanken, dass Stevie diese Wahnsinnsstrecke mit ihrem in die Jahre gekommenen Commodore zurücklegen wollte. Auf eine so absurde Idee würde doch kein normaler Mensch kommen. Das war ja, als würde man mit dem Eselskarren eine Weltreise unternehmen, und das im 21. Jahrhundert.
»Ja.«
Okay, Stevie war nicht mehr normal.
»Was willst du in Darwin?« Jodie hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend und Stevies zögern verbesserte diesen Umstand nicht. »Stevie?« Jodie musste nachhaken, ihr lief die Zeit davon, bald würde jemandem auffallen, dass sie nicht im Büro war und wenn sie dann nicht aussah, als hätte sie ernstzunehmende Magen-Darm-Probleme, würde sie schneller wieder bei Brandis im Büro stehen, wie ihr lieb war.
»Ihn suchen. Ich habe eine Idee, wen ich fragen kann.«
»Und da kannst du diese Person nicht anrufen, sondern musst nach Darwin fahren?«
»Ich weiß nicht genau, wen ich suche.« Gestand Stevie kleinlaut.
Jodie konnte sich nicht daran hintern aufzulachen. »Du bist völlig durchgeknallt«, entfuhr es ihr. Einfach auf blauen Dunst losfahren, sie schüttelte den Kopf, das war etwas, das ihr nicht in den Kopf wollte.
»Es ist der letzte Versuch, versprochen.«
»Stevie, du fährst nun bei der nächsten Möglichkeit ran, bestellst dir da ein oder zwei, nein drei Kaffee und wartest, bis ich dich anrufe. Wir müssen in Ruhe reden.« Jodie atmete tief durch.
»Ich weiß, was ich tue.«
Jodie konnte hören, dass Stevie von ihrer Aufforderung nicht begeistert war. Aber sie musste ihre Freundin aufhalten, es war völlig irre alleine mit dem Auto von Perth nach Darwin zu fahren. Die Strecke war nicht nur zu weit. Was wenn sie eine Panne hätte? Dann wäre sie auf sich gestellt.
»Bitte, dann fahr rann und warte da auf mich, du fährst auf keinen Fall alleine.«