Leseproben

1

»Gambit, hast du Casanova gesehen?«
Joe schreckte von der Hantelbank hoch, als Commander Lutrell neben ihm auftauchte. Seine Gedanken rasten ehe er ein »Nein, Sir« hervorbrachte und gleichzeitig wusste, dass er einen Vorgesetzten anlog. Gleich würde Lutrell ihn brüllend zur Schnecke machen und verlangen, dass er die Wahrheit sagte.
»Okay.« Commander Lutrell machte kehrt und verschwand aus dem Kraftraum der Bagram Airbase.
Joe starrte seinem Vorgesetzten erstaunt nach. Okay? Mehr nicht? Einfach nur Okay? Das war so gar nicht Lutrells Art. Normalerweise konnte der Commander Lügen Meilen gegen den Wind riechen. Joe wusste durchaus, wo sein Kollege Casanova sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Er hatte sich unerlaubt vom Stützpunkt entfernt, um sich mit seiner derzeitigen Affaire zu treffen. Sollte Lutrell das rausbekommen, und das würde er sicher, würde es Ärger geben. Nicht die Art Ärger, die sie ohnehin jeden Tag hatten wegen nicht gemachter Betten und unaufgeräumter Schränke. Es würde die Art Ärger werden, nach der Casanova seine Sachen packen könnte und nie wieder einen Fuß auf einen Armystützpunkt setzen dürfte. Seit den Überfällen und Anschlägen der letzten Tage galten strenge Regeln. Niemand durfte das Gelände verlassen, niemand kam rein. Und jeder, der sich nicht an die Regeln hielt, war seinen Job los.
Verfluchte Scheiße. Er sprang auf und rannte hinter seinem Vorgesetzten her. Irgendetwas war nicht in Ordnung und er wollte wissen, was dieses irgendetwas war. Lutrell hatte die Ausgangstür bereits erreicht, was bedeutete, dass er wesentlich schneller unterwegs war als sonst.
»Sir?« Wie er diese Ansprache hasste. Zum Glück blieb Lutrell stehen. Was sollte er jetzt sagen? Sollte er direkt erwähnen, dass er sehr wohl wusste, wo Casanova war? Sollte er fragen, warum sein Kollege gesucht wurde?
»Nicht hier. In fünf Minuten in meinem Büro. Bringen Sie Kaffee mit.« Der Commander zog die Tür auf und verschwand nach draußen. Ja, etwas war definitiv nicht in Ordnung. Ins Büro wurde er öfter zitiert, aber nie in diesem Ton und schon gar nicht mit der Bitte Kaffee mitzubringen.
Fünf Minuten später betrat er mit einem Becher Kaffee das Büro von Lutrell.
»Tür zu, Joe«, blaffte dieser, ohne von seinen Papieren aufzusehen.
»Aye.« Irritiert, da er noch mitten in der Tür stand als der Befehl kam, zog er die Tür hinter sich zu und stellte den Kaffee ungefragt auf den Schreibtisch. Wenn er Pech hatte, würde Lutrell ihn nun einen Kopf kürzer machen. Im Geiste ging er seine Verfehlungen der Letzten 48 Stunden durch, war sich aber sicher, dass nichts davon die Laune des Commanders erklären konnte.
»Wo ist er?« Lutrells Blick bohrte sich tief in ihn.
»Bei seiner Neuen im Dorf.« Joe atmete aus in der Befürchtung, dass er nie wieder einatmen würde.
»Hol ihn her, sofort! Setz ihn an den PC. Lass ihn den Chatverlauf von Flynt und Lancaster überprüfen und dann soll er rausbekommen, wo Flynt hier abgestiegen ist, von wo er sich in das System eingehackt hat und wo er jetzt ist«, blaffte sein Gegenüber.
»Hat man sie gefunden?« Inständig hoffte Joe, dass man die Funkerin endlich gefunden hatte, die seit dem Überfall vor einer Woche vermisst wurde.
»Nein, oder vielleicht doch. Keine Ahnung. Auf alle Fälle ist Warrant Officer Class 1 Harry Flynt ebenfalls verschwunden. Es gibt seit 24 Stunden kein Lebenszeichen mehr von ihm. Hol Wesley her tritt ihm in den Arsch. Der soll aus dem Bett raus und herkommen. Wegtreten.«  
»Aje.« Joe Burnett, der den Spitznamen Gambit trug, drehte sich um und trat aus dem Büro. Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete er tief durch. Er musste seinen Kollegen Wesley Stone finden, der nicht umsonst den Spitznamen Casanova trug. Er musste ihn vor allem schnell finden. So aufgebracht war Lutrell nicht mal direkt nach dem Anschlag gewesen.
»Ach und Gambit?«
Er zuckte zusammen, als der Commander hinter ihm die Tür aufriss.
»Ja?« Er drehte sich um.
»Schaff mir Ferret her. Sofort!« bellte Lutrell so laut, dass ein Soldat, der in der Nähe stand zusammenzuckte.
»Aye Sir.« Joes Herz begann zu rasen. So kannte er seinen Vorgesetzten nicht. Die Lage musste ernst sein, sehr ernst. Im Laufschritt machte er sich auf den Weg aus dem Gebäude. Vor der Tür schlug ihm ein frischer Wind entgegen und die Sonne ging bereits unter. Hoffentlich war Wesley genau dort, wo er ihn vermutete, er hatte wenig Lust seinen Kollegen lange zu suchen. In einiger Entfernung stand ein Humvee, von dem er wusste, dass der Schlüssel steckte, da der Wagen schon vor zwei Tagen von der Werkstatt hätte abgeholt werden sollen. Aber bisher hatte sich niemand blicken lassen. Leicht außer Atem erreichte Joe den Wagen, riss die Tür auf und zuckte zusammen, als er seinen Kollegen Shawn entdeckte, der sich im Fußraum des Wagens an Kabeln zu schaffen machte.
»Sheep, alter«, knurrte er den 26 jährigen Mann an, der mit seiner wirren, wen auch schwarzen Haarpracht verblüfft zu ihm aufsah. Seinen Spitznamen hatte er nicht nur seines Vornamens wegen, sondern auch wegen seiner immer krausen Haare schon in der Ausbildung von einem Vorgesetzten erhalten.
»Boah, sag mal willst du mich zu Tode erschrecken?« Der dunkelhäutige Mann starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
»Ich dich? Was machst du hier?« Joes Herzschlag beruhigte sich langsam wieder.
»Ehm, die Kiste reparieren?« Fragend und eindeutig verwundert sah Shawn ihn an.
»Läuft das Teil? Ich muss Casanova finden. Irgendwo brennt es gerade, Lutrell ist auf 180.« Er hatte keine Lust für lange Erklärungen.
»Definitiv nein, der steht ja nicht umsonst hier. Aber der dahinten. Damit bin ich hergekommen.« Shawn richtete sich auf und ließ sich auf den staubigen Sitz fallen, während er auf einen kleinen Buggy deutete, mit dem sonst die SEALs unterwegs waren. Das eigentliche Geschütz am Dach des Gefährts war nicht montiert und so wirkte es fast wie ein normaler Strandbuggy.
»Wo ist der Schlüssel?« Joe wandte sich zum Gehen.
»Steckt.«
Joe konnte hören, wie Shawn aus dem Humvee sprang und grinste. Es war klar, das Shawn sich eine rasante Fahrt nicht entgehen lassen würde.
»Du glaubst doch nicht, dass ich dich fahren lasse.« Shawn spurtete an ihm vorbei und schwang sich in den Buggy. Als Joe den Überrollbügel zu fassen bekam und sich ebenfalls elegant auf den harten Schalensitz war, lief der Motor bereits und sein Kollege jagte, ohne das Ziel zu kennen.
»Sag mal wie wäre es, wenn ich dir erst sage, wo wir hinwollen?« Joe klammerte sich an den Überrollbügel, während Shawn über eine mit Schlaglöchern übersäte Straße raste.
»Wenn du Casanova suchst, weiß ich sehr genau, wo der ist, der ist mit DJ los heute. Sie haben Pippa heute Vormittag noch aufgezogen und Bitch vorgeschlagen sie könnte sich ja mal um den Kleinen kümmern.«
Der Wagen landete hart auf der Straße. Joe verkniff sich einen Kommentar und vertraute darauf, dass sein Kollege wusste, wo seine Kollegen sich befanden. Dass wieder einmal der Jüngste im Team unter den selten dämlichen Kommentaren seiner Kollegen hatte leiden müssen, störte ihn dieses Mal nicht weiter, da auch DJ bei dem Wortgefecht anwesend gewesen war. Auch wenn es nach Außenhin anders wirkte, so war der musikalische 28 jährige mehr oder weniger der Mentor von Pippa. Patrik, der nicht nur dadurch das er der Jüngste unter ihnen war, sondern auch wegen seines Aussehens oft blöde Sprüche einstecken musste, wusste normalerweise, wie er mit den Anfeindungen umzugehen hatte. Anders sah es bei Bitch aus. Lexi mochte nach außen hin klein, zierlich und zerbrechlich wirken, aber sie war das genaue Gegenteil. Sie wusste, was sie wollte, und ging notfalls auch über Leichen. Wenn man sie reizte, konnte es sein, dass man schneller am Boden lag, als einem lieb war. Genau dass war wohl der Grund, warum sie nun mit ihnen zusammen direkt unter Lutrells Komando stand. Sie alle hatten Leichen im Keller, die normalerweise die Arbeit in der Army unmöglich machten.


2.

Harrys Puls kam nur langsam zur Ruhe. Die letzten Stunden forderten nun ihren Tribut. Eine lähmende Müdigkeit legte sich über ihn. Was zum Teufel tat er hier? Sein Blick wanderte auf die beiden Männer, die vor ihm in einem gestohlenen Humvee der Bargram Airbase saßen. Der Beifahrer, ein Mann von seiner Größe den er bisher nur unter dem Namen DJ kannte, drehte sich zu ihm um.
»Mach die Augen ´ne Stunde zu. Wir wecken dich, wenn es die Kugeln nicht machen.«
Harry schloss die Augen. Nicht um zu schlafen, sondern um die letzten Stunden und Tage Revue passieren zu lassen. Langsam zweifelte er an seinem Vorhaben.
San Diego auf eigene Faust zu verlassen war das eine. Alles was er danach getan hatte würde dafür sorgen, dass er nie wieder in irgendeine militärische Einheit zurück konnte.
Sharlee Porter, die Pilotin, die ihn verbotener Weise mit einem B2 Bomber aus San Diego hier hergebracht hatte, hatte ihn noch während des Ausrollens aus dem Flieger springen lassen. Es war ihm gelungen, ungesehen bis in die Abendstunden zwischen großen Containern zu verharren. Noch nie war so viel Adrenalin so lange in seinen Adern rotiert. Dutzende Male hatte er sich eingebildet, dass irgendjemand um die Ecke der Stahlbehälter kam. Aber nicht einer der Wachleute war auf die Idee gekommen an der Stelle zu suchen, an der er abgestiegen war. Er hatte mit angesehen, wie die gesamte Base nach ihm gesucht hatte und wie man Sharleen abgeführt hatte. Aber er hatte auch gesehen, wie sie am späten Abend zur Landebahn zurückgekehrt war. Also hatte man sie zumindest für den ersten Moment von irgendwelchen Vermutungen freigesprochen. Vielleicht hatte man ihr auch geglaubt, dass er abgesprungen war, so wie sie ihren Vorgesetzten hatte weiß machen wollen. Erst in der Nacht hatte er sich dann mit seiner Ausrüstung auf den Weg zu einem der Technikräume gemacht, wo er erstaunlich schnell Zutritt bekommen hatte. Sogar der Mann, der dort Wache schieben sollte, war nicht anwesend. Harry hatte damit gerechnet, auf einen Wachmann zu treffen aber der Raum war leer und so war es für ihn ein leichtes das Sicherheitssystem lahmzulegen. Mit dieser Handlung hatte er im Prinzip seinen Rauswurf unterschrieben. Das Löschen einiger Überwachungsbänder, auf denen er Bilder von sich vermutete, dauerte nur Sekunden und er wusste, dass er nur wenige Minuten haben würde, ehe auffallen würde, dass der Großteil der Überwachungskameras und Sicherheitssysteme offline waren.
Das war sein Zeitfenster, um von der Base zu verschwinden und in Bagram unterzutauchen. Einen Wagen hatte er schnell gefunden und es war ihm gelungen das Gelände zu verlassen, ehe das geordnete Chaos ausgebrochen war. Da er sich nicht dazu im Stande gefühlt hatte den Wagen Hunderte Kilometer zu fahren, beschloss er in einer Art Bar Unterschlupf für eine Nacht zu suchen. Der Besitzer des kleinen Ladens hatte ihn zwar mehr als nur verwundert angesehen, als er nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt hatte, stellte aber keine Fragen mehr, nachdem Harry ihm 50 Dollar in die and gedrückt hatte. Es war simpel hier die Leute zum Schweigen zu bringen und er war nicht der Einzige, der das ausnutzte. Auch die Terroristen zahlten für das Schweigen oder die Loyalität der Menschen. Aber sie zahlten weit weniger. Meist waren es nur wenige Dollar, mit denen sie junge Männer zu sich holten oder Frauen kauften.
Harry schüttelte es bei dem Gedanken.
Am Nachmittag wollte er eine Kleinigkeit essen und traf auf den Mann, der nun den Wagen lenkte. Wesley, der von seinem Kollegen Casanova genannt wurde. Wesley verfolgte am Nachmittag eindeutige Ziele bei einer jungen Frau, die allerdings wenig von seinen Annäherungsversuchen hielt. Sie hatte immer wieder versucht dem großen Mann klar zumachen, dass sie weder geküsst noch angefasst werden wollte. Diesen Umstand konnte Harry nicht mit ansehen. Es war wahrscheinlich nicht die beste Idee seines Lebens gewesen einen Mann wie Wesley einfach zurückzuziehen, aber er hatte die Faust kommen sehen und konnte so seinem Schlag ausweichen. Wesley, der überrascht von seiner Reaktion gewesen war, hatte ihn verwundert angestarrt und ihn dann angebrüllt was er sich einbilden würde. So wurde aus einem lauten Streit irgendwann ein vernünftiges Gespräch, von dem Harry bereits jetzt nicht mehr wusste, wie es entstanden war. Auf alle Fälle hatte er Wesley und wenig später DJ von seinem Vorhaben erzählt. Sie trafen sich in seinem Zimmer, welches mehr ein Verschlag als eine Unterkunft war. Harry, der sein Notepad gut gepolstert in seinem Gepäck dabei hatte, zeigte Wesley und DJ die Bilder, die er bisher gefunden hatte, ebenso die möglichen Koordinaten. DJ, der sich die Fotos erstaunlich lange angesehen hatte, schüttelte irgendwann den Kopf, sah seinen Kollegen an und raunte ihm zu. »Casanova dir ist klar, wo das ist oder?«
Mit diesem Satz hatte DJ Harrys vollste Aufmerksamkeit. Er wollte, nein, er musste wissen, wo die Bilder aufgenommen waren und dass Wesley den Kopf zur Seite legte und sich tiefe Falten auf seiner Stirn bildeten, war ein eindeutiges Zeichen dafür, dass auch er etwas auf den Bildern wieder erkannte.
»Diese Schweine, das war unser Stützpunkt.« Die Worte von Wesley waren eindeutig nicht für seine Ohren gedacht.
»Wo ist das?« Harry fühlte sich zu dem Zeitpunkt wie ein Schuljunge, der etwas sehr Wichtiges nicht mitbekommen hatte. Wenn das an einem Stützpunkt war, warum kannte er ihn nicht und warum um alles in der Welt kannte die NGA die Gegend nicht. Wenn es dort eine Stelle gab, an der das Militär sich bereits befunden hatte, musste es doch bereits Bilder geben. In was schlingerte er da hinein?
»Das ist in der Nähe eines aufgegeben Stützpunktes, oben am Pech-Tal«, erklärte DJ, der sich weitere Bilder ansah.
Harry ging im Geiste die Karten durch, die er über Tage studiert hatte. Es dauerte eine Weile, bis ihm der Fluss Pech in den Sinn kam, der, nachdem er über viele Kilometer durch das Gebirge geflossen war, bei Asadabad in den Kunar floss. Aber wo um alles in der Welt gab es dort einen Stützpunkt? Den beiden Männern war wohl sein verwirrter Ausdruck aufgefallen, denn Wesley erklärte ihm dann, das es vor Jahren bereits einen Versuch gegeben hatte die Gegend einzunehmen und von Terroristen zu säubern, nur war dieser Versuch gescheitert. Es hatte viele Tote gegeben und viele der Dinge, die dort geschehen waren, hatte man unter den Teppich gekehrt. Die USA hatte nicht zugeben wollen, dass sie an diesem Punkt gescheitert war. Das es nicht gelungen war eine Straße zu bauen und das vielleicht auch eine tote Kuh Schuld daran trug, das die Bewohner der Gegend sich nicht mit den Amerikaner anfreunden konnten. DJ riss nur kurz die Geschichte einer verirrten Kuh an, die sich im Draht des Stützpunktes verfangen hatte und elendig zugrunde gegangen wäre, hätte man sie nicht erlöst. Der Fehler, den sie Soldaten dann machten, hatte für viele Probleme gesorgt. Sie zerlegten das Tier und bereiteten daraus einige Mahlzeiten zu. Der Besitzer des Tieres stellte die Männer zur Rede und forderte einen Ersatz oder Geld. Das einzige was man ihm anbieten konnte waren Lebensmittel im Gewicht des Tieres, da die Vorgesetzten sich zu fein waren einige hundert Dollar auszugeben. Da es über Monate nicht gelang, die Dorfbewohner auf die Seite der Amerikaner zu ziehen und die Gefechte immer mehr Opfer forderten, wurde der Stützpunkt zusammen mit einem weiteren und einem der sich im Bau befand aufgegeben.
»Hey, Augen auf. Wir brauchen deine jetzt auch.« DJs tiefe Stimme riss ihn aus dem Schlaf, in den er nicht hatte fallen wollen. »Wenn wir Pech haben, kommen wir nicht mal in einem Stück da oben an. Ein paar Kilometer können wir noch fahren, ich denke, danach gehen wir zu Fuß weiter oder?« DJs Blick wanderte zu Wesley, der auf eine mit Löchern übersäte Straße konzentriert war.
»Mal schauen, wie der Weg weiter oben ist. Eigentlich sollte er bis nach oben führen. Ich erwarte aber nicht das wir die Frauen da finden, aber vielleicht finden wir ein paar Hinweise.«
»Alter, du willst da nicht ernsthaft mit dem Humvee hochfahren.« DJ sah seinen Kollegen ungläubig an.
»Warum nicht?«
»Ey, dann kann ich das Teil ja gleich in Neon Gelb ansprühen und ne Zielscheibe draufmalen. Die werden sich sicher freuen, wenn sie uns gleich sehen.« DJ schüttelte den Kopf und Harry fühlte sich plötzlich wie ein Zuschauer.
»Mit dem Teil kann ich aber schneller abhauen, als wenn ich zu Fuß laufen muss.« Wesleys Antwort war bissig.
»Also ihr könnt mich auch hier rauslassen. Ich hab ja die Koordinaten.« Die Zweifel nagten an Harry. Brachte er gerade zwei Männer in Gefahr, die er kaum kannte? Die Trisha zwar nur vom Sehen kannten aber sich ebenfalls um sie und die anderen Frauen sorgten? Die ihren Vorgesetzten verfluchten, weil der ihnen nicht gesagt hatte, dass man bereit Frauen hingerichtete hatte, die gemeinsam mit ihnen auf der Airbase gearbeitete hatten?
Es wäre besser, wenn er den Rest des Weges alleine hinter sich brachte. Ein Mann alleine fiel nicht so sehr auf wie drei, schon gar nicht wie drei in einem Humvee, der unübersehbar zum Militär gehörte. Vielleicht könnte er sich sogar mit den wenigen Fetzen Paschtu, die er sprach, durchfragen und in Erfahrung bringen, wo Trisha war.
»Vergiss es, das wäre, als würden wir sie offiziell zum Tontaubenschießen einladen.« Wesley warf ihm einen kurzen Blick über die Schulter zu.
»Ah so Tontauben, und was ist es, wenn wir mit Auto da ankommen? Schiffeversenken?« DJ schüttelte den Kopf.
»Stell dich nicht so an. Wir wollen da kein Wochenendurlaub machen, sondern uns nur umschauen. Wir werden weder ein Eichhörnchen noch eine Kuh erschießen. Wir werden aussteigen, uns umsehen und wieder fahren. Und zwar zu dritt.« Erneut sah Wesley sich um und Harry wagte es nicht, ihm zu widersprechen. Ein solcher Blick duldete keine Widerworte.


3
Joe strich sich verärgert über sein Kinn, während er mit Shawn auf Commander Lutrell wartete, der vor wenigen Minuten ihrem Kollegen Randel lautstark die Leviten gelesen hatte.
»Alter, der ist geladen wie C4«, flüsterte Shawn ihm zu.
»Jup.« Joe starte die Akten an, die auf Lutrells Schreibtisch lagen. Es hatte ihren Vorgesetzten absolut nicht erfreut, dass sie Casanova nicht gefunden hatten. Noch weniger begeistert war er, als sie ihm kleinlaut beichteten, dass DJ wahrscheinlich mit Casanova zusammen, einen Humvee geklaut hatte und mit einem Mann verschwunden war, der durchaus der gesuchte Harry Flynt sein könnte. Die ganze Angelegenheit roch nach Ärger, viel Ärger.
Die Tür hinter ihnen flog krachend auf.
»Seid ihr wahnsinnig geworden? Ich hab für jeden von euch meinen Kopf hingehalten. Einen Humvee klauen, geht es noch? Was fällt euch ein. Habt ihr eine Ahnung, wo die hinwollen?«, donnerte Lutrell los, ehe er die Tür mit ebenso viel Kraft wieder ins Schloss warf. »Haben deine Leute den Verstand verloren Gambit?«, drohend baute der Commander sich nur Zentimeter vor ihm auf. »Hab ich euch nicht vor der Gosse bewahrt Sheep?« Er wechselte die Position und brüllte Shawn an.
»Doch Sir.« erwiderte dieser laut.
»Warum zum Geier machen die das? Was versprecht ihr euch davon? Wenn ich die beiden wieder hier habe, könnt ihr alle gehen. Ich habe keine Lust mehr euch jeden Tag aus der Scheiße zu ziehen, ich bin doch kein Kindermädchen.« Nun stand Lutrell wieder vor ihm. Sein Herz raste. In einer solchen Art hatte er ihn noch nie angefahren. Sie alle hatten Dreck am Stecken, aber Lutrell hatte sie so weit rehabilitiert, dass sie unter seinem Kommando zu einer Sondereinheit wurden.
»Sir, ich habe keine Ahnung, was Casanova und DJ denken.«
»Das solltest du aber wissen verflucht. Was soll ich Captain Harrison erzählen, wenn er ankommt? Das meine Männer mit seinem Mal eben abgehauen sind, um einen Alleingang zu wagen?« Die Lautstärke verringerte sich nicht. »Dass ich keine Ahnung habe, wo sie hin sind und was sie vorhaben? Gambit ihr riskiert euren Job und die anderen ihr Leben.« Lutrell holte tief Luft und Joe konnte einen kurzen Moment nur noch seinen eigenen Herzschlag hören.
»Ich habe eine grobe Ahnung, wo sie hinfahren.« Lutrell hatte sich zumindest von der Lautstärke her beruhigt. Er drehte sich um und ging auf seinen Schreibtisch zu. Er zog ein Stück Papier unter einigen anderen hervor und reichte es an Shawn weiter. Joe riskierte einen Seitenblick auf das, was sich als Landkarte entpuppte. Ein unterdrückter Fluch von Shawn festigte seinen Eindruck. Er kannte die Gegend, aber dort hatte sich lange niemand mehr hingewagt, da der Widerstand der Terroristen dort ungebrochen war. Dort verhielt es sich ein wenig wie in den Comics von Asterix und Obelix. Nur waren sie in diesem Fall die Römer und die Terroristen die Gallier. Was die amerikanische Regierung natürlich nie zugeben würde.
»Trommelt alle zusammen, Harrison kommt in 12 Stunden mit seinen Leuten an. Mit ihm zusammen trifft Team 8 ein. Ihr geht mit der I.A.T.F ins Tal und sucht da nach Spuren. Wenn es Probleme geben sollte, unterstützt euch Team 8. Gambit ich erwarte, das ihr vernünftig zusammenarbeitet.« Lutrells Blick bohrte sich förmlich in ihn. Er wusste genau, worauf der Commander anspielte. In der Vergangenheit hatten sie sich als nicht oder nur wenig teamfähig bewiesen. Jetzt in diesem Moment wünschte Joe sich nichts mehr als nicht derjenige zu sein, von dem Lutrell dachte, das er Führungsqualitäten besaß.
»Aye Sir.« Shawn riss ihn aus seinen Gedanken und er nickte Lutrell zu.
»Wird gemacht.« Joe wandte sich ebenso wie Shawn ab, der vor ihm die Tür erreichte und bereits aufgezogen hatte, als sich Lutrells Hand auf seine Schulter legte.
»Joe, du bekommst das schon hin. Norde sie ein und dann kommt her. Da draußen sind zwei von euch in echten Schwierigkeiten.« Die Hand verschwand wieder und Joe lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Noch nie hatte der Commander ihn mit dem Vornamen angesprochen. Entweder war er Gambit, ein Weichei, eine Lusche oder ein Looser aber noch nie Joe. Noch beunruhigter als er das Büro betreten hatte, verließ er es wieder. Shawn stand an der Ausgangstür und starrte hinaus, als er neben ihm ankam.
»Meinst du, sie haben Probleme?« Shawn sah ihn nicht an. Er starrte weiter in den Nachthimmel über der Airbase.
»Wenn die da hin sind, haben die nicht nur Probleme.« Joe strich sich über die Augen.
Der einzige, von dem er in diesem Moment genau wusste, wo er war, war Randal Brinker. Der Mann mit den feuerroten Haaren, der immer nur Ferret genannt wurde, saß im Büro neben dem von Lutrell und versuchte herauszufinden, was passiert war. Wo die bekannten Bilder der Frauen gemacht wurden, schien ja nun endlich bekannt zu sein, aber warum seine Kollegen verschwunden waren und wahrscheinlich mit Harry Flynt gemeinsam unterwegs waren, war Joe ein Rätsel. Sie wussten, wie gefährlich das Pech Tal und alles das Drumherum lag war. Hatten sie vielleicht schon früher von den Bildern erfahren? Hatte man ihnen etwas vorenthalten? Was um alles in der Welt war in seine Kollegen gefahren?
»Ich hole Skipper.« Shawn verschwand in der Dunkelheit.
»Toll dann bleiben ja nur 7 für mich.« zischte er an Shawn gerichtet.
Joes Blick auf die Uhr verriet ihm, das alle aus ihrem Team bereits in den Betten lagen. Es war kurz nach Mitternacht und Skipper war mit Sicherheit der Einzige, den man nun noch wach im Aufenthaltsraum finden könnte. Somit hatte Shawn sich den leichtesten Weg ausgesucht. Joe stieß den Atem aus und beobachtete die entstehende Dunstwolke, die in der Kälte gut zu sehen war. Einen kurzen Augenblick überlegte er wenn er als erstes aus dem Bett holen sollte und entschied sich dann für Lexi Walker, wobei er noch keine Ahnung hatte, wie er ihr erklären wollte, dass er sie bei ihrem heiligen Schlaf störte. Wenn er mit Waffe in der Hand bei ihr auftauchen würde, wäre sie sofort wach und bereit, und die einzige Frage, die sie noch stellen würde, wäre die nach dem Ziel ihrer Mission. Aber jetzt war das Ziel Lutrells Büro und das würde sie nicht im geringsten freuen.
»Alter, hast du keine Hobbys? Hau ab! Mach das du raus kommst, jetzt!« fuhr eine Furie ihn 5 Minuten später lautstark an. »Der Sack kann auch warten, bis ich ausgeschlafen habe.« Ein Schuh landete nur Millimeter neben seinem Kopf an der Wand. Er wusste, dass sie ihn mit Absicht verfehlt hatte, denn wenn Lexi treffen wollte, tat sie es und zwar mit der Präsizion eines Schweizer Uhrwerks. Somit musste er seinen Puls zwingen, wieder ruhiger zu werden und sie nicht mit Gewalt aus dem Bett zu ziehen.
»Bitch beweg dich. Lutrell will uns sehen. Alle. Es ist wichtig. Casanova und DJ sind weg.« Wenn diese Aussage nicht ausreichte, um sie aus dem Bett zu holen würde er sie tatsächlich herauszerren.
»Boah, die sind wie Katzen, die kommen von alleine wieder. Hau ab Gambit und lass mich schlafen.« Ihr Ton wurde zwar ruhiger, aber ihre Worte machten klar, dass sie sich nicht bewegen würde. Das Quietschen des Feldbettes bestätigte seinen Verdacht. Sie drehte sich genervt um.
»Die sind wahrscheinlich ins Pech Tal.« Diesen einen Versuch wollte er noch starten, betrat aber schon das dunkle Zimmer um die blonde Frau aus den Federn zu ziehen.
»Die sind was?«
Erneut protestierte das Bett unter ihren Bewegungen und er konnte sehen, wie sie sich aufsetzte.
»Ja, deswegen will der Boss uns sehen.«
»Haben die den Verstand verloren?«
Die Decke flog zurück und Joe stockte der Atem, als Lexi sich aus dem Bett schwang. Warum auch immer, aber, sie hatte nichts an. Ging sie immer ohne Kleidung ins Bett? Er konnte nur ihre Silhouette erahnen, da es zu dunkel war, aber was er sah, machte einmal mehr klar das sie ebenso gut auf einem Laufsteg arbeiten könnte.
»Man atme weiter.« blaffte die knapp einssiebzig große Frau ihn an und schlüpfte unter seinem verdutztem Gesichtsausdruck in ihre Sachen. Innerhalb von drei Minuten stand sie in Uniform vor ihm und gab ihm einen harten Stoß.
»Ich hol Sticks und Pippa.«
»Nein, Pippa hol ich, geh du Sticks und Maverick wecken.« Er griff nach ihrem Arm, ehe sie an ihm vorbei war. Er wollte nicht, dass sie dem jüngsten des Teams mitteilte, das sein Mentor verschwunden war. Aus irgendeinem Grund wollte er derjenige sein, der die Nachricht überbrachte.
30 Minuten später standen sie zu 10 wieder in Lutrells Büro. Der Commander hatte einige Minuten Maverick angestarrt, da dieser durch ein blaues Auge unübersehbar für ihren Vorgesetzten wieder einmal Arbeit bedeutet. Aber es war das erste Mal seit langer Zeit, das der Commander Will Tenner nicht aufforderte zu sagen, wo diese Kampfspuren herkamen. Normalerweise musste Will berichten, was geschehen war, damit Lutrell wusste, wer ihn in einigen Stunden anrufen würde, um ihm mitzuteilen, das einer seiner Männer sich ungebührlich verhalten hatte. Aber Lutrell hatte nur ein Stöhnen für Will über, der sich zwar mit Sprengstoffen auskannte, aber selber viel zu oft selbst wie TNT reagierte und sich selbst dann nicht an einer Explosion hindern konnte. Die Stimmung in dem kleinen Raum war extrem angespannt, als Ferret eine Karte an dem Flipchart befestigte.
»Ich denke ihr wisst, was los ist. Wir haben nur die Vermutung das Casanova und DJ Flynt dorthin begleiten.« Lutrell deutete auf das Tal, welches der Arme in den letzten Jahren derbe Verluste beigebracht hatte. »Wenn sie auch nur ein bisschen Verstand haben ... Und ich dachte, ich habe euch einprügeln können, dass ihr eure Köpfe benutzen sollt ... Lassen sie ihn irgendwo raus. Was wiederum für Harrison ärgerlich wäre. Niemand möchte einen einzelnen Mann da haben. Aber vorausgesetzt sie haben Verstand, dann kommen sie schnell zurück und sagen uns wo sie ihn hingebracht haben und wir stehen hier in 24 Stunden und können in Ruhe mit Flynt die Frauen suchen ... wenn nicht.« Lutrell sprach nicht weiter. Sie alle wussten was dieses wenn nicht war. Dann müssten sie nicht nur Frauen retten, von denen sie keinen genauen Aufenthaltspunkt hatten, sondern auch ihre Kollegen. Ihnen war klar, dass die Frauen sehr wahrscheinlich nicht mehr dort waren, wo die Bilder aufgenommen wurden. Das wäre Selbstmord für die Terroristen. Vielleicht würde sie dort die Leichen der Frauen finden, aber selbst die Chance war gering. Joe grübelte sogar darüber, ob es Absicht gewesen war die Frauen dorthin zu bringen, und die Bilder dann ins Netz zu stellen.
»Ich habe es Gambit schon gesagt und ich sage es jetzt nochmal. Ich erwarte von jedem von euch, dass ihr mit Harrisons Team zusammenarbeitet. Das sind Profis. Das sind keine Noobs wie ihr so schön sagt. Die wissen, was sie tun. Ich erwarte, dass ihr euch in das Team einfügt.«
»Wir, uns, in ein anderes Team einfügen? Warum fügen die sich nicht ein? Das sind doch die mit dem Indianer oder?« Lexi fiel ihrem Vorgesetzten ins Wort.
»Ja, das sind DIE mit dem Indianer.« Lutrell ging auf Lexi zu, die zu ihrem Vorgesetzten aufsehen musste. »Wenn du damit ein Problem hast, dann bleibst du hier und die großen Jungs dürfen mit den bösen Buben spielen und du machst die Klos sauber.« Der Commander wandte sich ab, ehe sie etwas erwidern konnte.
Joe wusste, dass diese Ansprache ihre Wirkung nicht verfehlt hatte.
»Was ist mit der Deutschen? Ist die wirklich so gut?« Jetzt meldete sich der einzige ausgebildete Pilot ihres Teams zu Wort. Aiden McGregor war gebürtiger Schotte aber schon als Kleinkind mit seinen Eltern in die USA gekommen. Joe hatte selten einen solchen Freak gesehen wie ihn. Selbst in seiner Freizeit nutzte er jede Möglichkeit, um zu fliegen. Er flog sogar die kleinen Propellermaschinen, die die Landwirte nutzten, um ihre Felder gegen Unkräuter und Krankheiten zu spritzen. Wenn man Aiden während des Urlaubs suchte, musste man nicht im Wasser, auf Liegen oder vor dem TV suchen. Dann sollte man seinen Blick auf den Himmel richten und nach einem Flieger suchen, der mit waghalsigen Manövern auf sich aufmerksam machte. Irgendwer hatte mal die Behauptung aufgestellt, dass wenn jemand die kleinen Maschinen ins All fliegen könnte, dann wäre es Aiden. So kam er wohl auch zu seinem Spitznamen.
»Skotti?« Lutrell ging auf den Piloten zu.
»Aye?«
»Sie ist besser wie Snipes und somit ist sie so gut, wie alle sagen. Noch Fragen?« Lutrell sah sie alle mit einem Blick an, der keine Fragen mehr zuließ. Cayden Harrison eilte ein Ruf voraus, der keine Diskussionen zuließ. Als plötzlich das Gerücht umging das der Scharfschütze aus dem Dienst ausschied hatten sie alles es für eine Lüge gehalten, für ein Gerücht, das aufgekommen war, da er lange nicht auf Schießständen gesehen worden war. Dazu kamen Erzählungen, dass er seine Verletzung noch nicht auskuriert hatte. Also waren viele davon ausgegangen, dass es ein Gerücht war. Niemand konnte sich vorstellen, das ein Mann wie Cayden Harrison einfach so von heute auf morgen sagen könnte er quittiert seinen Dienst und wird zum liebevollen Familienvater. Erst als der Commander es bestätigte, wurde es für sie real und seit dem begannen erneute die krankhaften Vergleiche der Scharfschützen. Das interne Ranking wurde wieder mit Argusaugen überwacht und Abschüsse gezählt. Vor Snipes Ausstieg war das Ranking eine Weile nur dazu da gewesen, um zu sehen, wie weit man unter ihm stand. Jetzt kam wieder die Frage auf wer der beste in der US Armee war.