Leseproben

1

»Du sollst dich bewegen verdammt!« Brüllend stand Sean am Strand und versuchte mit seinen Worte Patrik zu erreichen, der weit zurückgefallen war.
Seit einer Woche testete er die Teams auf Herz und Nieren und war glücklich darüber, dass die alt eingesessenen der IATF sich weit besser schlugen, als die Männer die neu dazugekommen waren. Also hatte sein Training in den letzten Jahren Früchte getragen.
Er hatte zwar festgestellt, dass es auch unter den Neuen einige gab, die ihre Spezialgebiete zu haben schienen, aber er wollte, dass sie in allen Bereichen die Besten waren. Mit viel Schweiß und Blut war das möglich, das wusste er, nur musste er seinen Männern das noch klar machen.
»Er lässt ihn da alleine.« John, der neben ihm stand und das Szenario im knapp 10 Grad kalten Wasser der Coronado Bay ebenfalls beobachtete, riss ihn aus seinen Gedanken. Mit größer werdenden Augen sah er, wie Patrik nicht nur zurückfiel, sondern immer weiter nach rechts abtrieb. Will, den er als Partner für Patrik eingeteilt hatte, schloss wieder zum Rest auf und ließ seinen Partner zurück.
»Maverik, du Made, wo ist dein Swimmbuddy?« Sean lief brüllend weiter an das Wasser heran und wollte Will Tenner auf seinen Fehler aufmerksam machen. Er hatte keine Ahnung, ob seine Worte den dunkelhaarigen 22 jährigen erreichten. Immer wieder warf einen Blick zu dem schmächtigen Patrik Blood, der versuchte, gegen die Strömung anzukämpfen.
»Maverik!« Nochmals brüllte er den Namen. Nie ließ man seinen Partner allein.
»Ich hol ihn raus.«
Sean wollte John widersprechen, als er aber sah, dass Patrik immer wieder unter Wasser gezogen wurde, blieben ihm die Worte im Hals stecken. Das Letzte, was er brauchen konnte, war ein Toter beim Training. Die Strömung dort, wo der junge Mann sich befand, war hinterhältig und hatte schon SEALs das Leben gekostet. Jetzt musste er eingreifen. Er konnte nicht mehr darauf warten, dass Maverik seinen Fehler bemerkte. Selbst wenn er das nun tat, er würde seinen Kollegen nicht mehr rechtzeitig erreichen.
Als John das Schlauchboot ins Wasser schob hastete er zu seinem Kollegen, warf sich hinein und suchte nach Patrik, den er vor wenigen Sekunden noch gesehen hatte. Der Mann mit den blonden Haaren tauchte um sich schlagend wieder auf. Im BUDs wäre dieser Moment, in dem sie ihn aus dem Wasser holen mussten, sein Aus für die SEALs gewesen. In der IATF hieß es für ihn nur eines. Mehr Training. Wenn sie ihn noch rechtzeitig erreichten. Ansonsten bedeutete es viel Arbeit für ihn und eine große Schlagzeile in den Zeitungen.
Nach wenigen Minuten hatten sie den völlig erschöpften Mann erreicht, der immer wieder von der Strömung unter Wasser gezogen wurde. Patrik schlug panisch um sich und machte es ihnen so schwer ihn zu greifen um ihn aus den eisigen Fluten zu ziehen.
»Los komm raus Pippa.« Zu zweit packten sie den 23 jährigen an den Armen und zerrten in das Schlauchboot. »Wo ist dein Swimmbuddy?« blaffte Sean den Mann an der nach Luft ringend im Boot lag und bemerkte Johns vorwurfsvollen Blick nur am Rande. Es war ihm egal, dass sie um ein Haar einen Mann verloren hätten. Für ihn zählte in diesem Moment nur das Versagen der beiden Männer, die nicht in der Lage waren aufeinander acht zu geben. Will hätte sich nie von Patrik entfernen dürfen. Seit Tagen versuchte er den Männern klar zu machen, dass auch in der IATF galt seinen Partner immer in Reichweite zu haben. Eine Armlänge mehr war nicht erlaubt. Will hätte warten müssen und Patrik hätte auf sich aufmerksam machen müssen.
»Keine Ahnung.« brachte Patrik hustend hervor, während John Kurs auf die Gruppe im Wasser nahm, die nur noch knappe 100 Meter vom Strand entfernt war. Er würde allen nochmals eine Predigt halten müssen. Niemand hatte seinen Partner im Wasser allein zu lassen. Wenn jemand das hier tat, würde er es im Gefecht auch tun. Innerlich stöhnte er auf. Drei Mal hatte das Team nun schon auf das Meer rausschwimmen lassen. Bisher hatte alles geklappt, nur heute schien der Wurm drin zu sein. Am Morgen hatte er die Paarungen im Team neu zusammengesetzt, damit am Ende der Trainingseinheit jeder mit jedem zusammen funktionierte. Aber es schien, als hätte er gerade mit Will und Patrik einen Fehler gemacht. Er musste unbedingt heraus bekommen, warum die beiden Männer ein Problem miteinander hatten.
Mit einem Ruck schob sich das Boot auf den Strand und sein Blick wanderte zu den Männern und der einen Frau, die strauchelnd aus dem Wasser kamen. Er sah zu John, der mit den Schultern zuckte. John war nicht der Ausbildertyp. Er war niemand, der gerne jemand anders anbrüllte und zur Schnecke machte. Ihm fehlte nicht nur die Motivation dazu, sondern auch das Vokabular.
»Los rauf da jetzt sofort.« John hatte tief Luft geholt, damit die Gruppe, die noch kraftlos am Strand stand, ihn auch hörte. Auch Patrik gab John mit einer knappen Geste zu verstehen, dass er sich genügend ausgeruht hatte und sich zu seinen Kollegen auf der Düne begeben sollte. Als John die Gruppe bei sich gesammelt hatte, ging Sean auf sie zu und sah von einem zum anderen.
»Seid ihr alle taub? Spreche ich irgendeine gottverdammte Scheiß Sprache, die ihr nicht versteht? Pippa wäre da draußen fast ersoffen. Und warum?« Er machte einige große Schritte auf Will zu. »Weil du Ochse deinen Swimmbuddy aus den Augen gelassen hast. Wie weit war eine Armlänge gleich nochmal Maverik?« Er brüllte Will an, der direkt vor ihm stand.
»So lang.« Will hob mit fester Stimme den Arm.
»So und wo war Pippa eben?«, blaffte Sean.
»Weiter weg.« Immer noch klang der Mann vor ihm völlig unbeeindruckt.
»So. Und wer hätte ihn aus dem Wasser geholt?« Sean hielt seine Stimme weiter hin laut und sah Kurz zu Patrik.
»Keine Ahnung.«
»Keine Ahnung? Die verfluchten Haie. Ihr beide lauft jetzt 15 mal die Düne rauf und runter, und wenn ihr nur ein einziges Mal weiter als eine Armlänge auseinander seid, werden es nochmal 15. Der Rest macht Situps und Liegestütze. Alle!«, brüllend deutete er die Sanddüne hinunter. Die Angesprochenen bewegten sich Aufeinader zu und rannten durch den tiefen Sand die Düne hinunter.
»Eine Armlänge Maverik, eine, keine 2, EINE. Wenn Pippa dir zu langsam ist, machst du auch langsam oder unterstützt ihn.« Er stöhnte auf, als er die Worte hinter den beiden jungen Männern hergebrüllt hatte. »Manchmal glaube ich, sie begreifen es nie.« Raunte er John zu, während er die beiden Männer im Auge behielt. Es war nicht zu übersehen. Will hatte ein Problem damit, dass Patrik langsamer war.
»Die einen verstehen es schneller die anderen eben nicht.« erwiderte John unbeeindruckt.
»Und dann gibt es welche die begreifen es nie«, flüsterte er mehr für sich als für John oder jemand anders aus dem Team.
»Schwarzmaler.« ächzte Darrel ihm zu, der nur einen knappen halben Meter von ihm entfernt in seine Situps vertieft war.
Eine Stunde später lief er neben Yvonne, die schweratmend auf ihre Bewegungen konzentriert war. Er hatte nicht nur sie an ihre Grenzen gebracht und aufgrund ihrer gesundheitlichen Verfassung das Training für sie früher beendet, damit sie sich ausruhen konnte. Auch die Männer, die ebenfalls im Laufschritt auf dem Weg in die Coronado Naval Base waren, gingen auf dem Zahnfleisch.
»Du hättest was sagen können, das weißt du.« Er sah zu Yvonne. Sie hatte sich während des ganzen Trainings nicht einmal beschwert und er hatte einfach nicht auf sie geachtet, weil er mit Will und Patrik beschäftigt gewesen war.
»Ich weiß.« gab sie kurz angebunden als Antwort.
Erst als sie um Luft ringend nach einer Runde Liegestütze am Boden liegen geblieben war, war ihm klar geworden, dass sie ihre Grenze erreicht hatte. Yvonne ging regelmäßig an ihre Grenze und oft auch darüber hinaus aber ihr Blick, als sie ihn am Boden liegen angesehen hatte und nach Syrells Hand gegriffen hatte, hatte ihm klargemacht, dass für sie das Training an diesem Punkt beendet war.
»Ich meine ja nur.« Kurz warf er einen Blick über die Schulter zu den anderen und John, der neben Darrel als Letzter lief. Er wandte sich wieder gedankenverloren nach vorne. Sein Puls hatte einen regelmäßigen Rhythmus gefunden und er konnte das Laufen genießen, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Sean liebte seinen Job. Die Gruppe rund um ihn war als Haufen verprügelter Hunde aus dem Einsatz gekommen und entwickelte sich langsam zu einem Rudel unbesiegbarer Wölfe. Aber noch war das neue Rudel nicht komplett. Vier Teammitglieder fehlten noch, zwei waren in Deutschland im Militärkrankenhaus, einer saß in der Base mit gebrochenem Fuß und der IT Fachmann kurierte seine schweren Verletzungen und wartete darauf, dass man ihn für seine Verfehlungen vor Gericht stellte. Sean zweifelte allerdings daran, dass man Harry von auch nur einem der Anklagepunkte freisprechen würde. Somit machte er sich seit Tagen Gedanken wer den IT Profi ersetzen könnte. Allerdings wollte ihm niemand einfallen. Er kannte nur einen, der vielleicht im Ansatz mit Harry mithalten konnte, allerdings war dieser jemand vor kurzem aus dem Militär ausgeschieden. Collin Wyler den sie alle nur Cat nannten hatte bei einem Anschlag ein Auge verloren. Das letzte Mal als Sean ihn gesehen hatte, war ihm aufgefallen, wie schlecht der ehemalige SEAL aussah. Vielleicht konnte er ihm mit einem Job wieder auf die Beine helfen. Allerdings hatte er keine Ahnung ob Collin sich mit einem Schreibtisch-Job zufriedengeben würde. So könnte er zumindest Harry als IT Fachmann ersetzen. Die Kampfkraft des Engländers würde einer der Männer ersetzen, die neu dazugekommen waren. Tief in ihm wehrte sich jedoch alles dagegen, den Engländer zu ersetzen. Er war nicht nur ein guter Kollege sondern auch ein guter Freund und es fiel Sean schwer sich vorzustellen, dass er ihn nicht mehr um sich haben würde. Aber dass war wohl eine der Schattenseiten seines Jobs. Manchmal verschwanden Kollegen von heut auf morgen aus dem Team und dann über kurz oder lang auch aus dem Freundeskreis.
»Ey Boss.«
Sean zuckte zusammen, als sein Bruder neben ihm auftauchte.
»Was?« Sein Blick wanderte erst zu Nathan und dann nach vorne. Sie würden noch gute 15 Minuten unterwegs sein, ehe sie die Base erreichten..
»Hast du schon was von Rafael oder so gehört, wegen dem Brief?«
Sean rollte mit den Augen. Insgeheim hatte er sich schon gefragt, wann sein Bruder heute fragen würde.
»Nein, sie sind dran, das weißt du und ich denke, du wirst es 2 Minuten nach mir erfahren, wenn sie etwas wissen.«
Das gefrustete Schnauben seines Bruders ließ ihn aufstöhnen.
»Nathan, der Brief ist echt, dass wissen wir ja inzwischen, aber wir wissen noch nicht, wo Derrin ist. Wir können ihn nicht irgendwo rausholen, wenn wir nicht wissen, wo er ist. Und nun komm mir nicht damit, dass du ihn suchen willst. Wo willst du anfangen? Der kann überall sein.« Sean hatte keine Lust auf die Diskussion, die folgen würde und nahm Nathan mit seinen Worten den Wind aus den Segeln. Täglich fragte sein Bruder bei ihm nach dem Ermittlungsstand und täglich führten sie eine Diskussion.
Besagten Brief hatte Nathan nach dem letzten Einsatz erhalten. Das Stück Papier hatte erst über Umwege zu ihm gefunden. Ein alter Freund von Nathan aus Afghanistan hatte ihn geschrieben und darum gebeten ihm zu helfen. Zu dem wusste er von geplanten Anschlägen, war aber nicht mehr in der Lage sich selbst aus der Terroristen Gruppe zu befreien.
Leider hatte man bisher kaum etwas heraus gefunden. Der Brief wurde in Deutschland kurz nach dem Anschlag in Hannover in einen Briefkasten geworfen. Geschrieben wurde er auf normalem Papier, auch der Umschlag war Standard und beides konnte man in jedem Laden kaufen. Die Fingerabdrücke gehörten neben dem Postboten, Karen, einem Mann, der in Deutschland bei dem Anschlag verletzt wurde, einem weiteren Mann, der tatsächlich in den Datein der deutschen Polizei erfasst war. Leider konnte keiner sagen, wo er sich im Moment befand. Da sie davon ausgingen, dass diese Fingerabdrücke Derrin gehörten, hatte man ihn international zur Fahndung ausgeschrieben. Ob sie ihn auf diesem Wege finden würden, wusste Sean nicht, er konnte es nur hoffen.
»Wie lange wollen wir den warten?«
»Solange bis wir wissen, wo er ist, verflucht. Du bist doch kein kleines Kind mehr Nathan. Wenn wir wissen, wo er ist, werden wir etwas unternehmen, bis dahin können wir nichts machen.« Sean war froh, dass sie das Gelände der Base erreicht hatten und er das Gespräch dadurch beenden konnte, dass er alle zu einem abschließenden Gespräch zusammenrufen wollte.
»So, weil das mal so wunderbar gar nicht funktioniert hat, heute, machen wir das morgen nochmal. Eins will ich jetzt noch loswerden abgesehen davon, dass ich euch morgen um 5 alle hier sehen will. Ich will keinen von euch irgendwo in einer Schlägerei sehen. Wenn ich einen irgendwo aus dem Knast holen soll, weil ihr Mist gebaut habt, muss ich euch enttäuschen, ich bringe höchstens eure Akten auf die Wache.« Seine Worte galten dem neuen Teil des Teams, da die Männer dafür bekannt waren Probleme zu bereiten. »Ich meine das tot ernst.« Setzte er nochmals nach.
»Bis Morgen.« John löste die Versammlung mit seinen Worten auf und Sean war froh, dass nicht alle wie aufgescheute Tiere auseinanderstoben. Vielleicht hatte seine Ansprache und das Straftraining seine Wirkung gezeigt. Vielleicht schmerzten allen aber auch so die Glieder, dass sie einfach nicht mehr in der Lage waren sich schneller zu bewegen. Er war tatsächlich der Erste, der sich entfernte.
Die Tage waren anstrengend gewesen. Nicht nur körperlich auch geistig hatte ihn das Training gefordert. Er hatte versucht jeden im Auge zu behalten und für sich zu bewerten, um Stärken und Schwächen zu finden. Letztere gab es nur wenige. Patrik der sich im Wasser mehr, wie ein träges Flusspferd verhielt. Yvonne, die einen Teil ihrer Kondition eingebüßt hatte und ein paar weitere, die ihm etwas Sorgen bereiteten. Aber er war sich sicher, dass sie diese Schwachstellen ausmerzen konnten.
»Sean, warte mal.« John Stimme halte hinter ihm her.
Durchatmend blieb er stehen und drehte sich um. Hatte er etwas vergessen?
»Was hast du heute Abend vor?« John hatte ihn erreicht und musterte ihn fragend.
»Couch?« Er hatte sich noch keinerlei Gedanken über seine Planung gemacht. Vielleicht würde er aber auch das machen, was er oft auf der Couch tat. Den kommenden Tag planen, damit alles reibungslos laufen konnte.
»Wollen wir ein Bier trinken gehen? Ich habe eben rausgehört das Will in die Sunrise Bar wollen. Dann haben wir sie ein wenig im Blick.«
Sean zögerte. Sollte er nun tatsächlich nach seiner Ansage noch Anstandsmädchen spielen. Wenn er sich nicht auf sie verlassen konnte, mussten sie gehen. Er konnte doch nicht jeden Schritt der Männer überwachen. Dazu noch in die Sunrise Bar. Sein Magen krampfte kurz zusammen. Dort hatte sich vor einigen Monaten ein SEAL das Leben genommen und dieser Gedanke würde ihn den ganzen Abend verfolgen, wenn er sich dorthin begeben würde. Das wäre dann alles andere als ein entspannter Abend, an dem er abschalten konnte.
»Los gib dir nen Ruck.« John gab ihm einen fordernden Stoß.
»Boah, ich kann doch nicht 24/7 auf die Jungs aufpassen.«
»Du redest immer nur von dir. Glaubst du nicht, dass ich mir auch so meine Gedanken mache?« Deutlicher Ärger schwang in der Stimme seines Kollegen mit, mit dem er sich das Kommando über das Team teilte.
»Du hast gesagt, du machst das Papier fertig und ich die Leute.« Sean musste sich zu einem Grinsen zwingen. Er hasste die Arbeit am Schreibtisch. Er verlor zu schnell die Konzentration und gab sich zu schnell den Formularen und Berichten geschlagen. Er tat nur das Nötigste. Einen kurzen Bericht schreiben, notfalls füllte er noch einen Antrag aus. Aber mehr nach Möglichkeit nicht. In diese Arbeit hatte John sich schon vor Jahren eingearbeitet und daher hatte er diese Arbeit an seinen Kollegen abgetreten. Heute war das erste Mal, das John so klang, als störte es ihn, dass er oft Stunden am Schreibtisch verbrachte.
»Das heißt aber nicht, dass du ihnen blind vertrauen sollst. Das geht nicht, noch nicht. Wenn es auch nur einer übertreibt, muss ich den ganzen Tag Berichte schreiben und son scheiß. Da habe ich, ob du es glaubst oder nicht null Bock zu.«
Sean stöhnte auf. »Okay, aber nicht vor neun.«

Erst kurz vor sieben schloss Sean die Tür zu seinem kleinen Haus auf, welches er sich gemietet hatte. Es war kein Ort, an dem er ewig leben wollte, aber inzwischen fühlte er sich zumindest ein wenig heimisch. Allerdings hatte er ein Problem mit der herrschenden Stille. Seit dem Angriff im Hindukusch, bei dem sie alle dem Tod nur knapp entkommen waren, lag ein penetrantes Pfeifen auf seinen Ohren. Sein Arzt hatte ihm zwar Hoffnung gemacht, dass es noch verschwinden würde, aber das änderte nichts daran, dass es nervte. Ständig der hohe Pfeifton auf den Ohren, der immer dann zuschlug, wenn Stille herrschte. Er hatte bereits ernsthaft darüber nachgedacht einen Kredit aufzunehmen und ein Haus am Strand zu kaufen, da das Rauschen des Meeres das Pfeifen überdeckte. Aber hier in der ruhigen Seitenstraße war wenig, was von dem Geräusch ablenkte. Vorbeifahrende Autos waren nur kurz in der Lage ihn abzulenken und ansonsten gab es nicht viel.
Er warf seine Jacke auf den Sessel und sank auf das Sofa. Einen Moment starrte er das TV-Gerät an, ehe er es einschaltete. Eine Serie flimmerte über den Bildschirm und seine Gedanken wanderten wirr hin und her. Er grübelte darüber, wann er das letzte Mal in einer Bar gewesen war und was er darüber noch wusste. Es war Monate her und er wusste noch, dass er nicht in seinem, sondern im Bett einer hübschen Frau aufgewacht war. Dann tauchte in einer Werbepause die Frage, auf wann das Team das letzte Mal bei Bear und Karen zum Grillen gewesen war. Es war schon viel zu lange her. Als sie noch gemeinsam in der Villa gelebt hatte, war der Grill am Abend der Treffpunkt gewesen. Nun war es nur noch ein Treffen einmal die Woche oder alle zwei? Eine Ketchup Werbung beobachtend fragte er sich, ob man diesen Umstand irgendwie ändern könnte. Dem Teamzusammenhalt hatte die gemeinsame Wohnsituation sehr gut getan. Aber sie konnten sich schlecht jeden Abend bei Bear und Karen zum Essen einquartieren. Er zwang sich bei den Tatsachen zu bleiben, beim nächsten Mal würden sie die neuen Teammitglieder mit einladen. Dann müsste der Einkauf aber weit größer ausfallen. Und Karen würde sicher einen Tag in der Küche verbringen, um Salate zuzubereiten.
Dann wanderten seine Gedanken wieder zu der jungen Frau, in deren Bett er vor Monaten aufgewacht war. Er hatte sich einfach davon gestohlen, und hoffte sie nicht allzu bald wiederzusehen. Nicht dass die Nacht nicht angenehm gewesen wäre, aber er hatte keine Lust zu erklären, warum er seine Nummer nicht hinterlassen hatte.
Das Klingeln an der Haustür riss ihn aus seinen Gedanken, von denen er nicht mehr wusste, wo genau sie sich überall befunden hatten. Sein Blick wanderte auf die Uhr. Halb acht. Als er sich erhob und auf die Tür zuging, befürchtete er Nathan würde vor der Tür stehen, um ihn nochmals nach dem Ermittlungsstand zu fragen. Die Tür aufziehend holte er bereits Luft um seinem Bruder zu sagen, dass es nichts Neues gab.
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich erst was unternehmen werden, wenn ich weiß ...«
»Du weißt, dass wir in die Bar wollten.«
Verdutzt öffnete er die Augen, als er die Stimme von John vernahm.
»Ich dachte, wir trinken schon mal ´nen Bier, mir fällt zuhause die Decke auf den Kopf«, erklärte sein Kollege mit leicht verwunderter Stimme.
»Ehm.« Sean spürte, wie John die Tür aufdrücken wollte, die er in der Vermutung das sein Bruder vor der Tür stand festhielt.
»Lässt du mich nun rein oder soll ich wieder gehen?« John hielt das Sixpack Bier, welches er dabei hatte demonstrativ hoch.
»Klar, komm rein.« Er trat zur Seite und ließ seinen Kollegen hinein.
»Du hast mit Nath gerechnet, oder?« John ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen und öffnete zischend eine Bierdose.
»Ja, der geht mir im Moment mit seinem Derrin echt auf den Keks. Ich befürchte, wir müssen ihn anketten, damit er keine Dummheiten macht.« Er griff sich ebenfalls ein Bier und sank neben John auf die Couch.
»Quatsch«, erwiderte der, ehe er einen Schluck aus der Dose nahm.
»Doch, ich habe echt das Gefühl er würde, wenn wir auch nur im Geringsten einen Anhaltspunkt hätten, alleine losziehen.«
»Das macht er nicht.« Wieder widersprach sein Kollege ihm mit Nachdruck. »Mal was anderes, ich habe noch mit Harry gesprochen, als du weg bist.«
Sean stöhnte auf. »Und? Was sagt unser Sorgenkind?«
»Er ist in zwei Wochen wieder bei uns. Rafael hat da wohl doch einiges gedreht.« John sah ihn kurz an und starrte dann wieder auf den Fernseher, ehe er weitersprach. »Die lassen vieles unter den Tisch fallen. Der Verteidigungsminister würde Crack am liebsten für ewig einsperren aber er drückt wohl beide Augen zu. Das NCIS stellt die Ermittlungen ein und die anderen durften ja eh nicht wirklich was unternehmen. Aber wenn je irgendwer an die Dokumente kommt ...« John machte eine kurze Pause. » ...können ganz viele ihren Hut nehmen.«
Das waren die ersten erfreulichen Nachrichten, die er heute bekam. Sie hatten, kurz bevor er gegangen war, einen Anruf von Joe bekommen. Sie würden noch weitere vier Wochen auf ihn und Lexi verzichten müssen, ehe sie nach San Diego zurückkamen. Lexi würde nach ihrer schweren Verletzung hier weiter behandelt werden und Joe wollte sich dem Training stellen. Ingeheim hatte er gehofft, dass alle in zwei Wochen zusammen trainieren konnten. Aber die Fortschritte die Lexi machte waren längst nicht so groß, wie er erhofft hatte.
»Zwei Wochen sind noch ´ne lange Zeit.« Im Geiste ging er bereits das Trainingsprogramm der nächsten Wochen durch und ihm wurde klar, was Harry alles verpassen würde. Er malte sich aus, wie es um die Kondition seines Teammitglieds bestellt sein würde, und richtete sich bereits auf viele Stunden ein, in denen er Harry antreiben würde, um das Beste aus ihm herauszuholen.
»Captain Harrison, können Sie vielleicht jetzt mal ein paar Stunden nicht an die Arbeit denken?« John lachte auf und Sean war klar, dass man an seinem Gesichtsausdruck und der Art wie er die letzten Worte beton hatte, hören konnte, dass seine Gedanken bereits wieder beim Training waren. Es fiel ihm schwer, seine Arbeit hintenanzustellen. Sein Job war sein Ein und Alles und er konnte sich nicht vorstellen, was er machen sollte, wenn man ihm diese Grundlage wegnehmen würde. Auch konnte er nicht mit Cayden, seinem Bruder, mitfühlen, der in seinem neuen Leben total aufging.
»Ja, mann«, murrend nahm er einen weiteren Schluck aus der Bierdose. »Ich zieh mir eben noch was anderes an.«
»Hast du deine eigene Dusche eigentlich schon mal benutzt?«, fragend hob John eine Augenbraue.
Sean wusste, auf was sein Kollege anspielte. Er verbrachte viel Zeit auf der Base, viel mehr als alle anderen. Nach getaner Arbeit nahm er sich die Zeit zu duschen und teilweise nutzte er sogar die Waschmaschinen der Base, um den Sand aus seinen Sachen zu waschen. Er aß in der Messe und verbrachte oft seine Freizeit in den Gemeinschaftsräumen. Vielleicht hätte er sich dieses Haus gar nicht mieten sollen.
»Ja.« gab er als Antwort in der Hoffnung so weiteren Anspielungen aus dem Weg gehen zu können. Aber der Blick seines Kollegen, der ihn von der Seite traf, ließ ihn daran zweifeln, dass er mit diesem Manöver weiteren Stichellein ausweichen könnte.
»Was hättest du heute Abend gemacht, wenn wir nicht in die Bar gehen würden?«
Johns Frage klang so, wie er sich vorwurfsvolle Worte einer Frau vorstellte, die sich nicht damit abfinden konnte, dass er in seiner Arbeit aufging. Sollte er John sagen, dass er ferngesehen hätte und neue Trainingspläne ausgearbeitet hätte.
»Du solltest deine Freizeit echt mal für dich nutzen.«
»Du hörst dich an, wie ...« Er stockte. Er hatte keinen passenden Vergleich, da er genau dass in den letzten Monaten schon von vielen gehört hatte.
»Genau so. Trink aus, zieh dir irgendwas an, wo nicht SEAL draufsteht und dann lass uns fahren. Und lass am besten den SEAL der im Shirt steckt auch gleich hier und sei einfach mal nur Sean.«
Mit den Gedanken bei einer Zeit, in der er Abend noch regelmäßig ausgegangen war, saß er wenig später neben John im Wagen. Er konnte sich an Partys erinnern, die oft mit einer Handgreiflichkeit geendet hatten. Auch wusste er auch noch, wie Paul in angesehen hatte, als er es mit seinen Brüdern übertrieben hatte und Paul einem Barbesitzer erklären musste, dass die Navy nicht für Schäden aufkam, die Soldaten verursacht hatten. Damals war er noch kein Captain. Heute trug er die Verantwortung, wenn auch geteilt mit John. Heute konnte er es sich nicht mehr erlauben, mit irgendwelchen Eskapaden aufzufallen.
2

Emelie starrte ihren Drink an und ärgerte sich darüber, dass die Auswahl an Männern heute nicht berauschend war. Es gab zwar einige Gruppen von Soldaten, die sich lautstark unterhielten und ihr immer wieder eindeutige Blicke schenken, aber es war keiner dabei, der ihr gefallen könnte. Vielleicht war sie auch einfach nicht in der richtigen Stimmung.
»Hi.« Ein Mann in weißer Uniform tauchte neben ihr auf und sie rollte unbewusst mit den Augen. Sah sie so aus als würde sie auf Männer stehen, die in Uniform in eine Bar kamen? Die anderen trugen wenigsten keine Uniform, sie hatte es ihren Gesprächen entnommen, wo sie herkamen und was sie taten. Und das war ebenfalls etwas, was sie nicht leiden konnte. Wenn die Männer sich mit dem brüsteten, was sie taten oder den ganzen Abend nur von ihrer Arbeit sprachen.
»Hi.« Sie wollte nicht unfreundlich wirken und dachte kurz darüber nach mit dem jungen Mann der höchstens 20 war zu sprechen. Ob der Mann noch etwas zu ihm sagte, wusste sie Sekunden später nicht mehr, da sie im Augenwinkel zwei Männer wahrnahm, die gerade die Bar betraten. Einer klein und zierlich und sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Der andere groß und durchtrainiert. An eben diesem blieb ihr Blick kleben. Er machte nicht den Eindruck, als wäre er begeistert den Abend hier zu verbringen, außerdem wanderte sein Blick suchend durch den Raum und blieb auf einer Gruppe liegen, die sie ebenfalls schon bemerkt hatte. Sie konnte selbst auf die Entfernung sehen, wie er schwer durchatmete und etwas zu dem Mann sagte, der mit ihm eingetreten war. Dieser schüttelte den Kopf und zog ihn Richtung Bar. In ihre Richtung. Sie konnte spüren, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte, und war nicht in der Lage ihn aus den Augen zu lassen. Er war genau der Typ, nach dem ihr heute Abend war.
»Darf ich dich auf einen Drink einladen?« Das der junge Mann neben ihr sie ansprach registrierte sie zwar, war aber immer noch vollkommen auf den Mann fixiert, der nun am anderen Ende des Tresens auf einen Hocker sank. »Hey, ich hab dich was gefragt.« Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und riss sie so endgültig von dem durchtrainierten Mann los.
»Ehm, gerne.« Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf den uniformierten Mann.
»Toby.« Er reichte ihr mit einem strahlenden Lächeln die Hand.
»Emelie.« Sie ergriff seine Hand und versuchte sich auf seine grünen Augen zu konzentrieren. Sie hätte ablehnen sollen, dann hätte sie Zeit, um mit dem Mann zu flirten, der gelangweilt vor sich herstarrte.
»Freut mich. Wo kommst du her?«
Sie rollte mit den Augen. Es waren immer die gleichen Fragen. Sobald geklärt war, wo sie herkam, würde er nach ihrem Alter und Beruf fragen. Warum konnte ein Gespräch nicht einmal anders beginnen. Wahrscheinlich, weil sie selbst keine Ahnung hatte, wie es beginnen sollte.
»Wo komme ich wohl her. New York natürlich, ich wollte unbedingt mal in diese Bar und bin deswegen hergekommen.« rutschte es ihr bissig heraus, was bei ihrem gegenüber für große Augen sorgte.
»Ehm ...« er schien nach den passenden Antworten zu suchen.
»Da fällt dir wohl nichts mehr ein.« Grinsend wandte sie sich ihrem Glas zu.
»Wenn du keinen Bock hast mit mir zu reden, dann sag es doch.« Toby erhob sich.
»Ich habe keinen Bock mit dir zu reden«, säuselte sie ihm zu.
Kopfschüttelnd verschwand der junge Marine.
Es dauerte jedoch keine 10 Minuten, bis der nächste Mann bei ihr auftauchte. Dieser war durchaus attraktiv und eine echt Alternative zu dem, der sich immer noch nicht bewegt hatte. Seine blonden Haare trug er kurzrasiert und seine Augen faszinierten sie sofort. Das eine Auge strahlte sie in einem wunderschönen Grün an, das andere war dunkel braun. Er war etwas größer als sie und sein neugieriger Blick ließ sie lächeln.
»Hi.« Sie ergriff die Initiative.
»Hi, darf ich dich auf einen Drink einladen?« Er lächelte sie an und sie stöhnte innerlich bei seinen Worten bereits auf.
»Gerne.«
»Whiskey oder Bier? Oder etwas ganz anderes?«
Sie grübelte einen Moment, ehe sie sich für ein Bier entschied, welches ihr von dem Mann auch bestellt wurde.
»Hast du auch einen Namen?« forschend sah er sie an.
Er sah wirklich gut aus. Immer wieder musterte sie ihn intensiv, was er zu bemerken schien, da sein Blick ebenso interessiert an ihr hängen blieb.
»Vielleicht, vielleicht auch nicht.« Es interessierte sie, wie er auf ihre Antwort reagieren würde.
»Okay vielleicht, magst du dich mit mir nach dort drüben setzen?« Er deutete mit dem Kopf auf eine kleine Sitzecke. Eine gepolsterte Bank bot Pärchen einen ruhigen Rückzugsort. Sie war dazu geneigt zuzusagen. Schließlich wusste sie, nicht ob der andere Mann überhaupt Interesse an ihr zeigen würde. Sein Gesichtsausdruck ließ mehr auf einen beschissenen Arbeitstag schließen, nachdem er sich nur mit Whiskey und Bier anfreunden würde. Beim Blick zur Seite viel ihr sein nach oben gestreckter Daumen auf und sie warf einen Blick über die Schulter, wo sie Männer sah, die sich in dem Moment von ihr abwandten, als sie ihren Blick bemerkten. Auch über das Gesicht ihres Gegenübers wanderte kurz ein seltsames Grinsen. In ihr keimte ein Verdacht auf. Sollte sie Gegenstand einer Wette geworden sein? Wer sie als erstes rumbekommt?
»Ich sitze hier sehr gut.« Auch wenn er noch so ansehnlich war, sie wollte kein Gegenstand für einen Wettbewerb sein, auch wenn es sicher bei einer Nacht bleiben würde.
»Ach quatsch, komm her.« Er griff nach ihrem Handgelenk und wollte sie vom Barhocker zerren.
»Nimm die Finger von der Frau, Terence«
Emelie zuckte zusammen, als sie die tiefe Stimme vernahm, die dafür sorgte, dass sich der Griff des Mannes löste.
»Captain.« Er nickte dem Mann zu, der ihr beim Betreten der Bar bereits aufgefallen war. Es benötigte nur eine Kopfbewegung des Captains und Terence verabschiedete sich freundlich, aber mit deutlichem Unmut in der Stimme, von ihr. Sie war sich nicht sicher ob sie sich darüber freuen sollte, dass er weg war und sie nicht wie eine Jagdtrophäe in der Nacht von einem zum anderen gereicht werden würde. Auch das hätte sicher seine Reize gehabt. Dann hätte sie noch einige Männer kennengelernt und wäre vielleicht mit einem im Bett gelandet. Der Mann, den Terence mit Captain angesprochen hatte stand nun mit steifer Miene vor ihr.
»Entschuldigen Sie bitte das Verhalten von Mister Blatter.« Er lächelte sie gekünstelt an, drehte sich um und verschwand zu seinem Begleiter, der ihr ebenfalls ein knappes Lächeln schenkte.
Verwundert sah sie ihm nach. Keine Einladung auf einen Drink als Entschuldigung? Einen Schluck Bier nehmend lag ihr Blick immer noch auf dem breiten Rücken des Captains, der sich ihr nicht mal vorgestellt hatte. Da wäre ihr Terence doch weit lieber gewesen. Wenn sie nun Pech hätte, würde sie heute Abend niemand mehr ansprechen, und wenn sie die Initiative ergriff, könnte es sein, dass die Blicke nicht ihr, sondern dem Captain galten.
Vielleicht sollte sie ihn einfach ansprechen. Nachdenklich musterte sie den Mann mit den breiten Schultern, der ihr den Rücken zugedreht hatte.