1.
Chinle
Arizona
Yvonne ließ ihren Kopf an die Schulter fallen, die zu dem Mann hinter ihr gehörte. Ein warmer Wind strich über ihr Gesicht, der den Geruch von verdorrtem Gras und Sand mit sich trug. Hände glitten auf ihren Bauch. Lippen legten sich sanft an ihren Hals, dann spürte sie Zähne, die sie liebevoll neckten. Sie schloss genüsslich die Augen, als eine Zunge zu ihrem Ohr empor wanderte.
»Wolltest du nicht die Aussicht genießen, Kleines?«
Die Stimme von Syrell vibrierte angenehm beruhigend in seiner Brust und seine rechte Hand wanderte von ihrem Bauch hinauf zu ihrer Brust.
»Ich glaube, ich genieße gleich etwas ganz anderes«, gab sie heiser vor Verlangen zurück.
Endlich hatten sie ein paar freie Tage. Genau genommen drei, in denen sie machen konnten, was sie wollten. Und endlich waren sie beide wieder fit genug, so dass sie ihre freie Zeit in vollen Zügen genießen würden.
Der Mann mit indianischer Abstammung hinter ihr hatte sich bei seinem letzten Einsatz vor fünf Wochen einen Rückenwirbel angebrochen. Sie, die ehemalige deutsche Polizeibeamtin, war bei ihrem letzten Einsatz, der nun fast zwei Monate zurücklag, angeschossen worden und hatte einige Tage um ihr Überleben gekämpft. Sie gehörten beide dem gleichen Team an und waren ihrem Captain mehr als dankbar, dass er ihnen ein paar Tage außerhalb von San Diego gönnte. Zwar liebte Yvonne auch den Strand der San Diego Bay, aber manchmal war es einfach nur noch anstrengend, mit den ganzen Männern und den zwei Frauen unter einem Dach zu wohnen. Ihr Captain, Paul Redman, hatte immer leicht reden, wenn er sagte:
›Hey, ihr hab genug Platz, um euch aus dem Weg zu gehen.‹ Er wohnte auch als Einziger nicht im Haus, sondern in der Stadt in einem Appartement.
Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland hatte sie gemeinsam mit Syrell und Nathan Tage am Strand verbracht, in denen der Ex SEAL ihnen von seinen Erlebnissen nach dem Tod seines besten Freundes erzählt hatte. Stundenlang hatte sie auf einem Felsen in Syrells starken Armen gesessen und den grausamen Beschreibungen des Mannes gelauscht, der seinen Freund und Kollegen verloren hatte.
Nathan hatte sich irgendwann in eine Spirale hineingearbeitet, aus der es keinen Weg mehr herausgab. In Deutschland war er dann endlich an einem Punkt angelangt, der ihm scheinbar gezeigt hatte, dass er dringend etwas ändern musste.
Nachdem sie ihm tagelang zugehört, mit ihm gesprochen und das Geschehene aufgearbeitet hatten, waren sie zum Grab seines Freundes gefahren. Yvonne war mehr als beeindruckt gewesen, als sie sowohl Syrell als auch Nathan in ihren Uniformen gesehen hatte. Wenn der Anlass nicht so bedrückend gewesen wäre, hätte sie die Männer als sehr sexy empfunden.
»Träumst du?«
Ihr Blick klärte sich und sie grinste.
Ja, für einen Augenblick hatte sie geträumt, aber sie wusste auch, dass der Mann hinter ihr genau wusste, woran sie dachte. Sie und den SEAL verband etwas ganz Besonderes. Es war nur schwer in Worte zufassen.
Bevor sie Syrell kennengelernt hatte, war sie immer der Meinung gewesen, dass es völlig normal war, die Stimmungen von Anderen zu fühlen. Dass es normal sei, zu wissen wer, wann, in welche Richtung über eine Straße gehen würde. Erst Syrell hatte ihr die Augen geöffnet. Dass er mit der gleichen Gabe gesegnet war, war nur ein positiver Nebeneffekt, der ihr half, mit ihrer Gabe umzugehen. Wobei es nicht immer ein Segen war. Die Tage mit Nathan hatten ihr gezeigt, wie anstrengend es werden konnte.
»Ivy?.« Wieder war es die tiefe angenehme Stimme, die sie aufschauen ließ.
Irgendetwas an der Gegend, in der sie sich befanden, war seltsam. Immer wieder driftete sie in Gedanken so weit ab, dass sie alles um sich herum vergaß. Selbst den attraktiven Mann hinter sich.
Sie ließ ihren Blick auf den Canyon wandern, an dem sie gehalten hatten. Mitten in dem Canyon, ein wenig von den steilen rot schimmernden Wänden entfernt, standen zwei Säulen aus rotem Standstein. Sie standen dicht zusammen, nur ein kleiner Spalt trennte sie.
Vor vier Tagen war Syrell zu ihr gekommen und hatte sie gebeten, mit ihm zu fahren. Er erklärte ihr, dass er zu seiner Familie wollte und bestand darauf, dass sie ihn begleiten und seine Mutter kennenlernen sollte. Im ersten Moment lehnte sie ab und hatte ihn gebeten allein zu fahren, doch dann war es Syrell zusammen mit Karen und Liv, die noch recht neu im Team war, gelungen, sie zu überzeugen.
Allein der Gedanke, dass sie seine Mutter treffen würde, hatte ihr Angst eingejagt. Warum wusste sie nicht. Vielleicht war es die Angst vor dem, was seine Mutter davon halten würde, dass ihr Sohn sich mit einer Frau abgab, die weder indianischer Abstammung, noch Amerikanerin war.
Was, wenn seine Mutter sie nicht mochte?
Über seinen Vater sprach Syrell nicht. Yvonne wusste nur, dass er wohl auch ein Indianer war, aber einem anderen Stamm angehörte und seine Eltern sehr früh wieder getrennte Wege gegangen waren, da die Stämme die Verbindung nicht dulden wollten.
Was, wenn seine Mutter darauf bestehen würde, dass sie sich trennten? Nein, das konnte sie nicht.
Sie hatte in dem 1,87m großen Mann, der bald seinen dreißigsten Geburtstag feiern und somit, wie er immer sagte, zu den Rentnern unter den SEALs gehören würde, ihren Seelenverwandten gefunden. Yvonne war nicht gewillt, ihn wieder gehen zu lassen.
»Das sollst du ja auch nicht, Kleines.«
Erschrocken zuckte sie zusammen, als sie bemerkte, wo ihre Gedanken sie hingetrieben hatten.
»Entschuldige.« Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie seit einigen Stunden ständig geistig in Bewegung war, ihre Gedanken in geregelte Bahnen lenken wollte und es dennoch nicht schaffte. Dass Syrell nun wieder begann, ihre Gedanken zu lesen, war wenig hilfreich.
»Es ist das Diné BiKéya. Der Canyon ist schuld, Kleines.«
Sein warmer Atem strich über ihr Ohr und sie fragte sich, wie lange sie wohl schon so dastanden.
»Ich hab zwar keine Ahnung, aber die Alten sagen, dass der Canyon seine eigene Magie und Spiritualität besitzt. Etwas Geheimnisvolles geht von ihm aus. Sie sagen auch, dass es nur wenige gibt, die es bemerken, die in der Lage sind, hier ihre Gedanken treiben zu lassen. Ich spüre es auch immer wieder, wenn ich hier bin.«
»Wie oft kommst du her?«
»Meist nur einmal im Jahr. Es ist einfach zu wenig Zeit. Als Paul mich fragte, ob ich ins Team wollte, habe ich insgeheim gehofft, dass ich dann ein wenig mehr Zeit haben würde. Aber irgendwie unterscheidet sich die IATF nicht wirklich von den SEALs.« Er lachte leise, als er seine Händen unter ihr rotes T-Shirt wandern ließ und mit den Fingern um ihren Bauchnabel strich.
»Weißt du, was ich unseren Kindern später sagen werde, wenn sie nicht artig sind?«
»Unsere Kinder?« Erschrocken darüber, dass der Mann hinter ihr an Kinder dachte, zog sie ihren Kopf von seiner Schulter.
»Na ja, irgendwann haben wir sicher Zeit, um uns eine kleine Familie anzuschaffen«, beschwichtigte er.
Sie war zwar froh, dass er sie wirklich liebte, aber Kinder waren etwas, das sich für sie in weiter Ferne befand. Auch wenn sie siebenundzwanzig war, wollte sie sich beruflich noch lange nicht zur Ruhe setzen. Und das würde sie müssen, wenn sie sich auf Kinder einließ und auch von Syrell würde sie wahrscheinlich erwarten, dass er den Job des SEALs an den Nagel hängen würde.
Es war einfach zu gefährlich. Ihre Kinder sollten mit einem Vater an ihrer Seite aufwachsen und nicht mit dem Wissen, dass er eventuell von seinem nächsten Einsatz nicht zurückkehrte.
»Na ja, wer weiß, wie lange ich noch mache.«
Empört löste sie sich von ihm, drehte sich um und sah in die dunkelbraunen Augen des braun gebrannten Mannes.
»Das will ich jetzt nicht gehört haben«, fauchte sie böser als es gemeint war.
»Heya Ivy, ich mein ja nur, dass ich irgendwann zu alt dafür werde, wie eine Ziege durch Berge zu steigen, aus Hubschraubern zu springen oder womöglich mit den Dingern abzustürzen.« Er legte seine Arme wieder um sie und zog sie an sich. Sie versank in seinen Augen, als sich ihre Lippen berührten und ein unglaubliches Feuerwerk auslösen.
Bei ihrem ersten Kuss hatte sie noch geglaubt, dass dieses Gefühl irgendwann nachlassen würde, aber bis jetzt war es noch nicht passiert und sie hoffte, dass es nie passieren würde. Zu schön waren die Gefühle, die er in ihr auslöste.
Plötzlich erinnerte sie sich wieder an seine Frage und schüttelte den Kopf. Mehr um sich selbst zur Ordnung zu rufen, als ihm zu zeigen, dass sie nicht wusste, was er ihren Kindern erzählen würde.
Syrell zog sie hinter sich her und setzte sich dicht am Rand des Canyons auf den Boden. Er brauchte sie nicht zu bitten, sich zu setzen. Als sei es selbstverständlich, dass sie nicht miteinander sprachen, ließ sie sich vor ihm nieder und er zog sie an sich, wie er es sonst immer am Strand tat. Sie ließ ihren Kopf zurück an seine Schulter fallen.
»Die Alten erzählen den Kindern immer die Geschichte der Spider Women. Sie ist eine alte Frau. Eine Kreatur zwischen Mensch und Spinne und lebt dort drüben auf den Spitzen der Felsnadeln. Wir nennen die Felsen Spider Rock, wobei der Name inzwischen auch als selbstverständlich angesehen wird und nur noch wenige wissen, woher der Name stammt. Die alten Geschichten geraten in Vergessenheit und man sieht den Canyon nur noch als Touristenmagnet. Die Spider Women ist in den Mythen dafür verantwortlich, dass wir Sterne am Himmel haben. In den Legenden wird erzählt, wie sie Tautropfen in ihr Netz gehängt und dann in den Himmel geworfen hat. Diese Tautropfen sind das, was wir als Sterne erkennen. Sie hat auch den Menschen die Kunst des Webens gelehrt und noch viele andere Dinge. Aber wir erzählen den Kindern immer wieder, dass, wenn sie nicht artig sind, die Spider Women kommt und sie holen wird.« Er machte eine kurze Pause und deutet auf die hellen Spitzen der Felsen: »Siehst du die weißen Spitzen der Felsnadeln?«
Sie sah hinüber zu den beiden Felsen, die beinahe verloren im Canyon de Shelly standen, und nickte.
»Wir sagen ihnen, dass das Weiße dort oben die Gebeine von Kindern sind, die nicht artig waren.«
Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
»Das ist ja gruseliger als die Geschichte von Hänsel und Gretel«, murmelte sie.
»Das mag sein, aber wir können mit ihnen hier herkommen und ihnen zeigen, dass dort oben etwas ist. Hänsel und Gretel ist ein Märchen und das wissen die Kinder auch. Es macht niemandem Angst. Etwas zu sehen bewirkt meist schon etwas mehr. Wer steckt schon alte Frauen in Backöfen oder will kleine Kinder essen.«.
»Ihr seid grausam.«
»Nein, Kleines. Grausam ist es, wenn Kinder umkommen, weil sie nicht auf den Rat der Ältesten gehört haben. Mit diesen Geschichten öffnen wir ihnen die Augen dafür, dass die Älteren mehr Lebenserfahrung haben und es sinnvoll ist, ihren Rat anzunehmen.«
Yvonne starrte in den Canyon, dessen Grund mit rotem Sand und kleinen Büschen besetzt war. Sie ließ ihren Blick die steilen roten Sandsteinwände hinauf wandern. Die Aussicht war wunderschön.
Ihre Gedanken verschwammen und irgendwann wurde sie aus ihrer Trance gerissen, als seine Lippen plötzlich ihren Hals berührten. Seine Zunge fuhr an ihrem Hals entlang und dann spürte sie seine Zähne an ihrem Ohrläppchen.
»Wir müssen weiter«, flüsterte er, als er sich von ihr trennte und aufstand. »Morgen gehen wir runter, dann kannst du weiter träumen.«
Schweren Herzens erhob sie sich und sah, wie der Mann mit den langen schwarzen Haaren sich streckte. Sie mochte es sich einbilden, aber scheinbar hatte er immer noch Schmerzen.
»Alles okay, ich werde nur alt, Ivy.«
Sie schnaubte wütend. »Lass das, Sy.«
»Hey, ich hab nicht deine Gedanken gelesen, das war dein Gesichtsausdruck.« Er drehte sich um und ging über den staubigen, mit kleinen trockenen Grasbüscheln besetzten, Sandboden auf ihren Mietwagen zu.
Syrell hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um in Chinle, einem kleinen verschlafenen Ort in der Nähe des Canyons, einen Z4 als Mietwagen zu bekommen. Yvonne lächelte in sich hinein, als sie beobachtete, wie er sich auf den Fahrersitz fallen ließ und sie ansah.
In Deutschland hatte sie auch einen Z4, wenn auch in Schwarz und nicht in diesem auffälligen Gelb, aber es war ein BMW und endlich mal wieder ein sportlicher Wagen. Nicht, dass sie etwas gegen die Geländewagen hatte, die sie sonst immer fuhren oder gar gegen die geräumigen gepanzerten Humvees, die sie in ihren Einsätzen nutzten, aber ein Sportwagen hatte schon etwas Besonderes. Es gab ihr für einen Moment das Gefühl, ein normales Leben in einer normalen Beziehung zu führen, in der ihre Dienstfahrzeuge nicht schwer gepanzert waren und meist mit Kugeln in den Blechen zurückkehrten. Sie ließ sich auf dem Beifahrersitz nieder und zog die Tür zu. Das Verdeck des Wagens war schon den gesamten Tag offen, da es in Arizona scheinbar nie kalt wurde. Syrell startete den Wagen und sie legte den Kopf mit geschlossenen Augen an die Kopfstütze.
Er hatte ihr gerade genug Zeit gelassen, damit sie sich anziehen konnte. Syrell hatte sie mitten in der Nacht mit einem Rucksack auf dem Rücken und einem in der Hand aus dem Bett gerissen. Er hatte ihre Hand genommen und unter dem Gegröle der Anderen zu einem Hubschrauber gezerrt, der am Strand stand. Völlig perplex hatte Yvonne sich nicht einmal gewehrt, als er sie auf den Platz des Co Piloten gehoben und sich selbst nach hinten gesetzt hatte.
Der Mann, der den privaten Helikopter flog, war niemand anders als der Pilot ihres Teams, Jamain Sawyer. Jamain verlor während des ganzen Flugs nicht ein Wort und verzog keine Miene, als sie versuchte, herauszubekommen was los war und wo die Reise hingehen sollte. Im Morgengrauen waren sie in der Nähe von Chinle angekommen. Syrell hatte sie förmlich aus dem Helikopter gezogen und ihr erklärt, dass sie, sobald Jamain wieder weg sei, drei Tage Zeit für sich hätten.
Keine Teamkameraden, kein Telefon, kein Pager, nichts. Ungläubig war ihr Blick von Syrell zu Jamain gewandert, der ihr zugenickt und erklärt hatte, er bräuchte eine knappe Stunde, bis er wieder losfliegen könnte. Sprachlos ließ sie sich von Syrell zu einem Wagen ziehen, der an der Landebahn geparkt war. Bereits nach wenigen Minuten Fahrt hatten sie das kleine Örtchen Chinle erreicht.
Eine Hand auf ihrem Bein ließ sie aufschauen. Verdammt, es war schon wieder passiert. Sie hatte nichts von der atemberaubenden Landschaft um sich herum mitbekommen. Ständig machten sich ihre Gedanken selbstständig.
»Na, solange dein Kopf da bleibt, wo er ist, ist es mir egal, was deine Gedanken machen.«
»Lass das, geh aus meinem Kopf«, lachend sah sie ihn an und bemerkte, dass sie langsamer wurden. »Wo sind wir?«
»Ich muss mir erst mal überlegen, wie ich mit dem Auto dahin komme, wo wir hinwollen, ohne dass ich den Wagen komplett bezahlen muss.« Syrell bog auf einen Sandweg ab und fuhr langsam über die staubige Straße.
»Notfalls gehen wir zu Fuß.«
»Auf keinen Fall! Ich bin immer mit Auto nach Hause gekommen und das ändert sich auch wegen eines BMW nicht.«
Yvonne schluckte. Nun würde sie tatsächlich seine Mutter kennenlernen. Insgeheim hatte sie immer noch gehofft, dass sie diesen Teil ihres Urlaubes auslassen würden. Immer wieder hörte sie das verdächtige Knarren von Kunststoff, wenn Syrell einem Schlagloch nicht ausweichen konnte. Aus irgendeinem Grund hatte sie Angst, seiner Mutter gegenüberzutreten. Extreme Angst!
»Sie wird dich nicht auffressen.« Syrell war voll auf den sandigen Weg konzentriert, der vor ihnen lag, und steuerte den nicht geländetauglichen Wagen, auf zwei kleine Hütten zu, die in der Ferne auftauchten.
»Lass das bitte«, stöhnte sie, als der Wagen wieder aufsetzte, weil er den tiefen Schlaglöchern nicht ausweichen konnte.
»Was?«, unschuldig sah er sie an, »Das Auto kaputt machen?«
»Du weißt, was ich meine.«
Nur langsam kamen sie den Gebäuden näher und Yvonne verlor den Blick für die Landschaft, da ihre Gedanken sich nur noch um die Frage drehten, wie Syrells Familie wohl auf sie reagieren würde.

2.
Langsam versuchte er den Sportwagen um die zahllosen Schlaglöcher zu lenken, die sich in dem roten Boden befanden. Er war froh, seine Mutter und den Rest seiner Familie wieder zu sehen. Leider waren es nicht mehr viele, die er zu seiner Familie zählen konnte. Er war ein Einzelkind geblieben, nachdem seine Mutter sich von seinem Vater getrennt hatte oder vielmehr, trennen musste.
Auch wenn es nicht mehr war wie in den Wild West Filmen, dass die Stämme in Wigwams umherzogen und keine fremden Stämme duldeten, so hatten doch die Ältesten ein Problem mit der Beziehung seiner Mutter gehabt. Er wusste, dass sein Vater bei Nacht und Nebel gegangen war, da weder er noch seine Mutter in der Lage waren, einander Lebewohl zu sagen. Seither war sie mit Syrell alleine gewesen und hatte ihn auch nur ungern ziehen lassen, als er erwachsen war und seine eigenen Wege gehen wollte.
Nachdem er ihr offenbarte, dass er sein Geld bei der Army verdienen wollte, hatte sie monatelang kein Wort mit ihm gesprochen. Und als sie es wieder tat, musste er sich eine Predigt anhören, die es in sich hatte. Am Ende zwang sie ihn, ihr zu versprechen, dass er auf sich aufpassen würde, ähnlich wie Yvonne es ihrem Bruder und ihrer Freundin versprochen hatte.
Erst vor wenigen Wochen hatte er seiner Mutter von Yvonne erzählt und war über ihre Reaktion mehr als überrascht gewesen. Sie freute sich für ihn und wollte die Frau an seiner Seite unbedingt kennenlernen. Selbst sein Einwand, dass sie weder eine Navajo noch eine Amerikanerin sei, hatte seine Mutter nicht abgeschreckt.
›Wenn ihr das Band besitzt, ist es völlig egal, wer sie ist und wo sie herkommt. Dann gehört ihr zusammen und zwar nur ihr. Ich möchte sie kennenlernen, bring sie zu mir!‹
Immer noch hallten ihre Worte in seinen Ohren. Etwas Seltsames schwang zu dem Zeitpunkt in der Stimme seiner Mutter mit, das ihn veranlasst hatte, so schnell er konnte, ein paar Tage Urlaub bei Paul für sich und Yvonne rauszuschlagen. Paul war nicht unbedingt begeistert, da sie mitten in Vorbereitungen für einen Einsatz steckten, aber er hatte eingewilligt. Syrell war sich sicher, dass irgendetwas in der Luft lag. Er konnte es nur nicht in Worte fassen. Seine verstorbene Großmutter hätte wahrscheinlich gesagt:
›Sohn, bleibe einen Moment stehen und warte bis deine Seele dich wieder eingeholt hat, dann wirst du erkennen, was dich verwirrt.‹
Ja, es wurde Zeit, dass er wieder richtig zur Ruhe kam und seine Seele wieder bei ihm war. Jeder Besuch im Reservat war etwas Besonderes und umso mehr freute er sich, dass Yvonne auch die Magie des Dinè BiKèya, des Stammesgebietes, zu spüren schien. Wenn er es nicht besser wissen würde, würde er meinen, sie wäre seine Schwester. Eine von ihnen. Eine Navajo.
Ein Krachen riss ihn zurück in die Wirklichkeit und er sah in Yvonnes verzogenes Gesicht. Er hatte ein Schlagloch übersehen. Als er sich wieder auf den Weg konzentrierte, bemerkte er, dass er nur noch wenige Meter von den beiden Häusern entfernt war, in denen seine Mutter, eine Cousine mit ihrem Mann und sein Großvater lebten. Er wusste, dass ihnen ein langer Abend bevorstand.
Sicher würde in einigen Stunden ein Großteil der Verwandtschaft auftauchen, um zu feiern, dass er wieder einmal lebend zurückgekommen war und um Yvonne kennenzulernen. Er sah kurz zur Seite und bemerkte, dass Yvonne bereits wieder in Gedanken so weit weg war, dass ihr Blick beinahe gläsern wirkte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er den Wagen neben dem sandfarbenen Gebäude anhielt, welches seine Mutter bewohnte.
Auch wenn sie nicht mehr umherzogen, so wohnten sie doch naturnah. Es gab fließend Wasser und Strom. Sogar Telefon und einen Internetanschluss hatte seine Mutter, aber das Haus war ein einfaches Gebäude aus Steinen, die die Erde ihnen gegeben hatte. Verputzt mit dem hellen Lehm der Erde, die sie am Toh De Niihe, einem kleinen See in der der Nähe, fanden. Das Dach war mit Wellblech gedeckt, ebenso wie das des anderen Gebäudes, welches aus rotem Stein bestand und erst vor Kurzem gebaut worden war. Etwas abseits war ein Paddock, in dem einige Pferde standen und zu ihrem Wagen herüber sahen, als er auf die Gebäude zufuhr. Versetzt zwischen den Gebäuden stand ein achteckiger Bau, ein Hogan, in dem noch heute die traditionellen Zeremonien abgehalten wurden.
Er sah, wie sich die Tür des Gebäudes öffnete und seine Mutter hinaustrat. Er lächelte sie an und eine sanfte Woge riss ihn in Gedanken davon. Er war zu Hause.
Langsam öffnete er die Tür des Sportwagens und stieg aus. Ebenso langsam kam seine Mutter auf ihn zu. Ihr Blick fiel auf Yvonne, die sich immer noch nicht gerührt hatte. Ihr Blick lag verträumt zwischen Horizont und Wirklichkeit. Er spürte, dass ihre Gedanken sich in weiter Ferne befanden.
»Yà`at’èèh ghe shin. Willkommen mein Sohn.« Seine Mutter umarmte ihn herzlich.
»Danke, ich bin froh, wieder hier zu sein.« Es war jedes Mal etwas ganz besonderes für ihn, die Vertrautheit zu spüren, die ihn und seine Mutter verband. Er sah, wie sie zu Yvonne hinüber lächelte.
»Sie spürt es, oder? Ahiga?«
»Mom.« Vorwurfsvoll sah er in die schwarzen Augen seiner Mutter. Er hasste es, wenn sie ihn mit seinem indianischen Geburtsnamen ansprach.
»Ja, eindeutig, sie fühlt es ebenso wie ich.« Er ging auf die Beifahrerseite und sah noch wie seine Mutter ihm verträumt nachsah. Er liebe die Ruhe und das Gefühl, das sich wie ein sanfter Nebel um ihn legte, wenn er an seinen Geburtsort zurückkehrte.
»Ivy? Wir sind da. Du wirst erwartet.« Sanft strich er über ihre Wange und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie mit den Augen blinzelnd in die Realität zurückkehrte.
»Oh, entschuldige, ich ... ach Mensch, ich wollte doch nicht ... es ist nur ...«
Lachend öffnete er ihr die Tür, während sie vor sich her stammelte, als wäre sie nicht in der Lage ganze Sätze zu bilden. Er hatte nicht bemerkt, wie sich seine Mutter genähert hatte, die nun neben ihm stand.
»Yà`at’èèh Yvonne, schön das du hier bist.«

3.
Wunderschöne schwarze Augen sahen Yvonne liebevoll und voller Vertrautheit aus einem Gesicht an, das vom Alter und Klima gezeichnet war. Ein wundervolles warmes Gefühl breitete sich in ihr aus, als sie in die Augen der Indianerin sah. Syrells Mutter trug wie er die Haare zusammengebunden. Nur waren ihre mit vielen beinah silbern wirkenden Strähnen durchzogen. Sie trug einen langen Rock und ein schlichtes, cremefarbendes T-Shirt. Insgeheim hatte Yvonne doch gehofft, dass sie eine echte Indianerin in traditionellen Kleidern sehen würde.
»Danke, ich freue mich, dass ich hier sein darf.«
Als Syrell seinen Arm um sie legte, begannen die Augen seiner Mutter zu leuchten. Es war nicht zu übersehen, dass sie sich freute, ihren Sohn zu sehen.
»Ihr seid ein so schönes Paar.« Ausgiebig betrachtete Syrells Mutter sie, als Syrell seinen Arm um Yvonne legte: »Kommt rein. Ein wenig Zeit ist noch. Nascha ist noch unterwegs und dein Großvater ist am See.«
Unsicher ließ sie sich von Syrell in das Haus führen. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, aber das Haus war von innen nicht viel anders als ein anderes. Im Eingangsbereich standen zwar einige Figuren aus Holz, die sicher einen indianischen Ursprung hatten, aber der Rest war normal. Sie schüttelte den Kopf.
Was hieß normal?
Was hatte sie erwartet?
Einen Wigwam mit Kupferkesseln über dem Feuer? Dass eine traditionelle mit Federn geschmückte Friedenspfeife am Feuer lag? Hatte sie Männer mit imposantem Kopfschmuck und einen Medizinmann erwartet, der am weißen Rauch des Feuers saß und in die Zukunft des Stammes blickte?
Nein, die Zeiten waren sicher vorbei. Yvonne erhaschte einen Blick auf die Küche. Die ehemals weißen Türen der Schränke waren abgegriffen und stumpf. Einige Türen hingen sogar schief in ihren Scharnieren. Auf dem Herd standen Töpfe und sie sah eine Kaffeekanne, bei der man noch selbst das Wasser in den, mit Kaffee gefüllten, Filter gießen musste. Alles wirkte wie aus einer anderen Zeit. Syrell schob sie neben sich her in das Wohnzimmer. Lächelnd sah Yvonne auf die Sofagarnitur. Alles fühlte sich so vertraut an. Sie war mit einem grob gemusterten Stoff bezogen, der Blumen und Ranken zeigte. Die Lehnen hatten an ihren Enden dunkle Holzhörner und die Garnitur stand auf Füßen, die aus dem gleichen Holz gefertigt waren. Der Tisch zwischen den beiden Garnituren war aus einem großen Holzstück gearbeitet und mit wunderschönen Mustern verziert. Ein solches Stück würde das Herz ihres Bruders höher schlagen lassen. Es gab keinen Wohnzimmerschrank, dafür standen an einer Wand einige geflochtene Körbe, die mit dazu passenden Deckeln bedeckt waren. Auf dem Boden lag ein riesiger gewobener Teppich mit einem Muster aus Rauten und Dreiecken. Yvonne fragte sich, aus welchen Naturmaterialien die Farben für die Teppiche hergestellt wurden, da das Blau und das Gelb wunderbar leuchteten.
»Setzt euch, ihr zwei. Kommt an und fühlt euch wohl.«
Syrell schob sie zur Couch, während seine Mutter in der Küche verschwand.
»Wie geht es dir?«
»Gut, denke ich.« Immer noch fühlte sie sich seltsam. Es war nichts Körperliches, es war ein seltsames Gefühl, das ihre Gedanken ständig in Bewegung hielt. Sie war nicht in der Lage, einfach für einen Moment an nichts zu denken. Irgendetwas ging ihr seit ihrer Ankunft im Reservat ständig durch den Kopf.
»Warte die Zeit ab, wenn wir zurückfahren, bist du tiefenentspannt.«
Zurück?
Warum kam plötzlich das Gefühl in ihr auf, dass sie gar nicht zurück wollte? Warum fühlte sich das Hier und Jetzt so vertraut, so richtig an? Er zog sie an sich, strich ihr über den Kopf und legte sein Kinn an ihren Hals.
Yvonne hatte keine Ahnung, wie lange sie einfach nur so dagesessen hatten, als ein Mann das Zimmer betrat.
»Syrell, du traust dich was!«
Syrell löste sich von ihr, stand auf und ging auf den Mann zu. Der Fremde war deutlich kleiner als er, hatte aber die gleichen braunen Augen. Sein Gesicht war rund und auch sonst war er nicht so durchtrainiert, wie die Männer, mit denen sie sich sonst umgab.
»Nalu, du traust dich noch her?« Die Männer umarmten sich freundschaftlich, während sie sich erhob.
»Nalu, das ist Yvonne. Yvonne, Nalu, einer meiner Cousins.«
Noch bevor sie etwas sagen konnte, ging Nalu einige Schritte zurück und musterte sie.
»Ich hätte nicht gedacht, dass du sie wirklich mitbringst, Syrell. Du solltest besser als wir alle wissen, dass es Unglück bringt, sich mit Menschen wie ihr einzulassen.«
»Nalu!« Syrells Mutter stand in der Tür und fauchte den Mann förmlich an, der erschrocken zusammenzuckte, sich umdrehte und aus der Tür verschwand. Syrells Mutter trat an ihn heran und sagte etwas in Dinè zu ihm, was sie nicht verstand. Ein paar Worte hatte sie gelernt, aber es war ihr unmöglich, einer Unterhaltung zu folgen.
»Ich komme gleich wieder, warte bitte hier.« Syrells Augen waren zu Schlitzen zusammengekniffen, als er sie ansah. Sie bemerkte eine aufkommende Spannung. Als er das Zimmer verließ, wollte sie sich setzen, aber etwas in ihr war selbst zum Sitzen zu unruhig. Sie vernahm von draußen eine Diskussion, die hitziger wurde. Es waren viele Stimmen, die wild durcheinander redeten und immer wieder konnte sie Syrells Stimme erkennen, der hörbar aufgebracht war.
Warum hatte sie nicht gemerkt, dass der Rest der Familie eingetroffen war?
Sollte sie hinausgehen und sich der Familie vorstellen?
War sie der Auslöser für den Streit? Weil sie nicht die Frau war, die seine Familie an seiner Seite sehen wollte?
Syrells Mutter betrat den Raum und sah sie an.
»Mach dir keine Sorgen. Sie werden sich damit abfinden. Es sind nicht alle wie Nalu. Er ist dickköpfig und engstirnig. Ahiga hat mir so viel von dir erzählt, ihr gehört zusammen. Euch verbindet etwas ganz Besonderes und da ist es egal, wer du bist. Das wird auch Nalu begreifen.«
Yvonne nickte verlegen. Es war ein seltsames Gefühl, vor einer Frau zu stehen, die scheinbar alles von ihr und Syrell wusste.
»Setz dich, Sitsi.« Die Stimme seiner Mutter war warm und vertraut. Es fühlte sich an, als würden sie sich schon ewig kennen, als wären sie und Syrell nur kurz fort gewesen. Plötzlich fiel ihr auf, was seine Mutter gesagt hatte, Sitsi hieß Tochter auf Dinè. Yvonne hatte keine Ahnung, warum sie das wusste. Sie wusste es einfach und einmal mehr begann sie es zu verfluchen, dass sie diese seltsame Gabe besaß. Bevor sie Syrell kennengelernt hatte, hatte sie den seltsamen Eingebungen keine Beachtung geschenkt. Für sie waren sie normal und somit machte sie sich nie Gedanken über das, was ihr plötzlich in den Sinn kam. Über die Bilder, die vor ihren Augen auftauchten, oder über das seltsame Kribbeln, welches ihren Nacken hinunter lief, wenn sie verfolgt wurde.
Jetzt nahm sie alles bewusst wahr. Konzentrierte sich auf Einzelheiten, die dann plötzlich ein Bild ergaben, und nicht auf die vielen Eindrücke, die sonst auf sie zukamen und ein Chaos verursacht hatten, welches sie immer ignoriert hatte, da es kein Muster ergab.
Sie grinste. Es war, wie mit Menschen, die ein großes Puzzle zusammensetzen wollten und erst ein paar Teile gefunden hatten, die zusammenpassten. Viele sitzen davor und sehen das passende Teil nicht. Sie war in der Lage, die Teile sofort zu sehen, ohne zu suchen. Bei ihr passte es immer zusammen. Ihr könnte man einen Berg Puzzleteile vor die Füße kippen, sie bräuchte es nicht zusammenzubauen, sie wüsste, was auf dem Puzzle zu sehen ist.
»Du Träumerin.«
Erschrocken riss sie die Augen auf, sah in die tief brauen Augen von Syrell, der vor ihr stand und sie anlächelte.
»Entschuldige.« Es war ihr peinlich, dass sie ständig mit ihren Gedanken ganz woanders war. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie nicht in der Lage war, auch nur länger als zehn Minuten bei einer Sache zu bleiben, seit sie im Reservat angekommen war.
»Kommst du mit raus?«
Sie sah sich um und stellte entsetzt fest, dass Syrells Mutter nicht mehr im Raum war. Wie konnte sie nur so unhöflich, so unaufmerksam sein, dass sie nicht einmal bemerkt hatte, dass sie den Raum verlassen hatte.
Sie ergriff die Hand, die Syrell ihr reichte, und stand auf. Er zog sie hinter sich her aus dem Haus.
Der Anblick, der sich ihr bot, war atemberaubend. Es dämmerte und der Horizont wurde langsam in Rot und orange Töne getaucht, am Himmel befand sich nicht eine einzige Wolke und erste vereinzelte Sterne schimmerten am immer dunkler werdendem Firmament. Als sie ihren Blick über den farbenprächtigen Himmel schweifen ließ, blieb ihre Aufmerksamkeit am Vollmond hängen, der bereits am Firmament stand und die Sonne bald ablösen würde.
»Es ist wunderschön hier, Sy«, murmelte sie.
»Ich weiß.« Sanft schob er sie weiter in Richtung eines achteckigen Lehmgebäudes, aus dessen Eingang Licht in die Dämmerung fiel. Yvonnes Blick wanderte an dem Gebäude vorbei und in einiger Entfernung konnte sie kurz sehen, wie sich der Sonnenuntergang mystisch in einem See spiegelte, bevor Syrell sie weiter in das kleine Gebäude schob. Im Inneren des Hogans saßen im Kreis verteilt auf einem Teppich einige Männer und Frauen, die sie erwartungsvoll aus ihren zum größtenteil dunkeln Augen ansahen. Yvonnes Blick blieb an einem alten Mann hängen.
Alt? Nein, nicht alt. Alt war ein Ausdruck, der auf diesen Mann nicht passte. Seine indianischen Züge waren nicht zu übersehen. Seine braunen Augen strahlten sie voller Lebensfreude und Weisheit aus einem wettergegerbten Gesicht an. Die langen grau melierten Haare trug er wie Syrell zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Je genauer sie ihn musterte, um so klarer wurde ihr, dass sie in das Gesicht von Syrell sah. Nur war es um viele Jahre älter.
»Yvonne, das ist mein Großvater NaalYehe YaSidAhi, Großvater, das ist Yvonne.«
Der Mann strahlte sie an, nickte ihr zu und sie war nicht in der Lage, ihren Blick von ihm zu wenden. Würde Syrell in vielen Jahren so aussehen? Oder war es nur Einbildung, dass sie die Ähnlichkeit wahrnahm?
Syrell stellte ihr die anderen Mitglieder der Familie vor, bei denen es sich um Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins handelte. Die Namen klagen teilweise fremd und andere waren ihr so vertraut, als würde sie die Menschen kennen, die Namen wie Nascha trugen. Sie setzten sich auf zwei Plätze, die im Kreis für sie freigehalten wurden und Syrells Mutter reichte Mate Tee in einer traditionellen Kürbisflasche mit Bombilla. Im ersten Moment war Yvonne diese Art von Becher fremd, ebenso der Strohhalm aus Metall, der in ihm stand. Nach und nach beim Beobachten der Anderen verlor sie allerdings die Scheu und trank vorsichtig den ersten Schluck Mate in ihrem Leben. Beim ersten Schluck musste sie sich bemühen, das Gesicht nicht zu verziehen, da das warme Getränk extrem bitter war. Schnell gewöhnte sie sich an den Geschmack und so wurde die Kalebasse an diesem Abend viele Male im Kreis gereicht.
Ihre anfängliche Befürchtung, dass alle so auf sie reagieren würden, wie der nicht mehr anwesende Nalu, zerschlug sich schnell. Syrells Familie band sie in Gespräche ein, horchte sie förmlich aus und sog jede noch so kleine Information, die sie über sich Preis gab gierig auf. Wie nicht anders zu erwarten, kam auch an der einen oder anderen Stelle zur Sprache, dass ihre Arbeit nicht ganz das war, was man sich unter der Arbeit einer Frau vorstellen konnte. Erstaunlicherweise respektierten sie allerdings ihre Entscheidung.
Stunden später lag sie dicht an Syrell gedrängt in einem viel zu kleinen Bett. Seine Finger strichen über ihren Rücken und suchten einen Weg unter das weite T-Shirt, dass sie seit Monaten trug, wenn sie ins Bett kroch. Es hatte seinen alten Duft verloren und so hingen nur noch die Erinnerungen an dem alten Stück Stoff, die sie mit ihrem kleinen Haus in Deutschland verbanden. Die ersten Löcher hatten sich gebildet und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich von ihm trennen musste. Eine Träne rollte über ihr Gesicht.
»Hey, Kleines, es ist nur ein Shirt, die Erinnerungen bekommen keine Löcher und sie verschwinden auch nicht. Notfalls bittest du Mick, dass er dir ein neues, altes schickt.«
Sie presste ihr Gesicht auf seinen nackten, muskulösen Oberkörper und bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten, die plötzlich aufstiegen.
Er hatte recht, es war nur ein Stück Stoff, nicht mehr. Ein Stück Stoff, von dem sie sich früher oder später trennen musste. Ein Stück Erinnerung an ihr Leben in Deutschland.
Eine weitere Träne rann über ihre Wange auf die warme Haut von Syrell, der ihr durch die kurzen Haare strich.
Es war das erste Mal, dass sie ihre Wohnung, ihr Bett, ihr Haus, ihren Garten und ihr chaotisches Wohnzimmer wirklich vermisste.
Warum heute? Warum nicht schon viel früher?
Die sanften Berührungen von Syrell schickten sie in einen traumlosen Schlaf.
»Pscht.«
Ein Vibrieren weckte sie und sie schlug die Augen auf. Immer noch lag ihr Gesicht auf der warmen Haut von Syrell, seine Hände hatten das T-Shirt hochgeschoben und er strich langsam über ihren Rücken.
»Wir sollten aufstehen. Ich wollte dir noch so viel zeigen, bevor wir zurück müssen.«
»Musst du jetzt schon davon reden, dass wir zurück müssen? Ich genieße es gerade, dass ich einmal ohne Seans Gebrüll aufwache«, murmelte sie, während sie über seinen Bauch streichelte.
»Hey, wenn du willst, kann ich dich auch wie Sean aufwecken.«
Sie spürte, wie er tief Luft holte.
»Wehe!«
Sie hob ihren Kopf und kroch die wenigen Zentimeter hoch, um ihre Lippen auf seine zu legen und ihn so dran zu hindern, sie wie Sean aus dem Bett zu treiben. Eigentlich war Sean ein feiner Typ, aber wenn der SEAL in ihm Oberhand gewann und er meinte, dass sie zu einer der BUDs Klassen gehörte, würde sie ihm am liebsten in regelmäßigen Abständen die Augen auskratzen.
Syrells Zunge drängte in ihren Mund und begann, mit ihrer zu spielen. Sie liebte dieses Gefühl, wenn sie sich küssten. Ein Feuerwerk nach dem anderen jagte durch ihren Körper. Sie erschauderte, als seine Finger unter ihren Slip glitten und sich in ihrem Po vergruben. Nach Luft ringend löste sie sich von ihm und sah in Augen, die sie verlangend ansahen.
»Aber doch nicht hier«, murmelte sie, während er bereits begann, das Stück Stoff an ihrem Hintern weiter hinunterzuschieben. Als seine Finger sanft über ihre Oberschenkel strichen, begann sie mit ihrer Zunge an seiner Brustwarze zu spielen.
»Petty Officer Navajo, Sie leben gefährlich.«
»Ms. Banz ...« Er zog sie ein Stück auf sich und drehte sich so schnell mit ihr zusammen um die eigene Achse, dass sie nicht mehr wusste, wie ihr geschah, als er auf einmal über ihr lag. Hektisch schob er ihr Shirt hoch und begann, an ihrer Brustwarze zu saugen.
»Sy.« Es war mehr ein Keuchen als ein Wort und sie versuchte, ihn von sich zu schieben.
»Pscht...« Er griff ihre Handgelenke und drückte sie über ihrem Kopf in das weiche Kissen.
»Aber deine ...«
Seine Lippen legten sich auf ihre und sie gab ihren Widerstand auf. Ihre Zunge tanzte um seine und sie spürte seine Erektion, die über ihren Bauch strich. Seine Augen funkelten, als er sich wieder von ihr löste.
»Meine Mom hat Anstand, Kleines, die klopft an. Außerdem sind wir erwachsen.«
Sie sah, wie sein Kopf wieder zu ihren Brüsten wanderte und genoss das Gefühl, welches seine Zunge auslöste, als sie begann, mit ihrer Brustwarze zu spielen.
Verlangend bog sie sich ihm entgegen, aber er hielt immer noch ihre Hände über ihrem Kopf fest. So konnte sie nicht, wie sie es gerne getan hätte, ihre Arme um ihn schlingen. Seine Zunge wanderte wie eine Schlange über ihren Körper und ihr Verlangen steigerte sich ins Unermessliche. Ein Zittern lief durch ihren Körper und sie meinte, sie müsse explodieren, als er sich von ihr löste und seine Lippen sich wieder auf ihre legten. Eine Hand legte er über ihre Handgelenke, die andere nutze er, um sich von seiner Shorts zu befreien. Sie war ihm völlig ausgeliefert und war erstaunt, wie sehr ihr dieses Gefühl gefiel. Langsam drang er in sie ein. Beinahe meinte sie, sie könnte ihren Höhepunkt nicht mehr zurückhalten, als er still in ihr verharrte. Einige Minuten lagen sie so still zusammen. Seine Lippen auf ihren, er in ihr und ihre Augen an seine gefesselt. Dann begann er, sich langsam zu bewegen. Seine Zunge ahmte seine Bewegungen nach und sie genoss das Gefühl, das über sie kam, als er seine Geschwindigkeit steigerte. Ein Orgasmus überrollte sie. Sie bog sich ihm entgegen und ließ sich davontragen.
Erst als er schwer atmend über ihr zusammenbrach und seine verschwitzte Haut auf ihre traf, kehrte sie zurück in die Realität. Ein Protestlaut entkam ihr, als er sich von ihr löste und aufstand.
»Hey, das kannst du doch nicht machen«, maulte sie ihn an.
»Sorry, Kleines, aber wir müssen gleich los. Ich will dir noch so viel zeigen.« Er schlüpfte in seine Shorts, zog seine Hose an und verschwand aus dem spärlich eingerichteten Zimmer. Yvonne starrte zur Decke, entdeckte eine Spinne, die in einer der Zimmerecken hing, und ihre Gedanken wanderten wieder zu der Geschichte der Spider Women.
Ein Klopfen an der Tür ließ sie ertappt zusammenzucken. Sie riss die Bettdecke an sich, bedeckte ihre Blöße und starrte die Tür an.
»Ja?« Leichte Unsicherheit schwang in ihrer Stimme mit.
»Yvonne, möchtest du noch einen Kaffee, bevor ihr fahrt?« Die Stimme von Syrells Mutter ließ sie erleichtert ausatmen und sie war froh, dass die Indianerin nicht die Tür öffnete.
»Gerne«, gab sie knapp als Antwort und fragte sich, was Syrell gerade tat und vor allem, wo er war.
»Ich warte in der Küche auf dich.«
Sie hörte, wie seine Mutter sich über die Fliesen des Flurs entfernte und eine Tür hinter sich schloss. Müde schob Yvonne ihre Beine aus dem Bett und zog sich an, während ihre Aufmerksamkeit immer wieder auf die Spinne fiel, die begonnen hatte, ihr Netz neu zu weben. Nach einigen Minuten, in denen sie regungslos das Treiben des Insekts beobachtet hatte, zog ihr der Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase. Es war, als wäre sie eine Weile an einem anderen Ort gewesen, als ihr wieder einfiel, dass sie mit Syrells Mutter einen Kaffee hatte trinken wollen. Mit einem letzten Blick auf das fein gewobene Netz erhob Yvonne sich und versuchte mit einem Kopfschütteln, ihre Gedanken zu sortieren.
In Deutschland wäre das kleine Tier sicher schon im Staubsauger verschwunden, aber hier schien es, als wäre diese Zimmerecke genau die Ecke, in der das Insekt leben sollte. Niemand durfte es dort entfernen. Es war sein Platz, sein Lebensraum und Sinn, dort zu sitzen und Gedanken zu fangen.
Blinzelnd über die eigenen Gedanken trat sie in den Flur und bemerkte die offenstehende Haustür. Schemenhaft konnte sie die Indianerin erkennen, die mit dem Rücken zu ihr in der Tür stand. In ihr regte sich ein schlechtes Gewissen, da sie nicht wusste, wie lange die Frau auf sie gewartet hatte. Langsam trat sie neben ihr aus der Tür und genoss die Wärme der aufgehenden Sonne.
»Entschuldige, ich war in Gedanken.« Yvonne rollte über ihre plumpe Ausrede die Augen.
»Ja, ihr seid beide Träumer. Ihr braucht dringend eine Auszeit, sonst überrollen euch eure Gedanken noch vollständig. Meine Mutter hat immer gesagt, Ahiga braucht Zeit, damit sein Geist ihn wieder einholen kann und sie wieder im Einklang sind.« Die warme sanfte Stimme von Syrells Mutter legte sich beschützend auf Yvonnes Seele.
»Ja, im Moment sind meine Gedanken etwas wirr«, murmelte sie bestätigend und bemerkte, wie sich die Indianerin umdrehte und eine Tasse von der Fensterbank nahm. Es war eine terracottafarbene Tasse, keine, die industriell angefertigt war, zumindest nahm Yvonne das an, in der sie den dampfenden Kaffee entgegennahm. Ihre Hände legten sich um die warme Tasse und der betörende Geruch des Heißgetränks ließ sie verträumt die Augen schließen.
»Danke.«
»Ich hoffe, er schmeckt dir. Er ist sicher anders, als das, was du von daheim gewohnt bist.«
Yvonne nickte und spürte wieder einen Funken Heimweh in sich aufkeimen. Wie gerne würde sie nun auf ihrer Terrasse stehen und den Sonnenaufgang genießen. In der Hand ihre alte Lieblingstasse und den Geruch von frisch gemähtem Gras in der Nase. Sie seufzte.
»Dein Zuhause ist anders, oder?«
Die Frage ließ sie zur Seite schauen, wo sie auf tiefbraune Augen traf, die sie neugierig ansahen. Einen Moment verglich sie das, was sie in Deutschland hatte, mit dem, was es alles Neues in den USA für sie zu entdecken gab. Ihr Blick glitt über die Landschaft vor der Tür des Hauses, in dem Syrell Jahre seines Lebens verbracht hatte.
»Nein, ich denke nicht, dass es anders ist. Hier gibt es andere Sitten und Gebräuche, andere Dinge, die den Menschen wichtig sind, aber im Grunde ist es fast so wie hier, grüner, ja, aber ...« Sie stockte, suchte nach Worten, die es vermochten, ihre Gefühle wiederzugeben. »Aber wenn die Seele sich wohlfühlt, ist es, glaub ich, egal, wo man ist.« Sie biss sich auf die Unterlippe, fand ihre Worte plötzlich schrecklich albern. Was sollte Syrells Mutter nur von ihr denken? Dass sie sich einschmeicheln wollte, wenn sie von Seelen sprach, die sich wohlfühlten? Warum sprach sie plötzlich Dinge aus, die sie früher nicht einmal zu denken gewagt hatte?
»Yvonne, ich glaube, ein Teil deiner Seele gehörte schon immer hierher und ich bin froh, dass du es auch spürst. Noch mehr bin ich jedoch froh, dass du es nicht verleugnest und dass ihr euch gefunden habt. Vielleicht findet ihr gemeinsam Antworten auf Fragen, die auch ich euch nicht beantworten kann.« Die Stimme seiner Mutter wurde mit den letzten Worten heiser und Yvonne spürte tiefe Trauer in der Frau, die einen Schluck von ihrem Kaffee nahm.
»Welche Fragen?«, stellte sie die Frage, die ihr unter den Nägeln brannte.
»Die nach dem Warum, Sitsi. Ich weiß nicht, wie viele Millionen Male Ahiga mich gefragt hat, warum ausgerechnet er diese Gabe besitzt, in einer Zeit, in der niemand mehr an den großen Geist oder an Wunder glaubt.«
»Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht«, nuschelte sie mehr zu sich selbst, als zu seiner Mutter.
Mit keinerlei Vorwürfen in ihrer Stimme erwiderte die Indianerin: »Ja, er hat mir davon erzählt. Das ist wohl der Unterschied der Kulturen, dass sich bei dir niemand Gedanken darüber macht.«
Yvonne vernahm Motorengeräusche und versuchte, die Quelle auszumachen. Über die Piste, die auch sie genutzt hatten, um die Häuser zu erreichen, jagte in wilder Fahrt ein Jeep auf sie zu. Die Staubwolke, die dem Wagen folgte, hüllte die Landschaft hinter dem Wagen mit Hilfe der Sonne in einen mystischen Nebel.
»Dass er immer so rasen muss! Mit eurem Wagen geht er viel pfleglicher um.«
»Syrell? Wo war er?« Yvonne sah zur Seite und bemerkte denn leichten Zorn der Indianerin über den Fahrstil ihres Sohnes.
»Er wollte einen Freund um einen Gefallen bitten und hat meinen Wagen genommen, weil er meinte, mit dem BMW hätte es ihm zu lange gedauert.«
Yvonne nickte, nahm einen Schluck Kaffee und beobachtete, wie der Wagen wenige hundert Meter vor den Gebäuden endlich langsamer wurde.
»Sitsi?«
»Hm?« Erneut ertappte sie sich dabei, dass sie auf die indianische Ansprache reagierte und wieder konnte sie sich nicht erklären, warum sie es tat.
»Geb acht auf dich und Ahiga. Er will so oft mit dem Kopf durch die Wand.«
»Werde ich«, antwortete sie, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie Syrell von Dingen abhalten sollte, die vielleicht unvernünftig waren.  
Stunden später saß sie das erste Mal in ihrem Leben auf einem Pferd. Inständig hoffte sie, dass das Tier ihr Unwissen verzeihen würde und sie ihm keine Schmerzen zufügte. Syrell ritt zu ihrer linken auf einem tiefschwarzen Mustang und etwas vor ihnen ritt ein anderer Mann auf einem hellbraunen Pferd.
Syrell war mit ihr in den Canyon hinabgestiegen und zeigte ihr all die Dinge, die ein normaler Tourist nur selten zu sehen bekam, da der Canyon nur in Begleitung eines indianischen Führers betreten werden durfte.
Sie konnte alte Behausungen der Ureinwohner bewundern, die in den Fels geschlagen und gemauert waren, in denen sich vor hunderten Jahren das normale Leben der Eingeborenen abgespielt hatte. Eben diese Menschen hatten mit beeindruckenden Zeichnungen an den Wänden ihren Alltag festgehalten. Man konnte erkennen, wie gelebt, gegessen und gejagt wurde zu einer Zeit, in der die Welt wahrscheinlich noch in Ordnung gewesen war.
Was sie aber noch mehr beeindruckte als die ganzen Sehenswürdigkeiten, war die seltsame Stimmung, die über all dem lag, was in und an dem Canyon war. Es war eine Atmosphäre, die sie zum Träumen einlud. Die ihr förmlich anbot, das Hier und Jetzt für eine Weile zu vergessen und ihrem Geist zu gestatten, sich zu entspannen. Immer wieder entglitten ihr ihre Gedanken. Das mystische Schweigen von Syrell und ihrem Führer, der wohl ein guter Freund von ihm war, tat ein Übriges dazu, dass sie sich fühlte, als gehöre sie in diese Landschaft. Auch wenn sie noch nie auf einem Pferd gesessen hatte, fühlte sich schnell alles so vertraut, so normal an, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.

4.
Sein Blick wanderte die roten Felsen hinauf in Richtung Sonne. In ein paar Stunden wäre ihre freie Zeit bereits wieder vorbei und sie würden sich auf den nächsten Einsatz vorbereiten. Seufzend sah er neben sich, wo Yvonne scheinbar jede Einzelheit der Landschaft und der Stimmung, die diese Gegend innehatte, in sich aufsog.
»Syrell?«
Er wandte sich seinem Freund zu, der neben ihm ritt und ihn interessiert beobachtete.
»Ja?«
»Von wo kommt sie?« Er deutete mit dem Kopf auf Yvonne, die einige Meter neben ihnen war und wirkte, als wäre sie mit dem Pferd und der Natur um sich herum eins.
»Deutschland«, erwiderte er, als er am Kopf des Pferdes vorbei, auf den sandigen, trockenen Boden sah.
»Hm.«
Syrell konnte spüren, wie sein Freund über seine Worte nachdachte und er befürchtete, dass es im nächsten Moment vielleicht Vorwürfe gegen ihn und Yvonne hageln würde.
Er wusste, dass es dem Stamm selbst im Einundzwanzigsten Jahrhundert immer noch am liebsten war, wenn Navajo unter sich blieben. Leider war es so, dass ein Mann im Reservat kaum eine Zukunft hatte und so gingen immer mehr junge Indianer in die Städte. Nur wenige blieben und führten das Leben ihrer Vorfahren weiter.
Es war ein Leben, welches dicht an der Existenzgrenze oder sogar darunter stattfand. Sie lebten von der Hand in den Mund und bot die Hand ihnen nichts, so war da nichts, worauf sie zurückgreifen konnten. Es war ein Leben, welches er nicht leben wollte, weswegen er sich dazu entschlossen hatte, seinen Weg bei der Navy zu gehen. Es war auch ein Leben, das er seiner eigenen Familie nicht zumuten wollte. Seine Mutter würde er nicht ändern können, aber seinen eigenen Kindern wollte er etwas bieten. Und das, obwohl es bei den Navajo ein Sprichwort gab, welches ihn eigentlich von der Familienplanung abhalten sollte.
Ein Mann kann nicht reich werden, wenn er für seine Familie sorgen muss.
Er wollte nicht reich werden, zumindest nicht im materiellen Sinne.
»Hat sie indianisches Blut, Syrell?«
Sein Freund riss ihn aus seinen Gedanken. Gedanken, die er erst hatte, seit er Yvonne kannte. Kinder kamen erst seit kurzer Zeit in seinen Zukunftsplänen vor.
»Nicht, dass ich wüsste«, murmelte er, während er Yvonne betrachtete, die ihren Blick an den steilen Felswänden entlang gleiten ließ.
»Sie gehört hier her Syrell. Ich sehe so viele Menschen hier, höre ›Ohhs‹ und ›Ahhs‹, aber noch nie ist mir jemand begegnet wie sie. Sie gehört hier her und sie gehört zu dir, mein alter Freund.«
Syrell spürte, wie der Mann neben ihm mit seinem Pferd näherkam.
»Sag mir, wie lange willst du noch in den Krieg ziehen? Jetzt, wo du die Frau gefunden hast, die zu dir gehört. Willst du sie unglücklich machen?« Vorwurfsvoll sahen ihn braune Augen an, als er sich zu der Stimme drehte.
»So lange, wie sie es ebenfalls tut, denke ich.«
»Wie?« Verwunderung war in der Stimme des Indianers zu hören.
»Wir arbeiten zusammen.« Er hatte wieder den Blick auf Yvonne gerichtet.
»Wie? Sie ist eine Frau.« Immer noch klang sein Freund verblüfft über seine Äußerung.
»Ich weiß und sie ist Soldatin. Und ich denke, dass ich erst aufhöre, wenn ich weiß, dass sie sich ebenfalls nicht mehr in Gefahr begibt. Ich habe einen Schwur geleistet.« Seine Stimme wurde leiser, als Yvonne sich lächelnd zu ihm umdrehte. Sie war wunderschön. Ihre Haare glänzten im Sonnenlicht kastanienbraun und ihre Lippen sorgten dafür, dass sich kleine Lachfältchen bildeten.
»Einen Schwur?«, flüsterte der Mann neben ihm fragend.
»Ich habe ihrem Bruder und ihrer Freundin geschworen, dass ich auf sie achtgebe. Und das kann ich nicht, wenn ich meinen Job aufgebe.«
»Du hast dir eine schwere Last auferlegt, mein Freund.«
Syrell nickte nachdenklich. Ja, es war eine schwere Last. Vermutlich weit schwerer als alles, was er sich bisher auferlegt hatte.
Die Nacht verbrachten sie zu dritt unter dem Sternenhimmel von Arizona. Syrell musste sein Verlangen unter Kontrolle bringen und sehnte sich nach einer kalten Dusche, als Yvonne sich im Schlaf zur Seite drehte, einen Arm über ihn legte und ihr Bein über seines streichen ließ.
Wenn sein Freund nicht nur wenige Meter neben ihm gelegen hätte, hätte er sie küssend geweckt und wäre noch im Halbschlaf über sie hergefallen. Seine Hände glitten hinter seinen Kopf und er sah zu den Sternen hinauf, genoss die Wärme von Yvonnes Körper an seinem und dachte an die Legende der Spider Women. Daran, wie Tautropfen in einem Netz zu Sternen am Himmel wurden.
Früh am nächsten Morgen tauschten sie die Pferde gegen einen Geländewagen. Syrell wollte ihr unbedingt noch etwas zeigen, bevor sie sich auf den langen Rückweg nach San Diego machen würden.
Nach einigen Stunden Fahrt befanden sie sich in der Nähe des Lake Powells, wo er auf einen abgelegenen Pfad abbog und schließlich in der Nähe eines riesigen Steinbogens stehen blieb. Er spürte, wie begeistert Yvonne von dem Anblick war. Die Rainbow Bridge war einer der Orte, die eine seltsame Wirkung auf ihn hatten. Vor Jahrmillionen hatten sich Wasser und Wind einen Weg durch den Felsen gesucht und eine begehbare Brücke aus hellem Stein zurück gelassen.
»Es ist wunderschön«, murmelte sie, als er einen Arm um sie legte und an sich zog.
»Wollen wir noch einen Tag länger bleiben? Wenn wir jetzt fahren sind wir erst in der Nacht in San Diego und ich wüsste da einen Ort, wo wir für eine Nacht unterkommen könnten.« flüsterte er.
»Und was wird Paul dazu sagen?«
»Hm, entweder er ist einverstanden, er tobt wie ein Stier oder er wirft uns raus.«
»Glaubst du wirklich, er wäre einfach so einverstanden? Ich dachte, er hat schon einen neuen Einsatz in Planung.« Sie legte ihren Kopf an ihn.
»Ich kann ihn ja fragen.«
Verwundert sah sie zu ihm auf. »Wie, du kannst ihn fragen?«
Grinsend zog er sein Handy aus seinem Rucksack.
»Petty Officer Navajo? Hatten wir nicht gesagt, wir sind für niemanden zu erreichen? Und du schleppst dein Handy mit?« Empört sah sie ihn an.
»Hey, ich hab es nur dabei, falls wir mal Hilfe brauchen sollten«, beschwichtigte er ihren Wutausbruch.