1.
Ramstein Air Base
Deutschland
Sie atmete langsam, um den schwarzen Kreis in gut 1200 Metern Entfernung nicht aus dem Objektiv zu verlieren, nicht zu zittern. Das war eine Übung, die ihr in Leib und Seele übergegangen war. Ganz flach am Boden und ihr Ziel vor sich, war sie die Ruhe in Person, völlig entspannt. Fest auf das kleine Metallschild in der Ferne konzentriert, drückte sie ab, sicher, dass sie treffen würde. Ein Blick am Objektiv ihres Scharfschützengewehrs vorbei Richtung Ziel, dann wieder ein Blick durch das Zielfernrohr.
Volltreffer. Innerlich jubelte sie.
Als sie aufstand, sah sie in das Gesicht eines blonden Mannes, der sein Fernglas absetzte und ein wenig so aussah, als wenn ihm das Ergebnis nicht gefallen würde.
»Das hätte ich nun nicht von Ihnen erwartet, Mrs. Banz. Erst der Parcours und nun überbieten Sie auch noch Ihre männlichen Kollegen beim Schießen.«
Sein Deutsch hatte einen deutlichen amerikanischen Akzent.
Sie grinste ihn an. »Tja, ich hab halt ein paar verborgene Talente, Mr. Harrison.«
Er lächelte, als er die anderen zu sich winkte. Ihr war klar, was gleich passieren würde. Er würde sich mit ein paar Floskeln bedanken und sich dann, trotz ihrer Leistung, für einen der männlichen Kollegen entscheiden. Harrison war ein SEAL und die Amerikaner suchten Männer für ein Team, welches den weltweit wachsenden Terror bekämpfen sollte. Sie suchten in mehreren Ländern Polizisten und Soldaten aus, die besondere Leistungen erbracht hatten, um zu schauen, ob sie für genau diese Arbeit bereit waren. Sie war keine Soldatin und auch nicht bei der GSG9, da dort, genau wie bei den SEALs, keine Frauen erlaubt oder viel mehr unerwünscht waren. Sie war eine einfache MEK-Beamtin, die ein wenig Talent hatte, was das Schießen auf weite Entfernung anging und sportliche Höchstleistungen bringen konnte, mehr nicht. Mehrfach wurde sie schon bei SEK-Einsätzen angefordert und hatte bis heute, zum Glück, erst dreimal einen finalen Rettungsschuss ansetzen müssen. Irgendjemand musste sie für dieses, sie nannte es ›Casting der SEALs‹, vorgeschlagen haben, da eines Tages ein Brief in der Post lag, in dem sie nach Ramstein zitiert wurde.
Sie hatte ihr Bestes gegeben, hatte die Zeit genossen, zwischen muskelbepackten Männern zu arbeiten und ihnen die Stirn zu bieten. Oft telefonierte sie am Abend mit ihrer Freundin und erzählte ihr, wie der Tag gelaufen war. Genauso oft beklagte sie sich, dass sie nie im Leben mit diesen Kampfmaschinen mithalten konnte.
Versammelt standen sie nun am Schießstand, neben ihr ein englischer Soldat und einige andere, deren Namen sie leider noch nicht behalten hatte.
»Ich möchte mich für Ihre Mitarbeit herzlich bedanken. Die letzten Tage haben gezeigt, dass wir hier viele Männer haben, die die Karriere in unserem geplanten Team einschlagen könnten. Heute möchte ich bekannt geben, wen wir gerne anwerben möchten. Miguel, ich würde mich freuen, Sie bei uns zu begrüßen.« Der Blick des SEALs wanderte zu einem Mann mit kurz rasierten Haaren und breiten Schultern, der salutierte und einwilligend nickte.
»Harry, Sie würden wir gerne im IT-Bereich einspannen und natürlich im Einsatz.« Ein Grinsen huschte über das sonst steinern wirkende Gesicht.
Harry grinste.
Crack, so nannten sie ihn, konnte Dinge am Computer anstellen, die sich jenseits der Legalität bewegten und an illegale Hacker erinnerte. Auf der anderen Seite war er extrem sportlich und ein guter Soldat und Schütze.
Yvonne schnaubte, sie hatte keine Chance. Das gesamte Team bestand, ihres Wissens nach, nur aus Männern und auf einen Schreibtischjob hatte sie absolut keine Lust. Sie brauchte den Nervenkitzel.
»Nach langem Hin und Her mit meinen Vorgesetzten haben wir uns entschlossen, auch eine Top-Frau mit ins Team zu nehmen. Wir würden uns freuen, wenn wir Yvonne bei uns begrüßen könnten und sie uns eine Chance geben würde. Du sollst nicht die Tische wischen, sondern uns, in Einsätzen unterstützen. Ich habe bis heute, noch keinen anderen gefunden habe, der besser trifft als ich.«
Das Grinsen von Harrison wurde immer breiter. Ungläubig starrte sie ihn an.
»Ich?«
»Ja, genau du.« Er legte seinen Arm um ihre Schulter »Willkommen im Team.« Laute Zustimmung machte sich um sie herum breit und Glückwünsche hagelten auf sie ein. Sie konnte es nicht fassen. Endlich konnte sie beweisen, was sie konnte.
Sie würde nun täglich von diesen Traumkörpern umgeben sein. Was wollte Frau mehr?
Als sie merkte, dass ihre Gedanken völlig unpassend waren und mehr die Worte ihrer Freundin wiedergaben, rief sie sich zur Ordnung. Hier ging es nicht um muskelbepackte Männer, sondern darum, dass sie sich als Frau zwischen ihnen behaupten musste.
Neben der Freude machte sich auch Trauer breit. Sie müsste ihre Heimat, ihre Freunde und Familie zurücklassen und in die USA gehen. Und sie befürchtete, dass sie schon sehr bald abreisen würden.
»Allen anderen wünschen wir alles Gute auf ihrem weiteren beruflichen Weg. Ich würde sagen, wir gehen duschen und danach treffe ich mich mit Miguel, Harry und Yvonne im Mannschaftskasino auf ein gutes Bier.« Lachen schwang in der Stimme des SEALs mit, als er sie aus ihren Gedanken riss. Das hatte Yvonne bis heute noch nicht gehört. Es gefiel ihr, es war ein raues, aber angenehmes und ehrlich klingendes Lachen. Er war ein netter Kerl und hatte ihr immer gut zugeredet, wenn er bemerkte, dass sie die sportliche Seite des Castings eventuell nicht überstehen würde.
Bevor sie sich zurückziehen konnte, musste sie ihre Waffe wegschließen lassen. Sie sah sich um. Die Bäume trugen bereits bunt gefärbte Blätter. Einige wenige hatten sich schon komplett von ihrem Laub getrennt. Langsam verließ sie den Schießplatz in Richtung Waffenlager. Die Tür quietschte, als sie eintrat und sofort sahen einige Männer zu ihr auf, die ihre Waffen reinigten, bevor sie diese abgaben. Blicke fielen auf sie, dann auf das Repetiergewehr, das sie in der Hand hielt. Niemand sagte ein Wort, als sie sich einen Platz suchte.
»Donnerwetter, sagen Sie nun nicht, Sie können damit umgehen.« Ein weiterer Mann war hinzugekommen und stand direkt hinter ihr. Sie zuckte mit den Schultern.
»Ich komme zurecht, wenn Sie das meinen.« Ohne aufzusehen, arbeitete sie weiter.
»Michael, die war bei den Irren dabei, die der SEAL sich ausgesucht hat.« Einer der Männer sah sich zu ihr um.
»Wenn ich schon das Wort SEAL höre, könnte ich ... naja, ihr wisst schon. Die glauben auch, sie sind was Besseres.«
Die Tür quietschte, im Augenwinkel sah sie Mr. Harrison, der mit drei Gewehren, schwer beladen den Raum betrat. Hektisch sprangen die Männer auf und salutierten.
»Weitermachen!« Harrison ging an ihnen vorbei. Er blieb neben ihr stehen, legte zwei Gewehre ab und begann routiniert, das erste Gewehr zu reinigen. »Yvonne, wärst du so frei?«
Sie hatte ihr Gewehr einem Mann gegeben, der es wegschloss, als Harrison ihr eines der zwei anderen Gewehre hinhielt.
»Dann kommen wir schneller zu unserem Feierabend.«
Nickend nahm sie ihm das schwere Gewehr ab und reinigte es gewissenhaft. Für sie waren diese Handgriffe so vertraut, wie für andere Frauen kochen und bügeln. Die Stille um sie herum zeigte ihr, dass Harrison zwar den Respekt der anderen Soldaten hatte, aber nicht unbedingt beliebt war. Sicher hatten SEALs einen besonderen Ruf in der US Armee und sie war davon überzeugt, dass sich die Männer, die sich SEAL nennen durften, ihren Ruf hart erarbeitet hatten. So erfüllte es sie mit Stolz, neben einem von ihnen zu stehen und sogar von ihm angesprochen zu werden.
Gemeinsam verließen sie unter den Augen der anderen das Gebäude und ihre Wege trennten sich vor den Unterkünften. Yvonne ging die Treppe hinauf und schloss ihre karg eingerichtete Unterkunft auf. Das Zimmer in dem grauen Betonbau hatte sie seit einer Woche meist nur spät am Abend gesehen und so war es ihr egal, dass der Raum mehr oder weniger wie eine Gefängniszelle wirkte. Sie griff sich ihren Rucksack, den sie seit ihrer Ankunft nicht einmal ausgepackt hatte. Nur die bereits getragenen Sachen hatte sie zur Seite gelegt, damit das, was noch sauber war, nicht nach Schweiß und anderen Dingen roch.
Ein Handtuch!
Sie sah sich um, irgendwo musste eins sein!
Ihr Blick blieb an einem blauen Frotteehandtuch hängen, das sie zum Trocknen über den einzigen Stuhl des Raumes geworfen hatte. Ohne zu zögern, griff sie danach, warf es sich über die eine Schulter, den Rucksack über die andere und schloss die Tür wieder hinter sich ab, als sie das Zimmer verließ.
Sie hasste Gemeinschaftsduschen! Wenigstens waren es einzelne Kabinen, die regelmäßig gereinigt wurden.
Sie ließ das heiße Wasser über ihr Gesicht laufen. Endlich konnte sie sich vom Staub der letzten Stunden befreien. Als das Wasser langsam kälter wurde, stellte sie es ab und trat aus der Dusche. Es war deutlich kühler geworden, eilig schlang sie sich das Handtuch um ihren Körper und wühlte in ihrer Tasche nach ihrem Handy.
Schnell tippte sie eine Nummer ein, die ihr über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen war. Es klingelte einmal, zweimal, dann wurde abgenommen und Yvonne gelang es etwas zu sagen, bevor ihre Freundin zu Wort kam.
»Zuckerpuppe, wie geht es dir?« Ein Grinsen huschte über Yvonnes Gesicht.
»Hey, Kleines, gut und selbst … nun erzähl, wie ist es gelaufen?«
Yvonne versuchte, sich so kurz wie möglich zu fassen, als sie ihrer besten Freundin von ihrem Erfolg erzählte. Anja freute sich für sie. Man merkte ihr aber auch schon an, dass sie sie vermissen würde. Was ihr allerdings noch viel wichtiger zu sein schien, war, dass sie auf sich aufpassen solle. »Wehe ich bekomme dich in Einzelteilen zurück!«
Yvonne lachte auf. Typisch Anja.
Sie wechselten noch ein paar Worte miteinander, bevor Yvonne sich von ihrer Freundin mit dem Versprechen verabschiedete, sich bald wieder bei ihr zu melden.
Was sie zu der Frage brachte, was sie anziehen sollte. Das Kleid? Es lag zerknüllt am Boden, da sie es die letzten Tage immer wieder in die Tasche gestopft hatte, ohne ihm auch nur einen Funken Beachtung zu schenken.
Nein, kein Kleid. Sie bewegte sich in einer Männerwelt, da wollte sie nicht noch mehr auffallen, als sie es mit ihren blonden, langen Haaren und ihrer schlanken Gestalt ohnehin schon tat. In den letzten Tagen hatte sie oft die Blicke der GI’s auf sich gespürt, wenn sie ihr Programm durchgezogen hatten. Natürlich gab es hier auf der Air Base auch weibliche Soldaten, aber eine Deutsche war da wohl doch irgendwie etwas anderes oder sie hatte sich die Blicke eingebildet. Normalerweise machte sie sich nichts aus Männern in Uniform, aber seit sie angekommen war, fiel ihr immer wieder ein Soldat mit langen dunklen Haaren auf, der oft abseits stand, wenn Mr. Harrison sie über das Gelände gescheucht hatte. Ab und an konnte sie einen Blick auf ihn erhaschen, sah, wie er grinste, wenn jemand von ihnen nicht so vorankam, wie er eigentlich sollte. Aber sobald er bemerkte, dass er beobachtet wurde, bekam das indianisch wirkende Gesicht wieder einen undurchdringlichen, steinharten Zug. In Gedanken an den seltsamen Soldaten vertieft, hatte sie sich für eine einfache Jeans und ein Trägertop in Weiß entschieden. Ein wenig Make-up machte ihr Outfit perfekt und sie machte sich auf den Weg zum Kasino.
Auf dem Weg durch die Flure meinte sie, verfolgt zu werden, was sich immer durch ein unangenehmes Kribbeln im Nacken bemerkbar machte. Einige Male blickte sie unauffällig hinter sich, aber da war nichts.
Wer sollte sie auch auf einer US-Militärbasis verfolgen? Terroristen? Ein Stalker?
Sie grinste über ihre wirren Gedanken, während sie die Tür zum Mannschaftskasino öffnete und Harry mit Mr. Harrison an einem Tisch sitzen sah. Harrison hob den Arm und winkte sie zu sich herüber. Mit langen Schritten durchquerte sie den Raum und blieb am Tisch der Männer stehen.
»Schau an, sogar duschen kann sie schnell.« Der kräftige SEAL nickte ihr zu, als er ihr ein Bier reichte.
Harry lachte. »Na, was will man von so einem Ausnahmetalent auch anderes erwarten, wobei im Abendkleid wäre es nun sicher noch schöner gewesen.«
Yvonne zog sich einen Stuhl heran und ließ sich mit dem Bier in der Hand nieder. Etwas später stieß Miguel zu ihnen. Während sie tranken, die Speisen des Mannschaftskasinos vertilgten, als hätten sie seit Tagen nichts bekommen, erzählte Mr. Harrison ihnen, was für die nächsten Tage geplant war und gab ihnen einen Einblick in das, was sie in San Diego an der Naval Base erwarten würde. Allein beim Zuhören wurde Yvonne schon mehr als warm. Das klang nach verdammt viel Quälerei. Harrison versicherte ihnen zwar mehrmals, dass sie nicht zu SEALs ausgebildet werden würden und somit nicht durch die Hölle gehen müssten, aber beruhigen konnte sie diese Aussage nicht. Geistesabwesend schaute sie aus dem Fenster in die nun schon dunkle Nacht, als ihr wieder dieses Kribbeln über den Nacken lief. Bevor sie ihren Instinkt unterdrücken konnte, drehte sie den Kopf und sah hinter sich.
»Syrell, du bist nicht leise genug.«
Miguel und Harry schreckten herum, als Harrison den großen Mann mit dem muskulösen Oberkörper entgegen blickte.
»Ich denke nicht, dass es daran liegt. Sie hat einfach gute Instinkte, Cayden«, erwiderte der Mann. »Ich weiß, dass sie mich sehr oft bemerkt hat.« Seine Stimme löste ein Kribbeln in ihr aus und sie versank in seinen braunen Augen. »Wann fliegen wir zurück? Ich brauch mal wieder Bewegung.«
Yvonne schreckte aus ihrer geistigen Abwesenheit auf. »Auf was für Bewegung hatten Sie es abgesehen?« Verdammt, hatte sie das wirklich gefragt? Hatte sie diesen Traum von Mann wirklich angesprochen? Sie musste dringend ins Bett.
»Sei so gut und sag du oder Syrell. Gegen Sie bin ich allergisch und mit Bewegung meinte ich laufen und nicht hier einmal von links nach rechts und zurück. Auf dem Ding hier fühle ich mich wie ein Puma im Käfig.« Nicht eine Regung zeigte sich in seinem Gesicht, während er sprach. Fasziniert betrachtete sie ihn.
»Ich würde Sie ... äh dich, ja einladen, morgen mit mir zu laufen, aber ich denke, ich muss morgen erst einmal daheim Koffer packen. Bei mir zu Hause kann man wunderbar laufen, so ganz ohne Zäune und so.« Sofort bereute sie ihr Angebot. Sie konnte doch nicht einfach einen völlig Fremden mitnehmen, auch wenn er Soldat war. Was war in sie gefahren?
Beim Gedanken an ihre Rückfahrt am nächsten Tag wurde sie wehmütig. Sie würde ihre Sachen packen und sich noch von ihrer Freundin verabschieden. Dann würde ein neuer, spannender und sicher anstrengender Teil ihres Lebens beginnen.
Als Kind hatte sie davon geträumt, einmal in New York oder Los Angeles zu sein. Nun würde es San Diego werden und vielleicht auch nur die Naval Base, in der sie täglich Körper bewundern konnte, wie den, der sich nun neben ihr auf einen Stuhl sinken ließ. Jeder Muskel zeichnete sich unter seinem dunklen Shirt ab. Sie versuchte verzweifelt, ihre Gedanken in geordnete Bahnen zu lenken.
»Na ja, vielleicht komm ich mit und helfe beim Packen. Oder dabei dein Gewehr durch den Zoll zu bekommen und Cayden kann sich um seinen heißgeliebten Papierkram kümmern.« Keine Gefühlsregung zeigte sich in seinem Gesicht und so konnte sie beim besten Willen nicht sagen, ob er wirklich ernst meinte, was er sagte. Verwirrt blickte sie erst Syrell und dann Harrison an. Mr. Harrison warf dem braungebrannten Indianer einen Blick zu und rieb sich nachdenklich das Kinn.
»So könnten wir das natürlich machen. Ich werde Hawk morgen bitten, sich um den Papierkram, gerade wegen des Gewehrs, zu kümmern. Ich denke, dass Yvonne wirklich am besten mit ihrer eigenen Waffe klarkommt.«
»Mr. Harrison, sie ist Eigentum der Bundesregierung. Ich denke nicht, dass ich sie behalten darf.« Yvonne mochte ihre Remington. Das Scharfschützengewehr war, nach ihrer Ausbildung bei der Polizei, extra für sie angefertigt und angepasst worden.
»So, nun reicht es aber!« Mr. Harrison stand auf und baute sich vor ihr und den anderen auf. Erschrocken zuckten Yvonne und Miguel zusammen. Harry hingegen blinzelte nur, scheinbar war er schon in eine Art Schlaf mit offenen Augen gefallen.
»Wir sind ein Team und ich möchte, dass wir uns mit Vornamen ansprechen. Ich bin Cayden und das ist Indy, ähm, Syrell.« Noch während sich der SEAL korrigierte, warf der Indianer ihm einen bösen Blick zu. »Und nun ist es an der Zeit, die Kissen zu hüten, damit wir morgen Abend abfliegen können. Yvonne, Syrell wird dich morgen begleiten und ich hoffe, dass wir deine Waffe frei bekommen.« Cayden gab Harry einen Stoß mit dem Ellenbogen »Crack, ab in die Koje.«

2.
Nachdenklich blickte der Indianer den drei Anwärtern nach.
»Also, Indy, so kenn ich dich ja gar nicht.« Die Hand von Cayden legte sich auf seine Schulter. Syrell schüttelte den Kopf und ließ Cayden Harrison wortlos stehen, als er das Casino verließ. Draußen sog er die frische, kühle Nachtluft ein und schloss die Augen. Für einen Moment fühlte er sich frei. Schnell holte ihn die Realität wieder ein, als er nur einige Meter von sich entfernt den hohen Zaun des Stützpunktes sah. Er hasste es.
Es war eine Sache, irgendwo im Einsatz zur eigenen Sicherheit von Zäunen geschützt zu werden, aber eine ganz andere, in einem Land wie Deutschland wie ein Tier eingepfercht zu sein. Jedes Mal, wenn man auch nur einen Schritt auf die andere Seite des Zaunes machen wollte, wurden Papiere kontrolliert, als sei er ein Schwerverbrecher, und die Blicke der Deutschen, wenn sie ihn sahen, machten ihn wütend. Er war sich nicht sicher, ob es nun an seinen langen, schwarzen Haaren lag oder aber daran, dass er mit seinen knapp ein Meter neunzig und seinem durchtrainierten Körper überall auffiel wie ein bunter Hund.
Er sah zum Mond hinauf, der in einer Sichel hoch am Himmel stand und von einigen Sternen umrahmt war. Cayden hatte recht. Er erkannte sich seit einigen Tagen selbst nicht mehr. Eigentlich sollte er froh sein, mal einen Tapetenwechsel zu bekommen, ohne dass er gleich wieder schwer bewaffnet irgendwo in Büschen herumkriechen musste. Aber seit er seine möglichen Teammitglieder gesehen hatte, wurde seine Laune täglich schlechter. Fünfzehn hatten sich zu Beginn der Woche eingefunden. Ein Großteil davon war nicht annähernd fit genug, um mit einem normalen Soldaten der US Navy mitzuhalten. Immer wieder hatte er Cayden beobachtet, wie er die Anwärter zu Höchstleistungen getrieben hatte, und war erschrocken, wie schnell einige aufgaben. Was hatte er auch erwartet? Die Meisten von ihnen waren irgendwo im Polizeidienst tätig oder Ex-Soldaten, die sich nach dem Verlassen des Militärs gehen lassen hatten. Die Einzigen, die sie überzeugt hatten, waren schon nach den ersten Tagen der ehemalige Royal Navy Warrant Officer Harry Flynt, der ehemalige italienische Gebirgsjäger Miguel Liccardi und, erstaunlicherweise, die deutsche MEK-Beamtin Yvonne Banz.
Harry Flynt war ein Ass im Bereich IT, es gab nichts, womit er nicht zurechtkam, solange er mit Hilfe von Tasten Codes knacken konnte. Seine Fitness ließ ebenfalls fast nicht zu wünschen übrig, zudem war er extrem treffsicher. Eigentlich, so dachte Syrell, ein guter Anwärter für die SEALs. Aber sie waren nicht nach Deutschland gekommen, um Navy SEALs zu suchen. Ihr Ziel war es, fähige Soldaten und Polizisten zu finden, die zu einem Team zusammengeführt und sich der internationalen Terrorismusbekämpfung verschreiben sollten. Noch war das alles Zukunftsmusik, da ihr Team bis jetzt nur aus Ex-SEALs und aktiven SEALs bestand.
Als Captain Paul Redman vor sechs Monaten auf ihn und einige andere seines Teams zugekommen war und ihnen vorgeschlagen hatte, etwas Neues aufzubauen, hatte er im ersten Moment gezögert. Er war, wie viele andere auch, ein Vollblut-Frogman und er würde nicht einfach so seinen Lebenstraum aufgeben. Die Versicherung des Captains, dass sie weiterhin ihren Posten behalten würden und im Notfall auch in ihren alten Teams eingesetzt würden, hatte ihn schließlich überzeugt.
Seine Gedanken wanderten zu Miguel Liccardi. Der Gebirgsjäger wurde aufgrund eines Disziplinarverfahrens aus dem Militär ausgeschlossen. Er war mit neunundzwanzig einer der älteren zukünftigen Mitgliedern des Teams und erweckte körperlich nicht unbedingt den Anschein, dass er ein harter Kerl war. Er schien sehr viel Wert auf sein Aussehen zu legen, wenn Syrell an seine schwarzen, kurz rasierten Haare dachte, die alle drei Tage ein neues Muster aufwiesen. Mit der hohen Stirn und den braun-grünen Augen machte er während der Übungen oft einen arroganten Eindruck. Aber das sollte nichts Schlechtes heißen, selbst wenn der Italiener selbstverliebt wäre, so würde Sean Harrison ihn schon auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
Senior Chief Sean Harrison war der ältere Bruder von Cayden und ein einsfünfundneunzig großer Albtraum für jeden SEAL-Anwärter. Sean war mit seinen dreißig Jahren der größte Feind für jeden, der die Ausbildung bei den SEALs riskieren wollte. Kaum einer der Ausbilder war härter und es war ein Wunder, dass Paul ihn überreden konnte, sich zukünftig nur noch, um das neue Team zu kümmern. Sicher hatte Pauls Versprechen, dass Sean wieder mit auf Einsätze gehen würde, ein Übriges getan.
Syrell blickte hinter sich. Das Licht im Mannschaftskasino war erloschen und auf dem Stützpunkt herrschte Stille. Langsam machte er sich auf den Weg zu seiner Unterkunft. Vor seinem inneren Auge sah er die Blondine, die sowohl Cayden als auch ihn, davon überzeugt hatte, dass sie das Zeug hatte, um in das Team zu kommen. Yvonne Banz war, so wusste er aus ihrer Akte, siebenundzwanzig und somit zwei Jahre jünger als er. Sie war auf einer Seite sehr professionell, was ihre Arbeit anging, scheute sich aber auch nicht, Hilfe anzunehmen. Und wie es schien, waren ihre Sinne immer wach.
Erstaunt hatte er feststellen müssen, dass sie es sofort gemerkt hatte, als er ihr über die Flure gefolgt war. Sich leise heranzuschleichen, war für ihn kein Problem, aber wenn sich der Vordermann alle fünf Meter umdrehte, war es nahezu unmöglich. Auch dieses Kribbeln, das er empfand, wenn sie sich ansahen, machte ihn neugierig auf mehr. Es war nicht das Gefühl, das er sonst hatte, wenn er eine interessante Frau traf, wobei das wiederum nicht oft passierte.
Irgendetwas war anders. Egal wo er sich befand, wenn Cayden mit den Anwärtern trainierte, dauerte es meist keine zwei Minuten, bis sie ihn bemerkte. Meist hatten sich dann ihre Blicke für einige Sekunden getroffen, bevor sie es war, die wieder zur Tagesordnung überging.
Überrascht stellte er fest, dass er sein spärlich eingerichtetes Zimmer bereits erreicht hatte. Er ließ sich auf das Bett fallen und grübelte darüber nach, warum Yvonne es permanent bemerkte, wenn jemand in der Nähe war. Selbst als sie am Mittwoch im offenen Gelände unterwegs waren, hatte sie die gut getarnten Soldaten in einer Rekordgeschwindigkeit entdeckt und gestellt. Diese Frau faszinierte ihn auf eine seltsame Weise.

3.
Früh am nächsten Morgen traf Yvonne Syrell an ihrem Wagen. Der Indianer wirkte im Gegensatz zu ihr frisch und ausgeschlafen.
»Guten Morgen.« Syrell nickte ihr nur zu, während sie das Auto aufschloss und sie sich hineinsetzten.
»Darf ich etwas fragen?« Yvonne steckte den Schlüssel in das Zündschloss, drehte ihn jedoch noch nicht um. Ein Brummen kam von Syrell, das sie frech als Ja deutete und mit der Frage herausplatzte, die sie schon die ganze Nacht beschäftigt hatte. Nachdem sie das Casino verlassen hatte, hatte sie noch schnell ihre Freundin angerufen und ihr angekündigt, dass sie am nächsten Tag noch kurz vorbeikommen würde, um sich zu verabschieden. Gemeinsam hatten sie am Telefon überlegt, was für Traumtypen wohl in den USA auf Yvonne warteten und wie die Männer aussahen, die mit ihr gemeinsam arbeiten würden.
»Sind Sie, entschuldige, bist du auch im Team?« Sie blickte ihn fragend an.
»Ja, ich bin auch im Team. Ich mache mit Sean die Trainingseinheiten.« Leiser fügte er hinzu: »Und ich denke nicht, dass du da mithalten kannst, Kleine.«
Na großartig!
Da wäre dann der Erste, der ein Problem mit ihr hatte. Gestern Abend war sie noch guter Dinge gewesen, dass sie gerade mit ihm gut auskommen würde. Jetzt am Tage wirkte er jedoch noch unnahbarer als am Abend zuvor. Seine langen, schwarzen Haare hatte er mit einem Band zusammengebunden und Yvonne hatte das Gefühl, dass er allein mit seiner eiskalten Ausstrahlung Menschen zur Aufgabe zwingen konnte. Verdammt. Und mit ihm würde sie die nächsten Stunden verbringen, bis sie im Flieger saß. Was hatte sie nur geritten, dass sie diesen Kerl eingeladen hatte, und warum war er auf ihre Einladung angesprungen?
Sie startete den Motor und fuhr langsam auf das große Tor zu, das den Stützpunkt von der Außenwelt trennte. Sie zeigten dem wachhabenden Offizier ihre Papiere und durften das Gelände verlassen.
Während der Fahrt herrschte angespannte Stille, die nur durch das immer wiederkehrende Klingeln seines Handys unterbrochen wurde. Seit einigen Stunden versuchte Syrell, zusammen mit dem Teamleiter in den USA, die deutsche Regierung davon zu überzeugen, dass sie ihr Scharfschützengewehr mitnehmen durfte. Mit jedem Telefonat wurden seine Gesichtszüge um einiges härter, wenn das überhaupt möglich war.
Schweigend fuhr sie nach einigen Stunden von der Autobahn auf eine Landstraße. Bei einem Seitenblick sah sie, wie er aus dem Fenster des Sportwagens schaute und seine Gesichtszüge sich entspannten. Das Klingeln seines Handys ließ sie ruckartig wieder auf die Straße schauen.
Nicht mehr lange und sie würde zu Hause sein.
»Warum nicht gleich so. Immer muss man erst unfreundlich werden!«
Sie hatte nur Wortfetzen des Gespräches mitbekommen und sah nun im Augenwinkel, wie Syrell zufrieden auf die Landschaft blickte und dann den Kopf zu ihr drehte, als er merkte, dass sie ihn beobachtete.
»Na, das nennt man dann wohl auf Deutsch Landei.« Wie er das letzte Wort aussprach, brachte sie zum Schmunzeln.
»Na ja, es können ja nicht alle in der Großstadt aufwachsen. Aber darum ging es doch eben am Telefon nicht, oder?« Sie wollte nicht neugierig klingen, verhindern konnte sie es aber nicht.
»Nein.« Der SEAL schaute aus dem Fenster, als sie in eine kleine Straße abbogen, an deren Ende zwei Häuser standen. »Kein Wunder, dass du so gute Instinkte hast, hier muss man ja montags schon wissen, ob sonntags wer zu Besuch kommt.«
Sie schnaubte. Warum lenkte er ständig vom Thema ab?
»Hier wohne aber nicht ich, sondern meine Freundin. Und ich habe ihr versprochen, mich zu verabschieden, und das würde ich nun gerne machen!«, fauchte sie ihn an, als sie auf den großen Hof fuhr.
»Heya, doch nicht gleich so aggressiv!« Lachend wandte er seine Aufmerksamkeit auf das Haus, das vor ihnen in Sichtweite kam.
Sie stellte den Motor ab, stieg wortlos aus dem Wagen und warf mit Wucht die Tür zu. Wenn das Telefonat wichtig gewesen wäre, würde er ihr schon noch sagen, um was es ging.
Warum interessierte es sie überhaupt?
Vielleicht gingen auch nur ihre Gefühle mit ihr durch.
Schnellen Schrittes ging sie auf die Haustür zu. Noch bevor sie die Klingel drücken konnte, flog die Tür auf. Eine Person, die einen Kopf kleiner war als sie und wesentlich stabiler gebaut, fiel ihr um den Hals. »Schnecke, ich hab schon auf dich gewartet. Wie war die Fahrt? Wie geht es dir? Wann reist du ab?«
Lachend schob Yvonne ihre Freundin von sich, als die Fragen auf sie einprasselten. »Erstmal Hi, und dass du gewartet hast, merk ich.«
Der Blick ihrer Freundin ging an ihr vorbei und sie begann noch breiter zu lächeln, als sie es eh schon tat.
»Und wer ist das?«, flüsterte sie. »Das ist ja ein Prachtexemplar!«
Yvonne drehte sich um und sah Syrell näherkommen. Ein Schnauben entfuhr ihr, als sie sich wieder der kleineren Frau zuwandte, die immer noch an ihr vorbeistarrte. Yvonne spürte förmlich, wie Syrell sich näherte und neben ihr stehen blieb. Ein überraschend angenehmer Schauer fuhr über ihren Rücken. Dabei hatte sie sich eben noch so über seine Art, dass er immer so unnahbar wirkte, geärgert und nun geriet ihr Körper völlig aus der Bahn. Schnell schob sie ihr Gefühlschaos auf die baldige Abreise.
»Anja, Syrell. Syrell, Anja«, murmelte sie, als Syrell Anja die Hand reichte.
Wieso hatte sie ihm angeboten, ihn mitzunehmen und dann auch noch mit ihm Laufen zu gehen?
War sie völlig wahnsinnig geworden?
»Angenehm.« Anjas Augen strahlten den großen Mann an. Von seiner Seite kam genau das, was sie erwartet hatte - ein knappes Nicken. Yvonne wusste, dass auch Syrell Deutsch sprach, also ärgerte es sie maßlos, dass er nicht wenigstens etwas zu ihrer Freundin sagte. Kein Hallo, kein Guten Tag, nichts.
»Wollt ihr auf einen Kaffee reinkommen, bevor ihr weiterfahrt?« Anja stand immer noch in der offenen Tür, als sie ihnen mit einer einladenden Geste Zutritt gewähren wollte.
»Nein, danke. Ich denke, ich werde hier warten. Ihr habt sicher noch etwas zu besprechen.«
Entgeistert sah Yvonne Syrell an. Schüttelte dann kaum merklich den Kopf und ging stumm an ihrer besten Freundin vorbei ins Haus, deren Blick an dem Indianer festgewachsen war.

4.
»Sind Sie sicher, dass Sie nicht vielleicht doch kurz einen Happen essen und etwas trinken möchten?« Verlegenheit und Enttäuschung standen in Anjas Augen.
»Ja, bin ich. Ich möchte euch nicht stören, ich denke, es wird eine ganze Weile dauern, bis ihr euch wiederseht.« Seine Worte versetzten ihr einen Stich.
Seit Yvonne sie angerufen hatte, hatte sie versucht, sich vorzustellen, wie es sein würde, wenn sie nicht mehr jeden Abend telefonieren würden. Wenn Yvonne nicht komplett verschwitzt bei ihr vor der Tür stehen würde, weil sie wieder einmal ein wenig Frust beim Laufen abbauen musste und einfach von ihrem Haus zu ihr gejoggt war, um dann mit ihr den Kühlschrank zu plündern. Sie schluckte. Das würde ihr fehlen. Sie sah in die braunen Augen des Amerikaners und ging ein Stück auf ihn zu.
»Darf ich Sie um etwas bitten?«
»Natürlich, wenn es im Rahmen meiner Möglichkeiten liegt«, entgegnete er ihr in gebrochenem Deutsch.
Sie ging noch ein Stück weiter auf ihn zu und war erstaunt, wie groß er war. Yvonne war schon einen Kopf größer als sie, also war sie es gewohnt, sich klein vorzukommen, aber nun vor dem muskelbepackten Mann zu stehen, ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Irgendetwas hatte er an sich, das sie unglaublich sympathisch fand.
»Passen Sie bitte gut auf Yvonne auf, ich möchte nicht, dass ihr was zustößt.« Sie blickte ihm tief in die Augen.
Als wenn sie sich schon ewig kennen würden, legte er ihr eine Hand auf die Schulter und sagte: »Das ist ein Versprechen, das ich dir geben kann. Wir werden sicher auf sie aufpassen und sie wird für dich auch nicht unerreichbar sein, daran denke bitte immer. Sie ist nicht aus der Welt.«
Anja schluckte. Es war fast, als spürte er ihre Angst, dass sie mit dem heutigen Tag eine für sie lebenswichtige Person verlieren würde. Sie nickte ihm zu. Ihr fehlten die Worte, dieser Mann war ihr einfach unheimlich. Er nahm seine Hand wieder von ihrer Schulter, sie drehte sich wortlos um und ging hinein. Warum hatte sie das Gefühl, dass er es ihr nicht übel nahm, dass sie einfach wortlos ging? Kurz vor der Küchentür holte sie nochmals tief Luft und drängte ihre Tränen zurück.
»Süße? Kann ich den Typen hierbehalten?« Grinsend setzte sie sich zu Yvonne an den Tisch, die in weiser Voraussicht schon den vorbereiteten Kaffee eingeschenkt hatte. Ihre Freundin sah sie an und in ihrem Blick lag etwas, das ihr sagte, dass Yvonne Syrell nicht unbedingt mochte.
»Aber mit dem größten Vergnügen. Er hat mir vorhin schon deutlich gesagt, was er von Frauen in seinem Team hält.«
Erstaunt richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Yvonne.
»Er denkt, dass ich nicht mit den Männern mithalten kann.«
Anja rührte nachdenklich ihren Kaffee, nachdem sie Zucker hinein befördert hatte.
»Ganz ehrlich, Yvonne? Ich denke, der bellt nur«, sagte sie, als sie ihrer blonden Freundin in die blau-grünen Augen schaute.
Yvonne lächelte. »Wie kommst du darauf?«
»Ach, nur so ein Gefühl. Ich denke, dass er sich für dich einsetzen wird, wenn es darauf ankommt.«
Im nächsten Moment sah sie, wie Tränen in die Augen ihrer Freundin stiegen. Sie erhob sich, um den Tisch zu umrunden. Mit einem Finger an Yvonnes Kinn zwang sie ihre beste Freundin, ihr in die Augen zu sehen.
»Also, ich mag es nicht, wenn du dich nicht an Abmachungen hältst, das weißt du. Gestern Abend hast du mir hoch und heilig geschworen, dass du nicht heulen wirst. Du weißt genau, dass ich dann auch gleich anfange.« Sie nahm Yvonne in den Arm. Aber dass nun auch ihr die Tränen in die Augen stiegen, konnte sie nicht verhindern.
Yvonne beichtete ihr unter Tränen, dass sie sich nun doch nicht mehr so sicher war, ob sie wirklich in die USA gehen wollte. Dass sie Angst hatte, dort zu versagen oder, was für sie wohl noch schlimmer war, dass sie dort nicht anerkannt werden würde. Anja versuchte, ihr gut zuzureden, aber sie konnte sich auch nicht in ihre Situation hineinversetzen.
Als sie sich zufällig kennengelernt hatten, war Yvonne gerade in der Ausbildung bei der Polizei. Sie trafen sich öfter, als sie feststellen, dass sie fast nebeneinander wohnten und so entwickelte sich auch die Freundschaft. Yvonne machte ihren Weg bei der Polizei und ging zum MEK, während sie eine einfache Verkäuferin blieb, aber diesen Job auch mit Herz und Seele liebte. Genau wie Yvonne es liebte, Menschen zu helfen. Während Yvonne sich durch Weiterbildungen und Trainingseinheiten quälte, saßen sie oft an den Abenden zusammen und redeten.
Über alles. Über jeden. Und manchmal saßen sie einfach nur zusammen und schwiegen.
Nie würde sie vergessen, wie Yvonne einmal spät abends, vom Regen völlig durchnässt, bei ihr vor der Tür gestanden hatte.
Das war der Abend, als sie das erste Mal zur Unterstützung eines SEK Teams angefordert wurde, weil der eigentliche Scharfschütze des Teams nicht zu erreichen war. Yvonne war völlig aufgelöst, sie hatte einen Amokläufer erschießen müssen. Das war auch der Tag, an dem Anja bewusst geworden war, dass ihre Freundin einen Job hatte, der sie eventuell eines Tages in den Tod schicken würde.
Vor drei Wochen kam Yvonne dann zu ihr und sagte, dass sie an einem Casting teilnehmen wollte, bei dem amerikanische Elitesoldaten Mitglieder für eine Antiterroreinheit suchten. Im ersten Moment war sie versucht gewesen, ihr das auszureden, schnell aber musste sie feststellen, dass sie keinen Erfolg haben würde. Yvonne wollte sich beweisen.
In den Monaten nach ihrem ersten Einsatz als Scharfschützin hatte Yvonne damit begonnen, es hinzunehmen, Menschen zu töten, um das Leben anderer, oder eben auch um ihr eigenes, zu schützen. Dafür bewunderte Anja sie. Diesen Kampfgeist, den Yvonne an den Tag legte, wenn sie etwas wirklich wollte, und es dann auch noch hinzunehmen, wenn Menschen durch ihre Hand starben, machten sie zu etwas Besonderem. Als dann der Anruf kam, dass sie wirklich angenommen worden war, freute Anja sich natürlich mit ihr. Aber eben diesen kräftigen Mann neben ihrer zierlichen Freundin zu sehen, machte ihr Angst.
Würde Yvonne wirklich neben diesen Männern, und sie ging davon aus, dass die anderen genau solche waren, bestehen können? Und vor allem würde sie im Notfall auch auf sich aufpassen können? Was wäre, wenn sie einfach irgendwo gefangen genommen wurde?
Die Angst um ihre beste Freundin war groß, aber sie wollte sich auch für sie freuen und so behielt sie die dunklen Gedanken für sich.