1.
Irgendwo in der Nähe des
Nationalpark Šumava
Leise schlich sie ins Zimmer, als die Tür fast lautlos hinter ihr ins Schloss fiel. Sie lehnte sich für eine Sekunde dagegen und ließ ihren angehaltenen Atem durch die Zähne entweichen.
Sich eine kleine Taschenlampe zwischen die Zähne geklemmt, ging sie auf den, aus teurem Holz gefertigten, Schreibtisch zu. Der kleine Lichtkegel der Lampe erlaubte ihr einen flüchtigen Blick über die Papiere, die ordentlich gestapelt das dunkle Holz des Schreibtisches bedeckten.
Irgendwo in den Zeilen aus scheinbar unwichtigen Daten musste das sein, was sie suchte. Ein kleiner Hinweis irgendetwas, damit sie ihre Arbeit abschließen konnte. Frustriert darüber, dass der erste Stapel keine Informationen für sie barg, schweifte ihr Blick über einen weiteren.
Nichts.
Irgendwo musste etwas stehen.
Irgendetwas.
Und wenn es nur der kleinste Hinweis wäre.
Seit Wochen, nein schon seit Monaten, war sie Kabir auf der Spur, hatte ihn umgarnt, gar beinahe verführt. Er war mit seinen 39 Jahren, seinen schulterlangen und aalglatt an den Kopf gegelten Haaren auf keinen Fall der Traum einer jeden Frau. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es überhaupt eine Frau gab, die ihn interessant fand. Es gab sicher viele, die ihn des Geldes wegen bezirzten aber ganz sicher keine, die ihn wirklich attraktiv fand.
Sie schüttelte den Gedanken ab, dass sie um ein Haar mit dem Kopf einer Waffenschieberbande im Bett gelandet wäre. Mehr als acht Monate hatte sie nun schon bei ihm verbracht, jeden Tag in der Angst, dass er entdecken könnte, wer sie wirklich war.
Leise zog sie eine Schublade des Schreibtisches auf.
Wieder waren es nur Papiere mit unwichtigen, oberflächlichen Daten, die sich in der Schublade türmten. Liebend gerne hätte sie jetzt laut geflucht, um ihrem Frust Luft zu machen. Egal wo sie in den letzten Wochen gesucht hatte, in welche Schränke sie heimlich geschaut hatte oder wie oft sie versucht hatte, Kabir etwas zu entlocken, sie war kläglich gescheitert. Der letzte Ausweg war nun sein Büro, welches normalerweise abgeschlossen war, nur heute schien er es entweder vergessen zu haben oder er würde in wenigen Sekunden hinter ihr auftauchen. Sollte das geschehen, müsste sie sich schnellstens eine gute Ausrede einfallen lassen, um zu erklären was sie mitten in der Nacht an seinem Schreibtisch suchte.
Mit angehaltenem Atem öffnete sie die nächste Schublade und das Erste, was sie zu sehen bekam, war eine Goldkette. Sie schob das kalte Edelmetall angewidert zur Seite. Darunter ein leeres Blatt Papier. Ihre Neugier war geweckt. Leise legte sie Kette und Papier auf den Schreibtisch und zog einen Stapel weiterer Papiere aus der Schublade. Sie überflog die Daten und stellte fest, dass es genau das war, was sie benötigte. Aus den vier Seiten ging hervor, dass Kabir sowohl aus Russland, von einem ihr bekannten Mann, als auch aus dem Iran Geld bezogen hatte. Das Wichtigste aber waren die Angaben über die Waffen, die im Laufe der Woche geliefert werden sollten.
Neben Unmengen von Feuerwaffen standen auch Flugabwehrraketen und der Deckname von Asim Faruk Damanis auf den Unterlagen. Ein Schauer überkam sie, als sie daran dachte, was man mit diesen Waffen anrichten konnte.
Schon zu viele Unschuldige waren gestorben, weil sie Kabir nicht fassen konnten. Nun hielt sie die Beweise in der Hand, die sie so dringend benötigte. Wie es schien, fühlte Kabir sich sicher, sonst hätte er die Papiere nicht einfach in seiner Schublade liegen lassen. Sie wusste, dass es im Haus einen riesigen Tresor gab. Wären die Papiere dort eingeschlossen gewesen, hätte sie keine Chance gehabt, sie je in die Hände zu bekommen.
Schnell machte sie mit ihrem Handy Fotos von den Dokumenten, um die Beweise zu sichern und legte sie zurück. Leise bewegte sie sich auf die weiße Tür zu, legte die Hand auf die vergoldete Türklinke, drückte sie langsam hinunter und schob diese einen Spaltbreit auf. Der Flur, der sich hinter der Tür verbarg, war genauso dunkel wie das Zimmer. Lautlos verließ sie das Büro und zog die Tür hinter sich zu.
So leise sie konnte, schlich sie den Flur entlang. Auf ihrer linken Seite reihten sich einige Türen aneinander und auf der rechten kam sie an großen Fenstern vorbei, die mit schweren braunen Vorhängen bedeckt waren. Als sie das riesige Foyer betrat, sah sie sich um. Die große Haustür war geschlossen und durch die Fenster an den Seiten konnte sie nur die Dunkelheit der Nacht erkennen. Im Foyer selbst brannten zwei kleine Lichter, die gerade so viel Licht abgaben, dass man die Umrisse der Gegenstände erkennen konnte, die auf den Tischen standen und an den Wänden hingen. Der Weg die Treppe hinauf zur Empore war dunkel. Erleichtert atmete sie aus. Niemand hatte gemerkt, dass sie ihr Zimmer verlassen hatte. Leise ging sie die Stufen hinauf. Was würde sie dafür geben, wieder daheim zu sein und nicht Tag und Nacht mit einem Verbrecher wie Kabir Versteck spielen zu müssen.
Sie hatte es sich selbst so ausgesucht, redete sie sich ein. Als vor zehn Monaten ihr Abteilungsleiter bei der CIA auf sie zugekommen war, hatte sie sich sofort bereit erklärt verdeckt zu ermitteln.
Zwei Monate hatte es gedauert bis Kabir angebissen und er sie zu sich geholt hatte. Nun saß sie hier in einem goldenen Käfig und versuchte den wohl größten Waffenhändler Europas zu überführen, ohne das er es merkte.
Sollte er heraus bekommen, wer sie wirklich war, hätte sie sicher keine Chance. Erst vor einigen Tagen war einer seiner Sicherheitsleute spurlos verschwunden. Im Augenblick kam noch das Problem hinzu, dass sie scheinbar einen neuen Chef bekommen hatte, ohne davon zu wissen.
Bei ihrem letzten Kontakt in die USA war es ein Captain Paul Redman gewesen, der sich gemeldet hatte. Er hatte ihr etwas davon erzählt, dass er auf der Suche nach Damanis sei und ihre Ermittlungen ab sofort über ihn laufen würden. Im Hintergrund hatte sie lautes Gebrüll vernommen und schnell stellte sich heraus, dass er Captain bei der Navy war.
Das hatte ihr gerade noch gefehlt.
Auf die Frage hin, ob er auch dafür sorgen könnte, dass sie im Notfall schnell zurück in die USA kommen könnte, hatte er nur gelacht und gemeint:
„Sie glauben nicht, wie schnell wir Sie da rausholen können.“ Genervt hatte sie das Gespräch beendet und begonnen einen eigenen Fluchtplan zu schmieden.
Eine Tür öffnete sich und sie zuckte erschrocken zusammen.
„Jen, was machst du mitten in der Nacht im Flur?“ Kabir kam lächelnd auf sie zu. Er strich mit seinen Fingern erst durch ihr Haar und dann an ihrer nackten Schulter entlang. Sie setzte ein Lächeln auf.
Wie sie diesen Namen hasste.
„Ich konnte nicht schlafen und wollte frische Luft schnappen.“
Wie sie dieses Spiel hasste.
„Ach so.“ Er stand direkt hinter ihr und seine Finger strichen über ihren Nacken. Angestrengt versuchte sie, ihren Ekel vor diesem Mann zu unterdrücken.
„Du kannst also nicht schlafen.“ Er ging um sie herum und blieb neben ihr stehen. Die Art, wie er die Worte aussprach, machte ihr Angst.
„Ja.“ Mit einem verführerischen Blick drehte sie sich zu ihm um.
„Ich denke, es wäre besser, wenn du Nachts nicht im Haus umherläufst, Jen.“ Wieder hatten seine Worte einen seltsamen Unterton.
„Sicher, Kabir.“ Sie versuchte so natürlich zu wirken, wie sie konnte, als sie ihm einen Kuss auf die Stirn gab.
„Gute Nacht.“ Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie sich umdrehte und den kurzen Flur entlang zu ihrem Zimmer ging. So gelassen wie möglich, drückte sie die Türklinke hinunter und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Als diese hinter ihr zu fiel, lehnte sie sich dagegen und schloss die Augen.
Das war knapp, oder war es schon gelaufen?
Warum klang Kabir so seltsam?
Oder hatte sie sich das alles nur eingebildet?
Sie schaltete das Licht ein, ging langsam auf das riesige Bett zu und setzte sich. Ihre Hände zitterten. Irgendetwas war faul.
Plötzlich hörte sie Stimmen. Verzweifelt versuchte sie zu verstehen, was die Männerstimmen sagten. Eine davon war eindeutig die von Kabir, die Andere hatte sie noch nie gehört. Angestrengt lauschte sie. Es war schwer auch nur ein Wort zu verstehen, da sowohl Wände als auch Türen in dem alten Anwesen sehr dick waren.
„Ich hab dir ja schon immer gesagt, an der ist was faul.“
„Ach du nun wieder, wenn du recht hättest, wäre sie nicht schon so lange hier.“ Kabir schien genervt zu sein.
„Glaube mir, schau dir das Bild doch mal an.“
„Scher dich raus, ich kümmere mich selber drum.“
Sie schluckte und lauschte weiter dem Geschehen, aber außer einer zufallenden Tür passierte nichts. Sie musste weg und das ganz schnell, aber wie?
Sie konnte schlecht ihr Handy nehmen und Redman anrufen, da es sicher verwanzt war. Das letzte Mal hatte sie ein Telefon in der Stadt benutzt, um genau zu sein, bei ihrem Friseur. Das war der einzige Ort, an den Kabir sie seit einiger Zeit alleine gehen ließ.

2.
Sollte Nikolaj Recht haben?
Kabir stand an seinem Schreibtisch und starrte die Unterlagen an, die sein Sicherheitsmann ihm gebracht hatte.
Sollte seine Gespielin wirklich eine Spionin sein?
Sollte er so blind gewesen sein, dass er es nicht bemerkt hatte?
Er konnte es sich nicht vorstellen. Seit Monaten las er ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Sollte sie ihm alles nur vorgespielt haben?
All die romantischen Abende, an denen er vergessen konnte, wie viel von dem Erfolg seiner Geschäfte abhing?
Nie hatte er sie unsittlich berührt, das ließ sein Glaube nicht zu, nicht vor einer Hochzeit. Immer wieder fiel sein Blick auf die Papiere. Es schien, als sei Jen's Ausweis nicht echt. Es machte sogar den Anschein, als gäbe es sie nicht. Vielleicht hatte das alles auch einen anderen Grund.
Er beschloss später weiter darüber nachzudenken und nahm das Telefon in die Hand. Er musste nicht lange warten, bis sich eine tiefe dunkle Stimme meldete.
„Das wird auch Zeit, dass du dich meldest.“
„Ja, ab und an dauert es eine Weile, bis ich alles zusammen habe.“ Kabir begann im Zimmer auf und ab zu laufen, immer wieder strich er unruhig mit seinen Fingern über Bücher, die in einem Regal standen.
„Wann kannst du liefern?“
„Frühestens in vier Wochen, Faruk. Früher geht nicht.“
„Vier Wochen? Hast du eine Ahnung, wie es hier aussieht? Vor knapp drei Wochen habe ich über 60 Männer verloren, weil die Amerikaner wieder meinten, einen auf Held machen zu müssen. Ich brauche die Ware sofort.“
„Tut mir leid, ich hab noch mehr Kunden, Faruk. Ich kann nicht überall gleichzeitig liefern. Es ist eh schon schwer genug, alles zu regeln.“ Kabir war genervt, er kannte Faruk schon lange, aber das hieß nicht, dass er Vorrang vor seinen anderen Kunden hatte.
„Dann aber so schnell du kannst, sonst suche ich mir einen Anderen.“
Bevor er antworten konnte, hatte Faruk aufgelegt.
Kabir schnaubte.
Ja, sollte Faruk doch versuchen einen Anderen zu finden, es würde ihm nicht gelingen. Alle Waffen des Schwarzmarktes gingen durch seine Hände. Letzten Endes war er es, der entschied, wo gerade Krieg war und wo nicht. Und das Schönste daran war, niemand wusste davon.
Mit einem kalten Grinsen im Gesicht, war er wieder an seinem Schreibtisch angelangt. Das Lächeln verschwand, als er erneut die Papiere betrachtete, auf denen Schwarz auf Weiß stand, dass die Identität seiner Geliebten falsch war.

3.
Ihre großen graugrünen Augen starrten sie aus dem Spiegel an. Die roten Haare nach hinten zusammengeflochten, eine Träne glitzerte im Augenwinkel.
Nein, sie musste ruhig bleiben und ihren Plan abarbeiten. Jetzt war nicht der richtige Augenblick um die Fassung zu verlieren. Zusammenbrechen konnte sie immer noch.
Sie drehte sich um und betrachtete das Zimmer, das sie seit Monaten bewohnte. Das große Bett mit seinen goldenen Knöpfen an den Bettpfosten, welches wirkte, als sei es einem Märchen entsprungen. Die schweren Vorhänge, die sie zur Seite gezogen hatte, gaben ihr den Blick auf den riesigen Wald frei, der hinter dem Anwesen lag. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Wäre ihre Lage nicht so verzwickt, wäre das Anwesen das Haus ihrer Kinderträume.
Ein Platz, um sich vor den Eltern zu verstecken, sich Tagträumen hinzugeben, mit Freunden zu spielen und vielleicht auch ein Platz, um einen Prinzen zu treffen. Nur schweren Herzens ließ sie ihren Blick weiter, über die noblen Möbel im Zimmer wandern. Das weiße Ledersofa mit dem Mahagonitisch davor, den teuren Bildern an den Wänden und dem Spiegel mit den geschliffenen Kanten, in dem sie sich sah.
Wen sah sie?
Jen, die Geliebte eines Waffenschiebers, die sich von ihm beschenken ließ?
Kleider, Schmuck, Restaurantbesuche, Theater, alles bezahlt vom Geld des Terrors?
Oder sah sie die CIA-Agentin Liv Andrews, die sich vor Monaten geschworen hatte, Kabir dingfest zu machen?
Sie strich sich eine Strähne hinter ihr Ohr, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, und holte noch einmal tief Luft, bevor sie zur Tür trat.
Wieder setzte sie das Lächeln auf, das sie so lange geübt hatte.
Die gesamte Nacht hatte sie in dem dunklen Zimmer wach gelegen und überlegt, wie sie vorgehen wollte. Immer wieder hatte sie Optionen hin und her gewälzt und war zu dem Entschluss gekommen, dass es nur einen Weg gab.
Sie öffnete die Tür und trat auf den Flur. An der Empore blieb sie stehen. Die große Haustür stand offen. Die Haushaltshilfen eilten im unteren Bereich des Hauses hin und her. Das Brummen eines Staubsaugers und das Klappern von Tellern war zu hören. Ein seltsames Gefühl kam in ihr auf.
Hatte sie es wirklich genossen, hier zu leben? Das Leben war so einfach, wenn man sich um nichts kümmern, sich um nichts sorgen musste. Es konnte so bequem sein, wenn man alles hatte, was man brauchte.
Nur war es egal, wie man an dieses Ziel kam?
Der Geruch von Kabirs Aftershave ließ sie aus ihren Gedanken auftauchen. Seine Hand berührte ihren Rücken und jagte ihr einen kalten Schauer über den Körper. Sie trug ein Kleid, das er ihr vor wenigen Tagen von einer seiner Geschäftsreisen mitgebracht hatte. Es war schulterfrei, aus schwarzem Samt, mit einem breiten, goldenen Streifen, der längs über ihre Brust lief. Ihre Füße steckten in dazu passenden High Heels.
„Was möchte mein Mädchen aus Tausend und einer Nacht heute machen?“
Sie versuchte nicht zu auffällig einzuatmen, bei dem Gedanken wie einfach ihr Leben sein könnte, wenn sie bei ihm bleiben würde, solange er nicht wüsste, wer sie wirklich war.
„Ich dachte, ich fahre in die Stadt. Mir fehlt eine passende Tasche zu diesem Traumkleid und meine Haare machen mich wahnsinnig.“ Sie drehte sich um und sah dem Mann, der ihr so zuwider war, in die Augen. Er nickte und strich über ihre Haare.
„Ja, vielleicht solltest du das machen. Nikolaj wird dich begleiten.“
Da war er wieder, der seltsame Tonfall in seiner Stimme.
„Wer ist Nikolaj?“
Noch nie hatte sie diesen Namen gehört. Normalerweise begleitete sie der untersetzte, glatzköpfige Sergej. Kabir drehte sich zur Seite und winkte einen Mann zu sich, den sie erst jetzt bemerkte. Er war etwas kleiner als sie und trug blonde Haare. Dieses Gesicht hatte sie wirklich noch nie im Haus gesehen. Skeptisch sah sie ihn an.
„Nikolaj, würdest du Jen in die Stadt fahren?“
Anstelle einer Antwort kam ein knappes Nicken von dem Mann mit den stahlblauen Augen. Er hatte etwas an sich das ihr überhaupt nicht zusagte.
„Danke.“ Sie gab Kabir einen flüchtigen Kuss. „Ich mach mich mal fertig.“ Ihr Blick wanderte zu Nikolaj, der immer noch wie eine Salzsäule neben Kabir stand, dann wandte sie sich ab und ging zurück in ihr Zimmer.
Mit dem Rücken an die Tür gelehnt, holte sie tief Luft. Irgendetwas ging nicht mit rechten Dingen zu und das Schlimmste war, dass sie sich allein aus der Sache befreien musste. Nur wusste sie nicht wie.
Es klopfte an der Tür.
„Ich wäre dann so weit.“
Es musste Nikolaj sein, auch wenn sie ihn noch nie hatte sprechen hören, war sie sich sicher, dass diese Stimme mit dem russischen Akzent zu ihm gehörte.
„Bin gleich da.“
Einige Minuten später ging sie die große, mit rotem Teppich belegte Treppe hinunter. Unten in der offenen Tür lehnte Nikolaj und lächelte sie an. Für einen kurzen Moment dachte sie, es wäre ein ehrliches, freundliches Lächeln.
Aber nein, so etwas gab es für sie nicht.
Alles war wie sonst auch. Nikolaj hielt ihr, wie Sergej, die Tür des gepanzerten Wagens auf, der nur wenige Meter von der Haustür entfernt stand, und schloss sie wieder, als sie sich auf das edle helle Lederpolster gesetzt hatte.
Ihre Gedanken wanderten zu ihrem alten Begleiter. Sergej würde es nicht auffallen, wenn sie stundenlang nicht von ihrer Shoppingtour zurückkam. Wahrscheinlich wäre es ihm nicht einmal aufgefallen, wenn sie ganz verschwunden wäre.
Aber wo war er?
Nikolaj war anders. Er warf die Tür hinter sich zu, sah sie kurz über seine Schulter an und startete den Wagen. Nach einigen Hundert Metern hatten sie das große Anwesen verlassen und bogen auf eine Straße ab, die sie weiter in Richtung Stadt bringen würde.
Plötzlich bemerkte sie, wie Nikolaj in die andere Richtung abbog. Sie gab sich Mühe so ruhig wie möglich zu wirken, als sie fragte.
„Wo fahren wir hin? Ich dachte, Kabir sponsert mir eine neue Handtasche und einen Friseurbesuch?“
„Wir fahren nach Passau.“ Nikolaj sah nicht einmal in den Rückspiegel, als er ihr antwortete.
„Passau? Aber das ist doch in Deutschland.“ Ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Das Anwesen lag in der Tschechei und normalerweise fuhren sie immer in eine Kleinstadt nur wenige Kilometer vom Anwesen entfernt.
Kabir hatte sein riesiges Grundstück gut versteckt, dicht am Biosphärenreservat Šumava bauen lassen. Der riesige Nationalpark war ein idealer Platz, um sich vor den Augen der Öffentlichkeit zu verstecken. Zwar waren dort immer Touristen unterwegs, aber nie verirrten sich welche auch nur ansatzweise in die Nähe des riesigen Hauses. Liv hatte Wochen gebraucht, um mit Hilfe der National Geospatial Intelligence Agency, das Haus ausfindig zu machen. In Deutschland würden ihre Chancen zur Flucht wesentlich schlechter sein. Dort kannte sie sich nicht aus und die Sprache beherrschte sie auch nicht.
„Ich muss dort was für Kabir erledigen und Handtaschen kann man dort sicher auch kaufen.“ Er sah kurz über seine Schulter. Sie nickte ihm geistesabwesend zu, als sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
Zwei Stunden später kamen sie in der deutschen Stadt an. Ihr russischer Fahrer parkte den gepanzerten Wagen in einem Parkhaus und sie gingen gemeinsam in die belebte Innenstadt. Es war das erste Mal, dass sie in Deutschland war. Die Häuser, an denen sie vorbeikamen, waren in hellbraun, gelb und beige Tönen gehalten. Alle besaßen Sprossenfenster, die farbig vom Rest der Fassaden abgesetzt waren. Nikolaj drängte sie an einigen Gebäuden vorbei und dirigierte sie in einen kleinen Laden der Handtaschen im Angebot hatte.
„Beeil dich. Wir haben keine Zeit.“ Unruhig sah er sich um.
„Wenn wir keine Zeit haben, heißt das, dass ich heute nicht zum Friseur kann?“ Sie musste irgendwie Zeit schinden, damit er sie für einige Minuten aus den Augen lassen würde. Vielleicht konnte sie ihn überzeugen, seine Erledigungen zu machen, während sie einkaufen ging.
„Du hast es erfasst und nun mach.“ Er gab ihr einen Stoß in Richtung eines Tisches, auf dem einige Handtaschen standen.
Verdammt, was sollte sie nun machen?
Dieser Kerl würde sie keine Minute aus den Augen lassen. Falsches Interesse heuchelnd, sah sie sich die Handtaschen an. Drehte sich dann zu einem Regal um, in dem weitere standen. So unauffällig, wie es ihr möglich war, beobachtete sie, wie er immer wieder zur Tür des Ladens hinaus sah.
Vor der Tür des Ladens entwickelte sich ein lautstarkes Gespräch zwischen einem Pärchen. Nicht nur Nikolaj beobachtete gespannt, wie die Frau dem Mann die Handtasche in das Gesicht schlug.
Liv sah sich um. Irgendwo musste es eine Hintertür geben oder ein Büro mit einem Fenster. Der Menschenauflauf vor der Tür wurde größer, und da sie Nikolaj nicht mehr sehen konnte, hoffte sie, dass es ihm genauso erging. Sie atmete erleichtert auf, als sie eine Tür sah, auf der ein großes Schild mit der Aufschrift
PRIVAT
hing. Sie ging auf die Tür zu. Immer wieder sah sie sich um, konnte Nikolaj aber nirgends entdecken. Ob das nun gut oder schlecht war, wusste sie selber nicht. So schnell und unauffällig, wie sie konnte, öffnete sie die Tür und trat in einen kleinen Raum, dessen Wände mit Regalen vollgestellt waren. Zu ihrer Erleichterung hatte der schlauchartige Raum ein Fenster. Es war zwar klein, aber für sie würde es genügen. Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie versuchte das Fenster zu öffnen. Erst als sie mit aller Kraft am Griff zog, gab es endlich nach. Immer wieder starrte sie zur Tür, wenn er sie jetzt finden würde, wäre ihr Schicksal besiegelt. Sie zog sich am Fenster hoch und kletterte hinaus.
Als ihre Füße den Boden auf der anderen Seite berührten, sah sie sich um. Sie konnte immer noch die Stimmen des streitenden Pärchens hören. Sie musste sich in einer Seitenstraße befinden, die genau zu der Straße führte, in der der Eingang des Geschäfts lag. Sie überlegte nicht lange, sondern schlug den Weg ein, der von der Fußgängerpassage weg führte. Während sie in ihren High Heels die Straße entlang rannte, kramte sie in ihrer Handtasche. Als sie ihr Handy herauszog, blieb sie strauchelnd stehen.
Eine Kreuzung.
Wo sollte sie hin?
Wieder sah sie sich um, noch schien ihr niemand zu folgen. Sie musste sich beeilen. Ein Blick nach rechts, nach links dann geradeaus. Schließlich entschied sie sich für links und rannte weiter. Immer wieder knickte sie um, da ihre Schuhe nicht für das Kopfsteinpflaster einer Altstadt gemacht waren. Die Handtasche in der einen Hand, das Handy in der anderen wählte sie eine Nummer. Sie hatte nur diesen einen Anruf, danach würde sie ihr Handy entsorgen müssen. Die Gefahr das Kabir, der ihre Nummer kannte, sie sonst finden würde, war zu groß.

4.
Wild fluchend schob Nikolaj sich durch die Menschenmasse wieder in den Laden. Hatten diese Menschen noch nie einen Ehestreit gesehen?
Verwundert blieb er stehen.
Wo war Jen?
Suchend sah er sich um. Als er sie im Laden nicht entdecken konnte, versuchte er sie in der Menschenmasse zu finden, die sich vor der Tür gebildet hatte. Es konnte doch nicht so schwer sein, so einen Rotschopf wie sie zu entdecken.
Nichts!
Das konnte nicht sein. Sein Blick wanderte durch den Raum und blieb an einer Tür hängen. Sollte sie wirklich?
Kabir würde ihn umbringen!
Wobei?
Er hatte ihn gewarnt. Erst letzte Nacht war es ihm gelungen herauszufinden, dass eine Jen Crane, mit all den Angaben, die er von Kabir bekommen hatte, in den USA nicht existierte. Schon lange hatte er die Vermutung gehegt, dass irgendetwas an dieser Frau nicht so war, wie es schien. Warum seine Vorgänger bei Kabir nie auf die Idee gekommen waren, dass etwas an der rothaarigen Schönheit faul war, war ihm ein Rätsel. Viel zu lange hatte die Frau ihre Nase in Angelegenheiten gesteckt, die sie nicht angingen.
Als er die Tür öffnete, fiel sein Blick sofort auf das weit geöffnete Fenster. Fluchend sah er hinaus. Nichts!
Kabir würde ihn definitiv umbringen!
Er musste sie wiederfinden. Er zwängte sich aus dem Fenster und überlegte kurz. Wo würde sie hingehen? Auf alle Fälle nicht in die Fußgängerzone zurück. Er rannte in die entgegengesetzte Richtung.
Er musste sie finden!

5.
Ein Klingeln an der Tür ließ ihn zum Wecker blicken. Es war mitten in der Nacht. Wer zu Hölle sollte ihn mitten in der Nacht aus dem Bett holen? War irgendwo der Krieg ausgebrochen? Müde wollte er sich wieder umdrehen, als jemand gegen die Tür hämmerte.
„Paul, verdammt steh auf.“
Er schreckte hoch. Es war die Stimme von Nathan. Wenn Nathan mitten in der Nacht vor seiner Tür stand, musste es wichtig sein. Er knipste das Licht an und schwang sich aus dem Bett. Wieder hämmerte Nathan gegen die Tür.
„Ja, ja! Bin wach. Mach nicht so einen Lärm.“ Nur in Shorts bekleidet schlitterte er über die kalten Fliesen des Schlafzimmers in das Wohnzimmer und blieb vor der Haustür stehen. Hektisch drehte er den Schlüssel herum und zog die Tür auf.
„Was ist passiert?“
Ein dunkelblonder Mann stürmte an ihm vorbei und blieb im Wohnzimmer stehen.
„Sag mal, wo zum Geier, hast du deinen Pager? Wir versuchen, seit einer Stunde dich zu erreichen.“ Vorwurfsvoll sah er ihn an.
„Neben dem Bett? Da wo er um die Zeit hingehört? Ich hab ihn wohl nicht gehört. Kannst du mir nun sagen, was passiert ist? Oder willst du mir jetzt eine Predigt halten?.“ Paul streckte sich und sah Nathan mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Wir haben einen Anruf aus Deutschland bekommen.“
„Aus Deutschland?“ Mit großen Augen starrte er Nathan an. „Sag nicht Yvonne ...“ Weiter, kam er nicht.
„Nein Liv! Sie ist aufgeflogen und läuft seit einer Stunde durch Passau. Wir können sie nicht mehr erreichen. Sie hat uns noch Bilder geschickt. Wahrscheinlich wird sie verfolgt“ Nathan sprach so schnell, dass er Mühe hatte, ihm zu folgen.
„Liv?“ Paul brauchte einen Augenblick um den Namen zuzuordnen.
„Himmel, Hawk! Kennst du deine Leute nicht? Wenn wir sie schon nicht kennen, solltest du wenigstens wissen, wer sie ist.“ Nathan lief aufgebracht im Raum auf und ab.
„Setz dich erst mal.“ Paul deutete auf sein altes, vergilbtes Sofa und ging zum Kühlschrank. „Willst du was trinken?“
„Hawk, wir haben keine Zeit. Liv rennt irgendwo da draußen herum und einer von Kabirs Schergen ist womöglich schon hinter ihr her oder hat sie eventuell schon erwischt. Liv hat Beweise dafür, dass Kabir in einer Woche einen milliardenschweren Transport in den Iran schickt und das Damanis auch bei ihm einkauft.“ Immer noch stand der uniformierte Mann in seinem Wohnzimmer und starrte ihn an.
Damanis!
Paul ließ die Kühlschranktür zufallen. Dieses Scheusal hätte sein Team vor knapp drei Wochen beinahe auf die Hälfte dezimiert.
„Nun noch mal langsam. Wie lange ist es her, dass sie sich gemeldet hat? Wo war sie da? Wo will sie hin? Haben wir eine Möglichkeit sie zu erreichen? Meldet sie sich wieder? Wo ist Harry?“ Während er Nathan mit Fragen bombardierte, zog er die, in der Wohnung verstreut liegende Kleidung an.
„Eine gute Stunde. Wo sie hin will, hat sie nicht gesagt, dafür war das Gespräch zu kurz. Nein wir können sie nicht erreichen. Harry ist da, wo er hingehört. Wir warten nur auf dich.“ Paul war froh, dass Nathan genügend Erfahrung hatte, um seine Fragen schnell und kurz zu beantworten. Zeit war eine Sache, die sie meistens nicht hatten.
„Dann los.“ Paul hielt die Tür auf, wartete bis Nathan an ihm vorbei, die Wohnung verlassen hatte und schloss die Tür ab. So schnell sie konnten, gingen sie den Flur entlang, an dem links und rechts weitere Wohnungen lagen, zum Fahrstuhl. Immer wieder drückte Paul auf den Knopf des Aufzugs. Aber nichts passierte.
„Immer wenn man es eilig hat“, murmelte er und lief weiter in Richtung Treppenhaus. Nathan blieb dicht hinter ihm. Über vier Stockwerke rannten sie die Treppen hinunter, bis Paul eine Stahltür aufriss und mitten in einem großen Foyer von einem Mann in Uniform, angestarrt wurde.
„Captain Redman?“ Der grau uniformierte Portier war von seinem Stuhl aufgesprungen, als Paul an ihm vorbeirannte.
„Machen Sie sich nichts draus.“ Nathan lief schnellen Schrittes an dem Mann vorbei, der dem Captain nachsah.
Draußen blieb Paul stehen und sah sich um. Die Straße war von einigen, wenigen Laternen beleuchtet und von hinten fiel das Licht der Lobby auf den Bürgersteig. Als er Nathan hinter sich hörte, bohrte sich sein Blick in die grünen Augen des Ex-SEALs.
„Wo hast du den Wagen?“
Kommentarlos lief er Nathan hinterher, als dieser über die Straße rannte. Paul ließ sich nicht von hupenden Autos aufhalten, die bremsten, als er auf die Straße lief.
Sie hatten keine Sekunde zu verlieren.
Fast zeitgleich mit Nathan saß er in dem dunklen Wagen und begann mit den Fingern auf dem Armaturenbrett zu trommeln. Wortlos raste Nathan in einem halsbrecherischen Tempo durch die Innenstadt von San Diego. Paul hatte keine Augen für die Umgebung, im Kopf ging er bereits mögliche Szenarien durch.
Mit quietschenden Reifen blieben sie zehn Minuten später an der Einfahrt zur Naval Base stehen und ein junger Navy Soldat trat an das Fenster des Wagens, welches Nathan bereits herabgelassen hatte.
„Dürfte ich Ihre Papiere sehen?“
Genervt zeigte Paul dem Mann seinen Ausweis, woraufhin dieser salutierte.
„Captain Redman, Mr. Harrison.“ Er gab dem Mann hinter sich ein Zeichen und der Schlagbaum bewegte sich nach oben. So schnell es erlaubt war, fuhren sie in Richtung des großen grauen Gebäudes, in dem das Team I.A.T.F ihre Basis hatte. Nathan hielt direkt vor der Tür und Paul sprang aus dem Wagen.
„Ich parke eben, dann komm ich.“ Wieder quietschten die Reifen des Wagens, als Nathan davon fuhr.
Paul riss die Tür auf und rannte den verwaisten, schwach beleuchteten Flur entlang. Er würde auf keinen Fall zulassen, dass der Undercover-Agentin etwas zustieß. Und schon gar nicht, dass Damanis weitere Waffen erhielt. Auch wenn er die Agentin bis jetzt nur aus ihrer Akte kannte und nur zwei Mal mit ihr gesprochen hatte, so war er für sie verantwortlich. Er hatte ihr versprochen sie im Notfall schnell herauszuholen und ein SEAL hielt seine Versprechen. Scheppernd riss er eine weitere Tür auf.
„Crack, was weißt du?“ Einen Augenblick blieb er in der Tür stehen. Harry arbeitete mal wieder ohne Licht in dem großen Raum, so konnte Paul nur die Bildschirme der Rechner und den Umriss von Harry erkennen. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, ging er auf den IT-Spezialisten zu, der mit dem Rücken zu ihm saß.
„Nicht viel. Ich weiß, wo sie zuletzt war und wo ihr Handy im Augenblick ist. Sieht nicht berauschend aus. Nach ihrem Anruf hat sie uns die Bilder der Unterlagen geschickt.“ Harry deutete zu einem großen Bildschirm, auf dem Fotos zu sehen waren. „Danach hat sie ihr Handy dort entsorgt.“ Harrys Hand zeigte auf einen weiteren Bildschirm. „Und wenn mein GPS sich nicht täuscht, bewegt sich das Signal des Handys seit fünf Minuten wieder.“
Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte Paul auf einen dritten Bildschirm.
„Verdammt“, murmelte er, während er sich über seinen Bart strich, den er sich seit ihrer Rückkehr aus Afghanistan hatte wachsen lassen.
„Wenn wir Glück haben, hat nur irgendein Kind, oder so das Handy gefunden.“ Harry riss ihn aus seinen Gedanken.„Seit wann haben wir Glück, Crack?“
Die Tür flog auf und Nathan stürmte in das große Zimmer. Mit einem lauten Poltern fiel ein Stuhl zu Boden, gegen den er gerannt war.
„Verdammt! Crack, mach doch einfach das Licht an, wenn du arbeitest. Du bist doch keine Fledermaus.“ Nathan blieb neben Paul stehen und starrte den Bildschirm an, auf dem sich ein Punkt bewegte.
„Sag jetzt bitte nicht, dass das ihr Handy ist.“ Mit dem Finger zeigte er auf den Punkt.
„Doch.“
„Nathan? Wo ist Syrell jetzt?“ Paul starrte Nathan an.
„Ich würde sagen, eventuell mit Yvonne schon im Flieger oder auf dem Weg dorthin.“ Nathan sah Paul fragend an. „Du willst doch nicht? ... Yvonne ist noch nicht wieder fit.“ Nathans Augen wurden größer, als er Paul entsetzt ansah, er schien die Gedanken seines Captains zu erkennen.
„Gib mir mal das Telefon rüber, Crack.“
„Aber Paul ... Indy bringt dich um.“ Weiter kam Nathan nicht, da Paul ihn mit einer Geste zum Schweigen verdonnerte.