1.

»Du sollst dich bewegen, verdammt!« Brüllend stand Sean am Strand und versuchte mit seinen Worten, Patrik zu erreichen, der weit zurückgefallen war.
Seit einer Woche testete er die Teams auf Herz und Nieren und war glücklich darüber, dass die alteingesessenen der IATF sich weit besser schlugen, als die Männer, die neu dazugekommen waren. Also hatte sein Training in den letzten Jahren Früchte getragen.
Er hatte zwar festgestellt, dass es auch unter den Neuen einige gab, die ihre Spezialgebiete zu haben schienen, aber er wollte, dass sie in allen Bereichen die Besten waren. Mit viel Schweiß und Blut war das möglich, das wusste er, nur musste er das seinen Männern noch klar machen.
»Er lässt ihn da alleine.« John, der neben ihm stand und das Szenario im knapp zehn Grad kalten Wasser der Coronado Bay ebenfalls beobachtete, riss ihn aus seinen Gedanken. Mit größer werdenden Augen sah er, wie Patrik nicht nur zurückfiel, sondern immer weiter nach rechts abtrieb. Will, den er als Partner für Patrik eingeteilt hatte, schloss wieder zum Rest auf und ließ Patrik zurück.
»Maverik, du Made! Wo ist dein Swimbuddy?« Sean lief brüllend weiter an das Wasser heran und wollte Will Tenner auf seinen Fehler aufmerksam machen. Er hatte keine Ahnung, ob seine Worte den dunkelhaarigen Zweiundzwanzigjährigen überhaupt erreichten. Sehr wahrscheinlich war Will einfach zu weit weg oder, und das wäre ebenso schlimm wie der Umstand, dass er Patrik zurückließ, er wollte ihn nicht hören. Immer wieder warf er einen Blick zu dem schmächtigen Patrik Blood, der versuchte, gegen die Strömung anzukämpfen.
»Maverik!« Nochmals brüllte er den Funknamen von Will. Nie ließ man seinen Partner allein. Hatte Will ihm nicht zugehört oder ignorierte er ihn absichtlich?
»Ich hol ihn raus.«
Sean wollte John widersprechen, als er aber sah, dass Patrik immer wieder unter Wasser gezogen wurde, blieben ihm die Worte im Hals stecken. Das Letzte, was er brauchen konnte, war ein Toter beim Training. Die Strömung dort, wo der junge Mann sich befand, war hinterhältig und hatte schon mehreren SEALs das Leben gekostet. Jetzt musste er eingreifen. Er konnte nicht mehr darauf warten, dass Will seinen Fehler bemerkte. Selbst wenn er jetzt noch reagieren würde, er würde seinen Kollegen nicht mehr rechtzeitig erreichen.
Als John das Schlauchboot ins Wasser schob, hastete Sean zu seinem Kollegen, sprang hinein, und suchte gleichzeitig nach Patrik, den er vor wenigen Sekunden noch gesehen hatte. Der Mann mit den blonden Haaren tauchte um sich schlagend wieder auf. Einen solchen Notfall hatte Sean seit Jahren nicht erlebt. Im BUDs wäre dieser Moment, in dem sie einen Rekruten aus dem Wasser holen mussten, sein Aus für die SEALs gewesen. In der IATF hieß es für ihn nur eines. Mehr Training. Wenn sie ihn denn noch rechtzeitig aus dem Wasser bekamen. Ansonsten bedeutete es viel Arbeit und eine große Schlagzeile in den Zeitungen.
Sean starrte auf das Wasser und versuchte, Patrik nicht aus den Augen zu verlieren, während John dem Außenborder des Schlauchboots alles abverlangte, damit sie rechtzeitig bei ihrem Kollegen ankamen.
Nach wenigen Minuten hatten sie den völlig erschöpften Mann erreicht, der immer wieder von der Strömung unter Wasser gezogen wurde. Patrik schlug bei jedem Auftauchen panisch um sich und machte es ihnen so schwer, ihn zu greifen um ihn aus den eisigen Fluten zu ziehen. Er hatte die Kontrolle über sich komplett verloren. In seinem Gesicht war nur noch Panik zu sehen.
»Los komm raus, Pippa.« Zu zweit packten sie den Dreiundzwanzigjährigen an den Armen und zerrten ihn wie einen nassen Sack in das Schlauchboot. »Wo ist dein Swimbuddy?«, blaffte Sean den Mann an, der nach Luft ringend im Boot lag. Johns vorwurfsvollen Blick bemerkte Sean nur am Rande. Es war ihm egal, dass sie um ein Haar einen Mann verloren hätten. Für ihn zählte in diesem Moment nur das Versagen der beiden Männer, die nicht in der Lage waren, aufeinander achtzugeben. Will hätte sich nie von Patrik entfernen dürfen. Seit Tagen versuchte er, den Männern klar zu machen, dass auch in der IATF die eiserne Regel galt, seinen Partner immer in Reichweite zu haben. Eine Armlänge Abstand, mehr war nicht erlaubt. Will hätte warten müssen und Patrik hätte auf sich aufmerksam machen müssen.
»Keine Ahnung«, brachte Patrik hustend hervor, während John Kurs auf die Gruppe im Wasser nahm, die nur noch knappe dreihundert Meter vom Strand entfernt war. Er würde allen nochmals eine Predigt halten müssen. Niemand hatte seinen Partner im Wasser allein zu lassen. Wenn sie es hier während des Trainings taten, würden sie es im Gefecht auch tun.
War es denn so schwer zu begreifen, wie ein Team funktionierte? Innerlich stöhnte er auf. Drei Mal hatte er das Team in den letzten Tagen schon auf das Meer rausschwimmen lassen. Bisher hatte alles geklappt, nur heute schien der Wurm drin zu sein. Am Morgen hatte er die Paarungen im Team neu zusammengesetzt, damit am Ende der Trainingseinheit jeder mit jedem zusammen funktionierte. Aber es schien, als hätte er gerade mit Will und Patrik einen Fehler gemacht. Er musste unbedingt heraus bekommen, ob die beiden Männer ein Problem miteinander hatten und wenn ja, warum.
Mit einem Ruck schob sich das Boot auf den Strand und sein Blick wanderte zu den Männern und der einen Frau, die strauchelnd aus dem Wasser kamen. Er sah zu John, der mit den Schultern zuckte. John war nicht der Ausbildertyp. Er war niemand, der gerne jemand anderen anbrüllte und zur Schnecke machte. Ihm fehlten nicht nur die Gene dazu, sondern auch das Vokabular.
»Los! Rauf da! Jetzt sofort!« John hatte tief Luft geholt, damit die Gruppe, die noch kraftlos am Strand stand, ihn auch hörte und sich auf die Düne bewegte. Auch Patrik gab John mit einer knappen Geste zu verstehen, dass er sich genügend ausgeruht hatte und der Befehl auch für ihn galt. Als John die Gruppe bei sich gesammelt hatte, ging Sean auf sie zu und sah von einem zum anderen.
»Seid ihr alle taub? Spreche ich irgendeine gottverdammte Scheiß Sprache, die ihr nicht versteht? Pippa wäre da draußen fast ersoffen. Und warum?« Er machte einige große Schritte auf Will zu. »Weil du Ochse deinen Swimbuddy aus den Augen gelassen hast. Wie weit war eine Armlänge gleich nochmal, Maverik?« Er brüllte Will an, der direkt vor ihm stand.
»So lang.« Will hob mit fester Stimme den Arm.
»So und wo war Pippa eben?«, blaffte Sean.
»Weiter weg.« Immer noch klang der Mann vor ihm völlig unbeeindruckt.
»Ach! Und wer hätte sich gerade um ihn gekümmert, wenn wir nicht rausgefahren wären?« Sean hielt seine Stimme weiter hin laut und sah kurz zu Patrik.
»Keine Ahnung.«
»Keine Ahnung? Die verfluchten Haie! Ihr beide lauft jetzt fünfzehn mal die Düne rauf und runter, und wenn ihr nur ein einziges Mal weiter als eine Armlänge auseinander seid, werden es nochmal fünfzehn! Der Rest macht Sit-ups und Liegestütze. Alle!« Brüllend deutete er die Sanddüne hinunter. Will und Patrik bewegten sich aufeinander zu und rannten durch den tiefen Sand die Düne hinunter.
»Eine Armlänge, Maverik! Eine! Keine zwei! EINE! Wenn Pippa dir zu langsam ist, machst du auch langsam oder unterstützt ihn.« Er stöhnte auf, als er die Worte hinter den beiden jungen Männern hergebrüllt hatte. »Manchmal glaube ich, sie begreifen es nie«, raunte er John zu, während er die beiden Männer im Auge behielt. Es war nicht zu übersehen. Will hatte ein Problem damit, dass Patrik langsamer war.
»Die einen verstehen es schneller, die anderen brauchen halt etwas länger«, erwiderte John unbeeindruckt.
»Und dann gibt es welche, die begreifen es nie«, flüsterte er mehr für sich als für John oder jemand anderem aus dem Team.
»Schwarzmaler«, ächzte Darrel ihm zu, der nur einen knappen halben Meter von ihm entfernt in seine Sit-ups vertieft war.
Eine Stunde später lief er neben Yvonne, die schweratmend auf ihre Bewegungen konzentriert war. Er hatte nicht nur sie an ihre Grenzen gebracht. Auch die Männer, die ebenfalls im Laufschritt auf dem Weg in die Coronado Naval Base waren, gingen auf dem Zahnfleisch.
»Du hättest was sagen können, das weißt du.« Er sah zu Yvonne. Sie hatte sich während des ganzen Trainings nicht einmal beschwert und er hatte einfach nicht auf sie geachtet, weil er mit Will und Patrik beschäftigt gewesen war. Dabei hatte er sich geschworen, auf ihre gesundheitliche Verfassung Rücksicht zu nehmen.
»Ich weiß«, gab sie kurz angebunden als Antwort.
Erst als sie um Luft ringend nach einer Runde Liegestütze am Boden liegengeblieben war, war ihm klar geworden, dass sie ihre Grenzen erreicht hatte. Yvonne ging regelmäßig an ihre Grenzen und oft auch darüber hinaus. Aber ihr Blick, als sie ihn am Boden liegend angesehen und zitternd nach Syrells Hand gegriffen hatte, hatte ihm klargemacht, dass für sie das Training an diesem Punkt beendet gewesen war.
»Ich meine ja nur.« Kurz warf er einen Blick über die Schulter zu den anderen. John lief als Letzter neben Darrel. Er wandte sich wieder gedankenverloren nach vorne. Sein Puls hatte einen regelmäßigen Rhythmus gefunden und er konnte das Laufen genießen, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Sean liebte seinen Job. Die Gruppe rund um ihn war als Haufen verprügelter Hunde aus dem Einsatz gekommen und entwickelte sich langsam zu einem Rudel unbesiegbarer Wölfe. Aber noch war das neue Rudel nicht komplett. Vier Teammitglieder fehlten noch. Zwei waren in Deutschland im Militärkrankenhaus, einer saß mit gebrochenem Fuß in der Base und der IT-Fachmann kurierte seine schweren Verletzungen zu Hause aus und wartete darauf, dass man ihn für seine Verfehlungen vor Gericht stellte. Sean zweifelte allerdings daran, dass man Harry auch nur von einem der Anklagepunkte freisprechen würde. Somit machte er sich seit Tagen Gedanken, wer den IT-Profi ersetzen könnte. Allerdings wollte ihm niemand einfallen. Er kannte nur einen, der vielleicht im Ansatz mit Harry mithalten konnte, leider war dieser jemand vor kurzem aus dem Militär ausgeschieden.
Collin Wyler hatte bei einem Anschlag ein Auge verloren. Das letzte Mal, als Sean ihn gesehen hatte, war ihm aufgefallen, wie schlecht der ehemalige SEAL aussah. Vielleicht konnte er ihm mit einem Job wieder auf die Beine helfen. Allerdings hatte er keine Ahnung, ob Collin sich mit einem Schreibtischjob zufriedengeben würde. Aber zumindest könnte er Harry so als IT-Fachmann ersetzen und wäre wieder in einem Team. Die Kampfkraft des Engländers würde einer der Männer ersetzen, die neu ins Team gekommen waren.
Tief in ihm wehrte sich jedoch alles dagegen, den Engländer zu ersetzen. Er war nicht nur ein guter Kollege, sondern auch ein guter Freund, und es fiel Sean schwer, sich vorzustellen, dass er ihn nicht mehr um sich haben würde. Aber das war wohl eine der Schattenseiten seines Jobs. Manchmal verschwanden Kollegen von heute auf morgen aus dem Team und dann über kurz oder lang auch aus dem Freundeskreis.
»Ey, Boss.«
Sean zuckte zusammen, als sein Bruder neben ihm auftauchte.
»Was?« Sein Blick wanderte erst zu Nathan und dann nach vorne. Sie würden noch eine gute Viertelstunde unterwegs sein, ehe sie die Base erreichten.
»Hast du schon was von Rafael oder so gehört, wegen des Briefes?«
Sean rollte mit den Augen. Insgeheim hatte er sich schon gefragt, wann sein Bruder heute fragen würde.
»Nein, sie sind dran, das weißt du. Und ich denke, du wirst es zwei Minuten nach mir erfahren, wenn sie etwas wissen.«
Das gefrustete Schnauben seines Bruders ließ ihn aufstöhnen.
»Nathan, der Brief ist echt, das wissen wir. Aber wir wissen noch nicht, wo Derrin ist. Wir können ihn nicht irgendwo rausholen, wenn wir nicht wissen, wo er ist. Und nun komm mir nicht damit, dass du ihn suchen willst. Wo willst du anfangen? Er kann überall sein.« Sean hatte keine Lust auf die Diskussion, die folgen würde und nahm Nathan mit seinen Worten den Wind aus den Segeln. Täglich fragte sein Bruder bei ihm nach dem Ermittlungsstand und täglich führten sie diese eine Diskussion. Immer wieder schlug Nathan ihm vor, Derrin allein zu suchen und immer wieder lehnte er ab.
Der Brief, um den sich seit Tagen alles drehte, hatte Nathan nach dem letzten Einsatz erhalten. Das Stück Papier hatte erst über Umwege zu ihm gefunden. Ein alter Freund aus Afghanistan hatte ihm geschrieben und darum gebeten, ihm zu helfen. Zudem wusste besagter Freund von geplanten Anschlägen, war aber scheinbar nicht mehr in der Lage, sich selbst aus der Terroristengruppe zu befreien.
Leider hatte man bisher kaum etwas herausgefunden. Der Brief war in Deutschland kurz nach dem Anschlag in Hannover in einen Briefkasten geworfen worden. Geschrieben wurde er auf normalem Papier, auch der Umschlag war Standard, beides konnte man in jedem Laden kaufen. Die identifizierbaren Fingerabdrücke gehörten neben Karen und einem Mann, der in Deutschland bei dem Anschlag verletzt wurde, einem weiteren Mann, der tatsächlich in den Dateien der deutschen Polizei erfasst war. Leider konnte keiner sagen, wo er sich im Moment befand. Außerdem schien sein Name nicht echt zu sein, da es viele Ungereimtheiten gab. Da die Behörden davon ausgingen, dass diese Fingerabdrücke Derrin gehörten, hatte man ihn international zur Fahndung ausgeschrieben. Ob sie ihn auf diesem Wege finden würden, wusste Sean nicht, er konnte es nur hoffen.
»Wie lange wollen wir denn warten?«
»Solange, bis wir wissen, wo er ist, verflucht. Du bist doch kein kleines Kind mehr, Nathan. Wenn wir wissen, wo er ist, werden wir etwas unternehmen. Bis dahin können wir nichts machen.« Sean war froh, dass sie das Gelände der Base erreicht hatten und er das Gespräch dadurch beenden konnte, indem er alle zu einem abschließenden Gespräch zusammenrufen würde.
»So, weil das heute so wunderbar gar nicht funktioniert hat, machen wir das morgen nochmal. Eins will ich jetzt noch loswerden, abgesehen davon, dass ich euch morgen um fünf alle hier sehen will. Ich will keinen von euch heute Abend, irgendwo in irgendeiner Schlägerei sehen. Am besten bleibt ihr alle mit euren Ärschen hier. Wenn ich einen von euch irgendwo aus dem Knast holen soll, weil ihr Mist gebaut habt, muss ich euch enttäuschen, ich bringe höchstens eure Akten auf die Wache.« Seine Worte galten vor allem dem neuen Teil des Teams, da die Männer dafür bekannt waren, Probleme zu bereiten. »Ich meine das todernst«, setzte er nochmals nach.
»Bis morgen.« John löste mit seinen Worten die Versammlung auf und Sean war froh, dass nicht alle wie aufgescheute Hühner auseinanderstoben. Vielleicht hatten seine Ansprache und das Straftraining seine Wirkung gezeigt. Vielleicht schmerzten allen aber auch so die Glieder, dass sie einfach nicht mehr in der Lage waren, sich schneller zu bewegen. Oder aber sie waren gefrustet, dass sie an einem Samstag trainieren sollten. Er war tatsächlich der Erste, der sich entfernte.
Die letzten Tage waren anstrengend gewesen. Nicht nur körperlich, auch geistig hatte ihm das Training viel abverlangt. Er hatte versucht, jeden im Auge zu behalten und für sich zu bewerten, um Stärken und Schwächen zu finden. Letztere gab es nur wenige. Patrik, der sich im Wasser mehr wie ein träges Flusspferd verhielt, war eine der Schwachstellen. Außerdem bereiteten Yvonne, die einen Teil ihrer Kondition eingebüßt hatte und ein paar weitere Teammitglieder ihm etwas Sorgen. Aber er war sich sicher, dass sie diese Mankos ausmerzen konnten.
»Sean, warte mal.« John Stimme hallte hinter ihm her.
Durchatmend blieb er stehen und drehte sich um. Hatte er etwas vergessen?
»Was hast du heute Abend vor?« John hatte ihn erreicht und musterte ihn fragend.
»Couch?« Er hatte sich noch keinerlei Gedanken über seine Planung für den nächsten Tag gemacht. Um genau das zu erledigen war sein Sofa der perfekte Ort. Mit einem Bier und vielleicht Ablenkung in Form einer Football-Übertragung konnte er den kommenden Tag minutiös planen.
»Wollen wir ein Bier trinken gehen? Ich habe eben rausgehört, dass Will und ein paar andere in die Sunrise Bar wollen. Dann haben wir sie ein wenig im Blick und können auch mal ausspannen.«
Sean zögerte. Sollte er nun tatsächlich nach seiner Ansage noch Anstandsmädchen spielen? Wenn er sich nicht auf sie verlassen konnte, dann mussten sie gehen. Er konnte doch nicht jeden Schritt der Männer überwachen. Dazu noch in der Sunrise Bar. Sein Magen krampfte kurz zusammen. Dort hatte sich vor einigen Monaten ein SEAL das Leben genommen und dieser Gedanke würde ihn den ganzen Abend verfolgen. Das wäre dann alles andere als ein entspannter Abend, an dem er abschalten konnte.
»Los, gib dir ´nen Ruck.« John gab ihm einen fordernden Stoß.
»Boah, ich kann doch nicht vierundzwanzig Stunden sieben Tage die Woche auf die Jungs aufpassen.«
»Du redest immer nur von dir. Glaubst du nicht, dass ich mir auch so meine Gedanken mache?« Deutlicher Ärger schwang in der Stimme seines Kollegen, mit dem er sich das Kommando über das Team teilte, mit.
»Du hast gesagt, du machst das Papier fertig und ich die Leute.« Sean musste sich zu einem Grinsen zwingen. Er konnte die Arbeit am Schreibtisch nicht leiden. Er verlor zu schnell die Konzentration und gab sich zu schnell von den Formularen und Berichten geschlagen. Er kümmerte sich nur um das Nötigste. Einen kurzen Bericht schreiben, notfalls füllte er noch einen Antrag aus. Aber mehr tat er nach Möglichkeit nicht. In diese Arbeit hatte John sich schon vor Jahren eingearbeitet und daher hatte Sean diese Arbeit an seinen Kollegen abgetreten. Heute war das erste Mal, das John so klang, als störte es ihn, dass er oft Stunden am Schreibtisch verbrachte.
»Das heißt aber nicht, dass du ihnen blind vertrauen sollst. Das geht nicht, noch nicht. Wenn es auch nur einer übertreibt, muss ich den ganzen Tag Berichte schreiben und irgendwelche scheiß Telefonate führen. Da habe ich, ob du es glaubst oder nicht, null Bock drauf.«
Sean stöhnte auf. »Okay, aber nicht vor neun.« Er wollte wenigstens einen Moment die Ruhe in seiner Wohnung genießen.
Nein, eigentlich wollte er das Training planen. Ruhe hatte er seit Monaten nicht mehr.

Erst kurz vor sieben schloss Sean die Tür zu seinem Appartement auf, welches er sich gemietet hatte. Es war kein Ort, an dem er ewig leben wollte, aber inzwischen fühlte er sich zumindest ein wenig heimisch. Allerdings hatte er ein Problem mit der herrschenden Stille. Seit dem Angriff im Hindukusch, bei dem sie alle dem Tod nur knapp entkommen waren, lag ein penetrantes Pfeifen auf seinen Ohren. Sein Arzt hatte ihm zwar Hoffnung gemacht, dass es noch verschwinden würde, aber das änderte nichts daran, dass es nervte. Denn er hörte diesen hohen Pfeifton immer dann, wenn um ihn herum absolute Stille herrschte. Er hatte bereits ernsthaft darüber nachgedacht, einen Kredit aufzunehmen und ein Haus am Strand zu kaufen, da das Rauschen des Meeres das Pfeifen überdeckte. Hier in der ruhigen Seitenstraße war wenig, was von dem Geräusch ablenkte. Vorbeifahrende Autos konnten nur kurz den Ton dämpfen und ansonsten gab es nicht viele Geräusche, nicht mal nervende oder streitende Nachbarn, die zu laut Musik hörten. Und das Zwitschern der Vögel war zu leise, um Wirkung zu zeigen.
Er warf seine Jacke auf den Sessel und sank auf das Sofa. Einen Moment starrte er das TV-Gerät an, ehe er es einschaltete. Eine Serie flimmerte über den Bildschirm und seine Gedanken wanderten wirr hin und her. Er grübelte darüber, wann er das letzte Mal in einer Bar gewesen war und was er darüber noch wusste. Es war Monate her und er erinnerte sich, dass er nicht in seinem, sondern im Bett einer hübschen Frau aufgewacht war.
Dann tauchte die Frage auf, wann das Team das letzte Mal bei Bear und Karen zum Grillen gewesen war. Auch das war schon viel zu lange her. Als sie noch gemeinsam in der Villa gelebt hatten, war der Grill an jedem Abend der Treffpunkt gewesen. Nun war es nur noch ein Treffen einmal in der Woche oder war es sogar schon zwei Wochen her? Eine Ketchupwerbung beobachtend fragte er sich, ob man diesen Umstand irgendwie ändern könnte. Dem Teamzusammenhalt hatte die gemeinsame Wohnsituation sehr gutgetan. Aber sie konnten sich schlecht jeden Abend bei Bear und Karen zum Essen einquartieren, dann würde das Pärchen ihnen über kurz oder lang die Freundschaft kündigen. Sean zwang sich, bei den Tatsachen zu bleiben. Beim nächsten Mal würden sie die neuen Teammitglieder mit einladen. Dann müsste der Einkauf aber weit größer ausfallen. Und Karen würde sicher einen kompletten Tag in der Küche verbringen, um Salate zuzubereiten. Ob sie bereit wäre, einmal in der Woche eine solche Arbeit auf sich zu nehmen?
Dann wanderten seine Gedanken wieder zu der jungen Frau, in deren Bett er vor Monaten aufgewacht war. Er hatte sich einfach davongestohlen und gehofft, sie nicht allzu bald wiederzusehen. Nicht, dass die Nacht nicht angenehm gewesen wäre, aber er hatte keine Lust gehabt zu erklären, warum er seine Nummer nicht hinterlassen hatte.
Das Klingeln an der Haustür riss ihn aus seinen Gedanken, von denen er nicht mehr wusste, wo genau sie sich überall befunden hatten.
Sein Blick wanderte zur Uhr.
Halb acht.
Als er sich erhob und auf die Tür zuging, befürchtete er, Nathan würde vor der Tür stehen, um ihn nochmals nach dem Ermittlungsstand des Briefes zu fragen. Die Tür öffnend holte er bereits Luft, um seinem Bruder zu sagen, dass es nichts Neues gab.
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich erst was unternehmen werde, wenn ich weiß …«
»Du weißt, dass wir in die Bar wollten.«
Verdutzt öffnete er die Augen, als er die Stimme von John vernahm. Hatte er nicht gesagt, sie wollten sich um neun treffen?
»Ich dachte, wir trinken schon mal ´nen Bier. Mir fällt zuhause die Decke auf den Kopf«, erklärte sein Kollege.
»Ähm.« Sean spürte, wie John die Tür aufdrücken wollte, die er in der Vermutung, dass sein Bruder davor stand, festhielt. Nathan hätte er jetzt nicht hineingelassen.
»Lässt du mich nun rein oder soll ich wieder gehen?« John hielt das Sixpack Bier, welches er dabei hatte, demonstrativ hoch.
»Klar, komm rein.« Er trat zur Seite und ließ seinen Kollegen hinein.
»Du hast mit Nath gerechnet, oder?« John ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen und öffnete zischend eine Bierdose.
»Ja, der geht mir im Moment mit seinem Derrin echt auf den Keks. Ich befürchte, wir müssen ihn anketten, damit er keine Dummheiten macht.« Er griff sich ebenfalls ein Bier und setzte sich neben John auf die Couch.
»Quatsch«, erwiderte der, ehe er einen Schluck aus der Dose nahm.
»Doch, ich habe echt das Gefühl, er würde, wenn wir auch nur im Geringsten einen Anhaltspunkt hätten, alleine losziehen.«
»Das macht er nicht.« Erneut widersprach sein Kollege ihm mit Nachdruck. »Aber mal was anderes, ich habe noch mit Harry gesprochen, als du gegangen bist.«
Sean stöhnte auf. »Und? Was sagt unser Sorgenkind?«
»Er ist in zwei Wochen wieder bei uns. Rafael hat da wohl doch einiges klären können.« John sah ihn kurz an und starrte dann wieder auf den Fernseher, ehe er weitersprach. »Die lassen vieles unter den Tisch fallen. Der Verteidigungsminister würde Harry am liebsten für ewig einsperren, aber er drückt wohl beide Augen zu. Das NCIS stellt die Ermittlungen ein und die anderen durften ja ohnehin nicht wirklich was unternehmen. Aber wenn je irgendwer an die Dokumente kommt …« John machte eine kurze Pause, »… können ganz viele ihren Hut nehmen.«
Das waren die ersten erfreulichen Nachrichten, die er heute bekam. Sie hatten, kurz bevor er gegangen war, einen Anruf von Joe Burnett bekommen. Das Team würden noch weitere vier Wochen auf ihn und Lexi verzichten müssen, ehe sie nach San Diego zurückkamen. Lexi würde nach ihrer schweren Verletzung hier weiter behandelt werden, aber Joe wollte sich dann wieder dem Training stellen. Insgeheim hatte Sean gehofft, dass alle in zwei Wochen zusammen trainieren konnten. Aber die Fortschritte, die Lexi machte, waren längst nicht so groß, wie er erhofft hatte.
»Zwei Wochen sind noch ´ne lange Zeit.« Im Geiste ging er bereits das Trainingsprogramm der nächsten Wochen durch und ihm wurde klar, was Harry alles verpassen würde. Er malte sich aus, wie es um dessen Kondition bestellt sein würde, und richtete sich bereits auf viele Stunden ein, in denen er Harry antreiben müsste, um das Beste aus ihm herauszuholen.
»Captain Harrison, können Sie vielleicht jetzt mal ein paar Stunden nicht an die Arbeit denken?« John lachte auf und Sean war klar, dass man an seinem Gesichtsausdruck und der Art, wie er die letzten Worte betont hatte, hören und sehen konnte, dass seine Gedanken bereits wieder beim Training waren. Es fiel ihm schwer, seine Arbeit hintanzustellen. Sein Job war sein Ein und Alles, und er konnte sich nicht vorstellen, was er machen sollte, wenn man ihm diese Grundlage, aus welchen Gründen auch immer, nehmen würde. Auch konnte er nicht mit Cayden, seinem Bruder, mitfühlen, der in seinem neuen Leben ohne das Team total aufzugehen schien.
»Ja, Mann«, murrend nahm er einen weiteren Schluck aus der Bierdose. »Ich zieh mir eben noch was anderes an.«
»Hast du deine eigene Dusche eigentlich schon mal benutzt?«, fragend hob John eine Augenbraue.
Sean wusste, auf was sein Kollege anspielte. Er verbrachte weit mehr Zeit auf der Base, als alle anderen. Nach getaner Arbeit nahm er sich die Zeit, dort zu duschen, und teilweise nutzte er sogar die Waschmaschinen der Base, um den Sand aus seinen Sachen zu waschen. Er aß in der Messe und verbrachte oft seine Freizeit in den Gemeinschaftsräumen. Vielleicht hätte er sich dieses Haus gar nicht mieten sollen.
»Ja«, gab er als Antwort, in der Hoffnung so weiteren Anspielungen aus dem Weg gehen zu können. Aber der Blick seines Kollegen, der ihn von der Seite traf, ließ ihn daran zweifeln, dass er mit diesem Manöver weiteren Sticheleien aus dem Weg gehen könnte.
»Was würdest du heute Abend machen, wenn wir nicht in die Bar gehen würden?«
Johns Frage klang so, wie Sean sich vorwurfsvolle Worte einer Frau vorstellte, die sich nicht damit abfinden konnte, dass er so in seiner Arbeit aufging. Sollte er John sagen, dass er ferngesehen und neue Trainingspläne ausgearbeitet hätte.
»Du solltest deine Freizeit echt mal für dich nutzen.«
»Du hörst dich an, wie …« Er stockte. Er hatte keinen passenden Vergleich. Genau das hatte er in den letzten Monaten schon von vielen gehört.
»Genau so. Trink aus, zieh dir irgendwas an, wo nicht SEAL draufsteht und dann lass uns fahren. Und lass am besten den SEAL, der im Shirt steckt, auch direkt hier und sei einfach mal nur Sean.«
Mit den Gedanken bei einer Zeit, in der er an den Abenden noch regelmäßig ausgegangen war, saß er wenig später neben John im Wagen. Er konnte sich an Partys erinnern, die oft mit einer Handgreiflichkeit geendet hatten. Auch wusste er noch, wie Paul ihn angesehen hatte, als er es mit seinen Brüdern übertrieben und Paul einem Barbesitzer hatte erklären müssen, dass die Navy nicht für Schäden aufkam, die Soldaten verursacht hatten. Damals war er noch kein Captain gewesen. Heute trug er die Verantwortung, wenn auch geteilt mit John. Heute konnte er es sich nicht mehr erlauben, mit irgendwelchen Eskapaden aufzufallen.

2.

Emelie starrte ihren Drink an und ärgerte sich darüber, dass die Auswahl an Männern heute nicht berauschend war. Es gab zwar einige Gruppen von Soldaten, die sich lautstark unterhielten und die ihr immer wieder eindeutige Blicke schenkten, aber es war keiner dabei, der ihr gefallen könnte. Vielleicht war sie auch einfach nicht in der richtigen Stimmung, oder ihre Ansprüche waren an diesem Abend zu hoch.
»Hi.« Ein Mann in weißer Uniform tauchte neben ihr auf und sie rollte unbewusst mit den Augen. Sah sie so aus, als würde sie auf Männer stehen, die in Uniform in eine Bar kamen? Die anderen trugen wenigsten keine Uniform. Emelie hatte es ihren Gesprächen entnommen, wo sie herkamen und was sie taten. Und das war ebenfalls etwas, was sie nicht leiden konnte. Wenn die Männer sich mit dem brüsteten, was sie taten oder den ganzen Abend nur von ihrer Arbeit sprachen.
»Hi.« Sie wollte nicht unfreundlich wirken und dachte kurz darüber nach, mit dem jungen Mann, der höchstens zwanzig war, länger zu sprechen. Ob der Mann noch etwas zu ihr sagte, wusste sie Sekunden später nicht mehr, da sie im Augenwinkel zwei Männer registrierte, die gerade die Bar betraten. Der eine war klein und zierlich, sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Der andere war groß und durchtrainiert. An eben diesem blieb ihr Blick kleben. Er machte nicht den Eindruck, als wäre er begeistert, den Abend hier zu verbringen. Sein Blick wanderte suchend durch den Raum und blieb auf einer Gruppe liegen, die sie ebenfalls schon bemerkt hatte. Sie konnte selbst auf die Entfernung sehen, wie er schwer durchatmete und etwas zu dem Mann sagte, der mit ihm eingetreten war. Dieser schüttelte den Kopf und zog ihn Richtung Bar.
In ihre Richtung.
Sie konnte spüren, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte, und war nicht in der Lage, ihn aus den Augen zu lassen. Jetzt wusste sie, nach welchem Typ Mann sie heute Abend suchte.
»Darf ich dich auf einen Drink einladen?« Das der junge Mann neben ihr sie ansprach, hörte sie zwar, war aber immer noch vollkommen auf den Mann fixiert, der nun am anderen Ende des Tresens auf einem Hocker Platz nahm. »Hey, ich hab dich was gefragt.« Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und riss sie so endgültig von dem durchtrainierten Mann los, der sie noch keines Blickes gewürdigt hatte. Dabei sah er wirklich verboten gut aus. Sie musste irgendwie auf sich aufmerksam machen.
»Ähm, gerne.« Sie richtete ihre Konzentration kurz auf den uniformierten Mann.
»Toby.« Er reichte ihr mit einem strahlenden Lächeln die Hand.
»Emelie«, ergriff sie seine Hand. Sie hätte ablehnen sollen, dann hätte sie Zeit, um mit dem Mann zu flirten, der nun gelangweilt vor sich hinstarrte.
»Freut mich. Wo kommst du her?«
Sie rollte mit den Augen. Es waren immer die gleichen Fragen. Sobald geklärt war, wo sie herkam, würde er nach ihrem Alter und Beruf fragen. Warum konnte ein Gespräch nicht einmal anders beginnen? Wahrscheinlich, weil sie selbst keine Ahnung hatte, wie es beginnen sollte.
»Wo komme ich wohl her. New York natürlich. Ich wollte unbedingt mal in diese Bar und bin deswegen hergekommen«, rutschte es ihr bissig heraus, was bei ihrem Gegenüber für große Augen sorgte.
»Ähm …« Er schien nach den passenden Antworten zu suchen.
»Da fällt dir wohl nichts mehr ein.« Grinsend wandte sie sich ihrem Glas zu.
»Wenn du keinen Bock hast mit mir zu reden, dann sag es doch.« Toby erhob sich.
»Ich habe keinen Bock mit dir zu reden«, säuselte sie ihm zu und war froh, als der junge Marine kopfschüttelnd verschwand.
Es dauerte jedoch keine zehn Minuten, bis der nächste Typ bei ihr auftauchte. Dieser war durchaus attraktiv und eine echte Alternative zu dem, der sich, an der Theke sitzend, immer noch nicht großartig bewegt hatte. Seine blonden Haare trug er kurzrasiert und seine Augen faszinierten sie sofort. Das eine Auge strahlte sie in einem wunderschönen Grün an, das andere war dunkelbraun. Er war etwas größer als sie und sein neugieriger Blick ließ sie lächeln.
»Hi.« Sie ergriff die Initiative.
»Hi, darf ich dich auf einen Drink einladen?« Er lächelte sie an und sie stöhnte innerlich bei seinen Worten bereits auf.
»Gerne.«
»Whisky oder Bier? Oder etwas ganz anderes?«
Sie grübelte einen Moment, ehe sie sich für ein Bier entschied, welches ihr von dem Mann auch bestellt wurde.
»Hast du auch einen Namen?« Forschend sah er sie an.
Er sah wirklich gut aus. Immer wieder musterte sie ihn intensiv, was er zu bemerken schien, da sein Blick ebenso interessiert an ihr hängen blieb.
»Vielleicht, vielleicht auch nicht.« Es interessierte sie, wie er auf ihre Antwort reagieren würde.
»Okay, Vielleicht, magst du mich nach dort drüben begleiten? Da ist es ruhiger.« Er deutete mit dem Kopf auf eine kleine Sitzecke. Eine gepolsterte Bank bot Pärchen einen ruhigen Rückzugsort. Emelie war dazu geneigt zuzusagen. Schließlich wusste sie nicht, ob der andere Mann überhaupt Interesse an ihr zeigen würde. Sein Gesichtsausdruck ließ mehr auf einen beschissenen Arbeitstag schließen, nach dem er sich nur mit Whisky und Bier anfreunden würde. Beim Blick zur Seite fiel ihr der nach oben gestreckte Daumen des Mannes auf, der sie einladen wollte und sie warf einen Blick über die Schulter, wo sie Männer sah, die sich in dem Moment von ihr abwandten, als sie ihren Blick bemerkten. Auch über das Gesicht ihres Gegenübers wanderte kurz ein seltsames Grinsen. In ihr keimte ein Verdacht auf. Sollte sie Gegenstand einer Wette geworden sein? Ging es darum, wer sie als Erstes rumbekommen würde?
»Ich sitze hier sehr gut.« Auch wenn er noch so ansehnlich war, sie wollte nicht der Preis für einen Wettbewerb sein, auch wenn es sicher bei einer Nacht bleiben würde.
»Ach Quatsch, komm her.« Er griff nach ihrem Handgelenk und wollte sie vom Barhocker zerren.
»Nimm die Finger von der Frau, Terence!«
Emelie zuckte zusammen, als sie die tiefe Stimme vernahm, die dafür sorgte, dass der Mann seinen Griff erschrocken löste.
»Captain.« Er nickte dem Mann zu, der ihr ins Auge gefallen war, als er die Bar betreten hatte. Es benötigte nur eine Kopfbewegung des Captains und Terence verabschiedete sich freundlich, aber mit deutlichem Unmut in der Stimme. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich darüber freuen sollte, dass er weg war und sie nicht in der Nacht wie eine Jagdtrophäe von einem zum anderen gereicht werden würde. Auch das hätte sicher seine Reize gehabt. Dann hätte sie noch einige Männer kennengelernt und wäre vielleicht mit einem im Bett gelandet. Der Mann, den Terence mit Captain angesprochen hatte, stand nun mit steifer Miene vor ihr.
»Entschuldigen Sie bitte das Verhalten von Mister Blatter.« Er lächelte sie gekünstelt an, drehte sich um und verschwand zu seinem Begleiter, der ihr ebenfalls ein knappes Lächeln schenkte.
Verwundert sah sie ihm nach. Keine Einladung auf einen Drink als Entschuldigung? Einen Schluck Bier nehmend lag ihr Blick immer noch auf dem breiten Rücken des Captains, der sich ihr nicht mal vorgestellt hatte. Da wäre ihr Terence doch weit lieber gewesen. Wenn sie nun Pech hätte, würde sie heute Abend niemand mehr ansprechen, und wenn sie die Initiative ergriff, könnte es sein, dass die Blicke nicht ihr, sondern dem Captain galten, da die anwesenden Männer ihm ergeben zu sein schienen.
Vielleicht sollte sie ihn einfach ansprechen. Nachdenklich musterte sie den Mann mit den breiten Schultern, der ihr den Rücken zugedreht hatte.

3.

»Du wirst beobachtet«, raunte John ihm zu.
»Die werd ich Montag …« Innerlich fragte er sich, ob die Männer aus seinem Team Frauen gegenüber immer so ruppig waren.
»Nein, nicht die Jungs«, unterbrach John ihn, ehe er seinen Arbeitsplan für die kommende Woche aussprechen konnte. Und doch blieb er dabei, dass das Verhalten von Terence Konsequenzen haben würde. Hatte man ihnen kein Respekt gegenüber Frauen beigebracht? War das einer der Punkte, die Mike ihm gegenüber nie erwähnt hatte? War da tatsächlich noch mehr als nur Autorennen, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Schlägereien und all die anderen Verfehlungen? Hatte er Männer im Team, die Frauen gegenüber handgreiflich wurden? Allein der Gedanke sorgte dafür, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Einen solchen Mann hatten sie schon einmal im Team gehabt und er legte keinerlei Wert darauf, solche Vorfälle nochmals zu erleben. Er würde noch am folgenden Tag Mike Lutrell anrufen und seine Gedanken äußern. Schließlich war der Commander bei der ersten Eskalation mit einem Teammitglied live dabei gewesen und Sean war sich sicher, dass Mike ein solches Verhalten nie dulden würde.
»Hinter dir«, flüsterte John ihm zu und stöhnte im nächsten Moment auf, als er sich umdrehte. »Auffälliger geht es doch nicht, oder?«
»Sind wir hier im Einsatz oder was?«, fuhr er seinen Kollegen an. Sein Blick blieb auf der Frau liegen, die er eben gerade von Terence, der nun mit hängenden Schultern bei dem Rest der Gruppe stand, befreit hatte. John atmete hörbar aus.
»Ich lad die Jungs auf ein Bier ein. Was du machst, ist mir egal.« John verschwand, ehe Sean etwas erwidern konnte. Schnaubend griff Sean nach seinem Whiskyglas und nahm einen kleinen Schluck.
»Entschuldigung?«
Verwundert sah er zur Seite und entdeckte die Frau, die ihn vor wenigen Minuten interessiert gemustert hatte.
»Ja?« Was könnte sie wollen? Er ließ seinen Blick über ihren Körper wandern und blieb an ihren rehbraunen Augen hängen. Es war ein warmes Hellbraun, in dem sich die Lampe hinter ihm spiegelte. Ein wunderschönes Braun.
»Ich wollte mich bedanken.« Ein schüchternes Lächeln umspielte ihre Lippen und lenkte so seine Aufmerksamkeit von ihren Augen auf ihre vollen Lippen. Blinzelnd zwang er sich zur Ordnung.
»Sie müssen sich nicht bedanken, das war selbstverständlich.« Wieder war er voll und ganz auf ihr Gesicht konzentriert, wo sich kleine Grübchen an den Mundwinkeln bildeten. Sie war hübsch - sehr hübsch. Ihre schwarzen Haare rahmten ihr makelloses Gesicht ein und das Strahlen in ihren Augen fesselte ihn auf ein neues.
»Darf ich Sie auf einen Whisky einladen, Captain …« Sie geriet ins Stocken.
»Harrison, aber lassen Sie das Captain weg, das höre ich oft genug am Tag. Sean.« Er nickte ihr knapp zu. Innerlich stöhnte er auf und ärgerte sich über sich selbst, dass er sich so von ihrem Aussehen beeinflussen ließ. Wäre es nicht seine Aufgabe gewesen, sie auf einen Drink einzuladen? Erst recht, wenn sich einer seine Männer ihr gegenüber so wüst verhalten hatte?

Endlich reichte er ihr die Hand, und dass er nicht mit Captain angesprochen werden wollte, freute sie. Seine Hand war groß - nein - sie war so riesig, dass ihre darin verloren wirkte. Aber sie war warm. Eine angenehme Wärme, die sich in ihrer Handfläche verteilte und tief in ihrem Inneren ein Kribbeln verursachte. Von dieser Wärme wollte sie mehr spüren.
»Emelie.« Verflucht, klang sie gerade wirklich heiser? Sie räusperte sich. »Und? Darf ich dich einladen?«
»Gerne.«
Zwanzig Minuten später war sie mit Sean in ein Gespräch vertieft, welches zu ihrem eigenen Erstaunen weder etwas mit ihrer, noch mit seiner Arbeit zu tun hatte. Sie philosophierten über die charakterlichen Eigenschaften eines Mannes, der mit dem Kopf auf dem Tresen neben ihnen lag und nichts mehr von dem mitbekam, was sie sagten. Es wunderte sie, dass Sean ihr noch nicht gesagt hatte, wie toll er als Soldat war, ebenso war sie über sich erstaunt, dass sie ihm noch keinen Vortrag über die aktuelle Jugend gehalten hatte.
Der Wunsch, den Abend mit ihm gemeinsam ausklingen zu lassen wuchs. Aber auch wenn er noch so interessant war, mehr als eine Nacht konnte und wollte sie sich nicht vorstellen. Zum einen, weil er ein Soldat war, zum anderen, weil sie keine Lust auf mehr hatte. Und was noch schwerwiegender war, tief in ihr drin spürte sie, dass sie sich nicht näher mit ihm beschäftigen sollte, auch wenn irgendwo, in einer anderen Ecke ihres Körpers, etwas war, dass genau das von ihr verlangte. Emelie zwang sich, diese leise Stimme zu ignorieren. Sie hatte kein Bedürfnis danach, jeden Tag in die Wohnung zu kommen, wo jemand war, der auf sie wartete. Sie wollte alleine leben. Dann konnte sie kommen und gehen, wann sie wollte.
Ihre Angst davor, sich für alles rechtfertigen zu müssen war riesig. Für die fünf Minuten Verspätung, für lange Telefonate, für die Blicke, die sie gut gebauten Männern gerne nachwarf. Darauf hatte sie keine Lust. Eine Nacht an einer Brust wie seiner zu schlafen, war alles, worauf sie Lust hatte. Nächstes Wochenende würde sich wieder ein anderer interessanter Mann finden. So war es schon eine lange Zeit und sie genoss ihre Freiheit und die wechselnden Partner.
Vorsichtig rutschte sie mit ihrem Barhocker näher an ihn heran. Es fühlte sich gut an, als er seinen Arm langsam um ihre Taille legte.
»Noch einen Whisky?« Seans tiefe Stimme klang so unglaublich sanft. Sie lehnte sich an ihn und nickte ihm zu. Am liebsten würde sie sich immer an ihn lehnen. Innerlich knurrte sie die Stimme an, die mehr als nur eine Nacht von Sean wollte.
»Aber nur den einen, sonst schaffe ich den Weg nach Hause nicht mehr.«
»Dann nehmen wir zusammen ein Taxi.« Ein unwiderstehliches Lächeln umspielte seine Lippen.
Emelie schloss die Augen, als seine Hand über ihren Rücken streichelte. Es fühlte sich verboten gut an.