Leseproben

1.

Mit einem langgezogenen Seufzen ließ Sean sich nach hinten in seinen Bürostuhl fallen. Sein Blick wanderte von der Personalakte, die er angestarrt hatte, zur Decke, wo er einen Wasserfleck entdeckte. Warum hatten sie bloß so miserable Büros? Und warum zum Geier hatten sie als Einzige auf der ganzen Base Büros ohne Klimaanlage? Er fühlte sich, als würde er eine drittklassige Einheit von Soldaten führen. Dabei gehörte die IATF zu den Eliteeinheiten, da musste doch wenigstens eine Klimaanlage drin sein, oder besser noch ein Büro mit großen Fenstern, viel Tageslicht und mehr Frischluftzufuhr.
Seit Tagen saß er am Schreibtisch und fühlte sich, als hätte er die Hellweek zweimal hintereinander durchgestanden. Dabei hatte er nichts getan. Er hatte nur hier gesessen, Papiere ausgefüllt und unterschrieben, dutzende Male von einer zur anderen Seite geräumt und den Bildschirm des PCs angestarrt. Und jede dieser Arbeiten hatte zur Folge, dass weitere Papiere auf seinem Schreibtisch landeten. Ein Teufelskreis.
Seit den Morgenstunden war er sich endgültig sicher: Er würde nie durch eine Kugel sterben, sondern einem Berg Akten zum Opfer fallen, die ihn in den Herztod treiben würden. Abgesehen von ihm und John war der Rest des Teams beim Training und er hatte keine Ahnung, ob Bear und Rod dieses so leiteten, wie er es sich vorstellte. Immer wieder hatte er mit dem Gedanken gespielt kurz das Büro, welches er inzwischen als Verlies bezeichnete, zu verlassen, um nach dem Rechten zu sehen, aber spätestens, wenn er am Büro von Liv und Joyce vorbeikam, verwarf er diesen Gedanken wieder.
Die beiden Frauen sahen ihn jedes Mal mit Blicken an, die ihn töten sollten. Die Agentinnen waren noch weit schlechter gelaunt als er, und er hatte keine Lust, ihre Launen nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren. Denn dann würde er den Rest seines Lebens zwischen diesen beschissenen Papierbergen verbringen, weil sie ihre Arbeit hinschmeißen und er alles alleine erledigen müsste. Dieses Risiko war ihm zu hoch, deswegen blieb er in seinem Büro und bemühte sich, dem Papierberg Herr zu werden.
Sean fuhr sich mit der Hand durch die Haare und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Personalakte. Die Akten der neuen Teammitglieder waren eine Katastrophe epischen Ausmaßes. Ständig führte er Telefonate, und wenn er der Meinung war, dass er ein Problem gelöst hatte, tauchte ein neues Stück Papier mit weiteren Problemen auf. Es schien ein Fass ohne Boden zu sein.
Sean war stinksauer auf Mike Lutrell, dabei hatte er ihn und seine Arbeit noch vor kurzem sehr geschätzt. Der ehemalige Commander hatte es sich mit seinem Rescue-Team einfach gemacht. Mike wusste um die Verfahren, die gegen seine Teammitglieder anstanden, und hatte jedes Mal, wenn es wieder eng wurde, nur ein Schreiben aufgesetzt, in dem er erklärte, dass der Beschuldigte nicht in der Lage war, Stellung zu beziehen, da er sich in einem Einsatz befand, der von ganz oben abgesegnet war. Und dass durch ein mögliches Verfahren eine wichtige Mission in Gefahr geraten könnte. So waren alle bisher ihren Strafen entgangen.
Es war Sean immer noch ein Rätsel, wie Mike mit dieser Vorgehensweise über all die Jahre immer wieder Erfolg gehabt hatte. Er konnte sich nicht wie Mike aus der Affäre ziehen, indem er Einsätze vorschob. Es gab im Moment keine und so lief er Gefahr, dass die neuen Teammitglieder schnell aus dem Dienst ausscheiden würden. Gemeinsam mit Liv, Joyce und Rafael versuchte er seit Tagen, die Westen der neuen Teammitglieder wieder reinzuwaschen. Auch wenn er mit einigen noch lange nicht zufrieden war, wollte er sie auf keinen Fall verlieren. Er wollte Pauls Erbe als Captain vernünftig weiterführen und dazu gehörte auch, niemanden rauszuwerfen, nur weil die Vergangenheit es vielleicht forderte. Schließlich hatte Paul seinem Bruder ebenfalls eine Chance eingeräumt, obwohl Nathan noch heute mit Flashbacks zu kämpfen hatte und seine Akte unschöne Dinge verbarg.
»Sean?«
Er zuckte zusammen und öffnete kurz die Augen, die er irgendwann während seiner Gedankengänge geschlossen hatte, als er die Stimme vernahm. Er wusste, wer dort in der Tür stand und wollte das müde Gesicht von John nicht sehen. Wieder erlangte der Wasserfleck seine Aufmerksamkeit.
»Hm?« Ihm war klar, dass John auch weitersprechen würde, wenn er nichts sagte. Er wollte nicht wissen, was sein Kollege zu sagen hatte. Aber er würde es trotzdem gleich erfahren, auch wenn er sich noch so sehr etwas anderes wünschte. Genau wie er alles andere auch immer haarklein erfuhr. Seit er Captain war, gab es kaum etwas, was er nicht mitbekam oder was ihn nicht über Umwege erreichte.
»Schau dir das bitte mal an.«
Sean löste seinen Blick nicht von der Decke. Er wollte nicht sehen, was John ihm zeigen wollte. Er konnte hören, wie John den Raum betrat, näherkam und laut ausatmend vor dem Schreibtisch stehenblieb.
»Muss ich?« Das Kind in ihm wollte die Augen einfach wieder schließen, in der Hoffnung, dass er so nicht sehen würde, was John ihm mit einem lauten Klatschen auf den Tisch warf.
»Ja.« Johns Stimme hatte einen dringlichen Unterton und Sean wurde klar, dass es nichts bringen würde, sich das, was auch immer es war, erst später anzusehen. Er musste sich jetzt dem Feind stellen. Auch wenn der Feind nur aus Druckerschwärze und Papier bestand.
»Eigentlich sollten wir jemanden für diesen Mist einstellen.« Während er sprach, richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Ordner, den John auf den Tisch geworfen hatte. Der Ordner war Sean bekannt und einer der wenigen, in denen er keine Probleme gefunden hatte. Verwirrt schlug er das Deckblatt zur Seite und ließ seine Aufmerksamkeit über eine ausgedruckte E-Mail schweifen, die den Briefkopf der deutschen Polizei trug. Das Einzige, was er in einem Geschwafel aus hohlen Phrasen las, waren die Worte Disziplinarverfahren und Ausreise verweigert. Fassungslos stieß er die angehaltene Luft aus und sah zu John auf, der einen genervten Gesichtsausdruck an den Tag legte.
»Ich dachte …« Sean fuhr sich mit beiden Händen über den Kopf. Nein, er hatte nicht gedacht. Er war felsenfest davon ausgegangen, dass Dennis Falk in der nächsten Woche in San Diego ankommen würde und er ihn in das Team integrieren könnte. Sie hatten viele Stunden investiert, um ihn vorzeitig aus seinem Arbeitsvertrag zu lösen und eine Greencard zu besorgen. Es hatte viele Nerven gekostet, den Verteidigungsminister davon zu überzeugen, dass sie einen weiteren Mann benötigten und keinen vernünftigen finden könnten, der bereits eine Ausbildung bei der USA Army durchlaufen hatte. Der Minister hatte eine Weile darauf bestanden, dass sie ausgebildete Soldaten suchen sollten, um das Team aufzustocken. Erst als sie ihm dargelegt hatten, dass Yvonne ebenfalls nur eine Ausbildung bei der deutschen Polizei hinter sich gebracht und sich bestens in das Team eingegliedert hatte, hatte er grünes Licht gegeben und Fäden gezogen, die sie bis zu dem Zeitpunkt selber nicht hatten ziehen können. Dennis wies eine hervorragende Ausbildung auf und Yvonne war sich sicher, dass er sich perfekt in das immer weiter wachsende Team integrieren würde. Und Sean hatte sich gefreut ein Teammitglied zu bekommen, welches keine dicke Akte voller Probleme mitbrachte. Außerdem kam die Empfehlung von Yvonne und er traute seiner Kollegin durchaus zu, dass sie mit ihrem Wunsch, Dennis ins Team zu holen, alles richtig machen würden. Sean begann sich die Schläfen zu massieren, um die aufkommenden Kopfschmerzen zu lindern, als er die Zeilen immer und immer wieder las.
»Da.« Plötzlich lag Johns Finger weit unten auf dem Dokument und Sean schob die Hand seines Kollegen zur Seite, um lesen zu können, was John für so wichtig erachtete.
Die Mail war unter anderem von Polizeihauptkommissar Axel Beutgen unterzeichnet. »Ich will ja nicht sagen, dass der Typ ein Problem mit uns hat …« John sprach nicht weiter, als er die Hände hinter dem Rücken verschränkte.
»Wenn das kein Problem ist, dann weiß ich auch nicht.« Sean sank in seinen Stuhl nach hinten. Das war einfach zu viel für ihn. Hundert BUDs Anwärter waren kein Problem. Die konnte er anschreien und niedermachen, wenn sie nicht so funktionierten, wie er es sich vorstellte, aber dieser gottverdammte Papierkrieg machte ihn mürbe. Kein Wunder, dass Paul im letzten Jahr so schnell gealtert war.
»Mann, das war ironisch gemeint.«
John ließ sich stöhnend in den Stuhl fallen, der vor dem Schreibtisch stand. »Was machen wir jetzt?«
Sean strich sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augenlider, um anschließend nochmals die Zeilen der ausgedruckten E-Mail zu lesen. Ihm entging nicht, dass John ihn interessiert beobachtete. Gegen Dennis sollte ein Verfahren wegen versuchter Tötung eröffnet werden. Und zwar über ein Jahr nach einem Vorfall, der eigentlich bereits als erledigt galt. Dennis neuer Vorgesetzter hatte Sean versichert, dass es wegen eben diesem Vorfall, in dem Dennis in einer Notsituation nicht den Täter, sondern ein Opfer getroffen hatte, keine Probleme geben würde. Aber wie es schien, entsprach das nicht den Tatsachen, oder, was wahrscheinlicher war, Axel Beutgen wollte ihnen ein weiteres Mal Steine in den Weg legen. Bereits als Yvonne in das Team gekommen war, hatte Beutgen Paul das Leben schwer gemacht. Nun war Sean derjenige, der sich mit dem garstigen Deutschen auseinandersetzen musste. Alle waren davon ausgegangen, dass es keine Probleme wegen dieses Vorfalls geben würde, der zwar für alle schrecklich gewesen war, sich aber auch nicht rückgängig machen ließ. Manchmal geschahen einfach Dinge, die niemand beeinflussen oder ändern konnte, das war nicht nur in ihrem Job so.
»Ganz ehrlich?« Sean hob den Blick. Er hatte keine Lust mehr darauf, die Arbeit von Leuten machen zu müssen, die sich normalerweise jeden Tag mit so etwas auseinandersetzen mussten. Andere Stellen hatten extra Juristen und ausgebildetes Personal, das in solchen Fällen einsprang. Aber bei der IATF musste er diesen Mist gemeinsam mit John, Liv, Joyce und hin und wieder auch Rafael erledigen, die sich zusätzlich auch mit wichtigen Dingen, wie dem Auffinden von Terroristen, beschäftigen mussten.
John nickte ihm zu und wartete auf eine Antwort, aber die konnte Sean ihm nicht geben.
»Ich hab keine Ahnung.« Er sah in die Ecke seines Büros, wo eine kleine Uhr in einem Regal stand. Noch drei Stunden, ehe er heimfahren konnte. Aber wenn er dieses Problem nicht gelöst bekam, würde er hier morgen wieder sitzen und sich darüber Gedanken machen müssen. Dabei hatte er vorgehabt, mit dem Rest des Teams zu trainieren, um endlich keine lästige Papierarbeit mehr machen zu müssen.
»Sean, oh …«
Er rollte mit den Augen, als er die Stimme seines Bruders vernahm, der in der Tür stand und aussah, als wolle er gleich flüchten. Wahrscheinlich war das die einzig richtige Reaktion in diesem Moment. Noch mehr Probleme und er würde explodieren. In den letzten Tagen war Nathans Auftauchen immer mit Problemen verbunden gewesen.
»Ne, komm, nicht du auch noch«, schnaubte Sean.
Seit Tagen war Nathans afghanischer Freund Derrin eines der größten Probleme, die Sean zu bewältigen hatte.
»Ich wollte dir nur sagen, dass Derrin entlassen wurde und nun eine Unterkunft braucht. Vorläufig darf er bleiben, aber ich denke, da kommt noch viel Papierkram auf uns zu. Und Joyce lässt dir ausrichten …«
»Dass sie nicht für jeden Mist zuständig ist, der ihr im Moment auf den Schreibtisch fällt. Und dass sie zurück nach Langley geht, wenn das so weiter geht. Ja, ich weiß. Als ob ich Lust auf diesen Mist habe. Und nun will dein Afghane auch noch ´nen Platz zum Schlafen. Um was soll ich mich denn noch alles kümmern?«, fiel Sean Nathan ins Wort, beendete den Satz, den sein Bruder angefangen hatte, und ließ seinem Frust freien Lauf. »Such ihm irgendein billiges Motel, von mir aus kauf ihm ´n Zelt und stell es an irgendeine Brücke.« Ihm war klar geworden, dass er Nathans Frage noch nicht beantwortet hatte.
»Wer zahlt das Motel?« Nathan stieß sich vom Türrahmen ab und ignorierte Seans bissigen Kommentar bezüglich des Zeltes.
»Frag Rafael, aber lass mich mit dem Scheiß in Ruhe«, blaffte Sean seinen Bruder an. Zum Glück kannte der ihn so gut, dass er kommentarlos verschwand. Sean war klar, wie wichtig Derrin für sie war, aber Sean war gerade nicht in der Lage, sich jetzt auch noch Gedanken darüber machen zu müssen, wo der Afghane nun übernachten sollte. Er hatte gerade für diese Frage keinen Platz mehr in seinem Kopf. Ein Satz mehr hätte ihn zur Explosion gebracht.
Joe, der neu im Team war, hatte erst vor wenigen Tagen die Erfahrung machen müssen, was passierte, wenn man dem Captain im falschen Moment eine Frage zu viel stellte. Sean hatte ihn angebrüllt und aus dem Büro gejagt. Und das nur, weil Joe Fragen bezüglich des Trainingsplans gehabt hatte. Eine unter anderen Umständen völlig belanglose Angelegenheit. Aber das machte klar, wie gereizt er im Augenblick war.
Dieses im Büro sitzen machte ihn wahnsinnig und er zweifelte in einigen Momenten bereits an seiner eigenen Zurechnungsfähigkeit. Bis zu dem Moment, in dem John in das Büro gekommen war, hatte Sean tatsächlich gedacht, dass es endlich ein Ende nehmen würde und er morgen am Strand trainieren könnte. Aber nein, da kam ein billiger MEK-Chef daher und machte ihm einen Strich durch die Rechnung, nur weil das Team vor Jahren eine gute Schützin des MEK abgeworben hatte.
»Weißt du was?« Sean beugte sich nach vorne und John sah ihn interessiert an.
»Nein?« In der Stimme seines Kollegen war nun die Skepsis nicht mehr zu überhören.
»Wir fliegen nach Arlington.«
»Bitte?« John starrte ihn mit großen Augen ungläubig an. »Was willst du da?«
»Wir werden direkt mit Scott Mattis sprechen.«
»Du spinnst. Du kannst ihn auch anrufen. Glaubst du, man bekommt mal eben schnell ´nen Termin beim Verteidigungsminister, wenn man da auf der Matte steht? Du hast zu viel Druckerstaub inhaliert.« John schüttelte energisch den Kopf.
»Willst du mich verarschen? Anrufen? Du weißt genau, dass wir das seit Monaten versuchen und immer wieder von irgendeiner Vorzimmerdame vertröstet werden. Die Arbeit hier wird immer mehr, und wenn es so weiter geht, sind wir bald nicht mehr in der Lage, überhaupt einen Einsatz zu bestreiten, weil wir nur mit diesem Scheiß …« Sean griff sich eine Mappe und wedelte demonstrativ damit herum, »… beschäftigt sind.« Er warf den Ordner zurück auf den Schreibtisch. »Außerdem bin ich nicht wie Paul per Du mit Mattis und bekomme alles, was ich per Fax anfordere. Und du kennst ihn auch nur aus dem Fernsehen, oder?« Sean holte tief Luft, um seinen Puls zu beruhigen, der in den letzten zwei Minuten in die Höhe geschossen war. »Das wird sich jetzt ändern.«
»Das ist …«
»Unkonventionell, ja. Aber wenn der Papierscheiß nicht bald endet und sich hier was ändert, kommen wir hier nie wieder raus.« Sean fiel John ins Wort und deutete mit einer ausladenden Geste auf sein Büro.
»Blödsinn, das ist der normale Bürokratenwahnsinn und keine Verschwörung.« John schnaubte amüsiert.
»Du hast es erfasst. Ich bin SEAL und kein Bürokrat oder Sesselhengst«, fuhr er seinen Kollegen wütend an, der nur mit den Schultern zuckte.
»Komm mal runter, meinst du nicht, dass das übertrieben ist?«
»Nein, ich habe es satt. Ich mache seit Tagen nichts anderes mehr, und nun komm mir nicht damit, dass das zum Job gehört. Ein bisschen Büroarbeit sehe ich ja noch ein, aber der ganze andere Mist wird bei der Navy von extra Angestellten gemacht, und das weißt du auch. Wir werden keinen Einsatz mehr bekommen, weil wir nur noch mit irgendwelchem Mist zu tun haben, der gar nicht zu unserem Job gehört.« Sean stieß die Luft aus. John nickte vorsichtig. Sean war klar, dass auch sein Kollege wusste, dass seit Pauls Abschied etwas schieflief. Man hatte ihnen zugesagt, dass ihnen mehr Personal für Büroarbeiten zugeteilt werden sollte. Allerdings verschob sich dieser Termin von Monat zu Monat.
»Dann lass uns schauen, ob wir was erreichen können.« John erhob sich nur Sekunden vor ihm.
»Danke.« Er war froh, dass John ihm nicht widersprach und auch keinen anderen Weg sah, als direkt beim Minister Druck zu machen. Sie eilten aus dem Büro und stürmten in das von Joyce und Liv, wo sie auch Rafael entdeckten.
»Was ist denn mit euch los? Hab ich was verpasst?« Er hielt eine Tasse Kaffee in der Hand und sah sie verwundert an. Der NCIS-Agent versorgte sie regelmäßig mit Informationen zu neuen Terrorzellen und hatte im Moment den Auftrag, mehr über die geplanten Anschläge herauszufinden, über die Derrin sie informiert hatte. Allerdings hatten sie bisher nur erfahren, dass es welche geben sollte. Mehr Details waren bisher noch nicht bekannt.
»Wir fliegen nach Arlington«, verkündete Sean.
»Arlington?« Rafael hob irritiert eine Augenbraue.
»Mann, Washington DC … da wo das Pentagon steht … da wo unser Boss arbeitet.« Sean rollte mit den Augen, als er Rafael erklärte, wo man das Pentagon fand.
»Was wollt ihr denn da?« Liv musterte ihn.
»Mit Mattis sprechen«, erklärte John trocken.
»Bitte?« Rafael prustete Kaffee über den Schreibtisch und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. Kurz lag sein Blick auf den braunen Spritzern, die sich auf dem ganzen Schreibtisch verteilt hatten, ehe er wieder zu ihnen sah. »Was wollt ihr von dem?«
»Joyce, buch zwei Tickets nach Arlington.« Sean ging nicht auf Rafaels Frage ein.
»Ist das euer Ernst?« Die dunkelhaarige Frau ließ ihren Blick zwischen ihm und John hin- und herwandern. Sie schien zu erwarten, dass John etwas anderes sagte.
»Ja.« John nickte und Joyce stieß irritiert den Atem aus.
Keine zehn Minuten später saß Sean in seiner Stingray. Neben ihm John, der schweratmend auf die Uhr sah. Sie hatten es gerade noch geschafft, ihre Uniformen anzuziehen, ein paar Wechselsachen aus ihren Käfigen zu holen und in ihre Rucksäcke zu stecken, die auf dem Rücksitz lagen. Zwar waren die Kleidungstücke nicht unbedingt dazu geeignet, sich unauffällig in einer Großstadt zu bewegen, aber in den Uniformen würden sie vielleicht im Pentagon die Aufmerksamkeit bekommen, die sie benötigten, um bei Mattis Gehör zu finden. Sie rasten über den Highway und Sean bezweifelte, dass sie ihren Flieger noch erreichen würden. Joyce hatte, während sie die Tickets gebucht hatte, mehrfach versucht, ihn von seinem Plan abzubringen, was sie wertvolle Zeit gekostet hatte. Aber Sean würde sich nicht aufhalten lassen. Die IATF war eine Einheit, die genauso im Ausland wie im Inland Einsätze hatte und nicht eine, die am PC gegen irgendwelche Paragraphen kämpfte. Ein Schild über dem Highway, das die Ausfahrt zum Flughafen markierte, machte ihm klar, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte.
Er hatte Emelie noch nicht angerufen, um ihr zu sagen, dass er diese Nacht nicht daheim verbringen würde.
»Was machen wir, wenn er nicht da ist oder keine Zeit hat?« John sah ihn von der Seite an und sprach damit aus, was seine Kollegen in der Base bereits mehrfach zu bedenken gegeben hatten.
»Dann bleiben wir, bis er wieder da ist«, knurrte Sean.
»Du weißt schon, dass du dich gerade ein bisschen wie ein kleines Kind verhältst, oder?« John lachte auf.
»Das ist mir egal. Es kann nicht sein, dass es so weiterlaufen soll. Du weißt genau, was ich meine.«
»Ich weiß. Aber vielleicht sollten wir uns wirklich erst anmelden«, gab John zu bedenken.
Sean strich sich durch die Haare, als er den Wagen auf den Parkplatz des Flughafens lenkte. John mochte recht haben, aber Sean hegte die Befürchtung, dass es sich mit dem Versuch, einen Termin zu bekommen, wie mit einem Besuch im Baumarkt verhalten würde. Es würde sich niemand zuständig fühlen.
Sie waren nur ein kleines Licht unter vielen. Er wollte mit Scott Mattis unter vier Augen sprechen. Und das nicht erst in einem Monat. Er würde so lange bleiben, bis der Verteidigungsminister sich Zeit für ihn nahm.

 

2.

Um den Schlaf zu vertreiben, strich Nathan sich über das Gesicht. Seit Wochen lag eine permanente, bleierne Müdigkeit auf ihm, die einfach nicht verschwinden wollte. Er legte die Hände auf das Lenkrad seines Fords und bettete seinen Kopf darauf. Einen Moment schloss er die Augen, aber als der Schlaf nach ihm greifen wollte, öffnete er sie wieder. Hier und jetzt war keine Zeit zu schlafen. Sein Blick wanderte auf das große Bürogebäude, vor dem er nun schon seit zwei Stunden stand und darauf wartete, dass Derrin endlich herauskam.
In den letzten zwei Wochen hatte er kaum etwas anderes gemacht, als Derrin zu Behördengängen zu begleiten und ihm bei den Unmengen an Befragungen beizustehen, die die CIA durchgeführt hatte. Als er Sean heute im Büro gesehen hatte, war ihm klar geworden, dass auch Sean in den letzten Wochen nur am Schreibtisch gesessen hatte. In ihnen beiden tobte eine gewaltige Unruhe. Irgendwie hatten sie kaum das gemacht, wofür sie bezahlt wurden. Das Training wurde im Moment ohne die Captains der IATF geführt und auch er war kaum bei den anderen gewesen.
Nathan war sich im Klaren darüber, dass er eine Teilschuld an der schlechten Laune seines Bruders trug. Er hatte ihn vor dem Auffinden seines afghanischen Freundes mehrfach am Tag belästigt. Immer wieder hatte er sich bei Sean nach dem Ermittlungsstand erkundigt.
Der Brief, den Derrin ihm geschickt hatte und der ihn nur über viele Umwege erreicht hatte, hatte nicht nur bei ihm Kopfschmerzen und Sorgen verursacht. Allerdings hatten sie nur mit dem Brief nichts beweisen oder erreichen können. Es waren einfach nur Worte auf einem Stück Papier, deren Wahrheitsgehalt unklar gewesen war. Erst als Derrin plötzlich in Washington am Flughafen festgenommen wurde, kam Bewegung in die Sache. Im Brief hatte der Afghane von vielen weltweit geplanten Anschlägen gesprochen, nur wo und wie diese stattfinden sollten, hatte er nicht erwähnt. Bis zu Derrins Auftauchen hatte niemand viel Wert auf den Inhalt des Briefes gelegt. Derrin hatte in dem Papier nur dringlichst um Hilfe gebeten. Ihnen war die Zeit davon gelaufen. Da sie keinerlei Anhaltspunkte gehabt hatten, hatten sie auch nicht gewusst, wo sie Derrin suchen sollten, um mehr Informationen zu bekommen. Selbst als er endlich in den USA war, hatte es erneut Tage gedauert, bis Nathan gemeinsam mit Rafael, Liv und Joyce zu Derrin gekonnt hatte. Vorher war es die CIA gewesen, die Derrin in stundenlangen Verhören zu seiner Herkunft und seinem Auftrag ausgefragt hatte. Derrin war ein gesuchter Terrorverdächtiger. In Deutschland hatte er außerdem zwei Polizisten angeschossen, so war es klar gewesen, dass man ihn irgendwann fassen würde. Nathan wusste nicht mehr, wie oft er Sean damit genervt hatte, dass jederzeit irgendwo eine Bombe hochgehen könnte und das nur, weil sie keine Informationen bekamen, da diese bei irgendwelchen Menschen auf dem Schreibtisch lagen, die sie nach ihrem Wahrheitsgehalt untersuchen sollten. Nathan war sich von Anfang an sicher gewesen, dass Derrin sie nicht belog. Wieso musste man also etliche Wochen damit verbringen, Aussagen zu überprüfen?
Das Klingeln seines Mobiltelefons riss ihn aus seinen Gedanken und vertrieb seine Müdigkeit, als er die Nummer sah, die ihm eingeblendet wurde. Es war Harper. Sie rief ihn sonst fast nie an, wenn er auf der Arbeit war. Außerdem sollte sie in einem kleinen Imbiss sein, wo sie in der Küche aushalf.
»Hey Süße, was ist los?« Er lauschte in die Stille am anderen Ende der Leitung. »Harper?« Sollte sie versehentlich die Tastensperre gelöst haben und sprach er nun mit ihrer Hosentasche? »Harper?«
»Wann kommst du?«
Ihre bebende Stimme brannte sich in seine Brust. Er kannte diese Tonlage und es schmerzte ihn immer wieder, die unterschwellige Angst zu hören.
»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass ich hier bald wegkann.« Nathan konnte hören, wie Harper auf etwas herumklopfte. »Wie lange bist du schon zu Hause?«
»Ich bin nur kurz auf der Arbeit gewesen ich …« Sie stockte.
»Ist okay, was ist passiert?«
Harper litt mal wieder seit Wochen unter schlimmen Schlafstörungen und Depressionen. Zusätzlich machten ihr Flashbacks zu schaffen. In einigen Nächten verließ sie leise das Schlafzimmer und verbrachte die Nacht vor dem TV, um nicht schlafen zu müssen. In anderen waren die Albträume so brutal, dass sie schreiend aus dem Schlaf schreckte und Nathan die halbe Nacht benötigte, um zu ihr durchzudringen. Er hatte sich bereits angewöhnt, einfach weiterzuschlafen, wenn seine Müdigkeit nichts anderes zuließ, da sie sich in diesen Momenten einfach nicht helfen lassen wollte. Durch ihre und seine eigenen Albträume, die wieder da waren, seit Derrin aufgetaucht war, fehlte ihm Schlaf. Sein Schlafmangel sorgte dafür, dass auch seine Vergangenheit mit dunklen Schatten erbarmungslos nach ihm griff, die er nur schwer kontrollieren konnte.
»Da war ein Typ, der genauso aussah wie der aus dem Camp.« Ihre Worte waren nur ein leises Wimmern. Nathan musste sich ein Aufstöhnen verkneifen. Nicht weil er ihr nicht glaubte, dass sie ständig Menschen sah, die ihr schreckliche Dinge angetan hatten, sondern weil es an seinen Nerven zerrte, sie leiden zu sehen. Wenn sie sich doch nur endlich helfen lassen würde. In letzter Zeit fiel es ihr immer schwerer, die Realität von den Träumen zu trennen. Sie sah ständig Menschen, die wie die aussahen, die ihr in Guatemala Drogen verabreicht, sie zusammengeschlagen und vergewaltigt hatten. Ihr Chef war zum Glück ein herzensguter Mensch, der immer Rücksicht auf ihre Probleme nahm und ihr auch mal ein oder zwei freie Tage extra einräumte. Bei ihm arbeiteten neben Harper noch drei andere traumatisierte Mitarbeiter und er war bekannt dafür, dass es ihm über kurz oder lang gelang, diese Menschen wieder an eine normale Arbeit zu gewöhnen. Nathan hatte einige Male mit ihm gesprochen, er war zwar positiv gestimmt, konnte aber nicht leugnen, dass Harper eine Therapie benötigte. Aber im Moment war Nathan ihre Therapie und er spürte, wie diese Belastung ihn zermürbte. Er war selber ein gebranntes Kind und sollte nun auch noch Harper Halt bieten, wo er selber dabei war, seinen mühsam errichteten Halt wieder zu verlieren.
»Nath?« Harper riss ihn aus seinen Gedanken »Wann?«
Er atmete tief durch und dachte einen Moment nach. »Pass auf, ich sammel noch kurz jemanden ein und dann kommen wir vorbei. Und du machst bis dahin einen Kaffee, ja?« Eigentlich hätte er Derrin direkt zum Hotel bringen wollen, aber dann würde es weitaus länger dauern, bis er bei Harper sein konnte.
»Okay, wie lange dauert es, bis du da bist?« Sie schien sich langsam wieder zu beruhigen, da ihre Stimme fester wurde.
»Kann ich nicht genau sagen. Derjenige, den ich abholen soll, lässt noch auf sich warten. Sobald er da ist, brauche ich noch zwanzig, vielleicht dreißig Minuten.« Nathan starrte die Uhr seines Fords an. Er konnte nur hoffen, dass Derrin bald kam. Denn ansonsten müsste Harper noch lange auf ihn warten, und würde ihn noch mehrfach verzweifelt anrufen.
»Okay, ich mache Kaffee.«
»Danke Sweatheart. Bis gleich.« Er beendete das Gespräch, da er wusste, dass sie nicht von sich aus auflegen würde. Harper würde immer wieder etwas suchen, was sie ihm mitteilen musste. Notfalls konnte sie, am Telefon eine Ewigkeit schweigen. Sie war im Moment einfach nicht in der Lage, alleine zu sein. Das bereitete ihm Sorge. Er liebte sie und konnte sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen und doch war ihr Zusammenleben schwer geworden. Das Tal, das sie im Moment durchqueren mussten, war nicht nur dunkel und tief. Es wirkte, als würde es kein Ende nehmen und als wollte es sie mit aller Gewalt trennen. Immer öfter ertappte er sich bei der Frage, wo er nun ohne sie wäre. Wo sie ohne ihn wäre. Was würde sie machen, wenn er plötzlich in einen Einsatz müsste und Wochen, vielleicht monatelang von ihr getrennt war? Dann konnte sie ihn nicht einfach anrufen und er könnte sie in den Nächten nicht halten, wenn die Dämonen sie wieder heimsuchten. Dann wäre sie alleine. Bei den bisherigen Einsätzen war immer alles gutgegangen, aber Nathan nahm sich vor, mit Karen und Jordan zu reden. Das waren die Einzigen, denen Harper wirklich Vertrauen entgegenbrachte. Und er musste mit ihr reden. Es war an der Zeit, dass sie über dieses Szenario sprachen. Darüber, dass es passieren konnte, dass er nicht nur wenige Tage fortmusste, sondern auch mal über Monate nicht in ihrer Nähe sein konnte. Er ertappte sich dabei, einen Einsatz herbeizusehnen. Eine Zeit ohne Harper, eine Zeit, in der er nachts vielleicht mehr schlafen konnte. Es kostete ihn unglaublich viel Kraft, sie immer wieder aufzufangen. Kraft, die er kaum noch hatte, da er sich selbst am Fallen hindern musste. Denn er wollte nicht fallen, nie wieder wollte er das. Es fiel ihm immer schwerer, seine Albträume und Flashbacks zu kontrollieren. Noch war er in der Lage, die Realität von den Wahnvorstellungen zu trennen, die ihn heimsuchten, aber er wusste nicht, wie lange ihm das noch gelingen würde.
»Hey, seit wann träumen SEALs mit offenen Augen?« Derrin lehnte im offenen Fenster der Beifahrertür.
Nathan zuckte zusammen und wollte seine Pistole aus dem Holster ziehen, welches er ebenso wenig dabei hatte wie seine Waffe.
»Alter …« Nathan stieß den Atem aus »… ich hätte dich.« Erbost sah er Derrin an.
»Hast du aber nicht.« Grinsend zog Derrin die Wagentür auf und sank auf den Beifahrersitz, als wäre es selbstverständlich, dass er zwei Stunden zu spät dran war und dass Nathan so lange auf ihn gewartet hatte. Nathan rollte mit den Augen und startete den Wagen. Wenigstens eine kurze Erklärung und eine Entschuldigung hätte seiner Ansicht nach möglich sein müssen. Schließlich hatten die Beamten ihn angerufen und gesagt, das Verhör wäre beendet und Derrin könnte gehen. Dass er nun so lange hier hatte warten müssen, war nicht geplant gewesen.
»Weil du so spät bist, habe ich nun noch eine Planänderung. Wir trinken noch erst einen Kaffee und dann suche ich dir ein Motel.« Er lenkte den Wagen auf die Straße. Dass die CIA keinen Polizeischutz für Derrin stellen wollte, war ihm immer noch ein Rätsel. Nathan war sich sicher, dass die Männer, für die Derrin gearbeitet hatte, bereits auf der Suche nach dem Abtrünnigen waren. Wenn diese Männer dieselben waren, wie die, die in Deutschland im Hintergrund des Anschlags auf das Public Viewing die Fäden gezogen hatten, war Derrin keinen Moment sicher. Es könnte jederzeit von irgendwo eine Kugel auf ihn zufliegen oder man würde ihn in die Luft sprengen. Nathan war sich sicher, dass die Terroristen Derrin finden würden. Auf Dauer würde Derrin ohne Polizeischutz keine Chance haben. Aber vielleicht würden Beamte auch nur kurz abschreckend auf die Terroristen wirken. Bisher hatten diese immer einen Weg gefunden, um an ihr Ziel zu kommen und daran würden ein paar Polizeibeamte sicher nichts ändern. Diese Männer nahmen auch den Tod von vielen Unschuldigen in Kauf, nur um ihr Ziel zu erreichen. Das hatten sie mehr als einmal unter Beweis gestellt.
»Aber nur, wenn es guter Kaffee ist. Das, was ihr hier als Kaffee verkauft, hat den Namen nicht verdient. Das ist Körperverletzung.«
»Als ob du Ziegenhirte den Kaffee erfunden hättest«, stichelte Nathan zurück und erinnerte sich an die Tage, die er in Afghanistan in einem mehrgeschossigen verlassenen Gebäude verbracht hatte. Damals hatte Derrin ihn mit Essen und Getränken versorgt. Einmal hatte der junge Afghane ihm den Wunsch nach Kaffee erfüllt. Gedankenverloren strich Nathan sich mit der Zunge über die Zähne und meinte wieder, das Kaffeepulver zwischen den Zähnen zu spüren.
»Hey, ich war jung.« Derrin hob entschuldigend die Hände, er schien seine Gedanken erkannt zu haben.
»Mal unter uns. ´Ne Kalaschnikow in Rekordzeit zerlegen, aber keine Kaffeemaschine bedienen können, das ist die Jugend von heute.« Nathan lachte auf, wusste aber, wie bitter wahr diese Aussage war. Dort wo Derrin aufgewachsen war, war eben das die Realität. Sein Blick wanderte in den Rückspiegel.
»Ist was?« Derrin warf einen Blick über die Schulter und wirkte plötzlich angespannt.
»Nein. Wie hast du nur so lange überlebt? Schau nicht nach hinten, sonst kannst du doch auch gleich ´nen Schild hochhalten, wo draufsteht: Ich sehe dich«, raunte Nathan Derrin verärgert zu. Er bog rechts in eine Seitenstraße ab, obwohl geradeaus der kürzeste Weg zu Harper gewesen wäre. Er war der festen Überzeugung, dass ihm ein roter Sportwagen folgte.
»Keine Ahnung«, murrte Derrin. Im schien klargeworden zu sein, dass sein Verhalten gerade selbst für einen Terroristen nicht angemessen gewesen war. Nathan lief ein kalter Schauer über den Rücken.
Terrorist.
Nichts anderes war Derrin die letzten Jahre gewesen. Dabei hatten ihm die Tore zur Welt offengestanden. Sein Vater hatte ihm Millionen hinterlassen. Aber vielleicht lag das Böse in Derrins Blut. Bereits Nadim, Derrins Vater, hatte sein Geld mit dem Terror gemacht. Der Afghane hatte seine Millionen mit Waffen verdient. Aber Derrins Beweggründe waren völlig andere gewesen. Der junge Mann, der zusammengesunken auf dem Beifahrersitz saß, hatte sich den Terroristen nicht angeschlossen, um zu töten, sondern um Menschen zu retten. Die Gefahr, in die er sich über Jahre gebracht hatte, war ihm egal gewesen. Einen Undercoveragenten hätte man gerettet, wenn er aufgeflogen wäre. Für Derrin wäre es der sichere Tod gewesen, hätten Milazims Leute herausbekommen, dass er ein falsches Spiel spielte. Aber diese Gefahr war noch lange nicht gebannt.
Auch wenn die Terroristen Derrin aus dem kleinen Dorf in Afghanistan vertrieben hatten, hatte er sich irgendwann dorthin zurück gewagt und hatte mit dem Geld, welches er besaß, dort helfen wollen. Nicht aus Mitleid oder wegen der Schuldgefühle, die ihn plagten, sondern weil er dort die Menschen um sich haben konnte, die ihn liebten. Doch er war zu spät gekommen. Damanis hatte die Bewohner schon auf seine Seite gezogen und Derrin war es nicht gelungen, ihnen klarzumachen, dass Damanis ein grausamer Herrscher war. Einigen, wenigen Freunden von Derrin war die Flucht gelungen, aber auch sie hatten sich von ihm abgewandt. Derrin hatte mit seinen einundzwanzig Jahren Rache geschworen. Er wollte weiteres Blutvergießen und Unrecht verhindern und hatte sich in die Höhle des Löwen begeben. Derrin hatte für Damanis und später sogar für Milazims engste Vertraute gearbeitet und getötet. Immer in der Hoffnung, dass er eines Tages einem der beiden Männer gegenüberstehen würde und so die Chance bekommen würde, sie zu töten. Allerdings war es schwer geworden, unter dem fanatischen Milazim zu wirken. Milazim verlangte, dass seine Untergebenen fünf Mal am Tag beteten. Wer sich nicht an seine und Allahs Regeln hielt, wurde getötet.
Nathan schüttelte sich bei dem Gedanken an Milazim. Was sie in den letzten Tagen über den gebildeten Mann erfahren hatten, machte allen Angst. Die Hoffnung, dass durch Damanis Tod die Terrororganisation zusammenbrach, war geplatzt. Aus der kurzen Stille, die geherrscht hatte, war ein grausamer Schatten entstanden, der gezielt und brutal zuschlagen konnte. Und zwar in einer Stärke und Grausamkeit, die sie so noch nicht erlebt hatten. Sie hatten noch keinen Überblick über das, was der studierte Physiker aufgebaut hatte. Was Derrin ihnen aber sicher mitgeteilt hatte, war, dass es jederzeit Anschläge geben konnte. Dazu waren die Attentäter nicht mehr wie so oft Männer, die direkt aus den Reihen der Terroristen kamen. Es konnte jeder sein. Jeder, der sich von Milazims Weltanschauung angesprochen fühlte. Es war vollkommen egal, welcher Nationalität man angehörte, wenn man bereit war für Allah zu sterben, war man willkommen.
Dazu waren die Sprengstoffwesten für sie völlig neu und für Metalldetektoren nicht auffindbar. Die Opfer würden nicht mehr durch Metallsplitter, Schrauben und Muttern getötet, sondern durch Keramikkügelchen, die in normal wirkende Kleidung eingearbeitet wurden und bei einer Detonation weit tödlicher und grausamer waren, als Metallteile. Die passenden Zünder konnte sich jeder selbst bauen, und zwar mit günstigsten Mitteln. Noch, so hofften sie alle, waren die Westen nicht im Umlauf, aber genau das sollte sich nach Derrins Aussage sehr bald ändern. Das jedoch wollte Nathan mit seinen Kollegen verhindern.
Schon jetzt fiel Milazim mit Truppen in Dörfer und sogar in Städte ein. Es gelang ihm, die örtliche Polizei auszuschalten oder auf seine Seite zu ziehen, und in kürzester Zeit ganze Landstriche ins tiefste Mittelalter zurückzuversetzen. Jeder, der sich nicht an die Gesetze hielt, die Milazim entworfen hatte, wurde hingerichtet. Öffentlich und gerne auch medienwirksam.
»Hey, müssen wir hier aussteigen?« Derrin riss ihn aus seinen Gedanken.
Er stand tatsächlich vor seinem Haus und hatte keine Ahnung, wie er dort hingekommen war. Die letzten Kilometer hatte er auf nichts mehr geachtet, zumindest konnte er sich an nichts erinnern. Das kleine weiße Holzhaus mit den grauen Fenstern und dem gepflegten Garten war seit einigen Monaten sein neues Heim.
»Ähm, ja.« Er nickte und bemühte sich, das Gefühl loszuwerden, das tonnenschwer auf ihm lag und eine Wut entfachen wollte, für die er kein Ventil hatte.
»Schön hast du es hier«, murmelte Derrin geistesabwesend. Nathan fiel auf, wie der Blick seines Freundes über Haus und Garten wanderte. Der Garten war Harpers Reich. Hier war sie in der Lage die dunklen Schatten zu verdrängen, die ihr das Leben schwer machten.
»Danke. Warte kurz, ich will erst mit meiner Freundin sprechen.« Auch wenn er Besuch angekündigt hatte, wollte er Derrin nicht sofort mit ins Haus nehmen. Alleine das Erscheinungsbild des Afghanen könnte Harper wieder in die Vergangenheit befördern und genau das wollte Nathan verhindern. Sein Bart war ungepflegt und überhaupt wirkte Derrin, als hätte man ihn über Wochen in einer Höhle gefangengehalten. Derrin nickte nur stumm und Nathan konnte sehen, wie es hinter der Fassade seines alten Freundes arbeitete. Es war nicht zu übersehen, dass auch Derrin sich nach einem Ort wie diesem sehnte. Nach einem Zuhause, an dem er sicher war. Nathan hatte sich geschworen, alles in seiner Macht stehende zu tun, um Derrin diesen unausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. Schließlich hatte der Mann, den er nun im Auto zurückließ, ihm vor Jahren das Leben gerettet. Ohne ihn würde er nicht hier stehen. Ohne ihn hätte er den Weg in das Team nicht gehen können, er hätte Harper nicht wiedergefunden und er hätte kein Zuhause mehr. Vielleicht wäre er schon seit Jahren nicht mehr am Leben. Nun musste er das Leben von Derrin retten. Nun gut – er schüttelte den Kopf – retten vielleicht nicht, aber er musste es in geregelte Bahnen lenken.
An der Haustür angekommen steckte er leise den Schlüssel in das Schloss und schob die Tür auf.
»Hey Sweatheart, ich bin wieder da.« Ebenso leise, wie er sie geöffnet hatte, schloss er die Tür wieder und lauschte. Es war absolut still. Ein ungutes Gefühl griff nach ihm. Er warf nur einen flüchtigen Blick in das kleine Wohnzimmer, eilte dann Richtung Bad, wo er die angelehnte Tür aufriss und scharf die Luft ausstieß, die er bis hierhin angehalten hatte. Die Tür des kleinen Spiegelschrankes stand offen und sein Herz stolperte in einem unruhigen Takt weiter, als er hineinsah. Er benötigte nur wenige Sekunden, um zu sehen, dass eine Medikamentendose fehlte. Kopfschüttelnd und mit rasendem Herz rannte er aus dem Bad, um die Ecke in das Schlafzimmer und erstarrte noch in der Tür. Harper lag im Bett und hatte sich die Bettdecke bis unter die Nase gezogen. Unbewusst hielt er den Atem an und starrte auf das Bett.
War er zu spät?
Erstarrt beobachtete er Harper und sah, wie sie unter der Decke gleichmäßig atmete. Nathan zwang sich, ruhig zu bleiben. Auf dem Nachttisch stand die vermisste Medikamentendose. Mit zitternder Hand und Schlimmes befürchtend drehte er den Deckel ab.
»Musst du mich so erschrecken?« Leise murmelte er die Worte, als er den Inhalt betrachtete. Die Dose war nicht mehr voll, aber das war sie am Morgen auch nicht gewesen. Seit Wochen kontrollierte er den Inhalt jeder Medikamentendose, ehe er das Haus verließ, weil er Angst vor einem Moment wie diesem hatte. Nur dass er befürchtete, dass eben die Dosen dann leer sein würden und er einem Notarzt erklären musste, wie viel Tabletten wovon sie genommen hatte. Ihm war klar, dass sie dringend Hilfe benötigte, nur war er nicht gewillt, sie mit Gewalt zu einer Therapie zu zwingen. Noch nicht. Nur wann wäre der Punkt erreicht, in dem es für sie und auch ihn keine andere Möglichkeit mehr gab?
In letzter Zeit hatte er das Gefühl, dass immer mehr der Menschen, die ihm viel bedeuteten, in eine Abhängigkeit schlingerten, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Sein Bruder hatte sich zwar im Moment von seinen Schmerztabletten getrennt, aber Nathan war sich nicht sicher, wie lange dieser Zustand anhalten würde. Vielleicht stürzte Cayden sich in eine andere Sucht.
Harper würden vielleicht Antidepressiva helfen. Er hielt seine Dämonen mit ihnen in Schach, spürte aber, wie die Dämonen immer stärker oder die Tabletten immer schwächer wurden. Harper jedoch meinte, dass eben diese Tabletten ihr nicht helfen würden und so schluckte sie Schlaftabletten, die er mied. Auch wenn sie so abends schneller in den Schlaf fand als er, wurde sie in der Nacht von Träumen heimgesucht, die sie in den Wahnsinn trieben. Und am Tage sah sie in jedem dritten Mann, der etwas dunkelhäutiger war als andere und dazu dunkle Haare hatte, einen ihrer Peiniger, was für ausgeprägte Panikattacken sorgte.
Leise wandte er sich um, warf aber nochmals einen Blick über die Schulter. Jetzt in diesem Moment wirkte sie so friedlich und war wunderschön. Jetzt war sie wieder die Frau, in die er sich verliebt hatte und die er so schmerzlich vermisste, auch wenn sie jeden Tag bei ihm war. Er verließ das Schlafzimmer, auch wenn er sich zu gerne zu ihr gelegt hätte. Er benötigte dringend einige Stunden Schlaf. Schlaf ohne seine Dämonen, und ohne dass die ihren seine Ruhe beendeten. Aber das gab es seit Wochen nicht mehr.
Als er dieses Mal an seinem Wagen ankam, war es Derrin, der panisch zusammenzuckte, als er an die Scheibe klopfte.
»Komm rein, sie schäft.« Ihm fiel auf, wie müde er klang, als Derrin ausgestiegen war und er den Wagen abschloss.
»Du hättest sie aber nicht wegen mir ins Bett bringen müssen. Ich fresse keine Frauen.« Neckisch grinste Derrin ihn an. Nathan war jedoch nicht in der Lage, entsprechend auf diese Anspielung zu reagieren. Derrin würde nie im Leben einer Frau Leid antun, das wusste er, aber sein Wortspiel sorgte dafür, dass sich sein Magen verkrampfte.
»Komiker«, murrte er schließlich, als er neben Derrin an der Haustür stand und seinen alten Freund zur Seite schob, um die Tür wieder zu öffnen. Sie bemühten sich, keine Geräusche zu verursachen, als sie in das Haus traten. Beinahe, als würde in einem Raum ein Baby liegen und schlafen. Nathan konnte sehen, wie Derrin alles um sich herum genau betrachtete. Er meinte, einen Funken Neid zu erkennen, als Derrin fast andächtig mit einer Hand über die Couch strich, ehe er auf dem weichen Polster Platz nahm und den Fernseher musterte.
»Als ob ein Kleiner nicht reicht.«
Es war nur ein leises Flüstern von Derrin, aber Nathan hatte es gehört.
»Vielleicht hätte er das.« Nathan hielt seine Stimme leise, aber nicht um Harper nicht zu wecken, sondern weil ihm auch schon an anderen Tagen klar geworden war, dass er nicht durch teure Gegenstände den Wert seines Lebens festsetzen sollte.
Wenig später saß er mit einer Dose Bier in der Hand auf seiner Couch und beobachtete Derrin, der einen Teebeutel aus seiner Tasse zog.
»Das ist nicht wie daheim. Daran werde ich mich nie gewöhnen.« Derrin ließ das tropfende Etwas zurück in die Tasse fallen. »Wie geht es nun weiter?«
»Wir warten noch eine Stunde, dann wecke ich Harper und suche dir im Anschluss eine passende Unterkunft für die nächsten Tage.« Nathan nahm einen großen Schluck aus der Dose. Das kalte Bier tat gut. Es hinderte ihn am Schlafen und, was noch wichtiger war, am Denken.
»Sie sind immer noch da oder?« Derrin rührte mit einem Löffel in seiner Tasse.
»Wer?« Irritiert legte Nathan den Kopf zur Seite und musterte Derrin, der ihn eindringlich ansah.
»Die Dämonen.«
Nathans Herz krampfte schmerzhaft zusammen.
»Man kann es dir ansehen, Nathan Harrison. Vielleicht hast du sie eine Weile bezwungen, aber jetzt sind sie wieder da.« Derrin rührte, mit leisen klirrenden Geräuschen, weiter in der Tasse.
Nathan atmete tief durch und schloss nickend die Augen. Er hatte keine Ahnung, warum er es ausgerechnet Derrin gegenüber zugab. Syrell hatte ihn bereits mehrfach darauf angesprochen und bisher hatte er immer geleugnet. Auch Yvonnes bohrenden Blicken hatte er standgehalten, oder es sich zumindest eingeredet. Oft hatte er befürchtet, sie würde tief in seine Seele kriechen und dort all das freilassen, was ihm den Schlaf raubte, nur um ihm zu zeigen, dass er Hilfe benötigte.
»Wer ist sie eigentlich?« Derrin wechselte so schnell das Thema, das Nathan einen Moment benötigte, um ihm folgen zu können, da er im Geiste bei Yvonnes stechendem Blick war.
»Ich habe sie vor Shanes Tod kennengelernt, dann haben wir uns lange aus den Augen verloren und vor kurzem wiedergefunden«, fasste er seine Beziehung zu Harper knapp zusammen und ließ dabei die tragischen Umstände absichtlich aus.
»Nathan?«
»Hm?« Nathan sah von seinem Bier auf und traf auf den Blick von Derrin. Er war dem von Yvonne ähnlich. Bohrend und Antworten fordernd musterte Derrin ihn.
»Da ist noch mehr. Warum bist du erst rein und wolltest ihr Bescheid geben, wenn sie dich doch angerufen hat? Warum wirkst du so angespannt?« Derrin hatte ein Auge zugekniffen, was seinen durchdringenden Blick noch verstärkte. Nathan seufzte. Ihm war klar, dass Derrin so lange Fragen stellen würde, bis er alles wusste, was ihn interessierte und da Derrin ihm in den letzten Tagen sein Leben offengelegt hatte, hielt Nathan es nur für gerecht, nun auch von dem zu erzählen, was bei ihm in den letzten Monaten passiert war. Und so sprach er das aus, was er nur selten erzählte.
Alle in seiner näheren Umgebung kannten seine und Harpers Geschichte, sie wussten um die grausamen Geschehnisse, die sowohl ihn als auch sie geprägt hatten. Und doch wurden gerade Harper immer wieder mitleidige Blicke zuteil. Nathan war sich sicher, dass ihr niemand diese Blicke bewusst zuwarf. Sie taten es einfach so und wahrscheinlich auch, ohne dass sie es bemerkten. Aber dadurch fühlte Harper sich oft unwohl in ihrer Haut. Er sprach mit Derrin offen über die Nächte an ihrer Seite und seine Angst, dass sie in die Sucht abgleiten und er sie nicht halten könnte. Aber er bemerkte, wie oft er Derrin gegenüber versicherte, wie sehr er sie liebte. Er erzählte von dem Moment, in dem er sich in die Frau verliebt hatte, die eine so feste Meinung von SEALs gehabt hatte, dass es ihm schwergefallen war, sie überhaupt zu einem Tanz zu überreden. »Sie war nicht mal im Ansatz davon beeindruckt, dass ich SEAL war. Alle anderen haben sich immer die Finger nach uns geleckt. Sie hat nur die Nase gerümpft und behauptet, ich würde mich für besonders wichtig halten.« Lächelnd dachte er an ihre erste Begegnung zurück.
»Nathan, die Frau, in die du dich verliebt hast, gibt es nicht mehr.« Derrin unterbrach ihn in seiner Schwärmerei »Sie hat sich verändert. Das Leben hat euch beide verändert«, fügte er schnell hinzu. »Ich will nicht sagen, dass du sie nicht lieben kannst, aber was du liebst, ist die Vergangenheit.« Derrins Blick lag forschend auf ihm und schien seine Reaktion abzuschätzen, um schnell mit weiteren Worten kontern zu können. Nathan holte Luft und wollte etwas erwidern. Aber ihm war klar, dass viel Wahrheit in den Worten seines zweiundzwanzigjährigen Freundes lag. Wie konnte es sein, dass er, obwohl sie sich Jahre nicht gesehen hatten, ihn schon durchschaut hatte. Dass er Dinge aussprach, die allen anderen wohl schon lange auf der Zunge lagen, die aber niemand auszusprechen wagte. Die Worte trafen ihn hart. Es waren nicht nur Worte, es war die Realität. Wie konnte es sein, dass dieser Jungspund, der von weit hergekommen war, um ihn zu finden und ihn um Hilfe zu bitten, nun innerhalb weniger Stunden sein Liebesleben bis in die letzte Ecke analysierte. Und dabei die Wahrheiten aussprach, vor denen er die Augen geschlossen hatte.
»Du kannst sie trotzdem lieben, aber gerade klammerst du dich an die Vergangenheit.« Wieder klirrte der Löffel in der Tasse, in der Derrin gelangweilt rührte.