Leseproben

Vengeance 1

Loss of Riccardo

 

1

»Kannst du mal warten? Da hinten könnten wir bestimmt auch einen Wagen bekommen. Miguel verflucht, musst du immer ...«
»Ich bitte dich, es ist doch völlig egal. Die Karren hier sind Schrott, die Karren da sind auch Schrott, die hier ist weiß, die da ist blau. Wo ist da der Unterschied?«
Endlich blieb Riccardos Bruder stehen und drehte sich zu ihm um.
»Die Weiße ist 15 Jahre alt, der Blaue wird erst seit 7 Jahren gebaut. Lass uns da fragen.« Riccardo hasste den Dickkopf seines Bruders. Mussten sie unbedingt den alten Toyota nehmen? Seit ein paar Tagen zweifelte er bereits an der Idee seines Bruders, mit dem Auto von Kabul ins Pitaw Wildlife Reservat zu fahren, von wo sie weiter in den Hindukusch reisen wollten. Am Reservat gab es eine Gegend, die Ähnlichkeiten mit dem Grand Canyon hatte. Nur waren die Felsen dort nicht rot, sondern grau und das Wasser teilweise azurblau. Und das Wichtigste war, noch hatte der Krieg diese Ecke des Landes nicht erreicht. Was man von Kabul, wo sie sich gerade befanden, nicht sagen konnte. Es gab immer wieder Stellen, an denen Kugeln in den Hauswänden steckten. Zerborstene Fensterscheiben und Stellen, an denen die Straßen durch Sprengsätze zerstört waren. Außerdem gab es ständig irgendwelche Kontrollen auf den Straßen. Wenn Riccardo genauer über ihr Vorhaben nachdachte, war es ein Wunder, dass sie noch am Leben waren. Er war gespannt, wie lange es noch dauern würde, bis sie, dass erste Mal zwischen die Fronten kommen würden. Aber Riccardo traute sich nicht, seinem Bruder zu sagen, dass ihn Zweifel an ihrer Reise plagten. Sie hatten dass alles doch zu zweit geplant und der Krieg war auch nicht in dem Moment ausgebrochen, in dem sie hier angekommen waren. Die Auseinandersetzungen tobten schon viel länger und sie hatten sich vorgenommen sich davon nicht abschrecken zu lassen. Sie hatten jeden Ort gemeinsam ausgesucht, den sie besuchen wollten und hatten Monate mit der Planung und noch länger damit verbracht, dass Geld anzusparen, was sie benötigten.
Sie hatten diesen Trip zusammen geplant und nun musste er sich damit abfinden ein Auto mitzunehmen, welches keinen Luxus bot und bei dem er damit rechnete, dass sie liegen bleiben würden. Miguel war derjenige von ihnen, der mehr Ahnung von Autos hatte und wenn sein Bruder sagte, dass sie den alten Toyota nehmen sollten, dann würde er das notgedrungen mitverantworten.
»Riccardo der Wagen kostet nur die Hälfte.«
Sein Bruder wollte ihm unüberhörbar das alte verrostete Model schmackhaft machen.
»Und wird doppelt so teuer, wenn wir liegen bleiben.« Er fiel seinem Bruder ins Wort.
»Ach so und die Kiste da hat dir zugeflüstert, dass sie das nicht macht oder was?«, erwiderte Miguel ihm leicht gereizt.
Riccardo schnaubte. Es war schon ein Wunder, dass sie hier überhaupt jemanden gefunden hatten, der ihnen einen Wagen vermieten wollte. Warum musste sein Bruder nun aus einem Model bestehen, von dem sicher weltweit nur noch fünf unterwegs waren? Und dass auch nur, weil diese fünf aus irgendwelchen Gründen wahrscheinlich länger als alle anderen irgendwo bei einem Autohändler gestanden hatten. Sie waren doch hier um das Land und die Leute kennen zulernen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie der Krieg ein Land verändert hatte. Sie hatten jegliche Reisewarnungen ignoriert. Und wenn sein Bruder seinen Dickkopf nun durchsetzten würde, wäre das erste Problem, dass sich ihnen stellen würde, ein defekter Wagen und nicht wie er befürchtet hatte ein Kugelhagel.
Grinsend erinnerte er sich an das Gesicht der Dame am Check in Schalter des Flughafens in Istanbul. Sie waren aus Venedig angekommen und wollten nach Kabul weiterreisen. Die Dame hatte ihre Pässe genau angesehen und sie anschließend gefragt, ob sie geschäftlich nach Kabul reisen würden. Als Riccardo und Miguel es verneint hatten, waren ihre Augen riesengroß geworden. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand in Afghanistan Urlaub machen wollte. Aber genau das hatten sie vor. Und zwar nicht in irgendeinem der wenigen Hotels, die noch ansatzweise sicher waren. Sie wollten mit dem Auto von Kabul ins Bande Pitaw Reservat und von dort weiter Richtung Hindukusch. Sie wollten das Land sehen, von dem viel Negatives im TV berichtet wurde. Vielleicht hatte man in wenigen Jahren bereits vieles von dem zerstört, was sie sehen wollten. Oder es wäre gar nicht mehr möglich, in dieses Land zu reisen. Sie wollten sich dieses Land mit eigenen Augen ansehen, und da es keine wirklichen Reiseangebote gab, die sie in die Gegenden bringen würde, wollten sie mit dem Auto auf Tour gehen. E
Aber um mit dem Auto reisen zu können, mussten sie erstmal eins haben und genau das war gerade das Problem. Riccardo atmete durch. Vielleicht hatte sein Bruder recht. Der alte Wagen hatte sicher schon hunderttausend Kilometer hier zurückgelegt. Warum sollte er bei weiteren Tausend auseinanderfallen? Der Neuere der beiden, hatte eine Klimaanlage und viel Elektronik, die, wenn sie irgendwo im nirgendwo ausfiel, nicht mal eben repariert werden konnte. Überhaupt konnte man diese neumodischen Kisten ja nur mit einem Diagnosegerät und einem PC reparieren. Er zweifelte daran, dass man eben diese Geräte irgendwo am Straßenrand bei einer Werkstatt fand. An dem älteren Model konnten sie das meiste noch selbst reparieren.
»Okay, nehmen wir die weiße Kiste«, stöhnend willigte er ein und konnte Miguels gewinnendes Lächeln sehen. »Bleibt der liegen schiebst du ihn«, fügte er leiser hinzu, war sich aber sicher, dass Miguel ihn nicht gehört hatte, da er bereits in ein Gespräch mit dem Händler vertieft war. In Italien wäre der Wagen ein Fall für den Schrotthändler. Und selbst da müsste man noch draufzahlen, um ihn loszuwerden.
Eine halbe Stunde später hatten sie sich den Wagen nicht geliehen, sondern für einen Spottpreis gekauft, da es teurer gewesen wäre, den Wagen zu leihen.
»So lass uns fahren.« Miguels Hände lagen auf dem Lenkrad und er sah ihn grinsend an.
»Ja, es sei, du willst schieben«, feixte Riccardo zurück. Sie hatten Wasserreserven und Lebensmittel auf dem Rücksitz und im Kofferraum deponiert und ihre Route bereits mehrfach geplant. Ihr erster Weg würde sie nun in ein Naturschutzgebiet weiter nördlich führen. Was genau Miguel dort wollte, wusste Riccardo nicht. Er kannte nur die Bilder des Band-e-Amir Sees. Aber diese hatten ihn fasziniert und an den Grand Canyon erinnert, der auch auf ihrer Reiseliste lag, nur nicht zu diesem Zeitpunkt. Um in die USA zu reisen, würden sie noch einige finanzielle Reserven anlegen müssen und vor allem würden zwei Wochen nicht reichen, um das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bereisen. Aber um die nötigen Reserven anzulegen, würde sie sich beide Arbeit suchen müssen, die länger als 12 Wochen bestand hatte. Miguel hatte bereits einen Plan, wie er sich weitere Reisen finanzieren wollte, Riccardo hingegen war nicht nur unschlüssig, er hatte überhaupt keinen Plan, was seine Zukunft anging. Um nicht weiter an die große unbekannte Zukunft zu denken, warf er ein Blick auf die Karte, die er bereits auswendig kannte.
Das Bande Pitaw Wildlife Refuge war ein einziger grüner Fleck auf der Karte und er war gespannt, was sie dort erwartete. Großwild gab es dort zwar nicht, aber er rechnete sich Chancen aus einen Schneeleoparden in freier Wildbahn zu sehen und er wollte mit einem kleinen geliehenen Boot auf den Band-e-Amir See hinausfahren. Das kristallklare teils türkise Wasser und die steilen Abhänge waren etwas, dass er unbedingt von Nahem sehen wollte. Als Miguel ihm die ersten Bilder gezeigt hatte, hatte er gedacht, es wären Bilder des Grand Canyons, aber da war neben dem Wasser die Farbe der Felsen, die den Unterschied ausmachten. Sie waren nicht rot, so wie die im Canyon. Sie waren grau, teils braun, wirkten aber auf den Bildern ähnlich imposant wie der Grand Canyon.
Die Straße, die sie dorthin bringen sollte, war geteert und Riccardo war positiv überrascht. Es war kein Highway, aber eine vernünftige Straße, auf der sich Autos und LKWs so begegnen konnten, dass sie nicht auf den Seitenstreifen fahren mussten. Obwohl das Land von Krieg gezeichnet war, und ihm schon am Flughafen viele Soldaten ins Auge gefallen waren, wunderte er sich über die starke Militärpräsenz. Immer wieder kamen ihnen Konvois aus schwer gepanzerten Fahrzeugen entgegen. Es waren Amerikaner, Deutsche, Franzosen und Belgier, die ihm, je weiter sie nach Nordosten vorankam, immer häufiger auffielen. Schwerbewaffnet bei Temperaturen teilweise über 40 Grad, marschierten sie an den Straßen entlang und suchten nach Sprengfallen.
»Hast du dir mal überlegt was mit uns passiert, wenn wir auf so ein Teil geraten?« Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er seinen Bruder.
»Auf der Straße hier liegen die Dinger nicht im Teer, die haben sie am Straßenrand vergraben, und wenn du einem ausweichen musst ... BÄHM.« Miguel schlug mit der Hand auf das Lenkrad des Wagens. »Dann biste in praktische Einzelteile zerlegt und kannst in einem Einmachglas heimreisen.«
»Alter, du bist widerlich.« Riccardo schüttelte sich angewidert. »Du musst da lang.« Er deutete auf eine Abzweigung. Er konnte es nicht leiden, wenn sein Bruder so leichtfertig über den Tod sprach. Gerade in Anbetracht dessen, dass sein Bruder vielleicht auch irgendwann einer der Soldaten sein würde, die hier ihr Leben riskierten.
»Tja, dann ist das mit den tollen Straßen wohl nun vorbei was?« Miguel lenkte den Wagen auf eine sandige Piste. Die Straße war kaum als solche zu erkennen aber wenn er seiner Karte und dem Schild, welches er gesehen hatte, Glauben schenken konnte, musste dies der richtige Weg sein.
»Erzähl mir nicht, dass das Hwy hier für Highway steht.« Miguel deutete auf die Karte, die er auf dem Schoß hielt. Über Wochen hatte sie versucht, ein Navigationsgerät zu finden, welches sie kein Vermögen kosten würde und doch auch die unscheinbaren Sandpisten verzeichnete. Aber keines hatte sie komplett zufrieden gestellt und so hatten sie sich für die Karte als Navi entschieden. Auch auf die Gefahr hin, dass die Elektronik versagen würde, waren sie so besser vorbereitet.
»Ich befürchte schon.« Riccardo grinste und wollte erwähnen, dass sie mit dem jüngeren Wagen vielleicht doch besser dran gewesen wären. Da der eine andere Federung gehabt hatte und sie so nicht ganz so unter den Schlaglöchern gelitten hätten.
»Kein Wort.« Miguel starrte verbissen auf die Straße.
Sein Bruder kämpfte bis in die anbrechende Dunkelheit mit den Schlaglöchern und damit dass die vermeintliche Straße teilweise wellig war wie ein Reibeisen. Ein schnelles Vorankommen war nicht möglich.
Die folgende Nacht verbrachten sie im Auto am Straßenrand, da Miguel die Augen nicht mehr offen halten konnte und Riccardo sich weigerte, die unwegsame Straße bei Nacht zu befahren. Kurz nach Sonnenuntergang entdeckte er das Positive an ihrer spontanen Übernachtung. Der Himmel war mit kleinen und großen leuchtenden Punkten übersät. Noch nie in seinem Leben hatte Riccardo so viele Sterne gesehen. Das gesamte Schwarz der Nacht war mit ihnen übersät. Sie funkelten mit dem Halbmond um die Wetter und tauchten alles in eine mystische Stimmung. Wenn der Wagen nicht gewesen wäre, hätte er daran gezweifelt, dass dieses Stück Erde je einen Menschen gesehen hatte. Es wirkte alles so friedlich und harmonisch, dass es ihm schwerfiel, nicht zu vergessen, dass hier seit Jahren ein Krieg tobte. Einer der vom Westen angezettelt worden war.
Hier herrschten schon seit Jahrhunderten andere Regeln, hier war eine Parlamentswahl nichts von Bedeutung. Die Menschen in den Städten mochten einem solchen Ereignis noch Interesse schenken aber auf dem Land, und davon gab es hier viel, war das anders. In jedem Dorf hatte der Dorfälteste das Sagen. Er war die höchste Instanz. Bei Meinungsverschiedenheiten entschied er. Wenn die Warlords einfielen, führte er die Verhandlungen. Der Dorfälteste war für die Dorfbewohner das Gesetz und niemand störte sich daran. Da konnte ein Präsident sonst welche Regeln erlassen. Diese Regeln galten in den Dörfern nicht, der Präsident kannte die Regeln der einfachen Dörfer und Siedlungen nicht. Und die Bewohner der Dörfer die Regeln des Präsidenten nicht. Das wiederum lag an der Wirtschaft und daran, dass immer wieder Staaten Hilfe versprachen, oder die Regierung um Hilfe bat, aber nie auch nur ein Dollar in neue Straßen gesteckt wurde, dass das Geld in einem Sumpf aus Kooption versickerte, ehe es dort ankam, wo es hinsollte. Wurde von Hilfsorganisationen in einem Dorf ein Brunnen gebohrt, konnte es sein, dass es zu heftigen Auseinandersetzungen kam, weil das Dorf neben an mit dem beschenkten schon seit Jahrzehnten verfeindet war. Schulen für Mädchen brachten wenig, da schnell keine Mädchen mehr kamen, wenn die Schulen nicht beschützt wurden, da es immer wieder zu Übergriffen kam, weil die Menschen hier einfach immer noch der Meinung waren, dass Mädchen nicht zur Schule gehen sollten.
Dieses Land benötigte über Jahrzehnte Hilfe, wenn man es zu dem machen wollte, was im Westen zu finden war, aber dazu waren einfach zu wenige da, die helfen konnten und wollten. Es war ein Tropfen auf den heißen Stein, der oft verdunste, ehe er den Stein überhaupt berührt hatte. Monate hatte Riccardo sich mit den Problemen Afghanistans auseinandergesetzt. Er hatte Artikel gelesen und recherchiert. Anfangs, weil er etwas über das Land erfahren wollte. Später, weil er darüber nachgedacht hatte, was dieses Land benötigte, um es zu ändern.
»Willst du eine Coke?« Miguel schreckte ihn aus seinen Gedanken und er richtete seine Aufmerksamkeit auf seinen Bruder.
»Klar.« Riccardo nahm die Cola entgegen, die Miguel ihm anbot und fragte sich insgeheim, ob sein Bruder auch irgendwann hier versuchen würde, das Land zu retten. Würde auch er sein Leben riskieren und seine Zeit opfern, um ein Land zu formen, welches nicht geformt werden wollte?
»Über was denkst du schon wieder nach?« Miguel sank neben ihm auf den sandigen harten Boden und Riccardo rollte mit den Augen.
»Nichts.« Einen Schluck aus der Dose nehmend blendete er seine Gedanken aus. Miguel war der letzte, mit dem er sie teilen konnte und wollte. Sie mochten Brüder sein, aber im Herzen waren sie unterschiedlich wie Tag und Nacht. Miguel impulsiv, er hingegen besonnen und dachte oft und viel über pro und Kontras nach, wenn er jedoch von etwas überzeugt war, gab es nichts, was ihn umstimmen konnte.
Die Nacht war kühl, und als am Morgen endlich die Sonne ihre ersten Strahlen auf sie warf, war Riccardo noch in der Lage sie zu genießen. Lange würde dieses wärmende Gefühl sicher nicht anhalten, da es in einigen Stunden brütend heiß werden würde. Er sehnte sich nach einer Dusche und hoffte, dass es irgendwo im Park die Möglichkeit gab, zu duschen oder in einem See ein Bad zu nehmen. Sie setzten ihre Fahrt noch in den frühen Morgenstunden fort. Der Wagen holperte über die unebene Fahrbahn und Riccardos Blick lag immer wieder auf den Menschen, die bei glühender Hitze selbst in den Mittagsstunden auf den Feldern arbeiteten. Sowohl die Ochsen und Pferde wie auch die Menschen schienen der Hitze zu trotzen. Hier hatte sich die Uhr in den letzten hundert Jahren viel langsamer gedreht oder war gar stehen geblieben. Traktoren, die die Felder bewirtschafteten, sah er nicht mehr, seit sie Kabul verlassen hatten. Was er hier sah, kannte er nur aus Filmen oder Museen. Die Tiere zogen von Menschenhand gelenkt einen Pflug durch ein abgeerntetes Feld. Auf anderen wurde Stroh auf einen Wagen verladen, der von Pferden gezogen wurde. Es wirkte, als wären sie in der Zeit zurückgereist.
Erst am Abend kamen sie am Naturschutzgebiet an. Die Kühlertemperatur ihres Wagens lag jenseits von Gut und Böse, aber sie hatten ihr Ziel erreicht und der Wagen somit seine Bewährungsprobe bestanden.
»Ich hab doch gesagt, der ist gut. Du kannst ruhig mal meinem Urteil vertrauen.« Miguel lachte auf und Riccardo ärgerte sich darüber, dass sein Gesichtsausdruck wahrscheinlich seine Gedanken verraten hatte. Er ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Hier gab es Gräser, Büsche und Bäume. Nur wenige Kilometer entfernt war alles trocken und sandig. Und die Karte hatte ihm verraten, dass der imposante Band-e-Amir See nur wenige Kilometer entfernt lag.
»Wir sollten da hinten rüberfahren, da haben wir Schatten und können das Zelt vernünftig aufbauen.« Miguel deutete auf eine Baumgruppe, vor der sich eine freie Fläche befand. Als er den Schlüssel herumdrehte, sprang der Wagen mit einem Scheppern an.
»Was ist das?« Verwundert sah Riccardo seinen Bruder an.
»Keine Ahnung.« Miguel trat das Gaspedal durch, im nächsten Moment erklang ein seltsames Scheppern, und ein Knallen, dann erstarb der Motor. »Scheiße.« Fluchend stieg Miguel aus dem Wagen und öffnete die Motorhaube. Das Gesicht seines Bruders verschwand hinter der Haube und Riccardo öffnete die Beifahrertür. Brütende Hitze schlug ihm entgegen und nach wenigen Sekunden stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Wie konnte es am Abend noch so heiß sein. Der Gedanke, hier mit einem defekten Wagen gestrandet zu sein, gefiel ihm nicht. Er hatte keine Ahnung, ob es in der näheren Umgebung Menschen gab, die ihnen helfen konnten. Mussten sie warten, bis jemand vorbei kam? Aber wer sollte hier schon vorbei kommen? Die Menschen hier waren sicher nicht von der Sorte, dass sie einen Wochenendtrip oder Spontanurlaub in einem Naturschutzgebiet machten. Vorsichtig lugte Riccardo um die Ecke der Motorhaube.
»Der ist trocken. Furztrocken«, brummte Miguel und hielt den Ölmessstab hoch.
»Scheiße«, entfuhr es Riccardo. Sie saßen fest. Er sah sich um.
»Was suchst du? Eine Tankstelle oder einen Abschleppdienst? Oder was? Hier ist weit und breit nichts.« Miguel schlug die Motorhaube mit Wucht zu. »Scheiß Karre.« Mit dem Fuß trat er gegen den Kühlergrill und fuhr dann ihn an. »Kein Wort.«
»Ich wollte nichts sagen«, beteuerte Riccardo, auch wenn ihm ein Kommentar auf der Zunge lag.
Stunden später hatten sie ein kleines Feuer entfacht und sich ihre Instandnahrung mit etwas Wasser aufgewärmt. Wasser würde in den nächsten Tagen ihr größtes Problem werden. Es ging zur Neige und er befürchtete, dass das Wasser des nahegelegenen Sees nicht trinkbar war. Sie mussten sich in der Morgendämmerung dringend genauer umsehen. Miguel war der Meinung, dass es in der Nähe einige Häuser geben musste, in denen unter anderen Ranger lebten, die sich um das Reservat kümmerten. Riccardo nahm einen Schluck aus seiner Cola Dose und verzog angewidert den Mund. Die Coke war nicht nur warm, sie war auch abgestanden. Dabei war Cola seit Jahren fast eines seiner Grundnahrungsmittel. Aber diese hier war absolut nicht mehr trinkbar.
»Hast du das gehört?« Miguel drehte den Kopf zur Seite.
»Nö.« Er kippte den letzten Rest der Dose in das Gras, lieber würde er verdursten als das zu trinken, was sich darin befand.
»Ich dachte gerade, ich hätte was gehört.« Miguel kratze sich am Kopf.
»Du hörst die Mücken husten.« Riccardo lachte auf und stockte nur Sekunden später. Da war tatsächlich ein Geräusch. Es war ein Motorengeräusch und es kam näher. Auch sein Bruder schien es wieder gehört zu haben und sprang auf.
»Wo hast du die Taschenlampe?« Miguel trat nervös von links nach rechts.
»Warum sollte ich die haben? Willst du nun SOS mit dem Ding funken oder was? Der Wagen fährt entweder an uns vorbei oder sie halten an und erklären uns das man hier kein Feuer machen darf«, murrte er seinen Bruder an. Was ihm ganz gelegen käme. So könnten sie wenigstens auf ihre missliche Situation aufmerksam machen.
»Mit irgendwas muss ich mich ja zur Wehr setzen«, raunte Miguel.
»Mit einer Taschenlampe?« Riccardo lachte kurz amüsiert auf und verschluckte sich an seinem Lachen, als Miguel nicht nur den Finger auf seinen Mund legte. Wollte sein Bruder ihm nun Angst machen? Auch er konnte hören, dass der Wagen immer näher kam.
»Warum tust du so, als wären das Menschen, die uns was Böses wollen? Vor einer Stunde warst du noch verzweifelt auf der Suche nach jemandem, der uns helfen kann«, raunte er seinem Bruder unsicher zu. Sollte, wer auch immer da gerade kam, etwas Böses im Schilde führen?
»Wer sollte sonst mitten in der Nacht ...«
»Es ist noch nicht mitten in der Nacht verdammt, aber ja ich weiß auf was du hinaus willst du Schwarzmaler.« Riccardo lauschte auf das Motorengeräusch. Nur Sekunden, nachdem er seinen Bruder angefahren hatte, konnte er Lichter erkennen. Sein Herz begann zu rasen. Was wenn Miguel recht hatte und um diese Zeit nur Verbrecher unterwegs waren? Sie hatten doch nichts außer der großen Taschenlampe, die Miguel wie einen Schläger vor sich hielt, ihre Rücksäcke und ein paar Thermosflaschen und Coladosen.
Nur eine knappe Minute später hielt ein alter Landrover nur wenige Meter neben ihnen an. Der Fahrer starrte grimmig über sein Lenkrad, als der Beifahrer die Tür aufstieß und Riccardo das Herz fast stehen blieb. Wenn das Ranger waren, welche Strafe stand in diesem Land auf Wildcampen und offenes Feuer?

 

 

 

Vengeance 2

Hatred

 

1

Wieder lauschte Riccardo dem Freizeichen im Telefon. Es war das gefühlt hundertste Mal, dass er die Nummer, die er auf der Visitenkarten gelesen hatte, wählte. Und wieder war es nur der Anrufbeantworter, der darum bat, eine Nachricht zu hinterlassen. Seit einer Woche versuchte er zu beinah jeder Tages- Und Nachtzeit den Mann zu erreichen, der ihm vielleicht mehr zum Tod seines Bruders sagen konnte. Aber immer wieder war es die monotone elektronische Stimme, die sich meldete. Irgendwann musste doch auch ein CIA Agent mal an sein Mobiltelefon gehen oder? Natürlich bestand auch die Möglichkeit, dass die Nummer schon lange nicht mehr zu dem Agenten gehörte, aber dann, so meinte Riccardo, würde man die Nummer doch sperren lassen oder? Er beendete das Gespräch mitten im Satz des Anrufbeantworters und zog sich seinen Laptop wieder auf den Schoß.
Seit einer Woche war er nun wieder in Padua. Die anfänglich gedrückte Stimmung war inzwischen umgeschlagen. Es herrschte Freude darüber, dass er wieder da war. Allerdings fühlte er sich alles andere als wohl. Oft stand er in den Nächten vor der Tür und starrte in den Himmel. Immer auf der Suche nach den Sternen. Aber hier sah alles fremd aus. Da waren noch weniger Sterne wie in Kabul und selbst mitten in der Nacht leuchteten einige Straßenlaternen noch. Es schien, als würde hier nie Ruhe einkehren. Wie hatte er es nur all die Jahre hier ausgehalten? Er hatte das Gefühl nicht hier her zugehören. Er vermisste Waras und er vermisste Malika. Das einfache Leben in Afghanistan hatte ihm soviel bedeutet, dass er sich hier nicht mehr daheim fühlte. Und doch brannte ein Feuer in ihm, dass ihn hier hielt. Hier würde, so war er sich sicher, hatte er die Möglichkeit herauszubekommen, was mit seinem Bruder passiert war.
Über Miguel hatten seine Eltern keine Silbe mehr verloren, seit dem Morgen an dem sein Vater ihm die Karte des Agenten in die Hand gedrückt hatte. Dafür kümmerte seine Mutter sich um ihn wie zu Kindertagen, an denen er mit Fieber auf dem Sofa gelegen hatte. Sein Vater hatte ihm mit einem Zähneknirschen einen Laptop besorgt und nun sollte er sich einen neuen Job besorgen. Aber das einzige was er tat, war nach Informationen suchen. Nur kam er nicht voran. Es gab einige Stellen, ab denen er von einem Drohnenangriff gelesen hatte, aber über Opfer wurde nichts geschrieben. Was jedoch groß in der Presse zu finden war, war der gescheiterte Angriff auf das Kinderkrankenhaus. Es wurde in fetten Lettern angekündigt die Verantwortlichen für dieses fatale Unglück zur Rechenschaft zu ziehen, aber dabei war es, wie es schien auch geblieben. Nirgends hatte er schließlich gelesen, dass auch nur ein Soldat seinen Posten verloren hatte. Es war nur immer die Rede von einem Zwischenfall, von falschen Daten und Piloten, die nur ihre Arbeit gemacht hatten.
Es existierten schreckliche Bilder aus dem Krankenhaus. Blutende Kinder, Ärzte, denen man die Verzweiflung ansehen konnte und überall lagen mit Tüchern bedeckte Leichen zwischen den Trümmern. Und niemand wollte dafür die Verantwortung tragen.
Riccardo atmete tief durch. Jedes Mal wenn er die Bilder sah oder auch nur daran dachte, musste er an Tican und Rahim denken. Dann wanderten seine Gedanken automatisch wieder zu Malika. Und seine Erinnerungen holten hin wieder ein.
Immer noch lag sein Blick auf dem Bildschirm des Laptops, der ihm die Internetseite einer Zeitung zeigte. Wie lange sollte er noch versuchen, diesen Mann zu erreichen? Einen Moment grübelte er über die Frage nach, ehe er wieder zum Handy griff und die Wahlwiederholung drückte. Einen letzten Versuch wollte er noch wagen, dann würde er versuchen über das Konsulat der USA oder die Polizei Informationen zu bekomme. Er wollte wissen, dass damals passiert war.
Wie all die Male zuvor klingelte es am anderen eine gefühlte Ewigkeit, ehe sich sie Mailbox meldete, und darum bat, eine kurze Nachricht mit seinem Anliegen zu hinterlassen. Riccardo atmete durch.
»Guten Tag Agent Ballot ich bin Riccardo Liccardi und habe einige Fragen zum Tod meines Bruders, Sie haben meinen Eltern ihre Karte dagelassen.Ich möchte Sie bitten, mich zurückzurufen.« Er legte auf und starrte über den Bildschirm auf die Wohnzimmertür, wo Alessandra stand und den Kopf schüttelte.
»Du kannst die Sache auch nicht einfach auf sich beruhen lassen, oder?«
»Wenn du das kannst, bitte. Ich kann es nicht.« Riccardo stand auf, klappte den Laptop zu und ging an seiner Cousine vorbei.
»Wo willst du hin?«
»An die frische Luft. Oder darf ich nicht mehr aus dem Haus, weil ich verloren gehen könnte?«, raunte er ihr über die Schulter zu. Ihre Antwort bestand aus einem Schnauben.
»Bis später Mom, Dad.« Er hatte die Tür erreicht und sprach die Worte so laut aus, dass seine Eltern ihn gehört haben mussten. Er wollte nicht, dass sie sich sorgten. Er würde in einer Stunde zurück sein. Vielleicht auch erst in zwei, aber er würde zurückkehren. Seine Eltern antworteten ihm nicht, aber er konnte hören, wie in der Küche Porzellan gegeneinander schlug.
Nach einer halben Stunde hatte er einen kleinen Park erreicht. Hier war schon immer wenig los gewesen. Meist waren es nur Menschen mit Hunden, die sich hier eine Auszeit verschafften. Ab und an versammelten sich Jugendliche ebenfalls hier. Glasscherben und Kronkorken an einer Parkbank zeugten davon, dass vor nicht allzu langer Zeit jugendlicher Leichtsinn hier getobt hatte. Er ging ein Stück weiter und fand sich einige Minuten später unter einem gewaltigen Baum wieder. Die Bank, auf der er saß, hatte wie die meisten in der Umgebung, die beste Zeit hinter sich aber es war ihm egal, dass seine blaue Jeans durch Moos und Algen grüne Flecken bekam. Er starrte auf den Boden und schob mit den Füßen das alte Laub zur Seite, als das Klingeln seines Handys ihn zusammenzucken ließ. Er zog das Mobiltelefon, das ihm ebenfalls sein Vater besorgt hatte aus seiner Hosentasche, und starrte die Nummer an. Er kannte sie nicht. Wer sollte ihn anrufen? Es kannte doch niemand seine Nummer.
»Liccardi.« Er nahm das Gespräch zögernd an.
»Ballot, schön, dass Sie sich dazu durchgerungen mir eine Nachricht zu hinterlassen.«
Riccardo starrte fassungslos auf eine Gruppe Bäume, die in einiger Enterung standen. »Bitte?«
»Sie haben doch schon mehrfach versucht, mich anzurufen. Ich rufe aber aus Prinzip erst zurück, wenn mir jemand eine Nachricht hinterlässt.«
»Ah ja.« Riccardo wollte keine weiteren Erklärungen dafür, warum der Mann am anderen Ende nicht schon früher zurückgerufen hatte auch wenn es ihn störte und er sich darüber ärgerte, dass er nicht viel früher eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen hatte.
»Ich denke, Sie möchten Informationen zum Tod ihres Bruders, oder?«
»Ja, hatte ich doch am Telefon erwähnt, oder?« Riccardo rollte mit den Augen.
»Ich kann Ihnen einiges per Mail schicken, alles andere müssten wir in einem Vieraugengespräch klären, da es streng vertrauliche Dinge sind. Ich denke auch, dass das was ich Ihnen schicken kann, für Sie nichts Neues ist.«
»Woher wollen Sie das wissen?« Riccardo bemerkte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte.
»Nehmen Sie es einfach hin, dass ich es weiß. Ich schicke Ihnen die Informationen zu, wenn Sie dann immer noch mehr wissen wollen, rufen Sie mich wieder an. Aber sprechen sie auf die Mailbox, sonst sehe ich dieses Gespräch als einmalige Sache. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Mister Liccardi.«
Die Verbindung war beendet, ehe er dem Mann auch nur seine E-Mail-Adresse nennen konnte. Verwundert musterte er sein Handy. Woher wollte der Mann am anderen Ende wissen, was er bisher in Erfahrung gebracht hatte? Das konnte doch niemand wissen. Abgesehen von seiner Familie. Stand sein Vater immer noch im Kontakt zu dem Mann und hatte es ihm bisher nicht erzählt?
Riccardo schloss einen Moment die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Er lauschte auf die Geräusche des Parks und vernahm schnell auch die der Stadt. Nicht nur das Zwitschern der Vögel und das leise Rauschen des Windes, der zwischen den Ästen und Blättern hindurch strich, erreichte seine Ohren. Auch die Autos die auf einer Straße, die um den Park führte, fuhren, konnte er deutlich hören. Da waren Stimmen, Gespräche, bellende Hunde und hupende Autos. Da war keine Ruhe. Nichts von dem, was er in Waras, so geliebt hatte. Dieser ständige Lärm im Hintergrund nervte ihn von Minute zu Minute mehr. Er bildete sich ein, dass die Geräusche immer lauter wurden. Auch begann er, seinen eigenen Herzschlag dröhnend wahrzunehmen.
»Hier kann man die Ruhe genießen.«
Riccardo riss die Augen auf und musterte einen älteren Herren, der sich neben ihm auf die Bank gesetzt hatte.
»Ruhe? Der Lärm hier ist unerträglich«, fuhr er den Mann an, der erschrocken zur Seite rutschte, ehe Riccardo aufstand. Er konnte noch hören, wie der Mann sich leise über ihn beschwerte, als er versuchte, seinen rasenden Puls zu beruhigen. Er hatte keine Ahnung, was gerade geschah. Der Lärm wurde immer unerträglicher. Mit großen Schritten machte er sich auf den Weg aus dem Park. Als er auf den gepflasterten Weg trat, der ihn wieder zum Haus seiner Eltern führte, hallte jeder einzelne Schritt in seinen Ohren. Kalter Schweiß rann über seinen Rücken und mit jedem Schritt ging er schneller. Er stieß mit Passanten zusammen, die ihn wütend anfuhren. Das, was er von seinem Umfeld noch wahrnahm, verringerte sich immer weiter, bis es nur noch ein kleiner Kreis war, in dem er endlich die Haustür seines Elternhauses sah. Mit zitternden Fingern versuchte er mehrfach, den Schlüssen in das Schloss zu stecken. Mit jedem gescheiterten Versuch wurde sein Herzschlag lauter. Plötzlich verschwand das Schloss vor seinen Fingern und er hielt den Schlüssel versteinert an der Position, an der eben noch das Schloss gewesen war.
»Hast du noch nie ... Was ist denn mit dir passiert?« Die Stimme seiner Cousine hörte sich seltsam entfernt an.
Langsam hob er den Blick und versuchte sich auf Alessandra zu konzentrieren, die vor ihm stand und tiefe Falten zwischen den Augenbrauen hatte. Riccardo blinzelte mehrfach, um mehr sehen zu können. Konnte sie ihn nicht einfach in das Haus lassen? Sein rasender Herzschlag machte ihn wahnsinnig. Dieses permanente Hämmern auf den Ohren weitete sich zu einem unerträglichen Kopfschmerz aus.
»Komm rein.«
Endlich trat sie zur Seite und Riccardo betrat schwankend das Haus.
»Hast du getrunken oder was?« Vorwurfsvoll wetternd folgte sie ihm über den Flur.
»Nein.« Er schluckte. Sein Hals war staubtrocken und nur langsam beruhigte sich sein Herzschlag wieder.
»Du siehst ...«
»Halt einfach deine Klappe!« Er wirbelte herum, als er sie anfuhr. Seine rechte Hand landete an der Wand, wo er sich schwer atmend abstützte. Er registrierte, wie Alessandra einen Schritt nach hinten machte und ihn mit großen Augen anstarrte.
»Was ist denn hier los?«
Es war die Stimme seiner Mutter, die ihn wie durch Watte erreichte. Sie war irgendwo hinter ihm.
»Er hat was getrunken.«
»Hab ich nicht!«, fuhr er seine Cousine erneut an und drehte sich um. Seine Mutter stand nur einen knappen Meter hinter ihn. Er konnte ihren Blick förmlich spüren. So konnten nur Mütter einen ansehen. »Ich habe nichts getrunken, mir ist nur nicht gut gerade.« Die letzten Worte waren eine Untertreibung. Er hatte keine Ahnung was gerade mit ihm passierte oder passiert war, da dieses seltsam dumpfe Körpergefühl endlich nachließ. Dafür kehrte der hämmernde Kopfschmerz zurück, der ihn schon früher so oft heimgesucht hatte.
»Komm in die Küche und trink erstmal was.« Seine Mutter schob ihn bestimmend in die kleine Küche, wo sein Vater von der Zeitung aufsah. »Hinsetzen. Cola?« Seine Mutter legte den Kopf zur Seite und musterte ihn, als könne sie so in seinen Kopf schauen und analysieren, was ihm fehlte. Aber wahrscheinlich konnten Mütter eben genau das. Sie mussten ihre Kinder einfach nur ansehen, um zu wissen, was ihnen fehlte. Bei diesem Gedanken warf sich in Riccardo eine neue Frage auf. Warum hatte sie ihn aufgegeben? Wenn sie doch genau wusste, was ihren Kindern fehlte, dann hätte sie doch wissen müssen, dass er noch am Leben war.
»Wasser.« Er schluckte. Warum hatte er das Gefühl, als hätte er die halbe Sahara im Hals stecken? Blinzelnd starrte er auf die Zeitung, die sein Vater in der Hand hielt, während er im Hintergrund hörte, wie seine Mutter ein Glas füllte. In der Zeitung wurde von einem Drohnenangriff gegen Aufständische in Afghanistan berichtet und davon, dass man einen führenden Kopf getötet hatte. Ein unglaublicher Druck legte sich auf seine Brust.
»Austrinken.« Ein Glas schob sich in sein Sichtfeld. Riccardo sah zu seiner Mutter, die die Hände in die Hüften gestemmt hatte. Dieser Blick duldete keinen Widerspruch und trennte ihn von der aufkochenden Wut in seinem Inneren.
Er benötigte eine Viertelstunde, ehe seine Mutter ihn wieder aus den Augen ließ und sich der Zubereitung des Abendessens widmete. Sein Vater hatte nur ein Mal kurz über den Rand der Zeitung gesehen und seine Cousine saß ihm mit einem bohrenden Blick gegenüber.
»Himmel schau mich nicht so an«, raunte er ihr zu, darum bemüht, dass seine Mutter ihn nicht hörte.
»Hast du ´ne Ahnung, wie du eben ausgesehen hast?« Sie sprach ebenso leise und beugte sich zu ihm über den Tisch.
»Stell dir vor Nein«, brummend ließ er sich nach hinten in den Stuhl fallen, in der Hoffnung, dass sie nun nicht weiter sprechen würde. Er wollte sich nicht mit ihr streiten, zumindest nicht in Gegenwart seiner Eltern.
Alessandra stieß ein Schnauben aus und verschwand aus der Küche, nachdem sie ihren Stuhl geräuschvoll nach hinten geschoben hatte. Riccardo warf einen Seitenblick zu seiner Mutter, die immer noch am Herd stand und zu seinem Vater, der den Blick nicht gehoben hatte. Entweder sie hatten es nicht bemerkt oder sie wollten es nicht bemerken. Wahrscheinlich wollten sie heile Familie spielen. Eine Familie mir der klassischen Rollenverteilung. So wie er sie gerade sah. Die Frau kocht, der Mann liest Zeitung und schafft das Geld ran. Und es war nie etwas passiert, was diese Familie erschüttert hatte. Sie hatten einen Sohn verloren und taten so, als wäre alles beim Alten. Sie machten so weiter wie immer. Nur ohne Miguel.
»Ich hab keinen Hunger mehr.« Riccardo stand auf und ärgerte sich über seine Worte. Er klang wie ein trotziges kleines Kind. Wie ein Kind, das eben in einer solchen Familie lebte, die alles durch eine Rosabrille sah und in der Lage war weiterzumachen, als wäre nichts geschehen.
»Ich habe aber doch extra Safran Risotto gemacht, das magst du doch so gerne.« Seine Mutter sah verwirrt von dem Topf auf.
»Mom, das WAR einmal mein Lieblingsessen, ich bin keine 10 mehr.« Ohne auf die Reaktion seiner Eltern zu achten, verließ er die Küche. Im Wohnzimmer schnappte er sich seinen Laptop und ging in sein Zimmer. Auch wenn er hier sein ganzes Leben verbracht hatte, so war ihm der Raum nun fremd. Selbst nach einer Woche fühlte er sich hier einfach nicht wohl. Sein Blick wanderte durch das Zimmer. Der große dunkle Kleiderschrank wirkte erdrückend und das kleine Sofa trug Spuren seiner Jugend. Selbst das Bett war ihm fremd. Dabei war es doch bequemer als die Schlafplätze, die er in den letzten Jahren gehabt hatte. Es war von allem einfach zu viel. Er fühlte sich, als hätte er in der vergangenen Woche eine Reise vom tiefsten Mittelalter in die Gegenwart gemacht, mit dem Problem, dass ihm das Mittelalter besser gefiel. Was seine Familie und allen voran Alessandra nicht verstehen konnte.
Eine Stunde später klappte er den Laptop enttäuscht zu. Er hatte tatsächlich eine Mail von Ballot erhalten, allerdings hatte sie wie von dem Agenten angekündigt kaum etwas enthalten, was für ihn von Belang war. Es gab keine Hintergrundinformationen zu der Verbindung zwischen seinem Bruder und der Frau, die er gekidnappt hatte. Da waren nur spärliche Informationen zu dem Team, in dem Miguel ein halbes Jahr gedient hatte. Es gab einen Auszug aus seiner Akte, in dem stand, dass er wegen unehrenhaften Benehmens aus eben diesem Team entlassen worden war, mehr nicht. Dort stand nicht, was passiert war. Was jedoch auch in der Mail von Ballot stand, war, dass die CIA über den Tag, an dem er in Afghanistan sein Gedächtnis verloren hatte, genau Bescheid wusste. Diese Worte waren nicht wie alles andere in Akten niedergeschrieben, von denen Ballot ihm Auszüge geschickt hatte, sondern in einer Textdatei, die der Agent selbst verfasst hatte. Der Angriff auf die Fahrzeuge von angeblich ranghohen Terroristen war von langer Hand geplant worden und niemand hatte damit gerechnet, dass man einen ausländischen Zivilisten bei dieser Aktion verletzten würde. In der Mail verlor Ballot allerdings kein Wort darüber, warum man ihn dort hatte, liegen lassen und nicht gerettet hatte.
Er griff zu seinem Handy und wählte die Nummer des Agenten. Dieses Mal wartete er nicht darauf, dass sich der Mann persönlich meldete, sondern nur darauf, dass endlich die Mailbox ansprang, damit er eine Nachricht hinterlassen konnte. Er musste sich zwingen, nicht zu schreien. Er war wütend. Man hatte ihn bewusst zurückgelassen. Diese Tatsache machte es ihm schwer Ballot ruhig, um einen Rückruf zu bitten.

 

 

 

Vengeance 3

Retribution

 

1

Riccardo trat durch die Flughafentür nach draußen. Er atmete tief durch. Es war Nacht und die Luft war im Gegensatz zu der im Flughafen und im Flieger kühl und klar. Er hatte es geschafft. Er war tatsächlich in San Diego. Suchend sah er sich um. Er musste sich eine günstige Unterkunft suchen und dann würde er sich einen Job suchen müssen, wie er das jedoch ohne Arbeitserlaubnis bewerkstelligen wollte, wusste er noch nicht. Er wusste nur, dass er einen Weg finden würde. Er schulterte seinen Rucksack und ging auf eines der Taxis zu, nur um dann einen Meter vor dem Wagen stehen zu bleiben. Er konnte sein letztes Geld nun nicht für ein Taxi ausgeben. Es wäre besser wenn er es sparte um ein Hotelzimmer bezahlen zu können, oder um eine Nacht länger ein Dach über dem Kopf zu haben. Aber wie sollte er ein Hotel finden? Er konnte ja schlecht einfach die Straße hinuntergehen und suchen. Wieder richtete er seine Aufmerksamkeit auf das Taxi und den jungen Fahrer, der an seinem Wagen lehnte.
»Entschuldigen Sie.« Riccardo ging auf den Mann zu.
»Wo solls hingehen?« Er Mann öffnete bereits die Tür des Wagens.
»Nirgends eigentlich, ich bin auf der Suche nach einem günstigen Hotel, wissen Sie da was?« Riccardo war dicht neben dem Wagen stehen geblieben und bemerkte wie die Miene des Fahrers versteinerte, Er war unübersehbar nicht davon begeistert, dass Riccardo ihm eine solche Frage stellte. Wahrscheinlich wollte der junge Mann lieber einen Fahrgast, als jemanden der ihm Löcher in den Bauch fragte. Unüberhörbar stöhnend atmete der dunkelblonde Mann aus.
»Die Straße runter, dann rechts und die dritte links, da ist ein günstiges Motel. Ne echte Bruchbude. Ich kann Sie gerne fahren.«
»Nein danke.« Riccardo ging an dem Fahrer vorbei, der ihm einen Fluch hinterherschickte. Eilig rannte er über die Straße und schrak mehrfach zusammen als er das wilde Humpen von Autos vernahm, die ihn um ein Haar erwischt hätten. War es hier normal, dass es vor einem Flughafen keine Geschwindigkeitsbegrenzung gab? Irritiert warf er einen Blick über die Schulter, wo gerade wieder ein Auto wild hupend an ihm vorbeigefahren war.
»Mann pass doch auf.«
Er stieß gegen einen dunkelhäutigen Mann, der drohend die Hand hob.
»Entschuldigung.« Riccardo nickte dem Mann zu und ging weiter. Obwohl es mitten in der Nacht war, waren immer noch viele Menschen auf den Straßen unterwegs. Hier war weit mehr los als in Padua. Dort kehrte kurz nach Mitternacht meist Ruhe ein. Man traf hier und da noch Menschen aber es war still. Nicht wie hier. Hier herrschte eine unglaubliche Betriebsamkeit. Riccardos Aufmerksamkeit wanderte von einem Gebäude zum nächsten. Er musterte die Menschen, die an ihm vorbeieilten und ihn überhaupt nicht zur Kenntnis nahmen. Niemand grüßte oder nickte ihm auch nur freundlich zu. Alle hasteten durch die Gegend, als würden sie etwas wichtiges verpassen, wenn sie stehen blieben. Autos und Menschen und selbst mitten in der Nacht noch Geschäfte, die geöffnet waren. Es wirkte alles fremd auf ihn.
Ein verführerischer Duft erinnerte ihn daran. Dass die letzte Mahlzeit schon viel zu lange her war. Ein Schnellimbiss erregte seine Aufmerksamkeit. Er ging direkt auf die weit geöffnete Eingangstür zu. Es war, als würde ihn etwas in dieses Gebäude ziehen. Der Duft von fettigen Pommes und Burgern stieg ihm in die Nase. Mit der Zunge strich er sich über die Lippen. Es war das erste Mal seit lange Zeit, dass er wieder das Verlangen verspürte einen Burger zu essen. Noch vor kurzem hatte er bei Burgern nur an gepresstes Fleisch, viel Fett und pappige Brötchen gedacht und den Vergleich zu einem Fladenbrot gezogen, welches ihm dann lieber gewesen wäre. Jetzt regte sich in seinem Magen tatsächlich der Appetit, als ihm der Duft in die Nase stieg. Der Schnellimbiss war gut besucht und niemand nahm Interesse von ihm. Er blieb in einiger Entfernung vom Verkaufstresen stehen und musterte das gelistete Angebot an der Wand. Die Auswahl war riesig. Unsicher zog er seine Geldbörse aus seiner Hosentasche. Es waren nur noch wenige Dollar übrig. Aber sein Hunger war so groß, dass er sich für zwei Burger, Pommes und eine große Cola entschied, als er an den Tresen trat. Die Bedienung nickte ihm freundlich zu, kassierte und reichte ihm wenig später die Mahlzeit auf einem Tablett.
»Danke.« Er nickte der jungen Frau knapp zu und ging auf einen Sitzplatz in der Ecke des Imbisses zu. Er schob sein Tablett über den Tisch und setzte sich. Während er seinen Burger aß, beobachtete er die Menschen, die wie er in ihre Essen vertieft waren. Sie schienen sich nur für ihr Essen zu interessieren. Wo er bei jedem Hupen vor der Tür erschrocken hinaussah, hoben sie nicht einmal den Blick. Ebenso wenig interessierten sie sich für die Menschen, die in das Gebäude kamen. Er achtete bei jedem Einzelnen darauf, ob er angesehen wurde oder ob es vielleicht sogar Ballot war, der ihn suchte. Riccardo wurde klar, dass er jederzeit damit rechnen musste den Agenten der CIA zu sehen. Ballot würde ihn verhaften, so wie er es angedroht hatte. Er musste auf der Hut sein. Ab jetzt musste er seine Aufmerksamkeit überall haben und vor allem musste er verschwinden, falls die CIA wirklich auftauchen sollte. Nur wie konnte er die Mitarbeiter erkennen? Sie würden kaum in schwarzen Anzügen vor ihm stehen und ihn freundlich um seine Mitarbeit bitten. Jeder, der hier saß, konnte von der CIA sein. Dieser Gedanke jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.
Viel länger als er es sich vorgenommen hatte, blieb er in der Ecke des Imbisses sitzen und beobachtete die Menschen und die Straße. Er versuchte, die Menschen so zu beobachten, dass sie es nicht bemerkten. Gleichzeitig bemühte er sich, sich ihre Gesichter einzuprägen. Warum er das tat, wusste er selber nicht. Es wurde eine Art Spiel. Er beobachtete die Menschen solange, bis sie bemerkten, dass er sie ansah.
»Entschuldigen Sie. Sie müssten noch etwas kaufen, wenn sie noch bleiben wollen.« Ein Mann mittleren Alters kam auf ihn zu und blieb neben seinem Tisch stehen.
»Nein danke, ich gehe.« Riccardo nickte dem Mann zu und ihm fiel auf, wie dieser erleichtert ausatmete. Der Mann mit der Fett verschmierten Schürze, schien damit gerechnet zu haben, dass Riccardo nicht einfach so gehen würde.
»Einen schönen Abend noch.« Er nickte dem Mitarbeiter zu, stand auf und verließ den Imbiss. Allerdings prägte er sich nochmals die Gesichter ein, an denen er vorbei kam. War unter ihnen ein Agent? Zögernd setzte er seinen Weg fort und ertappte sich immer wieder dabei, dass er Passanten abschätzend musterte. Auch wenn er sich immer wieder zur Ordnung rief und sich klar machte, dass Ballot nicht überall sein konnte, und bestimmt noch nicht wusste, dass er hier war, verfiel er immer wieder in dass gleiche Muster. Jeder der ihm entgegenkam, wurde genau betrachtet und Riccardo versuchte, sich markante Merkmale einzuprägen. Dichter Bart, buschige Augenbrauen, dicke Nasen und Tattoos bei den Männern und bei den Frauen waren es tätowierte Augenbrauen, eine hohe Stirn oder der teilweise bei einigen sehr auffällige dürre Körperbau.
Als er endlich das Motel erreichte, hatte sich der penetrante Kopfschmerz wieder bei ihm eingenistet und er musste nicht nur wegen dem Hämmern in seinem Kopf tief durchatmen. Auch der Anblick des Motels ließ ihn scharf ausatmen. Die Fassade war verdreckt, der Parkplatz glich einer Müllhalde. Die Eingangstür war mit Graffitis versehen und die Beleuchtung zuckte verdächtig. Und hier wollte er seine Nacht verbringen? Er drehte sich um. Gab es vielleicht noch eine andere Möglichkeit? Das Motel wirkte wenig einladend auf ihn. Aber wahrscheinlich hatte er nicht viele Möglichkeiten, um die Nacht günstig irgendwo unterzukommen. Er könnte auch unter freiem Himmel auf einer Parkbank schlafen, aber dann lief er sicher Gefahr, von der Polizei aufgegriffen zu werden, die wiederum vielleicht das CIA auf den Plan rief.
Nochmals durchatmend machte Riccardo sich auf den Weg zum Eingang. Als er die Tür aufzog, schlug ihm der Geruch von Alkohol, Rauch und Schweiß entgegen und ein ungepflegter Mann mitte 50 sah kurz von seiner Zeitung auf. Am liebsten wäre Riccardo wieder gegangen.
»Haben Sie noch freie Zimmer?« Er blieb vor dem Tresen der Rezeption stehen und wagte es nicht die dunkle Fläche zu berühren. Wenn die Zimmer ebenso versifft waren, könnte er auch draußen schlafen.
»Möglich.« Der Mann sah nicht von seiner Zeitung auf.
»Wenn Sie heute nichts mehr verdienen wollen, müssen Sie schließen.« Riccardo konnte spüren wie sein Puls sich beschleunigte.
»15 Dollar die Nacht«, murrte der Mann über die Zeitung schielend.
Er grübelte kurz und entschied sich dann dazu sein letztes Geld hier zu lassen, auch wenn er Gefahr lief, dass er irgendwo zwischen Kakerlaken und Hausstaubmilben leben müsste.
»Dann nehme ich ein Zimmer für 4 Nächte.« Riccardo schob dem Mann 60 Dollar zu und bemühte sich nicht direkt den Tresen zu berühren. Noch nie hatte er sich wirklich vor etwas geekelt aber dieser Tresen und der Mann dahinter hatten etwas an sich, was dafr sorgte, dass der Burger in Riccardos Magen nach auslass verlangte. Wie konnte ein Mensch nur so heruntergekommen aussehen und warum war hier nicht geputzt? Selbst in Afghanistan, wo es kaum Möbel gab und die Böden meistens aus hartem Lehm bestanden war es reinlicher. Er bereute es bereits, dass er sich für diese Unterkunft entschieden hatte. Sein Blick wanderte in sein Portemonnaie. Wie er jedoch mit 12 Dollar 4 Tage über die Runden kommen sollte, war ihm noch nicht klar. Aber er würde einen Weg finden. Das war ihm bisher immer gelungen und wenn er in Kabul überlebt hatte, würde er es hier auch. Es konnte kaum schwieriger sein, hier zu überleben. Schließlich wurde hier nicht an jeder Ecke auf ihn geschossen, und er musste nicht befürchten einem Sprengsatz zum Opfer zu fallen. Allerhöchstens Ballot könnte zu einer Gefahr werden.
»Zimmer 25 aus der Tür, links und dann das dritte Zimmer auf der linken Seite.« Der Mann griff sich gierig das Geld und schob Riccardo einen Schlüssel zu.
»Danke.« Er bemühte sich um einen freundlichen Gesichtsausdruck, als er nach dem Schlüssel griff und spürte, dass der Schlüssel klebrig war. Das hier war definitiv weit ekelhafter als alles was er je gesehen und erlebt hatte. Mit einem prüfenden Blick auf die Tür, auf die der Mann gedeutet hatte, machte er sich auf dem Weg. Damit rechnend, dass der Türgriff sich ebenfalls wie ein abgelutschter Lolli anfühlte, drückte er ihn mit dem Ellenbogen hinunter. Sein Weg führte ihn an einer Treppe vorbei, die in die zweite Etage des Motels führte.
Fünf Minuten später öffnete er die Tür seiner Unterkunft und war zumindest für den ersten Moment positiv überrascht. Das Zimmer wirkte sauber. Die Tür hinter sich schließend atmete er aus und ließ seinen Rucksack zu Boden gleiten. Er warf einen kurzen Blick aus dem Fenster auf den Parkplatz. Die Autos, die er sah, waren alle älteren Baujahres. Nein, er schüttelte den Kopf. Ballot war nicht hier. Er musste sich von dieser wahnwitzigen Vorstellung lösen, dass er von irgendwem verfolgt wurde. Der Agent für sicher irgendeinen schwarzen auf Hochglanz polierten Wagen. Selbst wenn der Wagen nicht schwarz sein sollte, passte Riccardos Ansicht nach keines der Fahrzeuge, die er sah zu einem CIA Agenten.
Eine Stunde später saß er auf seinem Bett und starrte den Fernseher an. Es gab nur 2 Sender, die er kostenfrei schauen konnte. Auf einem liefen Serien auf dem anderen Kinderfilme. Riccardo blieb bei den Serien hängen und begann irgendwann sich zu fragen, wie er weiter machen wollte. Er wollte den Soldaten finden, der Miguel umgebracht hatte, nur was sollte er tun, wenn er ihn gefunden hatte? Er musste an Geld kommen und dann an eine Waffe und wenn es nur ein Messer war. Rache war das, was Riccardo wollte. Niemand brachte einfach so seinen Bruder um. Nur wie und wo sollte er hier an einen Job kommen? Er könnte eine Bank ausrauben. Sollte man ihn jedoch dabei erwischen, würde sein restlicher Plan verrauchen. Es musste einen anderen Weg geben. Vielleicht sollte er versuchen den Soldaten zu finden um eine Erklärung zu bekommen. Wenn Ballot ihm nun etwas erzählt hatte was nicht der Wahrheit entsprach, könnte es sein, dass er einen unschuldigen tötete. Das wollte er jedoch nicht, auch wenn in ihm eine unglaubliche Wut aufkam. Aber warum sollte Ballot ihn anlügen? Bisher war alles die kalte grausame Wahrheit gewesen. Seine Freunde hatten sich als Terroristen entpuppt, genau wie der Agent es gesagt hatte. Warum sollte er ihn dann was seinen Bruder anging anlügen?
Anstatt sich Gedanken über sein weiteres Vorgehen zu machen sorgten Riccardos hämmernde Kopfschmerzen dafür, dass er sich von dem TV Programm einlullen ließ. Schon nach kurzer Zeit hatte er keine Ahnung mehr, was er vor wenigen Minuten gesehen hatte. Er starrte einfach die bewegten Bilder an, ohne den Darstellern zuzuhören.