Leseproben

Don´t Touch My Money

 

Völlig abgebrannt macht die Kopfgeldjägerin Victoria Johnson einen fatalen Fehler. Sie stiehlt Unterlagen aus dem Büro ihres Auftraggebers um an Geld zu kommen. Was sie nicht weiß, Duck Breston ist nicht der Kleinkriminelle, für den sie ihn hält.
Zur gleichen Zeit ist bereits Connor Stevens auf der Jagd nach dem Gewaltverbrecher. In den letzten Monaten konnte er sich nur mit Auftritten in kleinen Bars über Wasser halten, so dass die hohe Summe, die auf Brestons Kopf ausgesetzt ist, seine Rettung wäre.
Ein Wettlauf um Leben, Tod und eine Menge Geld beginnt.

 

1.

Der Blick in den Kühlschrank verhieß nichts gutes und Victoria strich sich die Haare aus dem Gesicht. Nicht nur dass der Kaffee alle war, nun war auch der Kühlschrank endgültig leer. Ihr Blick wanderte auf die Küchenuhr ihrer kleinen Wohnung. Es war kurz vor zwölf. Sie hätte viel früher aufstehen wollen und müssen, aber irgendwie war sie einfach liegen geblieben. Sie hätte schon vor 2 Stunden bei ihrem Auftraggeber im Büro sein sollen. Aber die letzte Nacht war so lang gewesen, dass sie erst um 6 ins Bett gekommen war. Und zwar alleine. Dabei hatte der Abend mit einer ihrer Freundinnen doch so gut angefangen.
Jessie hatte sie eingeladen. Die Bar in der sie sich getroffen hatten, war gut besucht gewesen und die Männer waren nicht zu verachten gewesen. Im laufe des Abends hatte man ihr immer wieder einen Drink ausgegeben und auch die Gespräche, die sie geführt hatte, waren sehr anregend gewesen. Und doch war sie am Ende alleine heimgegangen. Alleine und immer noch vollkommen pleite. Dabei hatte sie doch eigentlich ihre Freundin um Hilfe fragen wollen. Nur für ein paar Tage, denn schließlich wollte sie, so schnell es möglich war wieder, einen Auftrag bekommen. Aber irgendwo zwischen Drinks und den gutaussehenden Männern hatte Jessie erwähnt, dass dieser Abend der letzte wäre, an dem sie für sie auslegen würde und das sie nun erwarte, selbst eingeladen zu werden, und zwar von ihr. Einen kurzen Moment war Victoria davon ausgegangen, dass Jessie diese Äußerung nicht ernst meinte, aber der Blick zu Seite hatte ihr etwas anderes gesagt. Ihre Freundin, die schon seit einigen Wochen immer dafür sorgte, dass sie in Bars zu trinken bekam und auch immer wieder den Eintritt für andere abendliche Aktivitäten übernahm, meinte es sehr ernst. Bitterernst, um genau zu sein, denn Jessies Blick hatte sich förmlich in Victoria gebohrt und keine Widerworte zugelassen. Das Einzige, was Victoria zustande gebracht hatte, war ein leises »Ja klar« gewesen, von dem sie noch nicht wusste, wie sie es umsetzen sollte.
Seufzend schloss sie die Tür des Kühlschranks wieder. Auch wenn sie es nicht wollte, sie musste ihren Auftraggeber anrufen und sich bei ihm für ihr Nichterscheinen entschuldigen, sonst würde sie in den nächsten Monaten überhaupt keinen Auftrag mehr bekommen und dann würde sie schnell vor der Tür sitzen. Tief durchatmend griff sie nach ihrem Handy und drückte die Kurzwahltaste, hinter der sich die Nummer zum Büro ihres Auftraggebers befand. Während sie dem Klingeln lauschte, begann sie nervös in ihrer kleinen Wohnküche auf und ab zu laufen. Wenn sie wenigstens noch einen Kaffee hätte trinken können. Ohne Kaffee war sie nur ein halber Mensch.
»Johnson. Was fällt dir ein. Glaubst du echt, ich habe nichts anderes zu tun als hier zu sitzen und auf dich zu warten. Und bevor du mich nun wegen des Auftrags fragst, der ist nun weg.« Endlich beendete Richard Chase seine wütende Tirade.
»Entschuldige, ich hab verschlafen.« Victoria strich sich über die Haare.
»Verschlafen, verschlafen. Vic, ich höre seit Wochen nichts anderes von dir und selbst wenn du mal rechtzeitig hier bist, erledigst du die Jobs immer erst kurz bevor es zu spät ist. Was zum Teufel ist los mit dir? Ich hatte irgendwann echt mal gedacht, dass da noch mehr drin ist. Willst du weiterhin nur die Drecksarbeit machen oder was? Soll ich hier ein Fach hinstellen wo ich jeden, der wegen ´nem Strafzettel eine Kaution brauchte, reinlege? Du willst Geld verdienen, dann zeig doch auch mal Einsatz verdammt.«
Sie wollte sich nicht vor ihm dafür rechtfertigen, dass sie in den letzten Wochen und Monaten ständig von einer Party zur nächsten jagte, immer auf der Suche nach Abenteuer und doch eigentlich nur auf der Suche nach dem einen Richtigen. Ihr nicht vorhandener Beziehungsstatus frustrierte sie schon eine geraume Zeit und noch frustrierender war, dass die Männer die sie kennenlernte, immer nur auf einen One Night Stands aus waren oder sich nach wenigen Tagen als Arschlöcher entpuppten.
»Es tut mir leid Richard, wirklich. Ich kann in 20 Minuten da sein.« Ihr Blick wanderte erneut auf die schwarze Uhr mit den weißen Ziffern, die sie von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte, als die Zeiten noch besser gewesen waren. Zu einem Zeitpunkt wo sie sie unterstützt hatten.
»Was an, ›der Auftrag ist nun weg‹ hast du nicht verstanden? Vic, frag in einer Woche nochmal nach. Gerade habe ich nichts anderes für dich hier und bevor du nun eine Welle machst. Wer nicht da ist, hat Pech gehabt. Ich hab den Auftrag anderweitig vergeben. An einen, auf den ich mich verlassen kann.«
»Das war so klar. Willst du mir nun wieder die Sache mit der Frau aufs Brot schmieren? Nur weil ich eine Frau bin, mache ich meine Arbeit nicht schlechter als andere. Und das weißt du«, wütend fuhr sie ihn an. Sie konnte es nicht leiden, wenn Richard ihr erklären wollte, dass Frauen als Kopfgeldjäger nichts taugten. Es gab viele wie sie. Frauen, die auf der Suche nach Verbrechern waren, die ihre Kaution über Kautionsbüros bezogen hatten und dann kurz vor dem Gerichtstermin oder genau an dem Tag spurlos verschwanden.
»Vic, es gibt noch andere, die den Job machen verdammt, und zwar zuverlässig, das hat rein gar nichts mir Frau oder Mann zu tun. Meld dich nächste Woche wieder.«
Die Verbindung war beendet, ehe sie noch etwas sagen konnte.
»Arschloch«, fluchend trat sie gegen die Küchenzeile. Sie hätte ihren Arsch früher aus dem Bett bewegen müssen und sie hätte nicht so lange feiern dürfen. Sie war doch auf das Geld angewiesen. Ihre Miete wäre in 2 Tagen fällig und auch die Stromrechnung musste sie dringend bezahlen. Einen Moment blieb sie mit dem Handy in der Hand in der Küche stehen, ehe sie eine Entscheidung fällte und großen Schrittes in das angeschlossene Wohnzimmer ging. Sie griff nach dem Schlüssel ihres Mustangs und stieg vor der Wohnungstür in ihre Sneaker. Sie benötigte Geld, und zwar schnell. Die Tür hinter sich in Schloss ziehend eilte sie über den Flur des großen Mehrfamilienhauses. Tür an Tür gab es hier große und kleine Wohnungen zu erschwinglichen Preisen. Der Nachteil war, dass man sofort aus der Wohnung flog, wenn man nicht zahlen konnte. Das war auch der Grund, warum sie kaum einen der Nachbarn kannte. Es gab nur wenige, die schon ewig hier lebten. Viele kamen und gingen bereits nach wenigen Monaten wieder. Victoria starrte den Flur entlang. Die tristen weißen Wände waren mit Schmutzschlieren überzogen und der alte PVC Belag war abgelaufen. Wer hier wohnte, war doch schon ganz unten angekommen oder? Wie war sie nur vor vielen Monaten hier gelandet und warum hatte sie ihr Geld nicht in eine andere Wohnung investiert?
»Miss Johnson.« Eine dunkle Stimme hallte hinter ihr her und sie wäre am liebsten im Boden versunken. Konnte der Tag denn nicht einfach mal so laufen, wie er sollte? Nein, er wurde von Minute zu Minute schlimmer.
»Mister Jackson.« Mit einem gespielten Lächeln drehte sie sich zu dem Mann um, der mit einem ebenfalls gestellten Lächeln auf sie zukam.
»Miss Johnson ich wollte sie daran erinnern, dass ich übermorgen vorbeikomme und die Miete einsammele. Nicht dass sie dann wieder nicht im Haus sind. Ich kann ja nicht immer hinter meinem Geld herlaufen.« Die Worte ihres Vermieters trieften nur so vor Spott. Seit einer Weile meinte sie, dass er nur darauf wartete sie rauswerfen zu können. »Wenn Sie mir sagen, wann Sie kommen, bin ich da.« Innerlich verfluchte sie sich für dieses Versprechen. Aber sie hatte keine andere Wahl, wenn sie nicht bald auf der Straße sitzen wollte.
»Am Vormittag. Sie können das Geld natürlich auch bis dahin überweisen.«
Wieder war da dieses beschissene gefällige Grinsen von ihm. Mit einem Zähneknirschen sicherte sie ihm zu, an dem Tag anwesend zu sein und ging weiter. Als sie sich von ihm abwandte, konnte sie hören, wie er an der nächsten Tür klopfte. Sie musste dringend etwas an ihrem Lebensstil ändern. Vor allem musste sie hier raus und woanders unterkommen. Aber auf keinen Fall wollte sie vor die Tür gesetzt werden. Sie wollte einfach nur umziehen, in ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung oder eine andere größere schönere Mietwohnung.
Erst als sie an ihrem Wagen angekommen war, drehte sie sich um, um sicher zu gehen, dass er ihr nicht gefolgt war und ihr nicht erzählen würde, dass sie ja eigentlich genug Geld haben musste. Schließlich war ihr Mustang noch recht neu und immer gepflegt. Ja, sie steckte zu viel Geld in den Wagen, aber ohne vernünftiges Auto würde sie ihre Arbeit nicht richtig machen können. Manche ihrer Klienten legten sich im Laufe der Zeit einen sehr rasanten Fahrstil zu und sie durfte dann nicht das nachsehen haben. Allerdings hatte ihr eigener Fahrstil ihr schon einige Male Ärger und teure Strafzettel eingebracht.
Wenig später war sie unterwegs zu ihrer Freundin Tiffany, die ihr hoffentlich etwas Geld leihen konnte, da sie ihre Freundin Jessie nicht mehr um Geld bitten wollte. Zumindest, bis sie wieder flüssig war. Und eben das konnte ja nicht mehr so lange dauern. Gerichtsverhandlungen fanden jeden Tag statt und immer wieder tauchten die, die auf Kaution draußen waren nicht wieder auf. Oder sie verschwanden nur wenige Tage vorher.
»Verfluchter Idiot, wo hast du deinen Führerschein her?« Wildfluchend versuchte sie einem Mann, der in einem alten Ford Pick-up saß und seelenruhig in der Stadt unterwegs war auszuweichen. Nur mit Mühe gelang es ihr, den Wagen nicht zu rammen. »Du solltest deine Kiste verschrotten lassen und wenn du dann eh schon dabei bist, deinen Führerschein kannst du auch gleich abgeben, wie kann man nur so unterwegs sein, das ist doch eine Gefährdung für die Allgemeinheit.« Schimpfend zog sie an dem Wagen vorbei, nur um wenige Meter weiter eine Vollbremsung machen zu müssen, da die Ampel auf Rot geschaltet hatte. Einen Strafzettel für das Überfahren der Ampel wollte sie auf keinen Fall riskieren. Beim Blick nach rechts entdeckte sie wieder den Pick-up, der mit seinem Rot weißen Lack ins Auge stach. Kopfschüttelnd wandte sie sich von dem alten ungepflegten Wagen ab und starrte auf die Ampel. Eine Kreuzung weiter bog sie nach rechts ab und suchte eine gefühlte Ewigkeit nach einem Parkplatz. Aber heute schienen alle daheim zu sein oder Besuch eingeladen zu haben, da sie erst fündig wurde, als sie einen Block weitergefahren war.
Gereizt warf sie die Tür ihres Wagens zu und verriegelte die Tür. In ihr staute sich von Minute zu Minute mehr Wut auf. Wut über Autofahrer, Parkplätze, Richard und Menschen, die sie verwundert ansahen, aber sicher nichts mit ihrer schlechten Laune zu tun hatten. Mit jedem Schritt, dem sie der Wohnung von Tiffany näherkam, bemühte sie sich mehr sich zu beruhigen. Sie wollte nicht mit der Laune einer Furie bei ihrer Freundin einfallen. Sie wollte ihre langjährige Freundin zum einen nicht Anfahren und zum anderen nicht erschrecken. Sie konnte an diesem Tag nichts mehr ändern, sie konnte nur versuchen, jetzt das Beste draus zu machen und hoffen das Tiffany ihr Geld leihen konnte. Sie eilte die Straße entlang und gelangte an ein weißes Haus, wo sie, als wäre sie täglich hier, den Finger auf die Taste der Klingel legte und den Knopf einfach gedrückt hielt, bis sie das Surren des Türöffners vernahm und sie endlich eintreten konnte. Mit großen Schritten und einem Tempo als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her, hastete sie die Treppe hinauf und blieb in der dritten Etage stehen, wo Tiffany bereits freudestrahlend in der Tür stand.
»Komm rein, ich habe den Kaffee fertig.« Tiffany hielt ihr die Tür auf und Victoria wurde von ihrem schlechten Gewissen eingeholt. Victoria musste nun irgendwo zwischen Kaffee und Gesprächen über Männer und Partys den richtigen Punkt finden um ihre Freundin einmal mehr, um Geld zu fragen. Nur befürchtete sie, in dem Moment in dem sie in die kleine gemütliche Küche trat, dass Tiffany sie gleich fragen würde wann sie das Geld, welches sie ihr schon gegeben hatte zurückbekommen würde. Mit einem unguten Gefühl im Magen sank Victoria auf den alten Stuhl, mit der weißen Lackierung, die schon an vielen Stellen abgeplatzt war. Die Aggressionen, die gerade noch in ihr vorhanden gewesen waren, als sie sich über all die Autofahrer und Menschen geärgert hatte, war vollständig verpufft. Ihr Gewissen begann an ihr zu nagen.
Tiffany eilte zum Küchenschrank, griff zwei Tassen und stellte sie auf den Tisch, ehe sie die Kaffeekanne aus der Maschine nahm.
»Ich wollte dich schon fragen, ob du noch Kaffee mitbringen kannst, aber da warst du wohl schon unterwegs, auf alle Fälle hab ich dich nicht mehr erreicht.« Tiffany sank ihr gegenüber auf einen alten grauen Stuhl. Die gesamte Küche war ein Sammelsurium aus Möbeln. Nichts gehörte wirklich zusammen, alles hatte andere Farben und doch wirkte es, als wäre jedes Teil so geplant. Victoria richtete kurz ihren Blick auf das Küchenfenster, vor dem ein kleiner Kräutergarten in alten Salatschüsseln angelegt war und zog ihr Handy aus ihrer Handtasche.
»Sorry ich hab den Anruf nicht gehört.« Ihre Aufmerksamkeit lag, während sie sprach, auf ihrem Telefon. Ein verpasster Anruf und eine Nachricht von Richard in der er ihre einen Termin in der nächsten Woche mitteilte. Sie biss sich auf die Lippen, um nicht zu fluchen. Nächste Woche wäre definitiv zu spät. Solange könnte sie ihren Vermieter nicht mehr vertrösten und um so viel Geld wollte sie ihre Freundin nicht fragen. Tief durchatmend nahm sie einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Wie sollte sie dieses Problem lösen?
»Ich wollte dich diese Woche eigentlich nicht fragen, aber da wir gestern gerade unterwegs gewesen sind, dachte ich, du kannst mir vielleicht das Geld zurückgeben. Ich habe kaum noch etwas und ich muss auch sehen, wo ich bleibe.« Tiffany musterte sie.
Scheiße. Da war nun die Frage, die sie heute nicht hören wollte. Sie wusste, dass da fast 700 Dollar offen waren und sie konnte sie nicht zurückzahlen. Aber wenn Tiffany sie um Geld bat, hieß es auch, dass sie keines von ihr bekommen würde. Victoria seufzte. Der Tag war eine reine Katastrophe.
»Kann ich leider nicht.« Es fiel ihr schwer, diese Tatsache auszusprechen.
»Du hast doch gestern noch gesagt, dass du heute Morgen einen Termin hast und dann wieder einen Job bekommst. Wenn du mir das Geld heute nicht geben kannst, ist es nicht schlimm, aber Ende der Woche wäre echt gut.« Tiffany beugte sich vor.
»Ich befürchte, dann geht´s auch nicht.« Victoria war nicht mehr in der Lage dem Blick ihre Freundin standzuhalten. Wie ein gescholtener Hund sah sie zu Boden. Ja, am Abend zuvor hatte sie Tiffany mehrfach einen Drink ausgegeben, dabei aber nie erwähnt, dass es eigentlich das Geld von Jessie war, welches sie auf den Kopf gehauen hatte. Außerdem hatte sie damit geprahlt, dass sie sehr bald ihre Schulden zurückzahlen konnte, dass sie einen Job bekommen würde, denn sie nun nicht hatte, weil sie zu lange gefeiert hatte und am Morgen ihren Hintern nicht aus dem Bett bekommen hatte. Victoria warf einen Blick in ihre Tasse, sie war noch halb voll und bereits jetzt dachte Victoria darüber nach unter einem Vorwand zu gehen. Dabei saß sie doch eigentlich gerne hier in der Küche. Hier gab es immer etwas zu erzählen und zu lachen. Die besten Ideen entstanden doch sonst hier in der Küche. Selbst Liebeskummer konnte man hier in Kaffee und zu späteren Stunden Wein ertränken. Es fand sich doch sonst immer der richtige Weg um diesen weiter zugehen. Jetzt war die Küche diese eine Sackgasse, in der man nicht einmal wenden konnte und der Rückwärtsgang nicht funktionierte. Sie fühlte sich unwohl wie noch nie in diesem Raum. Sie traute sich nicht Tiffany sie Wahrheit zusagen. Nur nicht, dass sie das Geld noch nicht zurückzahlen konnte, sie hatte auch nicht den Job, von dem sie gestern Abend noch gesprochen hatte.
»Was ist los?« Tiffany hatte die Tasse abgestellt und Victoria war klar, dass der Blick ihrer Freundin auf ihr lag. »Du hast den Job nicht.« Schlussfolgerte sie nur Sekunden später.
Victoria fühlte sich, als hätte man ihr einen glühenden Dolch in den Rücken gestoßen. Sie war nicht in der Lage zu antworten.
»Dann schaue ich, dass ich mir was einfallen lasse. Wann hast du denn wieder Arbeit? Ich meine ja nur. Dein letzter Auftrag ist doch schon 4 Wochen her oder? Und das war doch auch nur so ne arme Socke, der wegen Ladendiebstahls eingelocht wurde oder? War das nicht der, den du im Park auf einer Bank festgenommen hast? Der, der den Termin einfach vergessen hatte?«
»Ja.« Murrend unterbrach sie ihre Freundin, die sich noch an jedes Detail erinnern konnte, das sie ihr damals genannt hatte. Für den Auftrag hatte sie nur knappe 1000 Dollar bekommen und da die Aufträge zuvor auch nicht viel besser gelaufen waren, war ihr Erspartes aus einem großen Auftrag schon seit geraumer Zeit aufgebraucht.
»Victoria Johnson, kannst du mir mal sagen was los ist? Du starrst den Boden an, als wäre er aus etwas gefährlichem.« Tiffanys Stimmlage änderte sich. Ihre Freundin war ihr auf die Schliche gekommen. Aber hatte sie wirklich erwartet, dass ihre Freundin nicht bemerken würde, wenn etwas nicht so wäre wie sonst? Victoria wusste aber auch, dass sie keine andere Möglichkeit hatte, als die Wahrheit zu sagen. Tiffany würde jede Lüge enttarnen und wenn es nur war, weil sich ein Wort anders anhörte, wie es sonst der Fall war. Eigentlich könnte ihre Freundin als Lügendetektor arbeiten.
»Ich hab meinen Termin heute Morgen verpennt.«
»Scheiße.«
»Ja und Richard will mir erst nächste Woche wieder einen Auftrag geben. Und mein Vermieter will morgen Geld sehen. Die einzige Möglichkeit die ich nun habe, ist die, dass ich mich in anderen Kautionsbüros schlaumache ...«
»Aber da die dich nicht kennen und bei Frauen eh skeptisch sind und Richard auf Anfrage sagen wird, dass du nicht die Zuverlässigste bist ...«
»Genau.« Victoria nickte bestätigend als Tiffany ihren Satz beendete. Zu oft schon hatte sie Tiffany von dieser Schwierigkeit berichtet, wobei sie selbst schuld war, dass man ihr nicht nachsagen konnte, dass sie zuverlässig war.
»Scheiße.«
Wieder nickte sie, als Tiffany das einzig passende Wort für ihre Situation fand.
Einen Moment saßen sie schweigend zusammen und Victoria war nicht in der Lage ihren Kaffee zu trinken. Ihr Magen schmerzte und der Gedanke daran, dass sie ihrem Vermieter kein Geld auf den Tisch legen konnte, machte die Situation um ein vielfaches schlimmer. Sie musste an Geld kommen. Jetzt. Grübelnd starrte sie an ihrer Freundin vorbei auf den Rosmarin, der in einer gelben Plastikschale wuchs, die Tiffany mal bei ihr hatte mitgehen lassen. Eigentlich hatte Victoria vorgehabt mit der Schale etwas anderes zu machen.
»Und wenn du ihn nochmal fragst?«
»Vergiss es. Der hat den Auftrag schon vergeben.« Sie schüttelte den Kopf.
»Sicher?«
»Ja. Er hat es mir doch selbst gesagt«, erklärte sie leicht genervt.
»Sei doch mal ehrlich, wenn er den Auftrag schon abgegeben hat, dann hätte er doch fast damit gerechnet, dass du nicht kommst.«
»Hm.« Sie nahm einen Schluck aus der Tasse. Der Kaffee war lauwarm und alles andere als ein Genuss. Normalerweise war es sicher eine Leichtigkeit für sie einen Ersatz zu bekommen, aber vielleicht hatte Richard sie auch nur verunsichern wollen. Dann würde der Auftrag noch auf seinem Schreibtisch liegen und er wäre wahrscheinlich gerade dabei jemanden zu finden, der sich darum kümmerte. Aber wer wollte schon freiwillig Kleinkriminelle jagen. Die meisten ihre vor allem männlichen Kollegen, von denen sie zudem kaum jemanden persönlich kannte, waren mehr auf die aus, die 5-6 stellige Beträge einbrachten.
»Danke für den Kaffee, aber ich glaube, ich muss noch was erledigen.« Victoria stellte ihre halb volle Tasse ab und nickte ihrer Freundin zu.
»Vic, mach keinen Mist.« Tiffany musterte sie skeptisch.
»Blödsinn. Ich rede nur noch mal mit meinem Auftraggeber.« Victoria nickte nochmals und machte sich auf den Weg zur Tür.
»Reden, Vic, nichts anderes. Lass dich nicht auf irgendwelche Gefälligkeiten ein.«
Sie blieb mit der Hand auf der Türklinke stehen und warf einen Blick über die Schulter.
»Sag mal, was hast du den für Vorstellungen von meinem Job?« Hatte sie es sich eingebildet oder war das gerade eine Warnung gewesen, dass sie mit Richard nicht ins Bett gehen sollte nur um den Auftrag zu bekommen? Das wäre das Letzte, was sie tun würde. Solche Geschäftsmodelle gab es bei ihr nicht.
»Ich meine ja nur. Man hört ja so einiges.«
»Also mal ehrlich, was du immer hörst. So ein Blödsinn. Bis dann.« Sie öffnete die Tür und hörte noch, wie ihre Freundin ihr einen schönen Tag wünschte.
Eine halbe Stunde später konnte sie endlich ihren Mustang Coupé auf einem der vier gekennzeichneten Parkplätze abstellen, die sich vor dem Kautionsbüro befanden. Es war nur ein weiterer Wagen vor dem weißen Bürogebäude und sie wusste genau, dass es nicht der Wagen von Richard war. Richard fuhr einen riesigen Ford Ranger und keinen kleinen Sportwagen. Sie atmete tief durch, als sie aus ihrem Mustang stieg. Wenn der Tag so weiterlaufen würde, wie er begonnen hatte, würde sie gleich vor einer verschlossenen Bürotür stehen, oder Richard hätte seinen Panzer gegen einen kleinen Flitzer eingetauscht. Dann würde ihr nichts anderes übrig bleiben als ihren Vermieter auf Knien anzuflehen ihr einen Aufschub zu gewähren. Und das war etwas was er fast nie und wenn dann nur sehr ungern tat. An der Scheibe der Bürotür hing ein geschlossen Schild. Darunter Telefonnummern, unter denen man Richard und andere erreichen konnte, die für die Vergabe der Kautionen zuständig waren und bei denen sich einige täglich melden mussten. Victoria drückte vorsichtig gegen die Tür und war erstaunt darüber, dass sie offen war. Das Klingeln, welches jeden Besuch ankündigte, hallte durch das leere Bürogebäude.
»Es ist geschlossen. Telefonnummern hängen draußen.« Eine ruppige Frauenstimme erklang.
»Ich habe nur was vergessen«, erwiderte Victoria und bemerkte ihre nassgeschwitzten Hände. Sie war in der Lage jedem ins Gesicht zu Lügen, aber sobald es darum ging Richard anzulügen, verließ sie die Kraft. Dieser Mann konnte schon an der Art, wie der andere atmete, sehen, wann gelogen wurde.
»Okay.« Eine Frau lugte um die Ecke einer Bürotür »Haben Sie einen Ausweis?«
»Natürlich.« Victoria zog ihr Portemonnaie hervor und zeigte der Frau einen Ausweis, den nur Kopfgeldjäger hatten, die für Richard arbeiteten.
»Dann machen Sie ruhig.« Die Frau war schon wieder verschwunden, ehe sie ihr danken konnte. Bei der Entfernung hätte es auch eine Kreditkarte getan. Sie schüttelte den Kopf und dachte einen Moment darüber nach Richard auf die Reinigungskraft abzusprechen und ihm zu sagen dass sie jeden reinlassen würde, aber das konnte sie nicht machen. Dann würde er wissen, dass sie hier war.
Victoria trat an die Bürotür von Richard. Er war der Gründer der Agentur und ohne ihn würde sie ganz sicher bald auf der Straße sitzen. Er würde sie umbringen, wenn er mitbekommen sollte, dass sie alleine in sein Büro gegangen war. Obwohl Zweifel an ihr nagten und sie befürchtete, dass sie erwischt werden würde, betrat sie das Büro, in dem sie absolut nichts zu suchen hatte. Der große Ledersessel stand hinter dem gewaltigen Schreibtisch, auf dem wie immer das blanke Chaos herrschte. Wie sollte sie so schnell die Akte finden, die Richard ihr hätte geben wollen. Ihr Name stand wahrscheinlich nicht daran. Sie schluckte und ließ ihren Blick über die Papierberge schweifen. Die Zweifel an dem was sie hier tat, wuchsen immer weiter aber sie hatte doch keine andere Möglichkeit. Wenn sie nicht morgen vor ihrem Vermieter auf die Knie fallen wollte, wenn sie Tiffany das Geld zurückgeben wollte, damit ihre Freundin wenigstens wieder etwas zu essen im Kühlschrank hatte und wenn sie Jessie am nächsten Wochenende wie versprochen einladen wollte, dann müsste sie jetzt handeln. Richard würde sicher toben wenn er letzten Endes erfuhr, was sie getan hatte, aber damit könnte sie dann leben. Schließlich würde sie einfach ihren Job machen. Sie war sich sicher, dass sie ihn irgendwie besänftigen könnte. Daran wollte sie jetzt aber noch keinen Gedanken verschwenden.
Eine dünne Akte, die auf einer der Ablagen lag erregte ihre Aufmerksamkeit. Vorsichtig griff sie nach dem blauen Pappordner und klappte ihn auf.
Duck Breston.
Sie überflog die Daten. Er sollte wegen Diebstahls und Verkehrsdelikten vor Gericht erscheinen. Sie blätterte um und stockte. Eine sechsstellige Summe war am unteren Ende des Dokuments notiert. Verhandlungstermin sollte in drei Tagen sein und ebenso lange hatte er sich nicht gemeldet. Warum er jedoch so eine große Summe hinterlegen musste, erschloss sich ihr nicht. Das Foto von dem Mann Mitte 50 war lieblos an die erste Seite getackert. Dunkel grüne Augen, eine Halbglatze mit blonden Haaren an wenigen Stellen, dafür ein dichter Bart. Das sollte ein Kinderspiel werden.
Leise verließ sie das Büro wieder.
»Ich bin dann wieder weg. Schönen Tag noch.«
»Danke, Ihnen auch.« Die Frau war immer noch in dem anderen Raum beschäftigt und sah auch nicht wieder hinaus, als Victoria die Tür hinter sich schloss.
Wenn sie diesen Typen gefasst hatte, würde sie sich lange keine Gedanken mehr um ihre Miete machen müssen. Das Einzige was sie sich dann überlegen musste, war, wie sie Richard erklären sollte, dass sie die Akte hatte, die sie nicht haben durfte. Aber bis morgen früh sollte Richard nicht bemerken, dass die Papiere fehlten. Vielleicht reichte die Zeit ja aus.
Wie sie hinterher ihr Verhalten erklären wollte, würde sie sich überlegen wenn es soweit war.

 

 

2.  

Connor Stevens strich sich mit den Fingern über die Augen, aber der Kopfschmerz wollte nicht nachlassen. Er lehnte sich in Sitz seines alten Ford Pick-Up nach hinten sinken und starrte aus der Windschutzscheibe auf ein schlichtes Einfamilienhaus, dessen Briefkasten am Morgen Opfer eines schlechtgelaunten Zeitungsboten geworden war. Die Fahne, die signalisieren sollte, dass Post angekommen war, lag am Boden und der Deckel baumelte nur noch an einem Scharnier. Connor hatte allerdings noch niemanden gesehen, der sich für diese Zerstörung interessierte oder der gar die Zeitung lesen wollte. Überhaupt hatte er noch niemanden gesehen, dabei war er sich sicher, dass seine Zielperson im Haus war. Er saß nun seit 7 Stunden in seinem Wagen und es hatte sich noch niemand aus dem Haus gewagt. Wenn er nicht hin und wieder Schatten hinter den Gardinen gesehen hätte, wäre er längst wieder gefahren. Aber da war etwas, dass ihm sagte, dass der Mann, den er suchte, im Haus war.
Wieder wanderte sein Blick auf die Armatur seines Wagens, er hatte noch zwei Stunden, dann musste er die Observierung abbrechen und wahrscheinlich am nächsten morgen seine Suche neu beginnen.
Sollte er seinen Auftritt vielleicht doch absagen? Seine Aufmerksamkeit wanderte auf den Rückspiegel, von wo er seine Gitarre auf der Rücksitzbank sehen konnte. Wenn er hierblieb, könnte er in wenigen Tagen um eine große Menge Geld reicher sein. Wenn er ging, könnte er heute Abend ein paar entspannte Stunden in der Bar seines Freundes verbringen und spielen. Den Kopf schüttelnd richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Haus. Jeder normale Mensch würde nun einfach hier bleiben und den Auftritt absagen. Gitarre spielen und singen könnte er in den nächsten Tagen auch noch. Vor allem bot sein Freund ihm nicht wirklich viel Geld. 250 Dollar für einige Stunden auf der Bühne. Dazu Essen und Getränke frei. Dieses Mal nur Cola und Wasser nahm Connor sich vor und strich sich über den Kopf. Der Alkohol der letzten Nacht wirkte noch immer und machte es immer schwerer wach und vor allem konzentriert zu bleiben. Sein Auftraggeber, hatte ihn um 10 aus dem Bett geklingelt. Als der Chef des Kautionsbüros ihm erklärt hatte, er hätte einen Job für ihn, wollte Conner im ersten Moment ablehnen, aber Richard hatte ihm die Summe genannt, um die es ging und da hatte Connor nicht nein sagen können. 100000 Dollar, er schüttelte den Kopf. Er sollte seinen Auftritt wirklich absagen. Wenn seine Zielperson das Haus verlassen sollte, wenn er nicht da war, würde er wieder bei null anfangen müssen. Dann müsste er erneut suchen und ob er beim zweiten Mal noch so viel Glück haben würde wie bei diesem Mal, wusste er nicht. Aber wenn er seine Zielperson nicht rechtzeitig fassen konnte, würde er mit leeren Händen dastehen und sein Freund würde ihn vielleicht nie wieder in der Bar, auftreten lassen.
»Scheiße«, leise raunend beugte er sich vor. Ein hoher Bretterzaun verbaute ihm die Sicht auf die Veranda des Hauses und am Eingang, der sich an der Seite des Hauses befand tat sich einfach nichts. Die Mülltonnen, die am Zaun standen, quollen über und ihm fiel ein Waschbär auf, der hinter einer der Tonnen verschwand. Wie lange es wohl dauerte, bis eine der Tonnen umfiel? Vielleicht verließ dann endlich jemand das Haus. Aber auch nach Minuten passierte nicht, vielleicht hatte sich das Tier unter dem Zaun hindurch einen Weg auf die Terrasse gesucht. Aber irgendwann musste der Typ das Haus doch mal verlassen. Seine Gedanken schweiften ab und sein Blick wieder in den Rückspiegel.
Am vergangenen Abend hatte er wieder einmal Stunden in der Bar von Markus gesessen und gesungen. Country, für ihn nicht nur eine Musikrichtung, es war eine Lebenseinstellung. Eine, die er in der Bar mit so vielen teilen konnte. Eigene Songs in denen er seine Gedanken und Emotionen verpacken konnte, gehörten ebenso zu seinem Repertoire wie die Songs der großen Stars. Während seiner Vorstellung, auf einem Barhocker sitzend oder am Mikrofon stehend hatte er keinen Alkohol angefasst, dafür danach umso mehr. Er wusste noch, dass er seinen letzten Song, einen den er kurz nach der Trennung von seiner Freundin geschrieben hatte, um halb 2 in der Nacht gespielt hatte. Selbst um die Zeit war noch viel losgewesen und einige hatten sogar noch Zugaben gefordert.
Dann war er bis kurz nach 5 an der Bar förmlich versackt. Markus hatte ihm ein Taxi bestellt und er hatte es tatsächlich bis in sein kleines Haus geschafft. Auf dem Sofa war er dann eingeschlafen und um 8 wieder aufgewacht, weil seine Knochen geschmerzt hatten. Anschließend war er einfach ins Bett gekrochen, in der Hoffnung bis zum Abend schlafen zu können. Richards Anruf hatte dann diesen Plan über den Haufen geworfen. Er hatte sich ein Taxi genommen, um zu seinem Auftraggeber zu kommen, der in dem Moment sehr schlecht gelaunt gewesen war. Connor wusste nicht warum und hatte auch keine Lust gehabt ihn zu fragen. Normalerweise bot Richard ihm immer einen Kaffee an, nicht so an diesem Vormittag, an dem er gerne einen genommen hätte. Richard hatte etwas von: »Ihr seid doch alle gleich«, gemurrt und ihm dann einen dicken Aktenberg überreicht. Das seitenlange Vorstrafenregister, war ihm nur einen kurzen Blick wert. Die Seiten, die ihn interessierten, hatte er schnell gefunden. Bekannte Anschriften, gemeldete Fahrzeuge, Fotos und andere Kontaktdaten, hatte er sich in einem kleinen Notizheft notiert. Er konnte die großen Din A4 Seiten nicht leiden. Wenn man schnell etwas lesen wollte, hatte er sie immer nicht zur Hand und wenn doch waren sie so gefaltet, dass sie nach wenigen Benutzungen kaum noch lesbar waren, oder sie verschwanden versehentlich in der Waschmaschine. Sein Notizbuch war heilig, es war immer in seiner Hemdtasche und noch nie hatte er es vor dem Waschen seiner Kleidung irgendwo vergessen.
Das Klingeln seines Handys riss ihn aus den Gedanken. Verdammt, er war so müde, dass er sich kaum noch auf das Grundstück konzentrieren konnte, was er überwachen wollte. Er hatte keine Ahnung, wo er die letzten Minuten hingesehen hatte.
»Ja?« Er hatte nicht auf das Display geschaut, als er das Gespräch annahm.
»Hey, sag mal kannst du heute früher kommen? ... Fällt aus.« Markus klang abgehetzt und Connor konnte im Hintergrund das Klirren von Gläsern hören. »Pass doch einmal auf Laszlo, die Mistdinger waren teuer.«
»Das sind Gläser und keine Goldbarren.« War die flapsige Antwort im Hintergrund. Connor strich sich über die Augen. Dabei war er doch gerade kurz davor gewesen Markus abzusagen und hier stehen zu bleiben.
»Und kannst du? Ich zahl dir auch das Doppelte, bitte. Meine Gäste erwarten jemanden auf der Bühne ab 18 Uhr.«
Connor sah seinen Freund vor sich, wie er in der Bar von einem Ende zum anderen lief und sich immer wieder durch die kurzen Haare strich, weil er befürchtete, dass der Abend nicht so viel Geld in die Kasse spülen würde wie er sich wünschte und das nur, weil er 2 Stunden niemanden auf der Bühne hatte. Kopfschüttelnd löste er sich von dem Bild, welches er vor Augen hatte. Er wollte Nein sagen und doch sprach er das Wort nicht aus.
»Connor?«
»Ja.«
»Also kommst du? Das wäre super, sag was du essen willst dann besorgen wir dir was, damit du auf der Bühne nicht verhungerst.« Die Anspannung in Markus Stimme verschwand hörbar.
»Ähm,  also.«
»Komm, ich brauch dich hier. 700 Dollar, bitte.« Nun war er wieder da, der unruhige Ton in der Stimme des Barbesitzers, den er nun schon so viele Jahre kannte. Es wäre auch nicht dass erste Mal, dass er für jemanden einspringen sollte. Nur war es das erste Mal, dass er ein weitaus besseres Angebot mehr oder weniger direkt vor Augen hatte. Seine Aufmerksamkeit wanderte auf das Haus, wo sich einfach nichts bewegen wollte. Oder war das Angebot nicht daheim und er würde hinterher mit leeren Taschen dastehen, wenn er nun absagte. Es war eigentlich noch nie vorgekommen, dass er seine Zielpersonen nicht festgenommen hatte. Bei einigen wenigen war es knapp geworden, aber entwischt war ihm bisher noch niemand.
»Connor?« Markus wurde drängender.
»Ja, Mann ich komme.« Er hatte keine Ahnung, ob seine Antwort in diesem Moment die Richtige war, aber er befürchtete, dass er seine Zielperson nicht so schnell finden würde wie er gedacht hatte. Irgendetwas sagte ihm, dass es dieser Auftrag anders werden würde nicht nur wegen der gewaltigen Summe die auf Dukes Kopf ausgesetzt war. Vielleicht würde er ihm sogar entkommen. Der 43 Jährige war bei weitem kein unbeschriebenes Blatt. Drogen, Einbrüche und Vergewaltigungen bei irgendwelchen Poolpartys waren noch die kleinen Punkte auf der seitenlangen Liste. Dass man ihn überhaupt wieder auf freien Fuß gelassen hatte, wunderte Connor. Andere hätte man direkt weggesperrt. Dazu war sicher, dass er ein größeres Arsenal an Waffen besaß, auch wenn die Polizei ihrer Meinung nach alle beschlagnahmt hatte. Connor war klar, dass in Dukes Fall alle nie auch alle hieß. Irgendwo hatte er sicher noch welche oder er hatte sich bereits wieder welche besorgt.
»Was solls zu essen geben?«
»Alter du klingst wie meine Mutter.« Er schüttelte den Kopf, als er die Frage hörte.
»Ich dachte, die lebt nicht mehr.«
Connor stöhnte auf. Wollte Markus die Ironie gerade nicht verstehen oder verstand er sie tatsächlich nicht. JA seine Mutter war seit Jahren nicht mehr am Leben, aber wenn sie es noch wäre, würde sie in der gleichen Art fragen wie Markus es gerade tat.
»Und?«
»Ich habe keine Ahnung, es ist mir egal.« Connor stöhnte auf.
»Genau das hättest du zu ihr wohl auch gesagt.«
Die Verbindung war beendet, ehe er etwas erwidern konnte. Ja, sehr wahrscheinlich wäre dass tatsächlich seine Antwort gewesen.  Seufzend wandte er sich wieder den Geschehnissen auf dem Grundstück zu. Aber es blieb wie zuvor. Sterbenslangweilig. Was, wenn in der Zeit, in der er nicht hier wäre etwas geschah? Wenn Duke sich dann aus dem Staub machen würde oder sich zumindest mal zeigen würde? Warum hatte er auf Markus Frage nicht einfach nein gesagt?
Sheamus, er würde seinen besten Freund um Hilfe fragen.
Wenige Sekunden später wartete er darauf, dass jemand sein Gespräch annahm.
»Hey, was gibts? Wo drückt der Schuh?« Lachend nahm sein bester Freund das Gespräch an.
»Hey, ich wollte dich um einen Gefallen bitten.« Conner lauschte auf Nebengeräusche. Vielleicht stand Sheamus Freundin direkt neben ihm, dann würde der gebürtige Ire ihm gleich sagen, dass er für Gefallen nicht zu Verfügung stand. Seit Sheamus und Lora ein Paar waren, hatte sich ihre Freundschaft rapide verändert. Früher hatten sie ihre Zeit oft zusammen verbracht und Connor hatte mehrfach das Geld von Aufträgen mit seinem besten Freund geteilt, aber jetzt? Lora war der Meinung, dass die Arbeit eines Kopfgeldjägers zu gefährlich war und das Sheamus vielleicht etwas zustoßen könnte. Das Einzige, wo sie einer Meinung waren, war ihr Musikgeschmack.
»Um was gehts?«
Innerlich atmete Connor bereits auf, also war ... nicht in der Nähe.
»Ich hab hier ne ganz große Nummer am Start, aber ich habe Markus zugesagt heute aufzutreten. Könntest du herkommen und einfach nur ein Haus im Auge behalten oder notfalls den Typen, der hier wohnt? Einfach nur dran bleiben mehr nicht.« Mit geschlossenen Augen wartete er auf eine Antwort.
»Wenn der Typ so wichtig ist, warum willst du dann zu Markus und bleibst nicht selbst da?«
Das war eine berechtigte Frage, auf die er außer seiner Gutmütigkeit keine Antwort hatte. Na ja, vielleicht die, dass er nicht wusste, ob seine Zielperson überhaupt in dem Haus war.
»Weil ich lieber den Spatzen in der Hand habe, als die Taube auf dem Dach. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht mal, ob der Typ überhaupt hier ist. Im Moment ist das hier mein einziger Anhaltspunkt.«
»Nur beobachten?«
»Ja. Lass die Finger von dem, der ist nicht ohne.« Für die letzten Worte hätte Connor sich am liebsten geohrfeigt. Wenn Lora nun doch irgendwo in der Nähe von Sheamus stand, würde sie ihn nun abhalten und ihm bei ihrem nächsten Treffen den Kopf waschen.
»Okay, wo soll ich hinkommen und wie lange?« Sheamus atmete hörbar durch.
Connor nannte ihm die Adresse, an der er stand und bat ihn darum bis Mitternacht die Stellung zu halten. Außerdem sagte er ihm, dass er erst fahren würde, wenn Sheamus vor Ort wäre, damit sie kurz miteinander sprechen konnten.