Leseproben

(unlektoriert/ unkorrektoriert)

 

1.

»Ich fasse es nicht. Wie oft denn nun noch?« Cayden stieß ein lautest gefrustetes Schnauben aus. Dennis wagte es nicht, von seinem Okular aufzusehen, und schloss einfach die Augen, als er mit der Wange am Gewehr lehnte. Er konnte Caydens durchdringenden Blick auf sich spüren, es fühlte sich an, als würden Dolche ihn durchbohren. Dieser Mann konnte nicht der sein, den seine Kollegin Yvonne immer in höchsten Tönen gelobt hatte. Sie vergötterte diesen jähzornigen Mann, der erneut schnauben eine Patronenhülse zu Seite kickte. »Sie hat gesagt, du hast es drauf. Ganz ehrlich? Du würdest nicht mal einen Brontosaurus treffen, wenn er vor dir stehen würde.«
Auf diesen nicht nur seltsamen, sondern auch völlig übertriebenen Vergleich hin hob Dennis den Kopf. Was er sah, war genau das, was er erwartet hatte. Cayden hatte ein wütendes Funkeln in den Augen und tiefe Falten auf der Stirn. Selbst die zusammengekniffenen Lippen konnte er durch den dichten Bart seines Trainers sehen, der sich mehr wie ein Tyrann als wie ein Mentor aufführte.
»Was schaust du mich an? Da hinten ist dein Ziel.« Mit ausgestrecktem Arm deutete Cayden auf die Metallplatten, die in fast tausendfünfhundert Metern aufgestellt waren und ihm seit Tagen immer wieder alles abverlangten. Nur mit Hilfe seines Zielfernrohres konnte er die Stahlplatten sehen, die er treffen sollte und bisher auch getroffen hatte. Aber halt nicht so, wie Cayden es sich vorgestellt hatte. Mal waren die Schüsse zu weit oben gewesen, dann zu weit an der Seite und schließlich war einer neben der Platte in den Boden geschlagen. Das war der Grund für Caydens Ausraster gewesen. Es war zum verzweifeln. Es wollte ihm nicht gelingen die Schüsse so zu platzieren, dass Cayden zufrieden war. Wenn seine Kollegin mit auf dem Gelände war, waren seine Treffer nicht zwingend besser, aber die Stimmung war ruhiger und er konnte sich besser entspannen. Dann wurden die Schüsse im Laufe des Trainings besser und nicht wie bei Cayden schlechter. Es war dieser verdammte Druck, den der Scharfschütze aufbaute, mit dem Dennis immer noch nicht klarkam. Dazu waren die Distanzen, über die er hier schießen musste weit größer als die, die er in Deutschland hatte bewältigen müssen. Überhaupt war er in den letzten drei Wochen so oft auf dem Schießplatz gewesen wie in den letzten Jahren in Deutschland nicht. Hier lief einfach alles anders.
Bei seiner Ankunft hatte er damit gerechnet, dass er die größten Probleme mit Sean Harrison, dem Captain des Teams haben würde, da er ihn aus Yvonnes Beschreibungen als Sklaventreiber und ständig brüllenden Sadisten kennengelernt hatte. Aber das war nicht passiert. Seans Tonart war schroff und hart, aber dass störte ihn nicht. Er konnte beim Training mit den anderen mithalten und war selten Seans direkter Ansprache ausgesetzt. Hier auf dem Platz war er vielleicht nicht der schlechteste aber der, in den die größten Erwartungen gesteckt wurden und Dennis begann daran zu zweifeln, dass er eben diese erfüllen könnte. Die Trainingseinheiten, die er solo mit Cayden hatte, machten ihn emotional fertig. Dagegen war das Gebrüll ihres Captains, welches teilweise bei Sonnenaufgang begann und erst nach Sonnenuntergang endete, ein Spaziergang. Selbst das Schwimmen in der eiskalten San Diego Bay empfand er als angenehmer als die Zeit hier.
»Also nochmal und konzentrier dich. Im Notfall hast du keine zweite Chance, da muss der erste sitzen. Sonst riskierst du besten Falls dein Leben und schlechtesten Falls dass all deiner Kollegen«, murrend sank Cayden neben ihm auf den Boden, um durch ein Fernglas genau sehen zu können ob und wie er sein Ziel traf.
Dennis bildete sich ein, dass es die Anwesenheit des ehemaligen SEALs war, die ihn so nervös machte. Als würde die Unzufriedenheit seines Trainers auf ihn abfärbte. Der Versuch sich von seinen Gedanken zu lösen, um sein Ziel ins Visier zu nehmen, scheiterte daran, dass er Caydens Atmen so deutlich hören konnte, als wäre es sein eigner Atem, der genervt schnaubend so ging, dass konzentrieren unmöglich war. Noch nie hatte ihn das Atmen eines Menschen derart genervt. Durchatmend warf er einen Blick durch das Zielfernrohr. Das Fadenkreuz war seitlich neben der Stelle, die er treffen musste. Also genau richtig, wenn er sich nicht verrechnet hatte. Als er abdrückte, sah er nicht wie sonst durch das Zielfernrohr, sondern schloss die Augen und lauschte auf das entstehende Geräusch, welches mit einem deutlichen Pling nach einem Sekundenbruchteil die Flugbahn der Kugel beendete. Wo genau er getroffen hatte, wusste er natürlich nicht und wartete auf eine Reaktion von Cayden. Allerdings kam von seinem Trainer nur ein zustimmendes Murren. Also hatte er genau so getroffen, wie es sein sollte. Sonst wäre Cayden sicher bereits wieder ausfällig geworden. Nur warum hatte er nun nicht ein Wort des Lobes oder der Zustimmung für ihn übrig? Nur dieses tiefe Brummen welches sicher nur die zuordnen konnten, die ihn länger kannten. Durchatmend konzentrierte er sich wieder auf sein Ziel und drei weitere Kugeln schlugen sicher gegen die dicke Stahlplatte. Aber erneut kam kein Wort über Cadyens Lippen. Es war einfach nur frustrierend. Er wollte Cayden bereits ansprechen als er Schritte vernahm, die sich von hinten näherten.
»Hey, wir können loslegen.« Wesley Stone tauchte hinter ihnen auf und ließ Dennis erleichtert ausatmen. Nun war der Einzelunterricht beendet und Cayden konnte seinen Frust auf das gesamte Team verteilen.
»Wird auch Zeit.« Cayden erhob sich geschmeidig und begrüßte den neunundzwanzigjährigen mit einem kurzen Handschlag. Dennis stand ebenfalls auf, um seine ankommenden Teammitglieder zu begrüßen, die er vor Stunden verlassen hatte, um sich hier den strengen Augen von Cayden zu unterwerfen. Cayden begann zusammen mit Yvonne die 22 anwesenden in Gruppen aufzuteilen. Es stieß Dennis sauer auf, dass der Scharfschütze zu Yvonne so freundlich war, dass er nicht einmal mehr die schlechte Stimmung, die noch vor Minuten deutlich in der Luft gelegen hatte spüren konnte. Scheinbar, war er wieder der Cayden, von dem Yvonne immer geschwärmt hatte. Vielleicht hatte der Mann tatsächlich zwei Seiten. Und eine von beiden konnte ihn wahrscheinlich nicht leiden und war deswegen so mies gelaunt, sobald er auf den Platz kam.
In den folgenden Stunden wurde ihm zwar, wie in den letzten 3 Wochen seit seiner Ankunft bewusst, dass auch die anderen den harten Ton von Cayden ertragen mussten, aber er bildete sich ein, dass er längst nicht so streng war wie bei seinem Einzeltraining. Immer wieder versuchte Dennis, sich zu erklären, warum dem so war. Hatte er irgendetwas getan, was Caydens Verhalten rechtfertigte?
»Peng.«
Dennis zuckte zusammen, als er die Stimme von Nuyen Sato vernahm der neben ihm stand und auflachte.
»Was ist los, du bist nicht bei der Sache«, erklärte der Vierundzwanzigjährige ihm.
Dennis schüttelte den Kopf, erwiderte aber nichts. ER wollte Nuyen gegenüber nicht zugeben, dass das Training nicht so lief, wie er es sich vorstellte. Er griff sich ein weiteres Magazin von dem Tisch, auf dem sie ihre Munition für diesen Tag lagerten und wartete darauf, dass Yvonne das Zeichen gab, dass der Platz wieder frei war. Es wäre der 5 Durchgang an diesem Tag, bei dem sie sich schießend in kleinen Teams durch einen Parcours bewegen mussten. Diese Aufgabe war eine von denen, die ihm keinerlei Schwierigkeiten bereitete.
Bei Sonnenuntergang war nicht nur er erschöpft. Auch die anderen wirkten müde. Sie waren sechs Stunden hier gewesen und er hatte festgestellt, dass ein anderes Team heute so viel Zeit hier verbracht hatte. Es waren immer wieder Gruppen gegangen und andere waren gekommen. Aber sie waren geblieben. John hatte eine Rückfahrgelegenheit besorgt, wofür alle dankbar waren, da niemand mehr Lust hatte in der Dämmerung über eine Stunde zurückzulaufen. Wenn sie zurück in ihrer Unterkunft wären, würde er wohl nur noch in sein Bett fallen, während andere sich bestimmt noch auf ein Bier in dem gemütlich eingerichteten Gemeinschaftsraum treffen würden. Dennis hingegen hatte wirklich nur noch einen Wunsch. Schlafen. Selbst den Gedanken an eine Dusche verschob er auf den nächsten Morgen.
»Hey, du siehst alles andere als zufrieden aus. Was ist los. Ist doch gut gelaufen.« Yvonne tauchte neben ihm auf und musterte ihn aus ihren grünbraunen Augen. Sie waren nur noch wenige Meter von dem Bus entfernt, der sie zurückfahren würde und er sah sich suchend nach Cayden um. Auf keinen Fall sollte er mitbekommen wie er über seinen Trainer sprach, das würde sicher nur noch mehr böses Blut geben. Als er den dunkelblonden Mann nicht entdeckte, platzte der gesamte Frust der letzten Stunden aus ihm heraus.
»Snipes kotzt mich an. Dem kann man nichts recht machen. Selbst wenn man trifft, findet der noch was zu motzen. Und an jedem miesen Schuss geilt er sich über Stunden auf«, murmelnd fuhr er sich durch die Haare und wusste, dass seine Wortwahl nicht die schöneste gewesen war. Aber es gab einfach nichts Schönes mehr an der gesamten Situation. Da war mal eine Zeit gewesen, kurz nach seiner Ankunft, zu der Dennis sich auf gerade diese Trainingseinheiten, die er nun so verfluchte, gefreut hatte. Jetzt wurde es mit jedem Tag mehr zu einem nicht enden wollendem Albtraum. Er war sogar froh, dass er Cayden erst in zwei Tagen wiedersehen würde.
»Er will halt, dass du dein Bestes gibst«, erklärte Yvonne ihm mit den Blick auf dem Parkplatz gerichtet, wo nur noch wenige Wagen standen. Ihm blieb ihre nachdenkliche Stimmlage jedoch nicht verborgen. Zweifelte sie an dem, was sie sagte, oder sogar an Cayden, auf den sie doch so große Stücke hielt. Ihr musste seine, mit jedem Tag ruppigere Art doch auch aufgefallen sein. Schließlich kannte sie ihn nun schon einige Jahre.
»Klar, das Beste.« Dennis malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft und rollte mit den Augen. »Deswegen ist er so ekelhaft, wenn es mal nicht läuft. Ist dir aufgefallen, dass er jeden rund gemacht hat? Und zwar ganz egal ob die Leistung gepasst hat oder nicht. Die Einzige, die sich keinen Spruch eingefangen hat, warst du.« Er sah Yvonne vorwurfsvoll an, als er in den Bus einstieg. Es war doch verständlich, dass sie Cayden in Schutz nah. Er war ihr Mentor und derjenige der sie in dieses Team gebracht hatte. Er hatte sicher einige Male die Hand für sie in Feuer gelegt oder schützend über sie gehalten. Dennis begann Vergleiche zwischen Cayden und Sean zu ziehen, den er aufgrund Yvonnes Erzählungen nach, für viel brutaler gehalten hatte. Sie hatte immer gesagt, dass Sean der war, den niemand zufrieden stellen konnte. Inzwischen war Dennis der Meinung, dass Cayden der war, der als Trainer einen üblen Ruf verdient hatte.
»Quatsch, er hat sich in den letzten Monaten einfach nur rapide verändert.« Yvonne sank auf einen der staubigen Sitze des Busses und hielt ihn am Handgelenk fest, als er weitergehen wollte. Sie deutete mit dem Kopf auf den Platz neben sich. Sein Blick wanderte durch die verstaubten Scheiben nach draußen, wo er Syrell sehen konnte, der in ein Gespräch mit John vertieft war. Eigentlich war der Platz neben Yvonne immer für Syrell.
»Stell dich nicht so an, setz dich hin, bevor Sean auch noch stresst«, raunte sie ihm zu, als ihr Captain den Bus betrat und seinen Blick über sie schweifen ließ. Dennis sank neben ihr auf das Polster des Sitzes.
»So habe ich mir das nicht vorgestellt«, murmelnd ließ er seinen Blick auf Sean ruhen, der immer noch im Gang stand.
»Es hat niemand gesagt, dass es leicht wird«, flüsternd rutschte sie näher an ihn heran. »Es wird leichter werden. Aber der Druck wird bleiben. Da gewöhnst du dich dran.«
Dennis ließ bei ihren letzten Worten den Kopf in den Nacken fallen und schloss die Augen. Diese Sätze hatte er in den letzten Wochen nicht nur ein oder zehnmal gehört. Er bildete sich ein, sie täglich tausende Male gehört zu haben. Aber es hatte sich seit seiner Ankunft hier und der Aufnahme im Team nichts geändert. Es blieb gleich beschissen.
»Das kommt noch.« Wieder hielt Yvonne ihre Stimme leise und einmal mehr verfluchte er seine Entscheidung, in die USA gekommen zu sein. In Deutschland würde er nun schon seit einigen Stunden auf dem Sofa liegen und den Feierabend genießen. Dort würde er sich nicht noch stundenlang über die Kommentare von Cayden ärgern, die ihn am Schlafen hinderten, obwohl er so müde war, dass er im stehen einschlafen würde, wenn da nicht die Gedanken wären.
»Da wärst du nie glücklich geworden. Ich sehe doch, dass es dir hier gefällt. Wart doch mal ab wie die Trainingsmission wird.« Yvonne unterbrach seinen wirren Gedankengang. Dennis stöhnte auf. Er konnte sich immer noch nicht daran gewöhnen, dass Yvonne fast immer genau wusste, was er dachte. Immer wieder stellte er sich die Frage, wie sie diese seltsame Eigenschaft in Deutschland hatte verbergen können. In den Jahren, in denen sie als seine Kollegin beim MEK gearbeitet hatte, waren ihm nie die seltsamen Dinge aufgefallen, die sie sagte oder auch tat.
»Du bist bei der Mission aber auch nicht dabei. Mich haben dann alle voll im Visier.«
»Das hätten sie, auch wenn ich dabei wäre«, antwortete sie ihm mit einem unzufriedenen Unterton.
»Und wenn ich sie nicht zuhause festkette, fährt sie ohnehin mit.« Syrell tauchte neben ihnen auf und mischte sich in das Gespräch ein, als er hinter ihnen auf eine leere Sitzbank sank.
Yvonne stieß einen entrüsteten Laut aus. Dennis war klar, dass es ihr schwerfallen würde das Team und ihren Verlobten alleine ziehen zu lassen. Es war ihm nicht entgangen, dass sie oft, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, nachdenklich wirkte. Die Entscheidung kürzer zu treten und vielleicht nie wieder mit dem Team auf einen Einsatz zu gehen schien ihr schwerzufallen.
»Ich geh wieder«, murrte sie wohl mehr zu sich als zu ihm.
»Werden wir sehen.« Syrell rutsche ans Fenster und schlang von hinten seine Arme um Yvonne. »Du wirst nun erstmal an anderer Stelle gebraucht und hier kannst du so oder so herkommen. Es verbannt dich ja niemand.«

 

2.
»Hey, Cay.« Samira kam breit grinsend auf Cayden zu. Schon ihrer Tonlage konnte er entnehmen, dass sie etwas auf dem Herzen hatte. Obwohl er sich in Gedanken noch nicht von den letzten Stunden gelöst hatte, versuchte er die Dreizehnjährige anzulächeln.
»Was ist los, Maus?«
Zur Begrüßung schlang sie ihre Arme um ihn und er strich ihr über den Rücken. Momente wie dieser erdeten ihn immer wieder. Sie holten ihn zurück zu dem, was wichtig war. Zu seiner kleinen Familie. Hier konnte er die Arbeit vergessen und verdrängen, dass dem Team nicht nur ein guter Scharfschütze fehlte, sondern durch Yvonnes Fehlen bei Einsätzen sogar ein zweiter. Seit sie und Syrell bekannt gegeben hatten, dass sie ein Kind erwarteten, versuchte er alles um aus Dennis, Nuyen, Wesley und Willie adäquaten Ersatz zu machen. Aber es fühlte sich an, als wären die vier noch Jahre von dem entfernt, was sie leisten sollten.
»Wir wollen eine Klassenfahrt machen. Jay sagt, ich soll dir das zeigen.« Wo Samira den Zettel plötzlich hergeholt hatte, den sie ihm nun mit freudestrahlenden Augen entgegenhielt, wusste er nicht, aber er konnte auf dem Briefkopf bereits das Emblem der Schule erkennen, ohne überhaupt die Zeilen gelesen zu haben.
»Dann zeig mal her.« Er nahm ihr das Stück Papier ab, obwohl es das Letzte war, was er in diesem Moment sehen wollte. Ahnend, was dort niedergeschrieben war, überflog er die Zeilen. Er lass nur die Worte Yosemite National Park, Camp und 250 Dollar Anzahlung. Nur halbherzig las er noch die Einladung zu einem Elternabend, der in knapp einer Woche stattfinden sollte. Ausatmend reichte er das Papier an Samira zurück und schloss kurz die Augen. Beim Betreten des kleinen Hauses hatte er drei Rechnungen, die er zuvor aus dem Briefkasten genommen hatte, auf die Ablage der Garderobe gelegt, an die er seine Jacke gehängt hatte.
»Hat Jay den Termin schon aufgeschrieben?« Durchatmend öffnete er die Augen wieder und ließ seinen Blick Richtung Küchentür wandern, wo er Jordan vermutete. Er war nicht in der Lage Samira in die Augen zu sehen. Während er darauf wartete, dass Jordan in der Tür auftauchte, erklärte Samira ihm dass Jordan den Termin schon dick in ihren Kalender geschrieben hatte und ihr versprochen hatte, sich den Abend frei zunehmen, sollte sie Nachtschicht im Krankenhaus haben. Außerdem teilte das Mädchen ihm freudig mit, mit wem sie sich das Zimmer teilen wollte und zählte ein gefühltes Dutzend Dinge auf, die sie noch besorgen mussten.
»Machen wir«, erklärte er ohne auch nur die Hälfte von dem verstanden zu haben, was sie gesagt hatte. Der Gedanke an die Klassenfahrt lag schwer auf ihm, als er nach den Rechnungen griff und die Küche betrat. Jordan lächelte ihm am Herd stehend entgegen und rührte in einem Topf.
»Hey, da bist du ja. Sami hat dich schon vermisst. Sie wollte dir unbedingt von der Klassenfahrt erzählen.«
»Ja, sie hat es mir schon erzählt und gezeigt.« Cayden trat hinter Jordan und legte seine Arme um ihre Taille. Er genoss es, ihrer Nähe zu spüren. Jordan ließ ihren Kopf, immer noch mit dem Löffeln im Topf rührend an seine Schulter fallen. Einen Moment war er in der Lage ihr Halt zu bieten, wo es in letzter Zeit immer sie gewesen war, die ihm Halt gegeben hatte. Sie hatte ihn aufgefangen. Nicht nur einmal. All die Tiefschläge der letzten Monate hatte sie nicht entmutigt. Seine Verletzung, der Umstand dass er nicht in der Lage war seine Hand so ruhig zu halten, wie es vielleicht nötig wäre um eine Waffe zu benutzen, dann die finanziellen Sorgen. Immer hatte sie ihn aufgebaut. Jetzt in dieser Sekunde konnte er das erste Mal spüren, wie sehr es an ihr gezerrt hatte.
»Wie war dein Tag?« Er streichelte ihren Bauch.
Sie hob leicht den Kopf, sah ihn aber nicht an und er bemerkte wie sie wieder die Fassade errichtete, durch die nach Möglichkeit nichts dringen sollte was sie belastete.
»Stressig wie immer. Wir haben heute erfahren, dass noch ein Kollege aufhört und in ein anderes Krankenhaus geht.«
Cayden konnte an seiner Hand spüren, wie sie tief die Luft einsog.
»Noch mehr Stunden und die Überstunden werden wir ewig nicht bezahlt bekommen, oder wir müssen sie abbummeln.« Sie löste sich von ihm und drehte am Knopf des Herdes.
»Der war gut.« Er griff nach ihrer Hüfte und konnte sie mit einer sanften Berührung dazu bewegen sich zu ihm herum zu drehen. Der Löffel, mit dem sie in der Soße gerührt hatte fiel mit einem Klirren zur Seite und er legte seine Lippen auf ihre. Er wusste, dass seine Reaktion auf das Thema Überstunden unangebracht gewesen war. Es war einfach aus ihm herausgeplatzt. Wenn es nach ihr gehen würde, würde sie lange daheim bleiben um die aufgelaufenen Stunden abzuarbeiten, aber das ging nicht. Oder besser gesagt ihre Ehre als Ärztin ließ es nicht zu. Sie wollte die Menschen die sie im Krankenhaus betreute nicht im Stich lassen. So war sie halt. Sie war schon immer nur auf das Wohl ihrer Patienten bedacht gewesen. Deswegen hatte er sich schließlich auch in sie verliebt. Wenn man ihre Überstunden auszahlen würde, könnten sie finanziell aufatmen. Vielleicht hatten sie sich mit den Raten für das Haus einfach übernommen. Jordan verdiente nicht schlecht und auch er hatte sich bis vor kurzem nicht über sein Einkommen beschweren können.
»Lässt du mich los? Das Essen ist fertig«, hauchte sie ihm zu. Viel zu gerne hätte er sie noch viel länger im Arm gehalten.
»Ungern«, murrend entließ er die Frau, die ihn aus ihren tiefblauen Augen flehend ansah.
»Ich hab Hunger.« Samira tauchte in der Küchentür auf und ging noch während sie sprach auf den bereits gedeckten Tisch zu.
»Die riecht das doch.« Grinsend sah er Jordan an, die Spaghetti abgoss.
»Richt auch super«, warf Samira vom Tisch aus ein.
»Teenager riechen nicht nur fertiges Essen Meilen gegen den Wind. Die wissen auch ganz genau wann sie ungelegen kommen. Deswegen tauchen sie immer dann auf, wenn man sie gerade nicht brauchen kann. Oder wollen dann telefonieren, wenn man gerade wichtige Gespräche führt.« Den letzten Satz richtete Jordan an Samira, während sie die Schüssel mit den Spaghetti zum Esstisch trug, der nur wenige Meter neben der Küche stand. Wenig weiter hatten sie ihre riesige Wohnlandschaft aufgebaut, auf der sie ihre wenige Freizeit verbrachten. Meist sah Jordan an ihn gekuschelt fern und Samira tauchte in einem Buch ab. Abende wie dieser waren inzwischen nicht mehr ganz so selten, wie noch zu der Zeit in der er im aktiven Dienst gestanden hatte. Aber in letzter Zeit hatte Jordan sich oft bereit erklärt Nachtdienste zu übernehmen und so saß er viel zu oft alleine mit Samira am Tisch.
»Morgen darf ich mir was zu essen wünschen.« Cayden füllte bei seinen Wortend ie Tomatensoße in eine Schüssel.
»Nur wenn Jay kocht.«
Sein Blick zur Seite zeigte ihm ein gepielt entsetzes Gesicht von Samira die sichtlich damit rang nicht loszulachen.
»Sonst beschwerst du dich auch nicht.« Der Druck, der auf ihm lag, fiel ab. Es tat unendlich gut mit Samira und Jordan zusammen zu sein. Gemeinsam mit ihnen zu Essen und zu hören wie ihre Tage verlaufen waren. Dabei war es oft nur Samira, die zu Wort kam und von ihrem Schulalltag berichtete. Hin und wieder fielen in letzter Zeit auch die Namen von Jungen und die Wörter Süß und Niedlich. Wie lange würde es noch dauern bis er nicht mehr der Einzige war, der das Mädchen mit den dunkelbraunen Augen beschützen würde. Wann würde sie das erste Mal mit verweinten Augen heimkommen und würde er sich dann daran hindern können, den Verursacher für die Tränen zur Rechenschaft zu ziehen. Er konnte sich daran erinnern, dass auch er im Teenageralter Mädchen zum Weinen gebracht hatte. Das gehörte doch dazu oder? Kopfschüttelnd zwang er sich zur Ordnung.
Erst als er nach dem Essen ins Arbeitszimmer ging, wo er kurz die Rechnungen ablegen wollte, holten ihn seine Sorgen wieder ein. Er öffnete die Tür in das kleine Arbeitszimmer, welches direkt neben dem Hauseingang lag. Die unbezahlten Rechnungen lagen auf dem schwarzen Schreibtisch und forderten ihn durch ihre bloße Anwesenheit dazu auf, sich hinzusetzen. Mit einem tiefen Seufzer sank er auf dem Schreibtischstuhl und starrte die Rechnungen an. Es war nicht viel, was jeden Monat fehlte, aber es reichte aus, um dafür zu sorgen, dass er sich sorgte. Sein Gehalt als Ausbilder beim Team und zusätzlich als Trainer bei einem Schießstand reichte einfach nicht aus. Das war der Grund warum er seit einiger Zeit mit dem Gedanken spielte sich selbstständig zu machen. Im Sicherheitsgewerbe würde er sicher ein Bein an den Boden bekommen. Ehemalige Soldaten, gerade aus Eliteeinheiten, waren gern gesehen und fanden schnell Jobs. Sei es in Form von Personenschutz, was Cayden anstrebte, oder etwas besser bezahlt, als private Soldaten im Ausland. Aber das wollte er Jordan nicht wieder antun. Er würde sich darauf beschränken in den USA, am besten in San Diegos näherer Umgebung zu arbeiten. Und wenn es das Beschützen von irgendwelchen Schauspielern oder Politikern war. Dabei müsste er nicht wie zuvor in der IATF und davor als SEAL ständig sein Leben riskieren und damit rechnen, dass ihn eine Kugel traf. Dass eben dieses Szenario hier stattfinden würde, war gering.
Er konzentrierte sich wieder auf die Rechnungen und schob seine Pläne zurück. Zögernd begann er die Unterlagen zu sortieren. Welche mussten dringend bezahlt werden, welche hatten noch Zeit. Wo waren bereits Mahnungen eingegangen?
»Hey, magst du Sami gute Nacht sagen?« Jordans Frage ließ ihn den Blick heben. Seine Lebensgefährtin lehnte im Türrahmen und musterte ihn fragend. Nickend erhob er sich und spürte, wie die Aufmerksamkeit von Jordan immer noch auf ihm lag. »Wir schaffen das.« An der Tür angekommen hielt sie ihn kurz zurück.
»Ja.« Er wollte bestätigend nicken, als sie ihm einen Kuss auf die Lippen hauchte, aber er konnte seinen eigenen Worten keinen Glauben schenken.
Samiras Reich lag der Küche gegenüber. Cayden betrat den Flur und verharrte kurz an einem Bild, welches Samira an ihrem ersten Schultag in den USA zeigte. Auch wenn das Bild nur etwas älter als ein Jahr war, so hatte sie sich seit dem weiterentwickelt. Leise betrat er das Zimmer seiner Adoptivtochter. Von dem Mädchen, dass sich verzweifelt in Nigeria an ihn geklammert hatte, war nichts mehr zu sehen. Erst recht nicht in Momenten wie diesem. Sie lag mit einem Buch in der Hand auf dem Bett und war völlig in die Welt abgetaucht, die der Autor auf die Seiten gezaubert hatte. Als sie in das Einfamilien Haus eingezogen waren, hatte er sich seelisch darauf vorbereitet pinke Farbe und Einhorn Sticker kaufen zu müssen, die dann im Laufe der Zeit mit Postern von Stars überklebt werden müssten. Aber Samira hatte sich völlig anderes entschieden. Neben einer kleinen Couch, die mit Kleidung übersäht war, hatte sie nur auf einen Schreibtisch ein Bett und Bücherregale bestanden. Es war ihm und Jordan nur schwer gelungen sie davon zu überzeugen, dass sie ebenfalls einen Kleiderschrank benötigte. Wenn er nun allerdings den Berg auf dem Sofa sah, zweifelte er daran, dass sie wirklich einen Schrank benötigt hatte. Selbst der Fernseher, den sie von einem Kollegen hatte geschenkt bekommen, war fast nie in Benutzung. Immer wenn sie Bear trafen, zog er seinen Freund damit auf, dass er Samira lieber einen Büchergutschein hätte schenken sollen. Aber der gebürtige Russe war davon überzeugt, dass Samira sicher auch ab und an einen Film anschauen würde. Schließlich konnte man in seinen Augen mit Freunden schlecht einfach zusammen lesen. DA musste man einen Film schauen. Leise machte er einen Schritt in das Zimmer, aber Samira reagierte nicht.
»Hey, gute Nacht du Leseratte.« Cayden sank auf die Kante ihres Bettes. Das Mädchen warf einen Blick über den Rand des Buches, aber Cayden zweifelte daran, dass sie ihn überhaupt wirklich zur Kenntnis nahm. Sie schien ihm mit ihrer Geste nur zeigen zu wollen, dass sie wusste, dass er da ist.
»Nur das eine Kapitel noch«, murmelnd wandte sie sich wieder dem Buch zu und Cayden musste bei ihren Worten grinsen. Er fand es faszinierend, dass sie in der Lage war, so in die geschriebenen Zeilen abzutauchen, dass sie alles um sich herum vergessen konnte.
»Mach Schluss für heute, sonst ist das Ende vom Kapitel wieder so spannendend, dass du das nächste auch noch lesen musst und erst einschläfst, wenn du das Buch beendet hast.« Er legte seine Hand auf das aufgeschlagene Buch und drückte die Seiten hinunter, so dass Samira ihn ansehen musste. Es fiel ihm schwer, ihrem flehenden Blick standzuhalten.
»Cay, bitte.« Kleine Fältchen bildete sich auf ihrer Stirn. Sie legte das aufgeschlagene Buch auf die Bettdecke und faltete die Hände bettelnd.
»Sami, bitte. Ich mag heute nicht diskutieren.«
Forschend sah sie ihn an, als würde sie abschätzen, ob sie ihn irgendwie dazu bringen könnte noch auf zu bleiben.
»Aber am Wochenende darf ich.« Entschlossen sah sie ihn an, griff nach einem Lesezeichen, welches sie zwischen die Seiten legte, ehe sie das Buch schloss.
»Klar, von mir aus von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang ...«
»Also mir wäre Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang lieber.« Jordan, die in der offnen Tür stand, fiel ihm ins Wort. »Die Nacht ist zum Schlafen da.« Erklärte sie weiter.
»Och Jay...Cay hat hat aber auch immer in der Nacht gearbeitet, da darf ich doch nachts lesen.« Samira rollte mit den Augen.
»Aber die Zeit ist schon lange vorbei. Gute Nacht Maus.« Er stand auf und machte einen Schritt auf das Kopfende ihres Bettes zu, wo er ihr einen Kopf auf die Stirn gab. Auch Jordan wünschte ihrer Adoptivtochter eine Gute Nacht und verließ vor ihm das Kinderzimmer. Als er an der Tür stehend das Licht ausschaltete, flammte ein kleines Nachtlicht auf, welches seinen Platz auf dem Schreibtisch gefunden hatte. Die weiße Lampe spendete soviel Licht, dass es möglich war alles gut zu erkennen und doch so wenig, dass Samira in den Nächten schlafen konnte. Noch vor wenigen Wochen hatte jede Nacht die Deckenleuchte gebrannt, was aber dafür gesorgt hatte, dass sie schlecht hatte durchschlafen können. Dann waren sie in einem Supermarkt auf die kleine schlichte weiße Lampe gestoßen. Sie besaßen eine ganze Schublade voller Nachtlicher, aber keines hatte es bis dahin geschafft Samira in der Nacht die Sicherheit zu vermitteln, die sie benötigte. Diese Lampe für nur wenige Dollar hatte dann das geschafft, was viele weit teurere vor ihr nicht geschafft hatten. Samira schlief die Nächte durch und fühlte sich sicher. Es gab nur noch wenige Nächte in denen sie schreiend aufwachte und so auch ihn und Jordan aus dem Schlaf riss.
»Cay?« Samira sah ihn an.
»Ja?« Er lehnte den Kopf an die Türzarge und musterte das Mädchen, dass langsam ein Teenager wurde und das ohne ihn und Jordan vielleicht nicht mehr am Leben wäre.
»Passt du auf, dass niemand rein kommt?« Kurz blitzte in ihren Augen wieder die Angst auf, die er schon so oft gesehen hatte. Dann wirkte sie jünger und unendlich verletzlich.
»Klar.« Er lächelte sie an, obwohl es ihm schwerfiel, ihr in diesem Moment in die Augen zu sehen. Es schmerzte, ihre Angst zu sehen. Er könnte ihr noch so oft versichern, dass sie hier in Sicherheit war. Tief in ihrem Inneren würde das Gefühl der Unsicherheit bleiben.
Wenige Minuten später sank er neben Jordan auf das Sofa.
»Sie hat wieder gesagt, dass ich aufpassen soll, dass niemand reinkommt.« Einen Arm um Jordan legend zog er sie enger an sich. Es war so selten, dass sie beide an einem Abend hier sitzen konnten. Jordan zog die Beine auf die Sitzecke und schmiegte sich eng an ihn. In den letzend Monaten war er oft an den Abenden alleine gewesen. Jordan hatte Nachtschichten übernommen, da ständig Kollegen fehlten und sie ihre Patienten nicht alleine lassen wollte. Dann hatte er oft bis tief in die Nacht hier gesessen und in die Stille gelauscht. Oft hatte sein Verstand ihm dann Streiche gespielt und er hatte Dinge gehört die nicht dagewesen waren. Er hatte versucht diese Schatten dadurch zu vertreiben, dass er fernsah, aber auch das hatte oft nicht geholfen. Dann waren es laute Geräusche aus den Filmen gewesen, die ihn so manches Mal zu Tode erschreckt hatten, weil er eingedöst war ohne es zu merken. Er hatte begonnen jedes Geräusch zu analysieren. An den Motorgeräuschen von vorbeifahrenden Wagen hatte er versucht die Marken zu erkennen. Selbst wenn Samira sich im Bett bewegt hatte, hatte er das Rascheln der Bettdecke gehört. Er hatte sich eingebildet jedes Geräusch doppelt so laut wahrzunehmen, als es eigentlich war. Auch wenn Jordans Patienten ihre Hilfe benötigten. Er wünschte sich, dass sie öfter bei ihm war. Er benötigte ihre Nähe, damit der Wahnsinn ihn nicht packen und mit sich reißen konnte.
»Auch das wird weniger werden.« Mit ihren Worten brachte Jordan ihn zurück zu dem was er bezüglich Samira gesagt hatte. »Was denkst du wegen der Klassenfahrt?« Prüfend sah sie ihn an.
»Wenn wir noch ein paar Rechnungen aufschieben, sollte es klappen.« Nachdenklich ließ er seine Finger durch ihre blonden Haare gleiten und starrte auf den schwarzen Bildschirm des Fernsehers. In Gedanken sah er breits wieder die Rechnungen im Arbeitszimmer vor sich.
»Das meine ich nicht.«
Verwundert hielt er in seiner Bewegung innne. »Sondern?«
»Meinst du, sie kommt ohne uns zurecht? Das wäre das erste Mal, dass sie länger nicht hier ist und vor allem, dass sie so weit weg ist. Wir können ja nicht innerhalb von einer Stunde bei ihr sein ...«
»Sie ist ja nicht alleine. Ihre Freundinnen sind dabei. Ich glaube, sie wird andere Dinge haben, die sie nachts beschäftigen. Du weißt doch, wie Klassenfahrten sind. Die ganze Nacht quatschen und am Tag im Stehen schlafen.« Cayden dachte an seine eingenen Fahrten zurück und fragte sich, ob seine Eltern je erfahren hatten, was dort alles passiert war.
»Hm, wahrscheinlich hast du recht. Was das Geld angeht, wir sollten wirklich mit der Bank reden, dass wir andere Konditionen brauchen. Dann zahlen wir halt länger ab, dafür können wir wieder leben.« Sie löste sich von ihm, setzte sich auf und sah ihn ernst an.
»Und wenn sie nicht einverstanden sind? Ich werde schauen, dass ich mir woanders was suche. Irgendwas, damit das Einkommen wieder passt. Außerdem ...« Er streichelte mit der Hand über ihren Bauch, lehnte sich zu ihr vor und wollte ihr einen Kuss geben, doch sie legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen.
»Noch ist da nichts, es ist nur ein Wunsch. Mehr nicht. Deswegen musst du nicht wieder zum Superhelden werden. Ich mag es, wenn du hier bist. Wenn ich weiß, was du machst.« Erst jetzt nahm sie ihren Finger von seinen Lippen und ließ seinen Kuss zu. Aus der Berührung wurde schnell ein schwer zu bändigendes Feuer. Ihre Zunge forderte Einlass, tastete sich langsam vor und forderte ihn auf den Tanz einzugehen. Ihre Hände fanden einen Weg unter sein Shirt und streichelten warm über seine Brust. Verlangend legte er seine Hände in ihren Nacken und hielt sie so gefangen. Ihre Streicheleinheiten lösten ein brennen auf seiner Haut aus. Ihre Finger berührten kaum seine Haut als sie vom Bauch über die Seite zu seinem Rücken wanderten, wo sie sich mit den Fingern vergrub. Er konnte das Feuer spüren, welches in ihr zu lodern begann.

 

3.
»Hey, willst du ´nen Bier?« Wesley rief Dennis nach, als er am Aufenthaltsraum vorbei kam, aus dem er das Lachen seiner Kollegen vernehmen konnte. Dann waren da die Geräusche von aufeinandertreffenden Billardkugeln. Die Männer hatten unüberhörbar Spaß, doch in ihm gab es nur noch eine schwere Müdigkeit, die alles verhindern wollte, was nichts mit Schlafen zu tun hatte.
»Nein, danke. Ich bin fertig für heute.« Ohne stehen zu bleiben oder auch nur auf die Reaktion seines Kollegen zu warten, ging er weiter über den Flur. Auf den schwarzen Fliesen war unübersehbar zu erkennen, wo sie die letzten Stunden verbracht hatten. Überall lag Sand. Am Ende gelangte er an der einzigen Stelle des Gebäudes an, welches noch nicht renoviert worden war. Das Treppenhaus strahlte ihn mit seinem 8 Jahre Buntsteinputz an. Die Wände wiesen eindeutige Spuren der Renovierung auf. Überall waren Kratzer und tiefe Löcher in den Wänden, wo es ihnen oder den Handwerkern nicht gelungen war Material oder Möbel um die Ecken zu bekommen. Die Treppenstufen mit ihren alten Fliesen waren wie der Flur auch mit Sand übersät, der unter seinen Schuhen knirschte, als er in den dritten Stock ging, wo er sein Reich hatte. Zu gerne hätte er den Fahrstuhl genutzt, aber dieser war schon lange außer Betrieb und würde wohl auch nicht wieder in Betrieb genommen werden. Zu groß war die Angst ihrer Vorgesetzten, dass sie in einem Notfall stecken bleiben würde. Außerdem war der Weg über die Treppe für sie weit schneller. Dennis hatte aber auch schon von dem Plan gehört, den Fahrstuhl auszubauen und eine Rutschstange zu montieren wie man sie aus Feuerwehrwachen kannte.
Träge schloss er nur wenige Meter weiter die Tür zu seinem Reich auf. Man hatte aus 3 Appartements kleine Wohnungen mit eigenen Bädern und kleinen Küchenzeilen geschaffen, die kaum noch einen Unterschied zu anderen Wohnungen aufwiesen, wie ihm schon viele versichert hatten. Für ihn war es jedoch immer noch ungewohnt auf den .... qm zu leben. In Deutschland hatte er eine Wohnung mit knappen 70 qm sein Eigen genannt. Jetzt konnte er mit wenigen Schritten direkt vom Bad in der Küche stehen und sein Sofa stand mitten in dem Raum, damit es nicht direkt vor dem Fernseher stand. Der einzige Unterschied zu anderen Appartements war wohl der, dass hier jeder seinen Eingen Waffenschrank hatte und es auch normal war, wenn ihre Waffen eben nicht in diesen verwahrt wurden. Dennis nahm seine Pistole, die er wie alle anderen auch immer am Bein in einem Holster am Bein trug heraus, legte sie auf den Wohnzimmertisch neben eine leere Colaflasche und sank auf die dunkel graue Couch. Den Kopf in den Nacken legend schloss er die Augen. Es würde nur Minuten dauern, dann würde er einschlafen, dessen war er sich sicher. Aber er wollte noch duschen und auf keinen Fall in der Uniform auf dem Sofa schlafen. Nach wenigen Minuten in denen er immer wieder um ein Haar in den Schlaf abgedriftet war, öffnete er die Augen wieder, beugte sich vor und öffnete seine Schuhe. Als er die Füße herauszog, rieselte Sand auf den Laminat Boden. Seufzend musterte er die kleinen fast weiß wirkenden Körner, die auf dem dunkeln Holz lagen. Sein Blick schweifte weiter und er entdeckte noch mehr Sand. Er musste dringend putzen. Alles hier wirkte von Tag zu Tag mehr wie ein Sandkasten. Mit der Hand über das Gesicht fahrend schloss er die Augen wieder. Wie konnte es sein, dass man sich nicht mal aufraffen konnte, um duschen zu gehen. Dabei würde das warme Wasser sicher guttun und vielleicht auch verhindern, dass ihn am nächsten Tag ein Muskelkater heimsuchte. Aber da war kein Funke mehr in ihm, der ihn zum Aufstehen bewegen wollte. In die Ruhe lauschend hörte er immer wieder andere Teammitglieder über den Flur laufen. Sie kamen und gingen und er war wohl tatsächlich der Einzige, der nun noch in seinem Zimmer saß und nicht mit dem Rest des Teams ein Feierabendbier oder auch nur eine Cola trank. Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Mit dem Geräusch hatte er nicht gerechnet.
»Ja.« Sich aufsetzend warf er einen Blick über die Schulter zur Tür. Sollte er hingehen und die Tür öffnen? Noch ehe er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, öffnete sich sie sich und Wesley betrat seine Wohnung. Er trug nur ein T-Shirt und eine Jogginghose. Am Oberarm des ehemaligen SEALs prangte ein Tattoo, welches man kaum noch erkennen konnte, da eine riesige Narbe die klaren Linien verwischt und teilweise hatte verschwinden lassen. Wo genau diese Verletzung herkam, wusste Dennis nicht, aber sie war ihm schon öfter aufgefallen.
»Echt kein Bock noch ´nen Bier oder so zu trinken? Die anderen sind alle da.« Der Blick des dunkelhaarigen Mannes lag auf ihm. »Ich mein ja nur ... Also es sieht schon komisch aus. Irgendwie, als würdest du uns aus dem Weg gehen. Das ist doch so´n Gruppending.« Jetzt bohrte sich der Blick von Wesley förmlich in ihn. Dennis wusste auf was sein Kollege, der im Militär soviel mehr Erfahrung hatte, hinaus wollte. Es ging um Teambildung. Darum die anderen kennenzulernen. Sich zu binden, damit man im Notfall wirklich alles gab um die anderen zu schützen. Er war einfach müde, aber wahrscheinlich würde er noch stunden hier sitzen und vor sich hinstarren, weil er sich nicht dazuaufraffen könnte duschen zu gehen. Nun hätte er wenigstens dazu einen triftigen Grund.
»Ich dusch ebend, dann komm ich runter.« Er stand auf und nickte Wesley zu, der die Geste nur knapp erwiderte. Auch wenn jeder seiner Muskeln danach schrie ins Bett zu gehen, würde er seinem Kollegen den gefallen tun und mit ihnen zusammen ein Bier trinken.
Eine Stunde später stieß er einen wüsten Fluch aus, da sein Dartpfeil nur Millimeter neben dem von Lexi landete, die jubelnd die Arme nach oben riss. Er hatte soeben nicht nur 50 Dollar verloren, sondern musste nun auch eine Woche Tresendienst leisten. Somit war er nach Möglichkeit in den nächsten Wochen der erste, der diesen Raum betrat und der Letzte, der ihn verließ. Eine Woche in der er noch weniger Schlaf bekommen würde als ohnehin schon. Leicht verärgert darüber, dass er auf die Wette eingegangen war, schob er einen 50 Dollarschein in eine Blechspardose. Hier sammelten sie Wettschulden oder Spenden für ihre kleine Bar oder gemeinsames Pizzaessen.
Lexi grinste ihn frech an. »Noch ne Runde?«
»Ne, danke, ich hab genug für heute.« Er wandte sich ab und bekam noch mit wie sie sich Wesley als nächstes Opfer aussuchte. Auch wenn er wissen wollte, ob auch der einsachtzig große trainierte Mann gegen ihre Kollegin verlor, ging er am Billardtisch vorbei und sank neben Joe auf einen Barhocker.
»Schenkst du mir noch eins ein?« Dennis sah zu Patrik, der auf der anderen Seite der Bar stand. Nach einem kurzen Blick schüttelte sein junger Kollege den Kopf. »Ne, ich glaub nun, bist du dran.« Patrik verließ seinen Platz und ließ sich neben ihm nieder. »Mein Thekendienst ist beendet.« Der blonde Mann, den man auf höchstens achtzehn schätzen würde, schob Dennis sein Glas zu und hob fragend die Augenbrauen.
»Wär ich bloß oben geblieben«, murrend erhob Dennis sich.
»Dann wärst du auch irgendwann dran gewesen, so bekommst du wenigstens jeden Tratsch mit.« Joe schob ihm ebenfalls sein Glas zu, als er hinter dem Tresen angekommen war.
Tief durchatmend öffnete Dennis eine Bierflasche. »Ihr könntet ja auch aus der Flasche trinken.«
»Du kannst auch einfach das Bier in die Gläser tun«, erwiderte Joe und zog sein Glas zu sich. »Was los?« Jetzt bohrte sich der Blick aus den grünen stechenden Augen in ihn. Dennis bildete sich ein, dass der sechsundzwanzig jährige jeden seiner Gedanken hören wollte. Konzentriert öffnete er die zweite Flasche und schenkte den Inhalt in das Glas, welches er Patrik zuschob.
»Und?« Hakte Joe erneut nach.
»War nen Scheiß Tag«, murrte Dennis und bemühte sich seinem Kollegen nicht in die Augen zu sehen. Er konnte die Blicke von Joe und Patrik auf sich spüren. Ob diese Aussage reichte, damit seine Kollegen ihn in ruhe ließen?
»Und deswegen willst du dich auf deinem Zimmer verkriechen wie ein schmollender Teenager?« Joe lachte auf und Dennis hob seinen Blick. Der Vergleich stieß ihm sauer auf. Er war kein Teenager, aber er war nicht gewillt sich den ganzen TAg von Cayden niedermachen zu lassen. Auch wenn das vielleicht zu seinem Job als Trainer dazugehörte. Dennis war davon überzeugt, dass auch mal ein positives Wort über die Lippen seines Ausbilders kommen müsste.
»Ich bin halt auch mal Ko.« Er wollte von dem, was ihm durch den Kopf ging ablenken, da er befürchtete, dass Joe ihm im nächsten Moment erklären würde, dass der Umgangston von Cayden völlig normal wäre. Auf eine solche Diskussion hatte er einfach keine Lust.
»Wir sind alle total KO, aber deswegen verkriechen wir uns nicht schmollend in der Ecke. Dennis so funktioniert das nicht. Das Team wächst nicht nur im Training zusammen. Das passiert auch hier.« Joes Stimme wurde ernster.
»Ach hier sitzen und Bier trinken gehört dazu?«, raunte Dennis gereizt, wusste aber, dass der gesamte Satz ein Fehler gewesen war.
»Schon mal was von Teambuilding gehört?«
»Ja verdammt, aber wenn ich müde bin, bin ich müde, da muss ich mich nicht noch besaufen«, knurrte er Joe aggressiv an. Dabei wusste er, dass es hier und jetzt nicht um das Bier ging, was sie zusammen tranken. Joe sah ihn kurz an. »Denk drüber nach.« Dann erhob er sich und ging zum Billardtisch, wo einige Männer zusammenstanden.
»Denk drüber nach, wir können keine Singleplayer brauchen. Wir brauchen Teamplayer.« Auch Patrik stand kopfschüttelnd auf.
Mit geschlossenen Augen atmete Dennis durch. Seine Äußerungen waren mehr als unüberlegt gewesen. Die beiden Männer hatten Recht und das ärgerte ihn. Diese Gruppe, die nun begann eine Runde Billard zu spielen, kannte wohl jedes noch so gut gehütete Geheimnis eines jeden Mannes aus dem Team. Nur er wusste gerade mal die Namen und bei einigen das Alter. Er hatte sich bisher weder richtig einbringen können, noch hatte er sich informiert. Die Einzige, über die er fast alles wusste, war Yvonne, und das auch nur, weil sie sich schon so viele Jahre kannten. Seine Aufmerksamkeit blieb auf den Männern liegen, die mit Billiardques bewaffnet die Kugeln über den Tisch rollen ließen und die, die einfach nur dastanden und zusahen. Wer waren diese Typen? Soldaten, das wusste er. Einige waren gute Schützen, andere im Nahkampf so gut, dass sie ohne Probleme mit bloßen Händen töten konnten. Einige konnten mit Sprengstoff Türen innerhalb von Sekunden so öffnen, dass nur die Tür aus den Angeln gesprengt wurde, wieder andere verbanden selbst schwerste Verletzungen so, dass die Blutungen gestillt wurden. Aber mehr wusste er nicht. Hatten sie Familie, Freunde, Hobbys? Womit könnte man sie motivieren, welcher Gedanke gab ihnen Halt? All das waren Dinge, die er in Erfahrung bringen sollte. Nur war seine Motivation genau dass zu tun, nicht vorhanden.