Leseproben

Unlektoriert und unkorrigiert

1.

Es war zum verrückt werden. Das war nun die dritte Nacht in Folge, in der Mike Lutrell auf der Terrasse des Farmhauses seiner Eltern in Texas saß und die Sterne anstarrte. Immer wieder waren es die gleichen Träume, die gleichen grellen Stimme die in dann schreiend aus dem Schlaf rissen, nur damit er feststellen konnte, dass da niemand war, der schrie. Und auch waren das Gewehrfeuer und die Detonationen ebenso unecht wie das Beben des Bodens unter seinen Füßen. Auch der Staub, der sich so real auf seine Lunge legte, dass er schon hustend aufgewacht war, waren Einbildung. Ein Trugbild seiner Vergangenheit, die ihn immer wieder heimsuchte.
Hier draußen war er soweit vom Terror weg, wie man nur sein konnte. San Angelo mit seinen knapp neunzigtausend Einwohnern war eine halbe Stunde entfernt und abgesehen davon, dass Hurrikans sie meist nur als tropische Stürme erreichten, gab es nichts wirklich Gefährliches für die große Farm seiner Familie. Neben seinen Eltern lebten fünfzehn Männer auf der Farm, die den lieben langen Tag auf den Pferden unterwegs waren, um die Rinder im Auge zu behalten die hier auf knappe dreihundert Kilo gezogen wurden um dann in die Feedlots weiter verkauft zu werden.
Mike selbst war zwar in der Lage zu reiten, aber es war Jahre her, dass er das letzte Mal einen Viehtrack begleitet hatte. Dazu kam, dass er wenig Lust hatte die Farm zu übernehmen. Allerdings würde ihm kaum etwas anderes übrig bleiben. Er war der einzige Sohn, sogar das einzige Kind seiner Eltern. Wenn er jedoch seinen Vater betrachtete, wusste er, dass er wenig Zeit auf Pferden oder bei den Rindern verbringen müsste. Die Arbeit machten ihre Cowboys. Sein Vater musste nur dafür sorgen, dass die Männer bezahlt wurden, dass Tiere verkauft wurden und immer genügend Futter da war. Das wäre eine Aufgabe, die er erledigen könnte, nur sah er sich im Augenblick nicht als Farmer. Was er jedoch war, wusste er selbst nicht.
Ein lautes Poltern ließ ihn aufspringen. Seinen rasenden Herzschlag konnte er nur schwer kontrollieren. Er rief sich zur Ordnung. Mit geschlossenen Augen horchte er in die Dunkelheit. Grübelnd was um drei Uhr in der Nacht einen solchen Lärm verursachen konnte. Nur Sekunden später war es wieder da. Ein metallisches Klingen dass sich wiederholte. Es fiel Mike schwer, sich klar zu machen, dass es keine Terroristen waren die sich irgendwo in den Gebäuden oder auf dem Grundstück versteckten. Aber was war es und warum reagierte sonst niemand? Der Lärm war doch nicht zu überhören. Mike stand auf und trat von der Terrasse auf den trockenen Weg vor dem Haus. Am Tage konnte man die Weiden sehen, auf denen langsam das Gras verdorrte, da der Regen ausbliebt. Ein Stück weiter grünte es hingegen, da eine Bewässerungsanlage dafür sorgte, dass der Mais für die Rinder weiterwachsen konnte. Jetzt war da einfach nur Dunkelheit und er musste sich immer wieder daran erinnern, dass es die Dämonen seiner Vergangenheit waren, die ihm gerade eiskalter Schauer über den Rücken jagten.
Während er weiter ging, konnte er immer wieder das Scheppern vernehmen. Es kam aus Richtung der Gatter, in denen sonst Tiere zusammengetrieben wurden. Hier lief es wirklich noch wie im Wilden Westen der Filme. Die jungen Tiere bekamen Brandzeichen, damit man sie später von denen anderer Farmer unterscheiden konnte. Auch für medizinische Behandlungen wurden die Tiere hier zusammengetrieben. Dann lag über dem ganzen Areal eine Staubwolke, da die Tiere den trockenen Boden in die Luft wirbelten. Oder sie hinterließen eine riesige Schlammwüste, wenn es Tage zuvor geregnet hatte. Aber das kam selten vor. Meist war es der Staub, der sich lähmend auf die Bronchien aller legte und sogar bei den Tieren für Hustenreiz sorgte.
Als er näherkam, erkannte er im dunkeln den Grund für den Lärm. Ein massiges Longhorn Rind hämmerte immer wieder mit den Hörnern gegen das Metallgatter. Grübelnd ob er weitergehen oder sich wieder auf die Terrasse setzen sollte beobachtete er das Schauspiel eine Weile. Es war ein tonnenschwerer muskelbepackter Bulle, den er im Schein des Mondes erkennen konnte, der ganz und gar nicht mit seiner Unterbringung einverstanden war. Wahrscheinlich konnte er die Kühe riechen, die sich irgendwo in der Nähe befanden.
»Weg von dem Bullen!«
Mike drehte sich interessiert um, als er die Worte vernahm. Mit einem Grinsen entdeckte er Dustin, der sich ihm von hinten genähert hatte. Der Mann Mitte 50 gehörte mehr oder mindern um Inventar der Ranch und war schon lange die rechte Hand seines Vaters.
»Ich hab nicht vor ihn mitzunehmen.« Mike wartete darauf, dass Dustin ihn erreicht hatte.
»Was machst du hier? Ich dachte, du schläfst. Und seit wann näherst du dich den Rindern freiwillig?« Dustin kam näher und blieb kopfschüttelnd neben Mike stehen, während sein Blick auf dem tobenden Bullen lag. »Ich hab noch zu deinem Vater gesagt, er soll kein Vieh im Internet kaufen. Aussehen ist prima aber ich glaube, mit dem bekommen wir noch Ärger. Der taugt höchstens was auf ´nem Burger. Wobei es mich nicht wundern würde wenn die in den Papieren rumgepfuscht haben und das Biest schon steinalt und zäh ist.« Dustin sprach einfach weiter.
»Kann man die Viecher echt im Internet kaufen?« Mike legte den Kopf prüfend zur Seite. Er konnte sich noch an die Zeiten erinnern, in denen er mit seinem Vater zu den Auktionen gefahren war um dort die Zuchtbullen zu ersteigern. Aber das war weit vor seinem 16 Geburtstag gewesen.
»Jo, kann man, wie Gebrauchtwagen. Aber die fährst ja auch Probe. Also was machst du hier? Füttern wohl kaum.« Nun war es der einssechzig kleine, füllige Mann der Mike musterte.
»Schlafen liegt mir nicht so.« Auf keinen Fall wollte er vor dem Vorarbeiter seines Vaters von seinen Schlafstörungen sprechen. Auch wenn sein Vater von seinen Problemen wusste, so hatte er keine Lust sich eine Analyse seiner Schlafgewohnheiten von Dustin anzuhören.
»Ich hab deinem alten Herren noch gesagt, dass keiner von da hinten wieder kommt und noch normal ist.«
»Ach, meinst du ich bin nicht normal? Nur weil ich immer noch keine Lust habe hier Rinder zu treiben? Du kennst mich lange genug und weißt, dass mir das einfach nicht liegt.« Mike biss sich nach seiner Erklärung auf die Zunge. Er hätte es so nicht sagen dürfen. Dustin würde jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen und wahrscheinlich auch seinem Vater davon erzählen. Dann würde es wieder tagelange Debatten um die Zukunft der Ranch geben und er würde ihm wieder erklären müssen, dass er die Ranch weiter führen würde. Dafür dass er das machen wollte, gab es eigentlich nur zwei Gründe. Für die Ehre seiner Familie, weil man einen Betrieb wie sie ihn aufgebaut hatten, nicht einfach aufgab und weil er einfach nicht wusste, was er mit seinem Leben nun anfangen sollte. Er wollte nicht der Schuldige sein, weswegen die Ranch verkauft werden müsste. Wer jedoch nach ihm das Anwesen übernehmen sollte, wusste er nicht. Hier draußen eine Frau kennenzulernen war schwer. Dazu müsste er dann doch nach San Angelo fahren. Es war unwahrscheinlich, dass eines Tages eine Frau hier auftauchte, die nach mehr suchte als einem dutzend Rinder für die Ranch ihres Mannes.
»Du kannst mir nicht erzählen, dass die ganzen Jahre die du da hinten warst, spurlos an dir vorbei gegangen sind.« Dustin war wieder auf den Bullen konzentriert, der seine Randale eingestellt hatte und sie nun beobachtete, vielleicht hoffte er darauf, aus dem Gatter gelassen zu werden.
»Du, das will ich. Es mag einen verändern, aber es heißt nicht, dass alle die zurückkommen einen psychischen Schaden davon getragen haben.«
Dustin stieß ungläubig die Luft aus.
Mike war nur selten hier gewesen in der Zeit, in der er gedient hatte. Die Urlaube hier waren oft nur kurz ausgefallen, da er seine Zeit hin und wieder auch in Coronado und Little Creek mit Kollegen verbracht hatte. Dann hatte seine Mutter ihn immer damit aufgezogen, dass er ja mehr als ausreichend Zeit unter Soldaten verbrachte. Allerdings hatte er diese Freizeit oft tatsächlich auch als Arbeitszeit genutzt. ER hatte nach Männern Ausschau gehalten die er vor Ort zum Aufbau einiger Teams rekrutieren konnte.
»Und mein Vater sollte sich keine Gedanken machen. Er ist über achtzig und sollte wissen, dass er mir die Geschäfte hier in die Hand geben kann.«
»Theoretisch magst du das ja können, aber praktisch zweifel ich da mal dran. Im Gegensatz zu dir muss ich in ein paar Stunden wieder los. Das Vieh da soll zu seinen Frauen, wenn er uns die Pferde nicht aufspießt, denn dann kommt er morgen noch auf den Grill.« Dustin wandte sich zum Gehen ab.
Mike brummte zustimmend, entschloss sich aber zu warten, bis Dustin verschwunden war. Wenn er nun neben ihm her Richtung Haus gehen würde, würde der Ranchvorarbeiter wieder das Gespräch suchen und dazu hatte Mike in diesem Moment keine Lust. Er wollte heute Nacht keine weiteren Gespräche bezüglich seiner Fähigkeit, eine Ranch zu leiten führen. Er hatte jahrelang fas Oberkommando einer Militärbasis innegehabt, da würde er doch wohl früher oder später in der Lage sein fünfzehn Mitarbeiter und ein paar tausend Rinder zu leiten. So groß konnte der Unterschied ja nicht sein. Einen Moment beobachtete er den Bullen noch, dem die Kraft nicht auszugehen schien, ehe er sich wieder auf den Weg zur Terrasse machte und hinter sich immer wieder das metallische Klirren vernahm, wenn die Hörner gegen die Metallstreben schlugen.
Eigentlich könnte er hier ein ruhiges Leben führen. Fernab von Terror und allem, was ihn in den letzten Jahren beschäftigt und geprägt hatte. Aber ruhig war etwas, mit dem er nicht klar kam. Leise war in Ordnung aber nicht das ständige rumsitzen. Dass niemand kam und etwas von ihm wissen wollte, störte ihn. Auch der Umstand dass er das Adrenalin welches sich jeden Tag in einem gewissen Pegel in sein Blut gemischt hatte, nicht spüren konnte, weil er einfach nur hier saß, stieß ihm auf. Es hatte keinen Tag gegeben, an dem er es nicht gespürt hatte. Mal mehr, wenn es zu akuten Bedrohungen gekommen war, dann wieder weniger, wenn die Lage unter Kontrolle war. Immer war es da gewesen. Als würde man unter Strom stehen. Nicht so viel, dass es schmerzte aber so viel, dass man es spüren konnte. Nun war dieses Gefühl weg. Hier gab es rein gar nichts, was dieses Kribbeln auslösen konnte. Nicht mal dieser bescheuerte Bulle hatte es wirklich geschafft. Das Poltern hatte ihm nur einen winzigen Adrenalinschub versetzt. Vergleichbar mit dem Stromschlag an einer Autotür, wenn man sich statisch aufgeladen hatte. Ein kurzer Kick und dann war es wieder vorbei. Als er die Terrasse erreichte setzte er sich zurück in den alten Holzstuhl auf dem wohl schon viele Generationen seiner Familie gesessen hatten, denn er konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals nicht hier gestanden hatte. Es gab Bilder aus der Jugend seiner Großeltern, auf denen dieser Stuhl hier stand. Nun saß er hier, starrte in die Dunkelheit und wartete auf irgendetwas. Seine Großeltern hatten vielleicht noch Angst vor Viehdieben gehabt und deswegen hier Wache geschoben. Heute gab es diese Diebe auch noch, aber niemand blieb mehr wegen ihnen die Nacht über auf. Es gab Videokameras, die jeden filmten, der das Gelände betrat. Was jedoch draußen auf den Weiden passierte wusste niemand genau. Sollte das nun sein Alltag sein? Hier sitzen und in die Nacht starren. Gefrustet griff er nach seinem Handy, das auf dem kleinen Tisch neben den Stuhl lag. Auch seine Bierdose stand noch dort. Mit der einen Hand im Netz surfend und mit der anderen immer wieder die Dose zu Mund führend, damit er sie lehren konnte, verstrich die Zeit quälend langsam. Fast wie in Bagram. Dort hatten sich Nächte auch oft unendlich angefühlt. Diese Beschreibung der Dunkelheit im Hindukusch hatte er oft von Soldaten erhalten, die den Dienst quittiert hatten. Es gab einen Unterschied zwischen der Dunkelheit, die viele Menschen kannten und der dort. Wenn man in der Stadt aufgewachsen war, gab es die totale Dunkelheit nicht. Von irgendwo schaffte es immer ein Licht. Straßenlaternen, die Werbebeleuchtung der Geschäfte, die Lichter, die aus den Häusern fielen. Völlige Dunkelheit war für viele ein Fremdwort. Aber im Hindukusch, weit ab von der Base, gab es sie. Die Nächte, in denen die Sterne das einzige waren, was Licht spendete. Und dieses Licht war oft nicht ausreichend um Gefahren zu erkennen und genau das machte einige mürbe.
Über eine Stunde surfte er durchs Netz und als er die ersten Sonnenstrahlen bemerkte, loggte er sich in sein Emailfach ein und entdeckte eine Mail von einem ehemaligen Kollegen, der gemeinsam mit anderen Veteranen Hilfslieferungen in Krisengebiete organisierte. Mike bekam diese Mails schon seit Jahren und hatte bei Lieferungen nach Afghanistan immer dafür gesorgt, dass diese von seinen Männern beschützt wurden. Dieses Mal war es ein Transport in den Jemen, für den Reginald Peck um Unterstützung bat. Es sollten neben Kleidung und Lebensmittel große Mengen Medikamente nach Sanaa gebracht werden und von dort in kleinere Ortschaften verbracht werden. Peck war auf der Suche nach Sponsoren und Helfern.
Je länger Mike die Mail ansah, je sicherer war er sich, dass er den ehemaligen besten Freund seines Ausbilders auf die Zeilen antworten wollte. Finanziell konnte er zwar nicht helfen, aber er könnte nach Sponsoren Ausschau halten und vielleicht mit fliegen um den Transport mit zu organisieren.

2.
Liv strich sich über die Augenlider und musterte nur wenig später erneut die Zeilen auf dem Bildschirm ihres Rechners. Nein, das war es nicht und somit war wieder eine Spur im Sande verlaufen und eine Woche arbeit war umsonst. Sie schloss das Dokument und starrte auf den Bildschirm. Es war zum Heulen. In den letzten vier Wochen hatte sie nicht eine brauchbare Spur zu den Sprengstoffwesten von Milazim gefunden. Immer wieder musste sie schon am PC feststellen, dass die Informationen die sie hatten, falsch waren. Nach und nach tauchten Ungereimtheiten auf, bis sie sich schließlich sicher war, dass ihre Spur eine Niete war. Es gab einfach keine handfesten Beweise und sie konnte schlecht jeden, der auch nur für eine Sekunde im Verdacht gestanden hatte verhören. Im Augenblick fühlte es sich an, als wären die Westen spurlos verschwunden. Dabei war sicher, dass es noch mehr von ihnen gab. Nur wo, wusste sie nicht. Die Befürchtung dass sie das wo erst klären konnte, wenn eine zum Einsatz gekommen war, nagte jeden Tag an ihr.
Den Blick nach unten rechts auf den Bildschirm wendend stöhnte sie auf. Es war weit nach Mitternacht und eigentlich hätte sie bereits vor sechs Stunden zu Hause sein wollen. Aber da Jamain sich bisher jedoch nicht gemeldet hatte, musste sie davon ausgehen, dass er ebenfalls nicht zu Hause war und sie auch diese Nacht alleine in ihrem kleinen Haus verbringen würde. Vielleicht war das der Grund, warum sie noch hier saß. Vielleicht wollte sie einfach nicht alleine um Haus sein. Dort alleine vor dem Fernseher und am Küchentisch zu sitzen mochte sie nicht. Da konnte sie die ruhigen Stunden hier in der Base auch nutzen um Spuren nachzugehen oder zu suchen. Jetzt wo die Teammitglieder der I.A.T.F in den Betten lagen, herrschte hier eine angenehme Stille. Am Tage war es, manchmal schwer hier zu arbeiten. Dann liefen sie brüllend über die Flure, und das Arbeitsklima war ein ganz anderes wie in den Büros der CIA, wo sich die meisten bemühten nicht ein lautes Geräusch zu machen um niemanden zu stören. Hier war das anders, was kein wunder war. Hier waren Soldaten untergebracht, die morgens brüllend aus den Betten kamen, die Kommandos von einem Captain erhielten, der gefühlt einen Kilometer entfernt stand und deswegen laut rufend Gehör verschaffen musste. Manchmal fühlte sie sich hier wie in einem Irrenhaus. Aber das war nicht der einzige Grund, warum sie sich in ihrer Haut nicht wohlfühlte.
Ihre Gedanken wanderten zu Jamain. Er war die meiste Zeit unterwegs und wenn er doch mal in San Diego war, verbrachte er nur wenig Zeit mit ihr. Sie fühlte sich in ihrer Beziehung unwohl. Den letzten Kuss von ihm hatte sie bei der Hochzeit von Yvonne und Syrell bekommen, aber da waren keine Gefühle mehr gewesen. Dieses Kribbeln welches einmal da gewesen war, war verschwunden. Einfach weg. Dabei hatte sie sich doch mal in ihn verliebt. In den verrückten Piloten, der seine Flieger mit seinem Leben beschützte. Was genau sich in den letzten Monaten verändert hatte, wusste sie nicht. Aber die Gefühle waren nicht mehr so wie zu Beginn und das war das Problem neben seiner ständigen Abwesenheit. Diese Gefühle vermisste sie. Sie wollte sich in seiner Gegenwart wieder geborgen fühlen, wollte sich wieder an ihn schmiegen und mit dieser tiefen Zufriedenheit neben ihm aufwachen, mit der sie auch neben ihm eingeschlafen war. Meist schlief aber jeder auf seiner Seite ein, sollte sie tatsächlich beide gleichzeitig daheim sein. Das Handy klingelte schon lange nicht mehr und überbrachte kurze Nachrichten des Vermissens. Wenn überhaupt teilten sie sich mit, dass sie es nicht rechtzeitig heim schafften. Dabei waren diese kleinen Nachrichten immer die gewesen, die sie auch während der Arbeitszeit hatten lächeln lassen. Die sie immer schnell beantwortet hatte oder sie hatte eine schnelle Nachricht geschickt, dass sie sich ein Wiedersehen herbei wünschte. Jetzt erwischte sie sich sogar hin und wieder bei dem Gedanken ihn nicht sehen zu wollen.
Der Mauscursor bewegte sich wie von Geisterhand zum Abmeldebutton. Sie wollte nach Hause und einige Stunden schlafen, um dann weiter zu arbeiten.
Als der Bildschirm schwarz war, erhob sie sich und sah sich nochmals um. Was sie zu sehen erwartete, wusste sie nicht. Sie war seit Stunden alleine in dem Büro, das sie sich mit Joyce und einer jungen Frau teilte, die erst vor kurzem im Team der I.A.T.F angefangen hatte. Jedoch war die junge Frau nur für wenige Stunden eingestellt und beschäftigte sich rein mit der Buchhaltung. Das Licht an der Tür ausschaltend horchte sie in den dunklen Flur des Erdgeschosses. Selbst von oben wo einige Teammitglieder untergebracht waren, konnte sie kein Geräusch hören. Jedoch fiel ihr auf, dass unter der Tür eines weiteren Büros ein schmaler Lichtstrahl hindurchfiel. Zögernd öffnete sie die Tür und fand Rafael Bishop an seinem Schreibtisch vor, wo er gebannt den Bildschirm anstarrte. In einem dunklen edel wirkenden Anzug steckend saß der Mann mit den hellgrauen Augen, wie sie zuvor, alleine im Raum. Seine dunkeln Haare hatte er allen Anschein nach über Stunden immer wieder in verschiedenste Richtungen geschoben, so dass sie nun wirr abstanden. Neben dem Bildschirm standen gleich drei Tassen und sie würde darauf wetten, dass in jeder ein kleiner Rest Kaffee zu finden war. Das war eine der Macken, die der NCIS Agent besaß und die alle anderen nutzten, um ihn damit aufzuziehen. Was bei allen anderen hier jedoch auf wenig Gegenliebe stieß, war Rafaels Kaffeetassensammeltrieb, wenn er das Büro hier nutzte. Die Tassen fanden zwar immer einen Weg zu ihm, jedoch nur selten zurück in die Küche, was dort wiederum für Tassennotstand führte und zu schlechter Laune unter allen Kaffeetrinkern.
»Hey.« Nach einer gefühlten Minute in der sie ihn beobachtet hatte, sprach sie ihn schließlich doch an, obwohl sie darüber nachgedacht hatte einfach zu gehen. Aber sie war gerne in seiner Nähe. Nicht nur die Gespräche mit ihm taten ihr gut. Es war auch seine bloße Anwesenheit, die eine Saite in ihr zum klingen brachte. Oft musste sie sich einreden, dass seine Berührungen rein freundschaftlich waren. Der Kuss auf die Wange am Morgen, das leichte über den Arm streichen beim Vorbeigehen. Der Blick über ihre Schulter, mit dem Gesicht viel näher an ihrem Hals als bei allen anderen.
»Hey, komm rein.« Ohne aufzusehen, folgte die Aufforderung. »Und hast du was gefunden?« Immer noch starrte er konzentriert den Bildschirm an.
»Nein.« Kopfschüttelnd trat sie hinter ihn und warf einen Blick auf den Bildschirm. »Immer noch?« Nach nur wenigen Zeilen war ihr klar, dass ihr Kollege vom NCIS immer noch im Fall von