Leseproben

1.

»Du solltest echt Schluss machen, Cayden. Wir sitzen nun seit zwei Tagen fast ohne Unterbrechung an dem Kram. Ich bekomme den Rest auch alleine fertig, wirklich.« Ellen schob einen Aktenordner zur Seite und sah ihn an.
»Bist du dir sicher?« Cayden blickte von den Unterlagen auf, die vor ihm lagen. In ihm schrie alles danach, einfach aufzuspringen und zu gehen, trotzdem zwang er sich, sitzen zu bleiben. Dabei waren Ellens Worte genau die, auf die er seit zwei Tagen wartete. Er wollte nichts mehr mit den Steuerunterlagen und Rechnungen zu tun haben, die sie bearbeiteten. Schluss machen mit dem Papierkram war genau das, wonach ihm seit Tagen der Sinn stand. Der Auftrag in Aleppo hatte zwar viel Geld in die Kasse gespült, aber auch mehr als nur ein paar Seiten Papier gebracht, um die er sich kümmern musste. Zwei Aktenordner voll waren es geworden, und überall sollte er sich für irgendwelche Dinge rechtfertigen, die vor Ort passiert waren. Dabei hatte man ihm zugesagt, dass alles, was geschehen war, von der Regierung gedeckt werden würde. Mattis hatte ihm sogar versprochen, dass es von Seiten der CIA keine Probleme geben würde. Und genau daran zweifelte Cayden immer noch, wenn er auf die Fragebögen sah. Er rechnete fast täglich damit, dass Männer in schwarzen Anzügen vor seiner Tür auftauchten und ihm erklärten, dass er gegen Gesetze verstoßen hatte, von deren Existenz er nicht einmal wusste.
Warum Acosta sich nicht um diese Papierberge kümmerte, war Cayden immer noch ein Rätsel. Dabei war doch der Diplomat schuld daran, dass es zu Dutzenden Situationen gekommen war, die im Militär harte Konsequenzen gehabt hätten. Nun sollte er einfach nur schildern, was passiert war und man hatte ihm garantiert, dass jeder von ihnen straffrei aus der Situation herauskommen würde. Nur wenn es wirklich keine Auswirkungen haben würde, warum gab es diese ganzen Unterlagen dann überhaupt? Neben diesen Fragebögen und Berichten, die er hatte verfassen müssen, gab es Formulare, mit denen er seine Munition, seine Waffen, Kleidung, Nahrungsmittel und vieles mehr in Rechnung stellen konnte. Im ersten Moment, als die Unterlagen bei ihm angekommen waren, hatte er sich gesagt, dass er diese Papiere nicht ausfüllen würde, da das Geld, welches sie bekommen hatten, diese Kosten bereits ohne Probleme mit aufgefangen hatte. Zudem hatte er keinen Überblick über die verbrauchte Munition. Wer zählte schon abgefeuerte Schüsse, wenn es um das Überleben ging? Ellen, die, weil sie Jackie hatte abholen wollen, in seiner Küche gestanden hatte, hatte einen Blick auf das Papierchaos erhascht und sich mit seiner Erlaubnis eingelesen. Sie hatte ihm schließlich klargemacht, dass er nicht nur die Berichte schreiben und ausfüllen musste, sondern auch die Anträge. Ellen war seit Jordans Tod oft seine Rettung. Sie übernahm nicht nur häufig die Buchführung für seine Firma, sie war immer seine erste Ansprechpartnerin, wenn Samira aus der Schule geholt werden musste, wenn Samira eine Nacht alleine daheim war, oder wenn sonst etwas war, wo er weiblichen Beistand benötigte. Ellen kümmerte sich ohne langes Nachfragen. Sie war zu einer guten Freundin geworden, der sich auch Samira jederzeit anvertraute.
»Ich bin mir sicher. Ich bring dir den Kram morgen vorbei.« Ellen lächelte ihn an und hob zwei Zettel hoch. »Nun geh endlich, ich sehe doch, dass du hier leidest wie ein Tier. Sind nur noch die hier.« Sie legte die Unterlagen zurück und Cayden erhob sich.
»Wann kommen die Mädels aus dem Kino?« Cayden blieb in der Zimmertür stehen und stellte sich die Frage, ob Samira es bei ihrem Aufbruch erwähnt und er es vielleicht einfach nicht gehört hatte. Dieses Papierzeug raubte ihm seine Aufmerksamkeit.
»In einer Stunde, denke ich«, erklärte Ellen bereits wieder mit einem Kugelschreiber bewaffnet und ein Kreuz in ein Kästchen machend.
Samira und Jackie hatten sich am Nachmittag auf den Weg ins Kino gemacht. Zu dem Zeitpunkt hatte Cayden schon seit mehreren Stunden in Ellens Büro gesessen, in dem sie sich um seine Buchführung kümmerte. Da sie behauptete, es würde ihr keine Probleme bereiten, daheim zu arbeiten, hatte sie sich in diesem Raum zwischen Wäschekörben und dem Bügelbrett einen Schreibtisch hergerichtet, an dem man ohne Schwierigkeiten zu zweit arbeiten konnte. Cayden hatte es aber auch schon erlebt, dass der Schreibtisch mit einer Nähmaschine bestückt gewesen war und Ellen irgendwelche Stoffstücke aneinandergenäht hatte. Aber das zeitweise herrschende Chaos war ihm egal. Sie kümmerte sich um das, was sie angeboten hatte und war immer sofort zur Stelle, wenn er mal wieder nicht begriff, was die Behörden von ihm wollten. Auch mit ihrem Mann verstand er sich inzwischen sehr gut. Zu Beginn hatte er eine gewisse Distanz zwischen ihm und Liam gespürt, deren Ursprung Cayden erst nach einer Weile hatte ausfindig machen können. Es war die Angst des Familienvaters, dass seine Söhne zum Militär gehen würden, weil sie Cayden als Helden vergötterten. Aber Cayden hatte den Teenagern in langen Gesprächen auch die negativen Punkte des Dienstes dargelegt, womit er zwar nicht erreichen wollte, dass die Jungen das Militär verteufelten, aber er wollte, dass sie genau wussten, auf was sie sich einlassen würden.
Eine halbe Stunde später parkte er seinen Mustang vor seiner Garage. Als ihm ein verführerischer Duft von frisch gekochtem Essen in die Nase stiegt, wurde ihm klar, dass er noch kochen musste. Seit Jordans Tod duftete es nicht mehr nach Essen, wenn er nach Hause kam. Durchatmend zwang er sich zur Ordnung, denn sonst würde er noch in einer Stunde hier stehen und seinen Erinnerungen nachhängen. Dann wäre es sicher Samira, die irgendwann an die Seitenscheibe des Wagens klopfen würde, um ihm zu sagen, dass er reinkommen sollte. In den letzten drei Wochen hatte er viel Zeit mit ihr verbringen können. Er hatte sich, Duncan und Collin einige Tage Urlaub erlaubt, nachdem sie aus Aleppo zurückgekommen waren. Collin war erst vor einer Woche gemeinsam mit Dila aus Deutschland hier angekommen und seither hatte er seinen Freund und Kollegen nur zweimal gesehen. Einmal, als er ihn und Dila am Flughafen in Empfang genommen hatte und den Tag darauf, als er Collin beim Aufbau eines Kleiderschrankes geholfen hatte. Seitdem herrschte Stille. Eine Stille, die ihm nicht gefiel, die er Collin aber einräumen wollte, um sich mit seiner neuen Rolle als Ehemann und wohl auch Vater zurechtzufinden. Der kleine Junge, den Samira in wenigen Sekunden ins Herz geschlossen hatte, war nach Aussagen aller Ärzte so gesund und munter wie ein Säugling in seinem Alter es sein konnte. Dieses Baby hatte so viel Glück gehabt, wie wohl nur wenige andere in Syrien.
Mit seiner Mutter unter einem Haus verschüttet zu werden, hatte der kleine Gibran das Glück gehabt, fast unverletzt geborgen werden zu können. Im Gegensatz zu seiner Mutter, die ein Bein in den Trümmern verloren hatte. Und wenn er Collin glauben konnte, wohl auch ihren Lebensmut. Obwohl Collin einen Schritt gewagt hatte, den alle in seinem Freundeskreis mit großer Sorge betrachtet hatten, bereute er ihn eigenen Aussagen nach nicht. Dila, die junge Syrerin, hingegen schon, wenn Cayden die Erzählungen von Collin richtig deutete. Collin hatte sie in einer spontanen Aktion mit Hilfe einiger Behörden und Menschen, die Dila ein glückliches Leben schenken wollten, geheiratet. Sie war in den ersten Tagen mit dieser Entscheidung einverstanden gewesen. Inzwischen, so hatte Cayden es einer Nachricht von Collin entnommen, war dem nicht mehr so. Sie warf ihm vor, diesen Schritt nur aus Mitleid gegangen zu sein und dass er immer aufgrund ihrer Behinderung Probleme haben würde. Sie war der Meinung, dass man ihn für das, was er gemacht hatte verachten würde und dass er ebenso das Mitleid erfahren würde wie sie. Dass Collin seit Jahren mit dem Bedauern anderer leben musste, da er bei einem Sprengstoffanschlag ein Auge verloren hatte und durch viele Narben für den Rest seines Lebens gezeichnet war, sah sie nicht. Oder sie wollte es nicht sehen.
Caydens Blick wanderte gedankenverloren in den Rückspiegel, wo er einen gut gekleideten Mann an einem dunklen Sportwagen stehen sah. Seine Gedanken an Dila und Collin verflüchtigten sich und beim Blick auf die Uhr wurde ihm klar, dass er bereits seit einer Viertelstunde einfach nur hier saß. Wieder in den Spiegel sehend wurde ihm bewusst, dass der Mann seinen Wagen ansah. Kannten sie sich? Wartete er auf ihn? Cayden zog den Schlüssel aus dem Zündschloss, schloss kurz die Augen und öffnete die Tür. Diese penetrante Angst, dass jeder, der ihn irgendwie ansah, ihn angreifen könnte, war nur schwer zu kontrollieren und seit Aleppo noch schlimmer geworden. Als er ausgestiegen war und die Tür seines Mustangs schloss, kam der Fremde auf ihn zu. Cayden verspürte den Wunsch, nach seiner Pistole zu greifen, die er in diesem Moment jedoch gar nicht bei sich trug.
»Mister Harrison?« Mit einem interessierten Blick blieb der Mann, den Cayden auf Mitte fünfzig schätzte, vor ihm stehen. Cayden fiel eine tiefe Narbe auf der Wange des Fremden auf, der mit seinen aalglatten schwarzen Haaren und den braunen Augen wirkte, als gehöre er nicht hier her. Der Anzug, den er trug, kostete sicher so viel wie ein Kleinwagen. Der Porsche, an dem er gestanden hatte, war das neuste Model und lag preislich bei einem Einfamilienhaus. Er wirkte eindeutig zu reich für diese Gegend.
»Steht vor Ihnen.« Cayden nickte, ergriff aber nicht die ihm angebotene Hand. Der Mann war ihm suspekt.
»Sind Sie der Geschäftsführer der First Source Security?« Der Fremde zog die Hand zurück und hob fragend die dunklen buschigen Augenbrauen.
»Ja, auch das.« Cayden schoss durch den Kopf, dass dieser Mann ein Steuerprüfer sein könnte oder von der Regierung geschickt worden um – was auch immer zu tun.
»Ich würde gerne Ihre Dienste in Anspruch nehmen«, erklärte der Mann, der seinen Blick abschätzend über das Grundstück schweifen ließ.
»Wir haben ein Büro bei Mister Tremblay. Er nimmt die Aufträge entgegen. Gerne mit persönlicher Vorsprache. Erklären Sie ihm Ihr Anliegen und wir melden uns bei Ihnen.« Cayden wollte hier und jetzt auf keinen Fall einen Auftrag annehmen. Ihre Firmenadresse war unter Duncans Anschrift gemeldet, weil Cayden genau das, was hier gerade geschah, hatte vermeiden wollen. Er wollte nicht auf offener Straße vor seinem Haus von potenziellen Kunden angesprochen werden. Alleine schon, weil seine Nachbarschaft nicht wissen sollte, was er tat. Bei Duncan war das anders. Dort hatten sich die Nachbarn über viele Jahre daran gewöhnt, dass Fremde bei ihm ein und ausgingen und daran, dass Duncan die Jobs oft wechselte.
»Ich würde aber gerne mit Ihnen sprechen, Mister Harrison und nicht mit Mister Tremblay.« Nun lag etwas Eindringliches, fast Forderndes in der Stimme des Mannes, der sich ihm immer noch nicht vorgestellt hatte.
»Dann vereinbaren Sie bitte einen Termin.« Cayden zog seine Brieftasche hervor, aus der er eine Visitenkarte holte. Im Augenwinkel sah er etwas, dass ihn mitten in seiner Bewegung verharren ließ. Samira kam den Bürgersteig entlang. Neben ihr ging ein junger Mann, den Cayden zum einen noch nie gesehen hatte und der zum anderen die Hand seiner Tochter hielt. Sein Herz kam kurz ins Stocken. Da war er nun also, der Moment, an dem er sich das kleine Mädchen, das sich mal verzweifelt an seinem Bein festgehalten hatte, mit einem Jungen teilen musste, der noch nicht einmal in einem Alter war, in dem Cayden selbst sich für Mädchen interessiert hatte. Auch Samira hatte ihn bemerkt und sah kurz verstohlen den Jungen an, der ertappt ihre Hand losließ. Cayden kniff die Augen zusammen und überlegte, was er tun sollte. Sollte er den Mann, der vor ihm stand und offensichtlich reichlich Geld besaß, nun einfach hier stehenlassen und seiner Tochter entgegengehen, um in Erfahrung zu bringen, wer der junge Mann war und vor allem, warum er ihre Hand hielt. Oder sollte er so tun, als interessiere ihn das nicht und sich weiter mit diesem reichen Typen unterhalten? Es gelang ihm einfach nicht, den Blick von Samira und dem Jungen zu lösen, viel zu interessiert war er an dem Verhalten der beiden Teenager.
»Ihre Tochter?«, fragte der Fremde mit gesenkter Stimme, als hätte er Angst, dass die Teenager ihn hörten.
Cayden gab ein zustimmendes Brummen von sich.
»Ihr erster Freund?«
Cayden richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Mann und sprach aus, was er in diesem Augenblick dachte. »Das geht Sie mal gar nichts an.«
Sein Gegenüber schwieg, hatte seinen Blick ebenfalls auf Samira und den Jungen gerichtet, der in Caydens Augen immer noch viel zu dicht neben Samira herging. Aber wenigstens hielt er ihre Hand nicht mehr.
»Hey Cay.« Samira lächelte ihn verlegen an, als sie ihn erreichte und deutete auf den Jungen, der unübersehbar lateinamerikanische Vorfahren hatte. »Das ist Thiago.«
»Guten Tag, Sir.« Der Teenager reichte ihm die Hand und nickte knapp. Obwohl Cayden die Hand des Mannes nicht ergriffen hatte, griff er nach der des Jungen, der seinem Handdruck standhielt, auch wenn Cayden wusste, dass er viel zu fest zu drückte.
»Tag.« Er zwang sich, seine Stimme neutral zu halten. »Ich dachte, du warst mit Jackie im Kino?« Nun konnte er den leichten Ärger nicht verbergen, als er Samira ansprach, die entgegen seiner Erwartung nicht betreten zu Boden sah.
»War ich auch. Thiago ist mit ein paar Freunden auch dagewesen«, erklärte sie ruhig und hielt seinem Blick stand.
»Woher kennt ihr euch?« Cayden musterte den Jungen genauestens.
»Aus der Schule, Sir. Ich wollte nicht, dass Samira und Jackie alleine nach Hause gehen.«
»Ach und du hättest sie vor was auch immer schützen können?« In Cayden keimte nun doch etwas auf, was er so nicht hatte zeigen wollen. Samira war durchaus in der Lage, sich zu verteidigen. Das wusste er so genau, weil er es ihr beigebracht hatte. Thiagos Worte hatten so geklungen, als wäre er der Meinung, Samira sei ein hilfloses Mädchen.
»Ehm …«
»Cay, bitte.« In Samiras Blick lag etwas Flehendes. Cayden wurde wieder bewusst, dass der fremde Mann immer noch direkt neben ihm stand und das Gespräch mitgehört hatte. Er hatte weder den Mann gebeten zu gehen, noch hatte er Samira gesagt, sie solle im Haus auf ihn warten. Er hatte sich absolut dämlich verhalten.
»Geh bitte rein. Wir reden gleich.« Cayden deutete knapp auf die Haustür.
Samira wandte sich von ihm ab und griff wieder nach Thiagos Hand. Sie wollte doch nicht etwa …? Nicht in der Lage, den Blick von den beiden Teenagern zu lösen, beobachtete er, wie Samira den Jungen ins Haus bat. Dabei hatte er mit ihr reden wollen und nicht mit dem Jungen. Thiago hatte absolut nichts in ihrem Haus zu suchen.
»Also? Übernehmen Sie den Job?« Der Mann riss ihn aus seinen Gedanken und er benötigte einen Augenblick, um sich zu sortieren. Dass Samira hier mit einem Jungen auftauchte, hatte ihn tatsächlich völlig aus dem Tritt gebracht.
»Ich weiß ja nicht einmal, mit wem ich das Vergnügen habe, da sage ich doch nicht einfach so zu«, erklärte Cayden. Er ertappte sich dabei, dass er nicht den Mann ansah, sondern die Haustür, dazu hörte er sich alles andere als professionell an.
»Hatte ich mich nicht vorgestellt?« Nun klang sein Gegenüber tatsächlich verwirrt.
»Nicht, dass ich mich erinnern könnte«, murrte Cayden und zwang sich, dem Mann in die Augen zu sehen. Er machte nicht den Anschein, als müsste er um sein Leben fürchten.
»Entschuldigen Sie, das ist sicher dem langen Flug zuzuschreiben.«
Flug? Cayden hob erstaunt die Augenbrauen. Er hatte damit gerechnet, dass der Mann aus der näheren Umgebung stammte. Mit dem Wort Flug verband er umgehend den Gedanken an Samira, die alleine bleiben würde oder … was sogar weit schlimmer wäre … Thiago ohne sein Wissen einladen würde.
»Juan Flores, ich bin extra aus San Sebastian hergekommen, um Sie zu bitten, meinen Schutz und den meiner Mine zu übernehmen, bis ein kleines Problem geklärt ist.«
»Mexiko?« Verwundert musterte Cayden den Mann. Unter einem Minenbesitzer hatte er sich irgendwie etwas anderes vorgestellt. Mehr einen Mann in dreckigen Hosen, Gummistiefeln mit Schlamm und Sand, rauen Händen und ungepflegtem Äußeren.
»Ja. Wir müssen ein neues Gebiet erschließen, wozu erst einige Hektar Wald abgeholzt werden müssen. Damit haben ein paar Leute Probleme. Aber ich möchte das nun ungern hier erläutern.« Mister Flores ließ seinen Blick die Straße entlangwandern, als rechne er damit, dass jemand erschien, den er kannte.
»Okay. Aber eine Frage habe ich vorab noch.« Cayden war bewusst, dass es Dinge gab, die man am besten nicht auf der Straße ansprach. Das Abholzen von Wäldern gehörte dazu. Allerdings sah er genau dort schon sein erstes Problem. Er war niemand, der es befürwortete, dass Wälder für den Raubbau an der Natur verschwinden mussten. Ob er diesen Auftrag reinen Gewissens annehmen konnte, wusste er nicht.
»Welche?« Flores war wieder voll auf ihn konzentriert und machte den Eindruck, als wäre er tatsächlich glücklich darüber, dass Cayden ihn nicht direkt abgewiesen hatte.
»Wie sind Sie auf uns gekommen.« Ihn interessierte brennend, wie ein Mann aus Mexiko auf die First Source Security aufmerksam geworden sein könnte. Schließlich hatten sie bisher nur wenige Male Werbung gemacht und diese hatte sich auf Kalifornien begrenzt.
»Ich habe ein Ferienhaus hier in San Diego und habe von einem befreundeten Geschäftsmann Ihre Karte bekommen. Sie hatten dort das Vergnügen auf seine Tochter aufzupassen, was wohl nicht ganz so gelaufen ist, wie er es sich vorgestellt hat …«
»Nicht ganz so gelaufen … ah ha.« Cayden wurde bewusst, welchen Mann Flores meinte und auch, wie die Tochter hieß. Die Umstände, die erst wenige Monate zurücklagen, ließen sich mit den Worten »nicht ganz so gelaufen« kaum beschreiben.
»Ich kenne seine Tochter und würde mich schämen, wenn ich Kinder hätte, die sich derart danebenbenehmen. Dieses Mädchen ist wirklich unmöglich. Er meinte, Sie wären auf keinen Fall seine erste Wahl, deswegen bin ich nun als Erstes bei Ihnen. Denn jeder, der es meinem Freund recht machen kann, ist bestechlich.« Flores lachte auf. »Also, kommen wir ins Geschäft?« Ebenso spontan, wie er aufgelacht hatte, war er nun wieder ernst.
»Kommen Sie morgen an die Adresse von Duncan Tremblay. Die steht hier auf der Rückseite. Ich werde gegen 10 da sein und meinen Kollegen mitbringen.« Cayden reichte die Visitenkarte, die er seit Minuten in der Hand hielt an Flores weiter.
»Danke. Bis morgen.« Flores wandte sich ohne weitere Worte ab und ging zu seinem Wagen. Es wunderte Cayden, dass Flores extra, um ihn und seine Kollegen anzuwerben, nach San Diego gekommen war. Gab es in Mexiko keine zuverlässigen Personenschützer? Die Frage, ob er wieder Wochen im Ausland verbringen wollte, beschäftigte ihn zusätzlich. Mexiko war zwar nicht Syrien und nur wenige hundert Kilometer entfernt, aber er würde über einen längeren Zeitraum nicht hier sein können. Er schüttelte den Kopf. Das waren Dinge, die er morgen bei Duncan klären und in Erfahrung bringen würde. Sein nächstes Ziel war in diesem Moment sein Haus und dort Samira und der junge Mann. Alleine bei dem Gedanken, dass Samira ihren ersten Freund ohne Umwege mit heimgebracht hatte, lief es ihm kalt den Rücken runter. Dabei sollte er doch froh sein, dass sie ihm vertraute und sich nicht heimlich irgendwo mit ihm traf. Vielleicht war er gar nicht ihr Freund.
Durchatmend schloss er die Tür auf und hörte, wie Samira sich angeregt mit Thiago unterhielt. Das Gespräch in der Küche verstummte in dem Augenblick, in dem er die Tür hinter sich schloss. Dutzende Gedanken, wie er sich verhalten sollte, schossen ihm durch den Kopf. Er dachte an Jordans Worte, dass sie dafür sorgen würde, dass er Samiras ersten Freund am Leben lassen würde. Langsam und bemüht, seinen Puls ruhig zu halten, ging er zur Küche, wo er in der Tür lehnend stehen blieb. Die Teenager hatten sich Orangensaft aus dem Kühlschrank genommen und Samira aß ein Sandwich.
»Willst du Thiago nicht etwas anbieten?«, rutschte es ihm leicht vorwurfsvoll an Samira gerichtet heraus. Dabei hatte er sich einen Augenblick gefreut, dass die beiden nicht den Kühlschrank geplündert hatten. Thiago, der mit dem Rücken zu ihm auf einem der Barhocker saß, die sie als Küchenstühle nutzten, drehte sich zu ihm um.
»Danke Mister Harrison, aber ich habe Samira gerade schon gesagt, dass heute meine Grandmom kocht. Wenn ich da nicht genug esse, glaubt sie, es schmeckt mir nicht.« Er lächelte ihn an und schaffte es so, dass Caydens Unmut ihm gegenüber für einen Moment verflog. Seine Worte und Gestik wirkten von Grund auf ehrlich.
»Ich habe gerade schon gesagt, dass Karen auch so ist«, brachte Samira mit vollem Mund kauend ein, was Cayden mit einem rügenden Blick bedachte. »Tschuldigung«, murmelnd schluckte sie das Stück Sandwich hinunter, dass sie gekaut hatte.
»Und ihr kennt euch aus der Schule?« Cayden wollte dort anknüpfen, wo sie vor der Tür geendet hatten. Er wollte mehr über den dunkelhaarigen Jungen wissen, der ihn nun mit seinen braunen Augen aufmerksam ansah.
»Ja Sir. Ich wollte vorhin nicht anmaßend sein. Nur meine Grandmom hat mir eingebläut, dass ich die Mädchen, mit denen ich mich treffe, immer nach Hause begleiten soll«, erklärte Thiago, der seinem Blick weiterhin standhielt. Cayden war sich sicher, dass es Thiago nicht möglich wäre, ihm so lange in die Augen zu sehen, wenn es etwas gegeben hätte, weswegen sich die Teenager schämen mussten.
»Sehr vernünftig.« Cayden nickte und sah kurz zu Samira. »Und was plant ihr noch heute?« Es war bereits früher Abend und er war gespannt auf die Antwort der beiden.
»Ich muss jetzt heim. Wie gesagt, meine Grandmom.« Thiago erhob sich. »Wenn Sie es erlauben, würde ich mich gerne morgen nach der Schule noch mit Samira treffen und sie auf ein Eis in der Mall einladen.«
Cayden sah bei den Worten des Teenagers das Leuchten in den Augen seiner Adoptivtochter.
»Bitte. Ich würde sie auch wieder nach Hause begleiten«, legte Thiago nach.
Cayden grübelte trotz Samiras flehenden Blickes eine Weile. Er kannte den Jungen nicht und da es das erste Mal war, dass sie sich mit einem Jungen treffen würde, machte seine Entscheidung nicht leichter. Dazu fand er das höfliche Verhalten des Teenagers für sein Alter etwas befremdlich.
»Okay, aber nur die Mall und nur ein Eis und ich verlasse mich darauf, dass du sie heimbringst.« Cayden nickte Thiago zu und hoffte, dass seine Worte streng genug geklungen hatten. Auch wenn er diese Zusage nur ungern gegeben hatte, wollte er Samira nicht enttäuschen. Er war sich sicher, dass Jordan ihr diesen Ausflug erlaubt hätte.
»Selbstverständlich.« Thiago reichte ihm die Hand und verließ kurze Zeit später von Samira begleitet die Küche. Cayden sah, wie die beiden sich an der Haustür verabschiedeten. Jedoch nicht, wie er erwartet hatte, mit einem Kuss, sondern lediglich mit einer kurzen Umarmung. Als die Tür hinter Thiago ins Schloss gefallen war, drehte Samira sich mit strahlenden Augen zu ihm um.
»Danke!« Sie fiel ihm um den Hals. »Danke.«
Er wusste nicht, was er sagen sollte. Das ungute Gefühl in seiner Magengegend wollte einfach nicht verschwinden. Da half das Leuchten in den braunen Augen, die ihn nun freudig anfunkelten, auch nicht. War sein kleines Mädchen wirklich bereit für einen Freund? War er der Richtige? Obwohl er einen ordentlichen Eindruck machte und Cayden gegenüber freundlich war, spürte Cayden ein seltsames Gefühl. Samira verschwand ins Wohnzimmer, wo nur Sekunden später der Fernseher zu hören war. Wo war die Zeit hin, in der ihr erster Weg in ihr Zimmer zu ihren Büchern geführt hatte?
»Wo kommt er eigentlich her?« Cayden folgte ihr und ließ sich neben ihr auf dem Sofa nieder.
»Ist das wirklich wichtig?« In ihrer Stimme schwang etwas mit, das ihn skeptisch werden ließ. Es klang, als hätte er nach dem Einkommen des Teenagers gefragt, obwohl er wissen müsste, dass Schüler kein Geld verdienten.
»Ja.« Er wollte wissen, aus welcher Ecke San Diegos Thiago stammte. Das Viertel das Samira ihm nur Sekunden später mit einem Zähneknirschen preisgab, sorgte dafür, dass sich sein Magen zusammenzog. Dort gab es immer wieder Probleme zwischen Polizei und diversen Jugendlichen, die Drogen verkauften und sich mit allem, was sie hatten, gegen die Beamten zur Wehr setzten. Das Viertel stand regelmäßig negativ in den Schlagzeilen der Presse. Er zweifelte daran, dass dort überhaupt Menschen ohne Vorstrafen lebten.
»Siehst du. Ich wusste, dass du so reagierst«, murrte Samira und konzentrierte sich wieder auf den Fernseher.
»Dass ich wie reagiere?« Verwundert wollte er Samira in die Augen sehen, doch sie starrte weiter stur den Fernseher an.
»Dass du so tust, als ob er die Pest hätte. Jackie hatte recht.« Nun stand sie auf und er konnte bei einem kurzen Blick sehen, dass der gerade noch vorhandene Glanz verschwunden war. Dafür konnte er Wut erkennen, Wut auf ihn.
»Womit hatte sie recht?«
Ohne ihm zu antworten verließ sie das Wohnzimmer und warf ihre Zimmertür wenige Sekunden später hinter sich ins Schloss. Einen Augenblick blieb er verwundert auf dem Sofa sitzen. Er hatte doch noch nichts gesagt … Auf die Zeitungen starrend, die auf dem Wohnzimmertisch lagen, wurde ihm klar, dass er genau das aber hatte tun wollen. Er hatte sie ausfragen wollen und er befürchtete, dass Thiago vielleicht nur so nett tat. Was, wenn er Samira mit Drogen gefügig machen würde? Hatte Cayden ihr oft genug gesagt, wie gefährlich die Drogen waren und dass sie nie Getränke von Fremden annehmen sollte? Würde sie sich an die Warnungen halten?
Das Vibrieren seines Handys, das in der Brusttasche seines Hemdes steckte, löste ihn von den Gedanken, die er sich über die Aufklärung von Samira machte. Es waren bereits einige Nachrichten eingegangen. Alle von Ellen, die ihn fragte, ob Samira wirklich von Thiago heimgebracht worden war und gleich mehrere, in denen sie ihn darüber aufklärte, von wo der Junge stammte und dass sein Vater ein verurteilter Drogendealer war. Diese Info war das Letzte, was er hatte wissen wollen. Cayden musste sich zwingen, sitzen zu bleiben und einen kühlen Kopf zu bewahren, ehe er Ellen zurückschrieb, dass der Teenager einen ordentlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Ellen wiederum antwortete, dass sie sich nicht einmischen wolle, dem Jungen aber nicht über den Weg traute. Cayden begann zu zweifeln. Seine Menschenkenntnis hatte ihn bisher nur einmal im Stich gelassen. Dieses eine Mal hatte bis heute viele Menschenleben gekostet und zog sich wie ein roter Faden durch die letzten Jahre seiner Laufbahn bei der IATF. Hätte er vor Jahren einen der Rekruten einfach abgelehnt, wäre Jordan noch am Leben. Allerdings nur, wenn er sie dann überhaupt kennengelernt hätte. Gleiches galt für Samira, womöglich wäre er ihr dann nie begegnet. Sollte er vielleicht doch Ellens Einschätzung vertrauen?
Er zwang sich zur Ordnung. Der Teenager hatte einfach nicht so ausgesehen, als würde er Böses im Schilde führen. Vielleicht, so hoffte er in diesem Augenblick, war es nur eine lose Freundschaft und es verflüchtigte sich in den nächsten Wochen. Er fühlte sich nicht bereit für einen festen Freund an der Seite seiner Tochter. Zur Bar sehend, die ihn um ein Haar in den Alkoholismus gezogen hätte, blieb sein Blick auf einem Foto von Jordan und Samira liegen. Auf dem Bild war Jordan zu sehen, wie sie sich von hinten über Samira beugte und ihre Arme vor dem Mädchen verschränkte. Beide lachten in die Kamera, während im Hintergrund Wellen an den Strand rollten. Es war ein Bild aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung gewesen war.

2.

Cayden war gerade dabei, die Waschmaschine zu leeren, als er eine Nachricht von Duncan erhielt, die ihm klar machte, dass ihm im Laufe des Tages etwas Wichtiges entfallen war. Er hatte vergessen, Duncan am Abend zuvor anzurufen. »Hey Boss, hier steht ein Mister Flores und sagt, er hätte in fünf Minuten einen Termin mit uns.« Der Textnachricht waren mehrere Fragezeichen angehängt, die wohl die Verwunderung seines Kollegen zeigen sollten. Über sich selbst verärgert warf er die Wäsche in den Korb und eilte in den Flur.
Er hatte weder Duncan noch Collin von Juan Flores erzählt, da er erst stundenlang über Thiago nachgedacht und anschließend mit Samira einen Film geschaut hatte, in dessen Verlauf ein ruhiges Gespräch entstanden war. Eines, in dem ihm wieder klargeworden war, dass Samira zum einen in der Lage war, auf sich selbst aufzupassen, sollte es nötig sein, und zum anderen hatte sie ihm versichert, dass Thiago nur beste Absichten hatte. Sie hatte ihm von zerrütteten Familienverhältnissen erzählt, aber auch erwähnt, dass Thiago alles tat, um ein vernünftiges Leben zu führen. Ihren Worten nach war er einer der besten Schüler seines Jahrgangs. Als er dann um kurz nach eins festgestellt hatte, dass es, dafür dass am kommenden Morgen ein normaler Schultag für Samira und für ihn ein regulärer Arbeitstag anstand, viel zu spät geworden war, hatte er befürchtet zu verschlafen. Das war zwar nicht passiert, dafür hatte er Flores völlig vergessen, was mindestens ebenso schlimm, wenn nicht sogar noch schlimmer war. Sie konnten es sich nicht leisten, einen Kunden zu versetzen, auch wenn Cayden sich nicht sicher war, ob er diesen Auftrag annehmen würde.
Eine Nachricht an Duncan schreibend, dass er sich auf den Weg machte und eine an Collin, dass er zu Duncan kommen sollte, eilte er aus dem Haus. Noch während er seinen Mustang von der Einfahrt lenkte, schickte er eine Nachricht an Samira, dass sie ihn anrufen sollte, wenn sie zuhause wäre, da er nicht wusste, wann er heimkommen würde.
Zwanzig Minuten, gefühlte zehn Baustellen und mehrere Flüche gegen andere Autofahrer später, kam er bei Duncan an und entdeckte den Wagen von Flores, der mitten auf dem Bürgersteig stand und es Passanten so unmöglich machte, den Fußweg noch zu benutzen. Cayden fuhr auf die Auffahrt und stieg aus. Einen kurzen Blick auf sein Handy werfend hoffte er, dass Collin in den nächsten Minuten ankommen würde, denn er hatte sich nicht bei ihm gemeldet. Normalerweise war das ein Zeichen dafür, dass er sich sofort nach dem Erhalt der Nachricht auf den Weg gemacht hatte. Den Schlüssel zu Duncans Haustür aus seiner Hosentasche ziehend, schloss er kurz danach auf. Auch wenn sie sein kleines Häuschen als Firmensitz gewählt hatten, machte nichts den Eindruck, als könnte man hier Personenschutz oder Ähnliches bekommen. Die Jagdtrophäen an den Wänden zeugten davon, dass Duncan ein guter Schütze und das Chaos in der Küche, in die Cayden einen kurzen Blick warf, davon, dass der Fünfundvierzigjährige ein lausiger Hausmann war. In dem kleinen Raum, den Duncan bis vor kurzem als Abstellraum für alles Mögliche genutzt hatte, fand er schließlich seinen Kollegen an einem Schreibtisch sitzend. Flores saß vor ihm in einem bequemen Sessel und beide sahen ihn erwartungsvoll an.
»Entschuldigung, ich …«
»Ich hab schon gehört, du wirst Schwiegerpapa.« Duncan lachte auf und Cayden bemühte sich, Flores keinen wütenden Blick zuzuwerfen. Diese Sache ging niemanden etwas an.
»Na ja so ernst ist es nun auch wieder nicht. Hast du was von Collin gehört?« Er richtete seine Aufmerksamkeit auf Duncan und hoffte, dass sein Kollege von weiteren Bemerkungen bezüglich Samira absehen würde.
»Nein, ich dachte, du sagst ihm Bescheid?« Duncan hob seine weißen buschigen Augenbrauen.
»Habe ich. Er müsste in den nächsten Minuten hier auftauchen.« Cayden warf einen Blick auf die Uhr. Selbst wenn Collin sich noch erst ausgiebig von Dila verabschiedet hatte, müsste er sehr bald hier ankommen. Vielleicht sollte er eine Regel einführen, die jedem von ihnen nur eine Stunde ab Anruf einräumte, wenn sie sich im Büro treffen wollten. Diese Regelung gab es bei den SEALs auch und funktionierte super.
Unschlüssig blieb er einen Augenblick im Raum stehen. Sollte er Flores einen Kaffee anbieten oder Collin anrufen? Er entschied sich für Letzteres, obwohl er damit rechnete, dass Collin bald auftauchen würde. Duncan ein knappes Nicken schenkend, als Zeichen dafür, dass er gleich zurück sein würde, verließ er ihr provisorisches Büro wieder und ging in die Küche. Flores würde ihn auch hier hören können, aber das war Cayden egal. Er wollte einfach nur unbeobachtet sein. Darauf wartend, dass Collin das Gespräch annahm, starrte Cayden alte Bilder von Duncan an, die von Touristen im Yosemite Nationalpark geschossen worden waren und die Duncan in Bilderrahmen an einer Küchenwand verteilt hatte. Es schienen für seinen Kollegen wertvolle Erinnerungen zu sein. Cayden selbst war sich sicher, dass er solche Schnappschüsse nicht aufbewahren, oder zumindest nicht in Bilderrahmen in der gesamten Wohnung verteilen würde. Es klingelte eine gefühlte Ewigkeit am anderen Ende, ehe sich die Mailbox meldete. Verwundert beendete Cayden die Verbindung, ohne Collin eine Nachricht zu hinterlassen. War Collin fast vor Ort oder was war der Grund dafür, dass sein Freund nicht ans Handy ging? Collin ignorierte normalerweise niemals das Klingeln. Eigentlich nahm er beim ersten Vibrieren das Gespräch an oder sah wenigstens auf das Display, um zu prüfen, ob der Anruf wichtig war. Collin und sein Handy waren irgendwie untrennbar miteinander verbunden. Die einzigen Situationen, in denen er auf das Mobiltelefon verzichtete, waren die in Einsätzen. Aber diese Zeiten waren vorbei und sie nahmen ihre Handys zu jedem Auftrag mit, allein schon, weil sie sie ständig benötigten. Diese kleinen Alleskönner waren zu weit mehr als nur zum Telefonieren geeignet. Cayden wählte erneut die Nummer seines Kollegen und wieder erreichte er nur die Mailbox.
»Alter, wo steckst du?« Leise fluchend beendete er das Gespräch und wählte ein drittes Mal Collins Nummer. Als wieder nur die Mailbox mit ihm sprach, griff bereits ein ungutes Gefühl nach ihm. Einen Moment die Augen schließend, versuchte er eben dieses Gefühl zu verdrängen. Er konnte nun nicht ins Auto steigen und zu Collin fahren. Dila war bei ihm und er würde sich in Gegenwart der Frau und des Babys sicher nichts antun. Alleine die Idee, dass Collin sich etwas antun würde, war völlig unnötig. Das musste Cayden sich in diesen Sekunden mehrfach einreden. Sein Freund war niemand, der sich mit Selbstmordgedanken befasste. Zumindest nicht mehr, seit er mit Dila zusammen war, davor hätte Cayden nicht dafür gebürgt.
»Snipes?«
Cayden zuckte zusammen, als er Duncans Stimme vernahm, der in der Küchentür aufgetaucht war.
»Kommst du? Dann müssen wir das halt alleine klären.« Duncan musterte ihn. »Du kannst ihn nicht erreichen?«, schlussfolgerte der Mann mit dem fast weißen Bart vor ihm.
»Nein.«
»Dann erledigen wir eben die Arbeit und anschließend fährst du hin.« Duncan drehte sich noch sprechend um und war aus Caydens Sichtfeld verschwunden, ehe er antworten konnte. Aber eine andere Wahl hatte er nun nicht. Er konnte Flores nicht länger hier warten lassen.
Fast drei Stunden später verließ Cayden nur knapp nach Flores Duncans Haus. Auch wenn Cayden immer noch der Meinung war, dass die Umweltschützer, die Flores das Leben schwer machten, mit ihren Demonstrationen richtig lagen, hatte er den Job angenommen. Flores hatte ihnen viel Geld geboten und schließlich musste nicht er entscheiden, ob der Regenwald in der Nähe des Abbaugebietes gerodet werden durfte oder nicht. Das waren Entscheidungen, in die er ohnehin nicht einbezogen werden würde. Sein Job war es, dafür zu sorgen, dass niemand zu Schaden kam, wenn die Emotionen hochkochten, was sie in letzter Zeit öfter taten, als allen lieb war. Nach Berichten und Videoaufnahmen, die Flores ihnen mitgebracht hatte, waren es nicht nur Straßenblockaden, die die Umweltschützer organisierten. Sie belagerten den Wald, für den es bisher noch keine Abholzungsgenehmigung gab, schlichen sich auf das Gelände der Mine, wo sie Fahrzeuge sabotierten und so nicht nur die Minenarbeiter, sondern zusätzlich sich selbst in Lebensgefahr brachten. Auch Flores wurde nach seinen eigenen Angaben verfolgt. Angeblich war es eine einzelne Person, die es auf den Minenbetreiber abgesehen hatte und nicht eine große Gruppe, wie die, die das Rodungsgelände belagerten. Allerdings konnte er das nicht belegen. Es gab seiner Aussage nach, keine einzige Aufnahme, die den ominösen Mann zeigte, der es seiner Meinung nach auf ihn und seine Familie abgesehen hatte. Er entging den Überwachungskameras des Minengeländes und auch denen des Privatanwesens von Flores angeblich seit Monaten, was weder Cayden noch Duncan sich wirklich vorstellen konnten. Das hatten sie ihrem Klienten allerdings nicht ins Gesicht gesagt, sondern für sich behalten, bis er gegangen war. Da es gut installierte Überwachungsanlagen gab, gingen sie davon aus, dass Flores aufgrund all der Vorfälle in seinem beruflichen Umfeld unter einem Verfolgungswahn litt. Sie hielten es für unmöglich, den Kameras so lange völlig aus dem Weg zu gehen. Es müsste zumindest undeutliche Aufnahmen geben oder welche, die den Mann ansatzweise zeigten. Da Flores aber gut zu zahlen versprach, hatten sie eingewilligt, den Mexikaner in den nächsten Wochen zu beschützen. Mit Farbbomben werfenden Umweltschützern würden sie ohne Probleme fertig werden. Mexiko war nicht Syrien und ihre Gegner waren alles andere als militärerfahren. Sie würden die meiste Zeit auf dem Gelände von Flores Villa und dem der Mine verbringen. Ihr Auftrag war es, den Minenbesitzer vor Angriffen der Umweltschützer zu schützen. Die Attacken, von denen Flores ihnen berichtet hatte, waren mit Farbbomben verübt worden oder man war ihm gegenüber handgreiflich geworden. Der Auftrag würde langweilig werden, aber gutes Geld in ihre Kasse spülen. Das war alles was zählte.
Cayden hatte seinen Wagen bereits gestartet, als er einen Blick auf sein Handy warf. Samira hatte mehrfach versucht, ihn anzurufen. Also wählte er ihre Nummer und lauschte angespannt auf das Freizeichen. Er ärgerte sich darüber, dass er das Vibrieren des Handys während des Gespräches mit Flores nicht bemerkt hatte. Durchatmend schloss er die Augen. Was, wenn ihre Verabredung mit Thiago nicht so gelaufen war, wie sie es sich erhofft hatte? Als sie den Anruf entgegennahm, ließ er sie nicht zu Wort kommen.
»Hey Prinzessin, was ist los?« Er befürchtete bereits, dass er in die Mall fahren müsste, um Samira abzuholen und Thiago die Leviten zu lesen.
»Hey Cay, ich wollte dir nur kurz sagen, dass wir nicht in die Mall gegangen sind, sondern zum Coronado Beach, aber wir kommen wie abgesprochen zurück.«
Er konnte im Hintergrund Jackies unverkennbares Lachen und andere Stimmen hören, sodass sich sein Puls beruhigte. Sie war nicht alleine. Sollte er fragen, warum sie nicht in die Mall, sondern an den Strand gegangen waren?
»Das Wetter ist so klasse, das wollten wir ausnutzen.«
»Okay.« Er nickte für sich und stellte sich vor, wie Samira mit anderen Jugendlichen Volleyball spielte oder sogar schwimmen ging. Nein, er schüttelte den Kopf, als er ihr sagen wollte, sie solle aufpassen. Sie kannte das Meer und die Gefahren der versteckten Strömungen, sollten sie außerhalb der Touristenstrände ins Wasser gehen. »Bis später und viel Spaß.« Dass er die Augen geschlossen hatte, wurde ihm erst klar, als Samira aufgelegt hatte. Tat er das Richtige? Immer wieder ertappte er sich in letzter Zeit bei dieser einen Frage. Eine Frage, die ihn oft bei der Arbeit ablenkte und unkonzentriert werden ließ. Es war doch makaber, dass er als ehemaliger SEAL und Scharfschütze mit Nerven aus Stahl bei dem einfachen Thema Samira und Dates die Ruhe verlor. Kopfschüttelnd startete er den Wagen und fuhr rückwärts von der Einfahrt. Beim Blick zur Seite bekam sein Herz einen weiteren Stich. Ein junges Pärchen schob einen Kinderwagen den Bürgersteig entlang. Verfluchte Scheiße, wollte das Schicksal heute seine Nerven testen? Wollte es wissen, wie viele Stiche er vertrug, ehe er wieder zur Flasche greifen würde? Musste es ihm heute zusätzlich zeigen, dass auch er Vater geworden wäre?
Als er an Collins Appartement ankam und den Wohnblock betreten hatte, in dem sich mehrere der kleinen Wohnungen befanden, klopfte er schließlich an die Tür zu Collins Reich. Eine Klingel gab es hier nicht. Die Bewohner mussten am Eingang eine Zahlenkombination eingeben, um in den Wohnkomplex zu gelangen, oder sie klingelten neben dem Tastenfeld bei der passenden Wohnung. Cayden zog es schon lange vor, ohne zu klingeln bis zur Haustür zu gehen, da er die Zahlenkombination kannte. Wenn Collin ihn nicht reinlassen wollte, könnte er zwar trotzdem vor verschlossener Tür stehen, aber bisher hatte Collin die Tür immer geöffnet, auch wenn es nur einen Spaltbreit war.
Cayden wunderte sich über die Ruhe hinter der Tür. Er hörte weder Stimmen noch Babygeschrei. Der kleine Junge von Dila weinte sonst oft und viel, was ihm sicher niemand verdenken konnte, wobei keiner wusste, was von den Geschehnissen in Aleppo er überhaupt wahrgenommen hatte. Dass er hier nun auf ein Baby treffen würde, schmerzte ihn nicht so sehr, wie der Anblick von schwangeren Frauen oder Kinderwagen, die von glücklichen Pärchen durch die Gegend geschoben wurden. An Gibran hatte er sich gewöhnt. Er hatte sich sogar schon dabei ertappt, dass er ihn gerne auf dem Arm hielt. Collin öffnete die Tür und drehte sich in dem Moment um, in dem er ihn gesehen hatte, jedoch schloss er die Tür nicht wieder. Also war er gewillt mit ihm zu reden.
»Sorry, ich konnte heute nicht.« Murrend war Collin bereits einige Schritte von der Tür weggetreten.
»Du hättest wenigstens Bescheid geben können. Oder ans Handy gehen«, erklärte Cayden während er eintrat und die Tür hinter sich schloss.
»Bin ich aber nicht.« Collin drehte sich abrupt zu ihm um und funkelte ihn wütend an. Woher diese Wut kam, wusste Cayden jedoch nicht. Er war sich sicher, nichts gesagt zu haben, was diese Reaktion rechtfertigte.
»Was ist los?« Leicht genervt von Collins Verhalten stellte Caydens diese Frage. Er konnte einen Blick in das Wohnzimmer werfen, wo der kleine Junge selig in einem Babybett schlief. Er wusste, dass seine Tonlage nicht die richtige für ein ruhiges Gespräch war, aber der Umstand, dass Collin nicht einmal auf seine Anrufe reagiert hatte, stieß ihm immer noch sauer auf. Mit einer Absage hätte er weit besser arbeiten können, als damit, dass Collin gar nicht geantwortet hatte.
»Ich kann ihn hier ja nicht alleine lassen, oder?« Collins Augenbraue hob sich ironisch fragend und er fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
»Sollst du ja auch nicht, du hättest dich melden können und gut. Wo ist Dila?« Cayden sah sich suchend um.
»Seit fünf Stunden beim Arzt«, knurrte Collin und ging zum Kühlschrank. »Coke?« Schon beim Öffnen des Kühlschranks stellte er die Frage und klang versöhnlicher. Cayden nickte als Antwort und ließ seinen Blick durch die Wohnung schweifen. So aufgeräumt kannte er Collins Zuhause nicht. Es lag nichts herum, selbst die Decken des Babys waren so akkurat gefaltet, dass sicher kein Millimeter an der falschen Stelle war.
»Du hättest trotzdem ans Handy gehen können, wir haben einen neuen Auftrag«, erklärte er Collin, der ihm eine Coladose in die Hand drückte.
»Wenn ich hier wegkomme, bin ich dabei.«
»Warum solltest du hier nicht wegkommen?« Cayden setzte sich unaufgefordert auf die Couch, während Collin an dem weißen Gitterbett stand und den Jungen beim Schlafen beobachtete.
»Ich weiß nicht, ob sie das alles alleine hinbekommt.« Er drehte sich nicht zu ihm um. »Sie ist komisch im Moment. Den Kleinen nimmt sie fast nie auf den Arm, sitzt stundenlang einfach nur hier und lässt ihn auch einfach schreien. Sie hat Schmerzen, will sich aber nicht helfen lassen. Zu dem Termin heute wollte sie ebenfalls nicht. Ich habe sie echt genötigt, hinzufahren und ihr ein Taxi bestellt. Sie kann eine wirklich gute Prothese bekommen.« Collin drehte sich zu ihm um. »Und sie schläft, seit sie hier ist, keine Nacht durch. Immer nur stundenweise.« Collin stöhnte auf, als er die Probleme kurz anriss.
Cayden lagen Dutzende Worte auf den Lippen, aber keines würde die Situation in diesem Moment entschärfen. Es war Collins Idee gewesen, die Syrerin zu heiraten, um ihr ein vernünftiges Leben zu ermöglichen. Die beiden waren zwar verliebt, ob es aber auf Dauer für eine Beziehung reichte, hatte Cayden bereits vor Wochen bezweifelt. Es hatte ihn nicht gewundert, dass Dila den Vorschlag angenommen hatte. Schließlich stand sie in Syrien vor dem Nichts. Hier hatte sie die Chance, medizinisch gut versorgt zu werden und Arbeit zu finden, wenn sie es wollte. Auch für ihren Sohn standen hier alle Türen offen. Collin hatte ihr mit der Hochzeit viele Chancen offengelegt. Er selbst hatte mit der Heirat vielleicht seine Seele verkauft.
»Snipes, ich liebe diese Frau, aber ich weiß im Moment nicht, wie ich ihr helfen soll.« Schulterzuckend ließ Collin sich neben ihm auf dem Sofa nieder. »Wo solls überhaupt hingehen?« Collins Themenwechsel kam zwar plötzlich, aber Cayden war froh darüber. Er wusste nicht, wie er Collin einen guten Rat geben könnte. Sein Freund war in einer Situation, in der auch er wahrscheinlich nicht wissen würde, wie er damit umgehen sollte. Sollte er nun noch auf Dila eingehen oder einfach Collins Frage bezüglich des Auftrags beantworten. Er entschied sich nach einem Schluck Cola für Letzteres.
»San Sebastian.«
»Mexiko?« Collin fiel ihm ins Wort und seine Augenbraue hob sich fragend.
»Ja, unser Auftraggeber ist ein Minenbesitzer, der sich von Umweltschützern bedroht fühlt. Es hat einige harmlose Angriffe auf seine Mine gegeben und er ist fest davon überzeugt, dass er verfolgt wird. Allerdings gibt es von dem angeblichen Verfolger keine Videoaufnahmen. Von den Typen, die die Mine sabotieren, allerdings schon.«
»Snipes, das machen die mit Recht. Weißt du, wie viel Regenwald die für ein paar Kilo Edelmetalle vernichten, mit dem du echt nichts machen kannst, außer bezahlen? Das steht doch in keinem Verhältnis«, erklärte Collin ihm mit leicht aufgebrachter Stimme.
»Wir müssen ja nicht entscheiden, ob der Regenwald stehenbleibt oder nicht. Wir verhindern nur, dass es Verletzte oder sogar Tote gibt. Die kannst du nämlich mit Regenwald nicht wieder ins Leben holen.« Cayden musterte Collin, der sich schnaubend nach hinten lehnte. Auch wenn Collin mit seinen Worten recht hatte, galt es zusätzlich die zu schützen, die nicht zwingend im Recht waren, oder?
»Trotzdem unterstützen wir so doch irgendwie die Falschen.« Collin sah ihn nicht an, sondern starrte auf das Kinderbett, in dem Gibran sich nicht im Geringsten von ihrer Unterhaltung stören ließ.
»Die Falschen sind aber nun mal immer die mit dem Geld oder den besseren Waffen. Bei der Navy hat es dich auch nicht interessiert, wer die Richtigen und die Falschen waren.« Bei seinen letzten Worten biss er sich auf die Zunge. Dieser Vergleich war einfach nur Mist. Es war schlimm genug, dass ›die mit dem Geld‹ in der Lage waren, sich Recht zu erkaufen und die, die im Recht waren, nicht genügend Geld hatten, um zu zeigen, dass das Recht auf ihrer Seite war. Wenn die Umweltschützer auch nur im Ansatz die Möglichkeiten hätten, die die Minenbesitzer hatten, würde kein einziger Baum gefällt werden, nur weil irgendwo ein Krümel Edelmetall im Boden war. Aber die Umweltschützer hatten weder Geld noch die Politiker auf ihrer Seite. Und solange genügend Menschen das benötigten, was dort gefördert wurde, würde die Politik auf der Seite des Minenbetreibers bleiben. Außerdem flossen sicher mehr als ausreichend Spendengelder von den Betreibern zu den Politikern, damit diese Wahlkämpfe führen konnten.
»Wann soll es losgehen?«
»Wir können in zwei Tagen rüberfliegen und uns das da mal anschauen. Dann übernehmen wir den Schutz von Flores vorläufig, bis entschieden ist, ob der Regenwald weichen soll oder nicht. Das werden die dann eh mit Polizei und Armee durchsetzen«, erklärte Cayden gedankenverloren, da er sich die Frage stellte, ob Samira in dieser Zeit bei Bear und Karen unterkommen konnte und ob seine Freunde darauf achten würden, dass Samira nicht zu viel Zeit mit ihrem Freund verbrachte.
»Die Frage wird wohl nicht sein ob, sondern wann der Wald wegkommt. Wie radikal sind die Typen denn?« Collin sah ihn von der Seite an. Er schien nicht mehr so ablehnend zu sein wie kurz zuvor. Wobei er nicht wirklich abgeneigt gewesen war. Nur frustriert, da sie diesen Auftrag auch mit ihrem Gewissen vereinbaren mussten. Ein reines Gewissen war jedoch leider keine Garantie für einen vollen Kühlschrank und bezahlte Rechnungen.
In den folgenden zwanzig Minuten erzählte Cayden Collin von den halbherzigen Anschlägen und den Sabotagen auf dem Gelände der Mine und davon, dass sich die Aktivisten illegal Zutritt zur Mine verschafften. Auch dass Flores sich verfolgt fühlte, erklärte er nochmals, und dass sie vor Ort die Augen offenhalten mussten. Sie wollten feststellen, ob es den Verfolger tatsächlich gab oder ob der Minenbesitzer sich diese Verfolgung nur einbildete. Was bei der Häufung der Vorfälle sicher nicht verwunderlich wäre. Sein Plan sah ebenfalls ein Gespräch mit der örtlichen Polizei vor. Etwas, das Cayden sich noch vor Monaten nicht hatte vorstellen können. Meistens hatten sie an der Polizei vorbeigearbeitet und versucht, die Behörden vollständig aus ihren Missionen und Aufträgen herauszuhalten. Jetzt konnten sie mit den Beamten zusammenarbeiten, wenn diese dazu bereit waren. Aber damit rechnete Cayden fest, denn die wurden sicher von Flores geschmiert, damit alles so lief, wie der Minenbesitzer es sich vorstellte. Er fragte sich allerdings kurz, warum die Polizei die Demonstranten noch nicht des Platzes verwiesen hatte. Und wieder war da die Frage, ob er den Auftrag überhaupt guten Gewissens annehmen könnte, wenn dort Gelder flossen, die geltendes Recht in die für Flores passende Richtung bogen.
»Ich weiß nicht, Snipes. Irgendwie fühlt sich das an, als würden wir uns mit Terroristen verbünden.« Collin musterte Cayden von der Seite, als der seine Erklärungen beendet hatte. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass Cayden seine Gedanken bezüglich der Polizei fallen ließ.
»Blödsinn.« Er schüttelte den Kopf, wusste aber, auf was Collin anspielte. Auch für ihn fühlte es sich seltsam an. »Wir müssen keinen umbringen. Wir müssen nur ein bisschen Babysitter spielen und aufpassen, dass die mit ihrem Abholzungsboykott niemanden töten. Weder von Flores Angestellten noch durch Unfälle von ihren eigenen Leuten. So können wir beiden Seiten helfen.« Cayden machte eine Pause und erhoffte sich eine Reaktion seines Freundes. »Und er zahlt gut.« Der Punkt, dass er so auch die Umweltaktivisten schützen konnte, sorgte dafür, dass das ungute Gefühl weiter wich.
Collin seufzte nickend. Sie konnten nicht warten, bis jemand mit einem Auftrag um die Ecke kam, der zu hundert Prozent mit ihrem Gewissen vereinbar war. Einen Augenblick saßen sie schweigend auf dem Sofa, bis das Geräusch der sich öffnenden Haustür Collin aufspringen ließ. Er eilte zur Tür und wurde im nächsten Moment von Dila angefahren.
»Ich hab es bis hierher geschafft, dann schaffe ich die letzten Meter auch noch.«
Cayden konnte hören, wie die Syrerin mit ihrer Gehhilfe die Tür zustieß und musterte Collin, der schulterzuckend zurückkehrte.
»Wir haben Besuch«, erklärte er, auf Cayden deutend.
»Hi.« Cayden hob zu Begrüßung eine Hand und war sich nicht sicher, ob er etwas sagen sollte, da die Stimmung schon nach wenigen Minuten sichtbar angespannt war.
»Hi.« Dila sah ihn nur kurz an. Sie hatte tiefe Augenringe und wirkte extrem erschöpft. So müde hatte Cayden sie noch nie gesehen.
»Hat er jetzt den ganzen Tag geschlafen?« Vorwurfsvoll sah sie zu Collin.
»Nein, nur die letzten zwei Stunden.« Collin strich sich durch den dichten Bart. »Lass ihn doch schlafen, wenn er schlafen will.«
»Dann schlafe ich aber heute Nacht nicht mehr«, fuhr sie Collin erbost an und nahm den kleinen Jungen aus dem Bett, der quengelnd erwachte. Noch vor kurzem war ihr genau das nicht gelungen, da sie auf einem Bein die Balance nicht hatte halten können, während sie Gibran hochgenommen hatte. Dann hatte immer jemand anderes ihr den Jungen auf den Arm geben müssen. Das hatte ebenfalls nur im Sitzen funktioniert, was sie sehr frustriert hatte werden lassen.
»Komm, die letzten Nächte war ich hier im Wohnzimmer und du hast geschlafen.«
Cayden ließ seine Aufmerksamkeit zwischen Collin und Dila hin und herwandern, die sich wütend anfunkelten. Schlafmangel machte Menschen nicht nur aggressiv, wie er gerade an den Gesichtszügen von Dila sehen konnte. Er konnte auch Beziehungen zerstören. Dabei war er sich nicht sicher, ob es zwischen Collin und Dila überhaupt eine Beziehung gegeben hatte. Collin hatte etwas in diese Richtung angedeutet. Er hatte vor der Hochzeit gesagt, er fühlte sich zu Dila hingezogen, aber vielleicht war das ganze einfach nur eine einseitige kurzfristige Angelegenheit gewesen, da sie sich kaum gekannt hatten.
»Dann kannst du das ja künftig auch tun, wenn es so gut klappt.« Sie drückte Collin den Jungen in den Arm, griff nach ihren Gehhilfen, die sie an das Kinderbett gelehnt hatte und verschwand nur wenig später im Schlafzimmer.
»Dila, verflucht was soll das?« Collin drehte sich bei seinen Worten zu Cayden um und reichte den Jungen an ihn weiter, um ebenfalls im Schlafzimmer zu verschwinden. Der weinende Säugling ließ Cayden nicht die Möglichkeit, etwas zu Collin zu sagen. Eine Weile saß er einfach da und hielt das schreiende Baby im Arm. Er kämpfte schluckend mit Emotionen, die hier und jetzt keinen Platz hatten. Es war nicht sein Kind und er stand in diesem Augenblick nicht mitten in Aleppo zwischen den Trümmern, wo sie ihn gefunden hatten. Murrend erhob er sich und begann mit dem kleinen Jungen, der schreiend nach seiner Mutter verlangte, im Zimmer auf und abzulaufen. Die Bilder, die immer wieder an die Oberfläche dringen wollten, während er versuchte, den Jungen zu beruhigen, trieben seinen Puls in die Höhe. Es waren die Bilder und nicht das herzzerreißende Geschrei des Babys, dass Cayden zu schaffen machte. Bilder von Jordan und des Ultraschallbildes, das er vor Wochen verzweifelt in Händen gehalten hatte. Diese verfluchten Erinnerungen zerrten an ihm, während der Junge versuchte, Aufmerksamkeit zu bekommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Schlafzimmertür wieder und Dila kam heraus. Das leichte Make-up, welches sie getragen hatte, war verlaufen und ihre Augen waren rotgeweint. Schweigend nahm sie ihren Sohn entgegen und verschwand, auf eine Gehhilfe gestützt, wieder im Schlafzimmer, aus dem Collin kam. Er wirkte angespannt.
»Sag Bescheid, wenn es losgehen soll. Ich kümmer mich dann darum, dass sie nicht alleine ist.« Collins Blick glitt förmlich durch ihn hindurch.
»Cat?« Es war selten, dass Cayden seinen Freund bei seinem alten Funknamen nannte und doch tat er es in diesem Moment, ohne genau zu wissen, warum.
»Hm?« Collin blinzelte kurz, ehe er ihn ansah.
»Was ist los? Nur Schlafmangel und Stress beim Arzt?« Cayden konnte nicht glauben, dass diese beiden Dinge die einzigen Gründe waren, die diese junge Beziehung, falls es denn noch eine war, so sehr in Mitleidenschaft zogen.
»Ja.« Collin nickte zwar, aber Cayden konnte sehen, dass dieses Nicken nur die halbe Wahrheit war. Collins gequälter Blick sprach Bände. »Nicht heute«, fügte er leiser und kopfschüttelnd hinzu.
»Frag Karen.« Auch wenn Cayden mehr wissen wollte, stellte er keine Fragen, sondern wollte mit seinen Worten daran erinnern, dass Karen ihre Hilfe mehrfach angeboten hatte.
»Karen, Karen, als wenn sie die Lösung für alle Probleme wäre«, schnauzte Collin völlig unerwartet los. »Sie ist keine Heilige, auch wenn du immer so tust, nur weil sie sich um Samira gekümmert hat. Gibran ist ein Baby und kein Kind, das ihr schon sagen kann, was ihm fehlt.«
»Alter, beruhig dich mal wieder.« Die Hände beschwichtigend gehoben wollte er Collin klarmachen, dass es keinen Grund gab, laut zu werden. Collin schloss durchatmend sein Auge und murmelte etwas, das Cayden nicht verstehen konnte.
»Hol mich einfach ab, wenn es losgehen soll. Aber schick mir ´ne Stunde vorher ´ne Nachricht, damit ich packen kann.« Collins Reaktion war nun etwas ruhiger als kurz zuvor.
»Klar.« Cayden nickte, als sein Freund seine Aufmerksamkeit wieder auf ihn gerichtet hatte. »Ich lass euch dann mal alleine.« Er machte sich auf den Weg zur Wohnungstür.
»Meinst du, sie würde Dila unterstützen?« Collins Frage erreichte ihn nur leise und spielte auf Karen an, über die er nicht hatte sprechen wollen.
»Sicher.« Cayden drehte sich nicht um. Er wollte keine weitere Diskussion über die Hilfsbereitschaft von Karen Baker führen. Auch wenn Collin gerade noch so getan hatte, als könne er sie nicht leiden, wusste Cayden, dass sein Freund die Frau anrufen würde, die für viele immer wieder ein rettender Engel war, obwohl sie selbst schon so viel durchlebt hatte. Karen gehörte zu der Sorte Mensch, die nur glücklich sein konnte, wenn die Menschen in ihrem Leben es waren. Sie würden für jeden ihrer Freunde alles in ihrer Macht Stehende tun, um sie glücklich zu machen.

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