Leseproben

 

1.
»Wenn nun noch 5 Ampeln in San Diego rot sind, dann sind wir so zu spät, dass Eagle uns den Arsch aufreißt.« Terence sah ihn von der Seite aus seinen zweifarbigen Augen an.
»Sei froh, dass es nicht Harrison ist. Der würde uns wochenlang bluten lassen.« Wesley starrte aus dem Fenster des Dodge Charger von Terence, der mit über 130 über den Highway raste. Sie hatten sich 3 freie Tage gegönnt und waren ins Barona Resort gefahren, wo sie die meiste Zeit dem Glücksspiel gefrönt hatten. Die letzte Nacht hatte sich jedoch in einer Bar dermaßen in die Länge gezogen, dass sie nicht nur viel zu spät in die Betten des Motels gekommen waren, sondern auch bis zum frühen Abend hatten warten müssen, ehe sie wieder ins Auto hatten steigen können, weil ihr Alkoholpegel sich jenseits von gut und böse befunden hatte. Jetzt dämmerte es bereits und sie mussten pünktlich zurück in der Base sein.
Plötzlich bremste Terence den Wagen hart ab und bog nach rechts auf eine Seitenstraße ab.
»Was hast du vor? Hier darfst du nur mit Genehmigung durch.« Wesley starrte seinen blonden Kollegen an, der in schallendes Gelächter ausbrach.
»Du willst mir was von irgendwelchen Regeln erzählen? Ausgerechnet du? Das ist ja, als würde ein Engel mir was von der Hölle berichten oder ein Fisch fliegen.« Terence hatte das Tempo zwar verringert, aber für diese Straße war er trotzdem noch zu schnell.
»Dann ras wenigstens nicht so. Ich will nicht, dass du noch einen Wanderer umnietest.«
Die Wege hier waren als Rettungswege für Klettergärten angelegt, die es an diversen der Steilwände gab. Hier gab es neben Strecken, die für ungeübte Kletterer geeignet waren einige, die nur von Profis genutzt wurden, da der Fels selbst im trockenen Zustand extrem glatt war. Wesley hatte vor einigen Jahren eine Woche hier verbracht und eben diese Fakten heraus gefunden, nach dem er damit geprahlt hatte, dass er jede der Strecken schaffen würde. Aber der Climbers Loop hatte ihn eines besseren belehrt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er auch erfahren, dass die angelegten Straßen nur für Notfälle gedacht waren. Wenn Höhenretter Menschen aus misslichen Lagen befreien oder Verletzte bergen mussten. Sollte man sie hier erwischen würde die Abkürzung sie nicht nur teuer zu stehen kommen, sondern auch dafür sorgen, dass sie nicht pünktlich an der Base wären.
Mürrisch starrte er aus dem Seitenfenster. Er konnte einige Ger Klettergärten sehen, die aus Felsansammlungen bestanden und die um diese Zeit verwaist waren. Gedankenverloren blieb sein Blick auf der Leitplanke liegen. Gebüsch wechselte sich mit verdorrtem Gras ab. Auch wenn es bereits Herbst war, sah es immer noch aus, als wäre es Hochsommer. Es war wie in vielen Jahren zu trocken und die Gefahr, dass aus Freizeitorten wie diesem ein flammendes Inferno wurde bestand tagtäglich. Plötzlich meinte er einen Bruchteil einer Sekunde, etwas im braunen Gras gesehen zu haben, was dort nicht hingehörte. Sofort wanderte sein Blick in den Spiegel und er versuchte die Stelle zu entdecken, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Da war etwas.
»Halt an.« Er löste seinen Blick vom Spiegel und sah zu Terence.
»Was?« Verwundert musterte sein Kollege ihn für einen kurzen Moment und sah nicht mehr auf die schmale Straße vor ihm.
»Halt an verdammt!«, blaffte Wesley erneut und versuchte den Punkt am Straßenrand wiederzufinden, den er gerade gesehen hatte, aber er war weg.
»Was? Musst du kotzen oder was?« Immer noch verringerte Terence sein Tempo nicht.
»Sticks halt an und fahr zurück verdammt, da liegt wer!«, brüllte Wesley seinen Teamkameraden nun an, der auf die Bremse stieg.
»Wie da liegt wer? Sicher dass es nicht nur irgendein Vieh ist?« Terence verlangsamte den Wagen weiter.
»Nein bin ich nicht und nun fahr zurück um.« Wesley war sich tatsächlich, nicht sicher was genau er da gesehen hatte, aber er war davon überzeugt, dass es kein Tier war.
»Dann kommen wir aber ganz sicher zu spät.«
»Alter, das ist mir sowas von egal, mach endlich.« Da er, was auch immer er gesehen hatte, nun nicht mehr im Spiegel sehen konnte, richtete er seine Aufmerksamkeit auf seinen Kollegen. Es war nur ein kurzer Blickwechseln, der jedoch dafür sorgte, dass Terence den Rückwärtsgang einlegte und mit Vollgas und den Blick über die Schulter gerichtet, die schmale Straße zurückfuhr. Wesley hielt einen Augenblick den Atem an, obwohl er den Fahrstil seines Kollegen kannte. Terence war für seine riskanten Manöver berüchtigt.
»Wo?« Nun musterte sein Kollege ihn.
»Keine Ahnung, fahr langsamer.« Verbissen starrte Wesley auf den Seitenstreifen. Wo war diese verdammte Stelle nun? Es sah einfach alles gleich aus. Verdorrtes Gras und Gestrüpp, welches Mal grün mal braun war und überall gleich aussah. Je länger er aus dem Fenster starrte, je weiter rutschte das Bild, was er gerade noch vor Augen gehabt hatte in Vergessenheit. War es vielleicht doch nur ein Tier gewesen? Ein Verletzer Hirsch? Nein, dafür war es nicht groß genug gewesen. Außerdem bezweifelte er, dass es hier Hirsche gab und für ein anderes Wildtier war es wiederum zu groß gewesen. Terence wurde langsamer und Wesley begann daran zu zweifeln, dass das was er gesehen hatte, noch da war. Vielleicht war es nur ein Schattenspiel der untergehenden Sonne gewesen und er hatte nun ihre Rückreise noch weiter verzögert.
»Alter, da ist nichts. Das Einzige was ich gleich sehe, ist ein Typ, der echt Ärger bekommt.« Terence richtete seine Aufmerksamkeit in dem Moment auf ihn, in dem er es wieder sah. Ein helles, dass sich nur minimal vom Farbton des Bodens absetzte.
»Da« Er deutete auf die Stelle, die sie nun passierten. Terence riss den Kopf herum und stieß einen Fluch aus ehe er den Wagen zum Stehen brachte. Noch während Terence pflichtbewusst den Warnblinker einschaltete, stieß Wesley die Tür auf. Da lag ein Mensch auf dem Straßenrand. Er sprang über die Leitplanke und schlitterte den kleinen Abhang hinunter. Es war eine Frau, sie lag zusammengekrümmt nur mit einem BH und einem String bekleidet im Graben.
»Fuck. Ich hol eine Decke. Lebt sie noch?« Terence stand noch oben an der Straße, als er ihm die Frage zurief. Wesley ließ mit hämmerndem Puls seine Finger an ihrem kühlen Hals entlanggleiten. Durchatmend schloss er einen Augenblick die Augen als er unter seinen Fingern ein leichtes Pochen spürte.
»Ja. Bring mal das Medpack mit.« Er wollte die Frau nicht bewegen, ohne sich einen Überblick verschafft zu haben. Vielleicht hatte sie schwere Verletzungen, die er erst versorgen müsste. Wesley hob nur kurz den Blick, konnte Terence aber nicht sehen, Wohl aber den geöffneten Kofferraum des Chargers. Auch wenn die Dämmerung bereits eingesetzt hatte, reichte das Licht aus, so dass er Unmengen an Schnitt und Schürfwunden am Körper der Frau erkennen. Sie hatte die Augen geschlossen und reagierte auch nicht auf seine Berührungen. Ihre dunklen Haare waren völlig verfilzt und ihr Gesicht war wie ihr Rücken mit Kratzern und Hämatomen übersäht. Es war ein Bild des Grauens, das sich ihm am Körper der zierlichen Frau bot. Auch wenn er Wunden kannte, die im Kampf entstanden, schmerzte das, was er jetzt sah weit mehr. Wer hatte sie so zugerichtet und warum trug sie fast nichts am Leib? Sein Magen zog sich krampfhaft zusammen. Zähneknirschend verdrängte er die Bilder, die sich in seine Erinnerungen schieben wollten.
»Krankenwagen?« Während er darüber nachdachte, welche ihrer Wunden er nun versorgen sollte, sah er zu Terence auf, der seinen Blick grübelnd nach vorne richtete und schließlich sein Handy zückte. Jedoch wählte er nicht. Er starrte das Display an und warf ihm die Decke zu, die er aus dem Wagen mitgebracht hatte.
»Vergiss es die brauchen sicher 20 Minuten, bis sie hier sind und nochmal solange bis zum nächsten Krankenhaus wenn nicht sogar länger, die können hier nicht mal eben wenden. Wir fahren sie.« Nun rutschte auch Terence zu ihm hinunter. »Bekommst du das hin?« Fragend legte sein Kollege den Kopf erst auf die Seite und griff dann kurz nach dem Handgelenk der Frau, »Die ist völlig unterkühlt.«
»Tolle Diagnose. Ich glaub der Rest ist viel schlimmer.« Wesley legte die Decke über die Frau und es gelang ihm, sie auf seinen Arm zu ziehen und aufzustehen. Sie war erstaunlich leicht und gab nicht mal einen Protestlaut von sich. Was, wenn sie nun auf den Weg ins Krankenhaus verstarb? Wer würde ihnen glauben, dass sie sie hier gefunden hatten? Ihm wurde klar, dass so oder so viele Fragen auf sie zukommen würden, von denen sie im Prinzip nur eine beantworten konnten. Aber selbst die Frage nach dem wo war schwer. Wo genau waren sie hier eigentlich? Sie konnten schlecht sagen am 3 Baum auf der rechten Seite. Er warf einen Blick die Straße hinunter und dann in die Richtung eines Kletterparks. Aber selbst die Aussage dass es in knapp einem Kilometer Entfernung einen Kletterpark gab, würde sicher nur für mehr Fragen sorgen. Schließlich gab es hier mehr als einen und sogar mehr als 10.
»Ey was los?« Terence war bereits neben ihm aus dem Graben gestiegen und sah nun zum ihm herunter.
»Vielleicht sollten wir doch …«
»Was? Einen Krankenwagen und die Polizei rufen? Ey, bis die hier sind, dauert es ewig und noch länger. Wir haben keine Zeit. Wir nehmen sie mit, geben sie im Krankenhaus ab. Lassen unsere Kontaktdaten da und verschwinden wieder.« Terence hob fordernd die Hände, damit Wesley aus dem Graben stieg.
»Geben sie ab.« Vorsichtig, da der Boden unter seinen Füßen mit dem Gewicht der Frau noch rutschiger war, stieg er aus dem Graben. »Das klingt, als wolltest du einen Hund im Tierheim abgeben.«
»Ist doch so. Casanova ehrlich ich hab keinen Bock auf Stress mit Eagle. Ich hab ihm eine Nachricht geschrieben und er glaubt uns nicht, dass wir eine Frau im Straßengraben gefunden haben.« Terence umrundete seinen grünen Charger und zog die Fahrertür auf.
»Dann schreib ihm es ist ein Hund, vielleicht glaubt er das.« Wesley hatte damit gerechnet, dass Terence ihm wenigstens die Wagentür öffnen würde, damit er die Fremde ins Auto legen konnte, aber sein Kollege lehnte sich auf das Wagendach und sah ihn abwartend an.
Mit den Worten »Dann geben wir ja sie ja doch nur ab.« Verschwand Terence im Wageninneren, während es Wesley gerade gelang, die Tür zu öffnen. Umständlich legte er die Frau auf den Rücksitz und zwängte sich neben sie. Er bemerkte Terences Blick auf die Uhr des Wagens. Ja, sie würden es nicht mehr rechtzeitig zur Base schaffen, aber das war zumindest ihm in diesem Augenblick egal. Ein Menschenleben stand über der Vereinbarung, wann sie wieder am Stützpunkt sein sollten. Gerade in Anbetracht dessen, dass es keinen wichtigen Grund gab, warum sie pünktlich wieder da sein sollten. Es gab weder einen Einsatz noch eine Trainingsmission und selbst ein Briefing war nicht angesetzt. Wesley musterte das Gesicht der Frau, die er auf Mitte 20 schätzte. Ihr Kopf lag auf seinem Schoss, ihr Rücken ruhte an der Rücklehne und ihre Beine hatte er so angewinkelt, dass gerade noch genug Platz war, damit er Platz hatte. So konnte er ihren Zustand im Auge behalten und Terence konnte sich auf das Fahren konzentrieren.
Während Terence den Wagen startete, zog Wesley sein Handy aus seiner Hemdtasche.
»Was hast du vor?«
»Du sollst auf die Straße schauen. Ich ruf Eagle an«, erklärte er rügend seinem Kollegen, der den Wagen bereits beschleunigt hatte.
»Was willst du ihm sagen? Das ich mich geirrt habe und es ein Hund ist oder was?« Lachend behielt Terence seinen Blick auf der Straße.
»Halt doch einfach mal die Schnauze.« Wesley lauschte dem Freizeichen am anderen Ende und hatte seinen Blick vom Gesicht der Frau auf ihren Oberkörper gerichtet, wo er die Decke mit der er sie zugedeckt hatte, zurecht zog.
»Thomsen.« Die Stimme am anderen Ende klang beschäftigt.
»Hey John. Ich bin´s. Ich wollte dir nur sagen …«
»Casanova, wie ich Sticks gerade schon gesagt habe: Seht zu dass ihr eure Ärsche hier her bewegt und zwar pünktlich. Nur weil ihr irgendwo Weiber aufgabelt und sie noch erst flachlegen müsst, braucht ihr nicht zu spät kommen. Mir ist …«
»Eagle verflucht, wir legen niemanden flach. Wir haben sie im Straßengraben gefunden. Wenn wir einen Krankenwagen bestellt hätten und Polizei, dann würden wir noch länger brauchen. Wir konnten sie doch nicht da liegen lassen. Soll ich dir ein Bild schicken oder was? Es tut mir leid, dass wir zu spät sind, aber das geht nun mal vor.« Völlig entrüstet, wurde er mit jedem Wort lauter. Dass gerade ihm ein gewisser Ruf anhaftete wusste er, aber das man ihm deswegen nicht mehr glauben würde war ihm neu. »Soll ich dir ein Bild von ihr schicken oder was?« Setzte er vor Wut schäumend nach und ignorierte den Blick im Rückspiegel, den Terence ihm zuwarf.
»Das ist euer Ernst oder?« Johns Stimme hatte sich verändert.
»Ja verflucht.« Kopfschüttelnd richtete er kurz seine Aufmerksamkeit auf Terence.
»Okay, sie hatte keine Papiere bei sich?«
»Nein, nichts. Einen BH und nen String. Sie hat dutzende Hämatome und Schnittwunden und Kratzer. Sie sieht aus, als hätte sie mit einem Raubtier gekämpft.« Fasste er das zusammen, was er bisher hatte sehen können.
»Okay, bringt sie in ein Krankenhaus und meldet euch wenn ihr euch auf den Weg macht. Und wehe ich bekomme raus, dass ihr mir hier scheiße erzählt habt.« John beendete das Gespräch, ehe Wesley ihm sagen konnte, das alles wirklich so war, wie sie sagten.
»Meinst du, die stellen uns im Krankenhaus eine Entschuldigung aus?«
»Willst du mich verarschen?« Terence warf ihm einen Blick über die Schulter zu. »Das ist dein ernst oder?« Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße.
»Jo, Eagel macht uns zur Schnecke. Der ist jetzt schon auf 180.«
Terence stieß einen genervten Laut aus. »Warum musst du auch immer in den Straßengraben schauen.«
»Weil du so langsam unterwegs bist, dass es zum Grashalm zählen verleitet«, murrte Wesley. So hatte er sich seinen Urlaub nicht vorgestellt.
Wobei die freien Tage bis vor einigen Minuten perfekt gewesen waren, wenn man von ihrem Vollrausch absah, weswegen sie viel zu spät hatten aufbrechen können. Als Terence ihm vorgeschlagen hatte ins Barona Resort zu fahren, hatte er ihn im ersten Moment ausgelacht. Der Name klang bereits so, als würden sich dort nur ältere Herrschaften einfinden und sich gegenseitig ihr Leid klagen. Als er dann aber auch noch herausbekommen hatte das das Resort mehr oder weniger im Nirgendwo lag, hatte er ablehnen wollen. Terence hatte ihm dann aber gesagt, dass dort zu der Hotelanlage ein Casino gehörte und es weit günstiger wäre, als wenn sie nach Vegas fahren würden. Und tatsächlich hatten sie viel Zeit im Casino verbracht. Auch hatte er dort die ein oder andere Frau kennengelernt, die er schnell um die Finger hatte wickeln können. Und so war es dazugekommen, dass Terence an den Abenden oft alleine im Casino Unterweges gewesen war oder an der Bar gesessen hatte. Er löste seine Gedanken von den heißen Nächten mit Frauen, wie er sie liebte. Viele waren nur darauf aus gewesen einmal mit einem Soldaten in Bett zu gehen. Sein Blick fiel auf den Rückspiegel, wo er Terence sehen konnte, der auf die Straße konzentriert war. Inzwischen waren sie an einigen breiteren Stellen vorbei gekommen, an denen es sogar Parkbuchten gab. Aber die Parkplätze waren verwaist. Die Sonne war inzwischen verschwunden und man konnte nur noch die orangenen Streifen am Firmament sehen, die auf das Ende des Tages hindeuteten. Prüfend musterte er die Frau, deren Haut langsam wärmer wurde. Er rechnete damit, dass sie in wenigen Minuten die Augen aufschlug. Nur wie würde sie reagieren, wenn sie feststellte, dass sie neben einem fremden Mann im Auto lag?
Als ihre Straße auf eine größere Straße mündete, entdeckte er ein Schild, auf dem darauf hingewiesen wurde, dass man für die Nutzung des Weges zahlen musste, da er privat war. Auch war dort eine Telefonnummer notiert, unter der Mann Tickets für den Kletterpark bekommen konnte.
»Wir werden richtig ärger bekommen«, murmelte er abwesend.
»Warum?« Terence warf ihm einen Blick über die Schulter zu.
»Wenn wir sagen wo wir sie gefunden haben, wird man uns fragen ob wir ein Ticket für den Park haben und wenn nicht …«
»Alter nun hör doch mal auf. So kenn ich dich gar nicht. Du machst dir doch sonst auch nichts aus Vorschriften. Vor ein paar Monaten hätten dich irgendwelche Schilder sicher nicht aufgehalten. Du hättest den Kletterparcours sicher auch noch ausgetestet.«
»Touché« Wesley schnaubte und sah kurz das zufriedene Grinsen seines Kollegen. Terence lag mit seinen Worten so richtig, dass ihm klar wurde, wie sehr er sich verändert hatte und ob es zum Guten war, konnte er nicht mal sagen.
In Bagram hatte er sich nie um irgendwelche Schilder geschert, und schon gar nicht, wenn es Verbotsschilder gewesen waren. Er hielt sich an keine Regeln. Regeln funktionierten für ihn nicht. Das war eine Tatsache die er schon in jungen Jahren festgestellt und so manches Mal schmerzhaft bezahlt hatte. Sein Vater hatte ihm von kleinauf die Funktion und Sinnhaftigkeit von Regeln klar machen wollen aber er war immer wieder gescheitert. Wesley war sich sogar sicher, dass sein Vater Schuld daran war, dass er regelmäßig die Regeln brach. Als Kleinkind hatte es einen auf die Finger gegeben, wenn er sich nicht an die Regeln gehalten hatte oder Aufgaben nicht erledigt hatte, die sein Vater oder seine Mutter aufgestellt hatten. Später hatte dann ein alter Ledergürtel die Hand ersetzt und viele Male tiefe Spuren auf seinen Rücken gezeichnet. Selbst vor einem Stahlrohr hatte sein Vater nicht halt gemacht. Plötzlich meinte er wieder den Schmerz zu spüren, der in solchen Momenten durch seinen Körper gerast war. Glühend heiß hatte er sich von der Stelle, an der er getroffen worden war durch seinen ganzen Körper verteilt. Manches Mal hatte er auch das Blut gespürt, welches aus den Wunden gequollen war. Er presste die Zähne aufeinander, als immer mehr Bilder aus seiner Kindheit und seiner Vergangenheit sich einen Weg aus einer finsteren Ecke seiner Erinnerungen bahnten. Die Bilder wollten sich jedoch nicht so schnell wieder vertreiben lassen, wie sie gekommen waren. Der Anblick der Frau und ihrer Wunden sorgten dafür, dass sein Vater immer wieder vor seinen Augen auftauchte. Diesen Mann, von dem er sich schon vor langer Zeit losgesagt hatte, hätte er sicher irgendwann im Affekt getötet, wenn er nicht zur Navy gegangen wäre. Dabei war die Navy nur eine Flucht vor dem Jugendknast gewesen. Sein Anwalt – Nein, es war ein vom Staat gestellter gewesen. sebst hätte er sich nie einen leisten können und seine Eltern hätten ihm sicher keinen bezahlt – hatte den Richter davon überzeugt, dass die Navy für ihn weit besser wäre, als der Knast. Dort könnte man ihm beibringen wie man sich in einem Team einbrachte und auch, wie man sich unterordnete. Etwas, was Wesley noch nie gekonnt hatte und auch bei der Navy nicht gelernt hatte. Auch dort hatte es immer wieder Probleme gegeben. Seine Ausbilder waren an ihm verzweifelt und sein direkter Vorgesetzter hatte so oft beide Augen zugekniffen, dass er seinen Job mehrmals die Woche riskiert hatte. Er hatte Wesleys Potenzial gesehen und lange gehofft, dass er sich irgendwann den Regeln anpassen würde. Irgendwann war er bei einem Auslandseinsatz in Afghanistan in Mike Lutrells Büro gelandet. In Bagram hatte es noch mehr Querulanten wie ihn gegeben und alle hatte Mike um sich gesammelt. Die ersten Monate waren wie immer gewesen. Ständig hatte er sich im Büro des Commanders einfinden müssen und immer wieder hatte dieser ihm die Regeln gepredigt, bis man ihn und das Rescue Team auf einen Einsatz geschickt hatte der sein Leben verändert hatte. Sie hatten einen MRAP bergen müssen, der auf eine Mine aufgefahren war und beschädigt worden war. Soweit war das keine Seltenheit, wohl aber dass in der Nähe des Wagens gleich 3 Soldaten umgekommen waren, weil sie nicht im Wagen hatten warten wollen. Weil ihre Kollegen in den anderen Fahrzeugen sie nicht gewarnt hatten und weil alles schief gelaufen war, was schief laufen konnte. Irgendetwas an diesem Anblick hatte ihm klargemacht, dass es Regeln gab, an die man sich halten musste. Was nicht hieß, dass sein Spind immer aufgeräumt war, dass er seinen Vorgesetzten nicht widersprach, wenn es um belanglose Dinge ging. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er begonnen sich in Bagram und im Team wohlzufühlen. Es waren Freundschaften entstanden, die dafür gesorgt hatten, dass er seinen Kollegen blind vertraute.
Eine Regung neben ihm ließ ihn aus seinen Gedanken auftauchen. Die Frau versuchte sich zu strecken, was in der Enge des Wagens, so wie sie gerade lag, unmöglich war.
»Hey, alles okay, du bist in einem Auto und in Sicherheit«, erklärte er und bemerkte im Augenwinkel, wie Terence sich kurz zu ihm umdrehte.
»Wir sind gleich da.« War die knappe Erklärung seines Kollegen.
Die Frau schlug die Augen auf, blinzelte und stieß mit den Füßen gegen die Tür des Wagens, als sie versuchte sich panisch aufzusetzen. Die Decke, die ihre Blöße verdreckt hatte, rutschte in den Fußraum und sie stieß einen heiseren Laut aus.
»Alles okay, ich tu dir nichts.« Wesley hob die Hände und rutschte ein Stück zur Seite um ihr durch sein Verhalten zu zeigen, dass er nichts böse im Sinn hatte. Die brünette Frau schüttelte mit weitaufgerissenen Augen den Kopf und wollte nach dem Türgriff greifen.
»Halt.« Wesley packte ihr Handgelenk und wäre um ein Haar auf ihren Schoss gefallen. »Wir tun dir nichts, aber wenn du aus einem fahrenden Auto springst, kommt das nicht so gut.« Er hielt ihre Hände und bemerkte wie Terence das Tempo verringerte.
»Lass mich los.« Heiser fuhr sie ihn an.
»Wenn du noch ein paar Minuten hier sitzen bleibst gerne.« Mit seiner freien Hand angelte er nach der Decke. »Hier. Ich lass dich los und du bleibst hier sitzen.« Es gelang ihm nicht, ihr in die Augen zu sehen. Ihr Blick wanderte Ziellos umher und sie begann zu zittern. »Nimm die Decke. Ich tu dir wirklich nichts.« Er löste seinen Griff und atmete erleichtert durch als sie die Decke entgegennahm. Auch wenn er damit rechnete, dass sie einen weiteren Fluchtversuch plante, rutschte er wieder ein Stück zur Seite. Dass sie sich bei zu viel Nähe bedroht fühlte war nicht zu übersehen. Auch so würde er noch schnell genug sein und sie daran hindern können aus dem fahrenden Wagen zu springen. Selbst jetzt wo Terence das Tempo verringert hatte, würde sie sich schwere Verletzungen zuziehen sollte sie sich wirklich aus dem fahrenden Wagen werfen.
»Wo …« Sie rang nach Luft und er hatte den Eindruck, dass sie sich das erste Mal bewusst umsah.
»Wir haben dich am Serra Trail gefunden und sind gleich am Fresinus Medical Care in Allied Gardens«, erklärte Terence vom Fahrersitz aus und bog nach links ab.
»Ich geh in kein Krankenhaus.« Ihre Stimme bebte und sie wollte wieder nach dem Türgriff greifen.
»Du sollst ja auch nicht da bleiben. Aber vielleicht …« Wesley zögerte. Er wollte ihr keine Angst machen, indem er sie erneut berührte. Ihr stummes Kopfschütteln und die weit aufgerissenen Augen, als sie am Krankenhaus, das sie gerade erreichten, einen Krankenwagen sah, war ausreichend um ihre Panik zu unterstreichen. »Was ist passiert?«
Terence parkte den Wagen und drehte sich zu ihnen um. Sein Augenmerk lag auf der Frau. Ihre Atmung wurde immer hektischer.
»Hey, es ist alles okay. Wir kommen mit rein. Dir tut keiner was, schau mal. Wir sind die guten.« Terence zog seine Geldbörse hervor und hielt seinen Navyausweis so, dass sie ihn sehen konnte. Wesley bemerkte, dass sie den Ausweis lange ansah. Sie schloss einen Moment die Augen und atmete tief durch.
»Wenn du willst, warten wir, bis alles geklärt ist«, bot er ihr an und erntete einen wütenden Blick von Terence, der kurz auf seine Uhr sah. Abwinkend, da ihm in diesem Moment egal war, dass sie womöglich weit später in San Diego ankommen würden, als sie gedacht hatten, wandte er sich wieder der Frau zu.
»Ich bin Wesely und das ist Terence.« Er deutete kurz auf seinen Kollegen, der knapp die Hand zu einem Gruß hob. »Wollen wir reingehen?« Nun deutete er über die Schulter zum Krankenhaus.
»Ich kann da doch so nicht rein.« Ihre Stimme war immer noch leise und zögernd. Wesley wurde bewusst, dass sie in diesem Moment nur nach einem Weg suchte, um nicht in das Gebäude zu gehen.
»Wart mal.« Er beugte sich nach hinten, wo er, aufgrund der fehlenden Kofferraumabdeckung an seinen Rucksack gelangen konnte. Ein blaues Hemd und eine Camouflage farbene Hose hervorziehend rutschte er wieder auf den Sitz und bemerkte, dass der Blick der Frau auf seinem Oberarm lag. »Ich suche noch einen guten Tätowierer«, erklärend reichte er ihr die Sachen. Wie er zu der Narbe gekommen war, wollte er ihr nicht erzählen. Zaghaft nahm sie ihm die Kleidungsstücke ab. Das Hemd überziehend blieb ihre Aufmerksamkeit einen Moment auf ihren Beinen liegen.
Als Wesley bemerkte wie Terence ihn ansah, warf er seinem Kollegen einen knappen Blick zu, der ausreichen sollte um ihm klar zu machen, dass es nichts bringen würde, wenn sie die Frau nun hetzten. Sie würde das gerade gefasste Vertrauen sofort wieder verlieren. Er konnte ihren schmerzverzerrten Gesichtsausdruck nur schwer ertragen, als sie ihre Beine in die Hose schob. Terence stieg aus und öffnete die Fahrertür. Ihr eine Hand reichend wollte er ihr helfen, aus dem Wagen zu steigen doch erneut lehnte sie die Hilfe ab.
»Wie heißt du eigentlich?«
Als Wesley auf dem Wagen stieg, begann Terence ein Gespräch mit der Frau, die es zitternd schaffte aus dem Wagen zu steigen. Beobachtend wie sie Terence angebotene Hand ignorierte, umrundete er den Wagen. Auch dass sie auf die Frage nach ihrem Namen nicht antwortete, beunruhigte ihn. Ihr musste etwas Schreckliches zugestoßen sein.
»Wir kommen mit.« Ihr knapp zunickend deutete er auf das Krankenhaus, wo gerade ein Krankenwagen aufbrach. Froh dass sie nicht widersprach, ging er neben ihr her. Terence, der auf ihrer anderen Seite ging, richtete mehrfach seine Aufmerksamkeit auf ihn. Der Blick verlangte nach einem Gespräch, welches er aber erst führend wollte, wenn er sicher war, dass es ihr gut ging. Plötzlich krallten sich ihre Fingernägel in seinen Oberarm. So plötzlich wie der Druck entstanden war, verschwand er wieder. Terence hatte sie bereits aufgefangen, als sie zusammenzubrechen drohte.
»Wenn ich den erwische.« Terence tiefes Knurren als er die Bewusstlose durch die Tür der Klinik trug ignorierte Wesley und machte sich auf den Weg zu einem Tresen, an dem das Schild Anmeldung hing. Auch in ihm kochte die Wut gegen den oder die auf, die sie so zugerichtet hatten.
»Wir brauchen dringend einen Arzt und eine Liege«, erklärte er der älteren dunkelhaarigen Frau, die von ihrer Arbeit mit fragendem Gesichtsausdruck aufsah. Er deutete zu Terence der mit der Frau im Arm im Eingangsbereich stand.
»Ich komme.« Den Schreibtischstuhl nach hinten schiebend verschwand die Schwester in einem Raum, wo er hören konnte, dass sie jemanden darum bat sie zu vertreten. Dann öffnete sich eine Tür und keine 10 Sekunden später trabte sie an ihm vorbei auf Terence zu.
»Mitkommen«, befehlend sprach sie Terence an, der verwundert eine Augenbraue hob. Wesley hob nur verdutzt die Hände und musste sich beeilen, um mit der Schwester und Terence Schritt zu halten. Sie kamen durch gleich mehrere Türen, ehe die Krankenschwester in einen Schockraum abbog, wo sie Terence mit einer knappen Geste zu verstehen gab, dass er die Frau auf die Liege legen sollte. Als Wesley den Raum betreten wollte, drehte sie sich zu ihm um und fuhr ihn an.
»Sie bleiben draußen.« Dann wandte sie sich Terence zu. »Ihre Freundin.«
Terence schüttelte den Kopf.
»Ihre Schwester?« Genervt begann sie bei der jungen Frau Blutdruck zu messen und zog ein Telefon aus ihrem Kittel.
»Auch nicht.«
»In welcher Verbindung stehen Sie dann zu ihr?«
»In gar keiner«, erklärte Wesley und machte einen Schritt in den Raum.
»Raus«, harschte die Schwester ihn an und begann zu telefonieren. Terence zog den Kopf ein und kam auf ihn zu.
»Ich glaube wir können gehen.« Terence warf einen Blick über die Schulter und Wesley fand den Gedanken befremdlich nun, ohne jede Erklärung zu verschwinden. Nicht dass man sie später noch polizeilich suchen ließ, weil sie einfach verschwunden waren.
»Wir sollten zumindest warten bis jemand fragt, was passiert ist.« Auf die Schwester konzentriert, die immer noch telefonierte und einen Arzt bestellte, sprach er seine Gedanken aus.
»Das wissen wir doch gar nicht«, murrte Terence und trat an ihm vorbei.
»Du weißt genau, was ich meine.« Wesley blieb in der Tür gelehnt stehen und ignorierte es, dass Terence gehen wollte.
»Willst du nun echt hier warten oder was?« Terence hatte sich ein Stück entfernt und war nun stehen geblieben.
»Ja.« Wesley sah seinen Kollegen nicht an, sondern nickte einfach, während er beobachtete wie die Schwester sich um die Frau kümmerte.
Nur Sekunden später kam ein Mann in weißem Kittel über den Gang geeilt, nickte ihm kurz zu und verschwand im Schockraum. Dann kam die Schwester mit einem genervten Kopfschütteln auf ihn zu und zog die Tür vor ihrer Nase zu.
»Bleiben?« Terence legte prüfend den Kopf auf die Seite.
»Ja.« Wesley sah den Flur entlang, allerdings gab es hier nicht, wie er erhofft hatte Stühle. Es war ein kahler weißer Flur, mit Edelstahlhandläufen an den Wänden und einem Bodenbelag der ebenso steril wirkte wie der Rest.
»Ich such mal einen Kaffeeautomaten und komm dann wieder.«
Er konnte in Terence Stimme zwar leichten Unmut hören, war sich aber sicher, dass sein Kollege ihm diese Entscheidung nicht übel nehmen würde.

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