Leseproben

(unlektoriert / unkorrigiert)

1.

»Kom Wes wird das Kind schon schaukeln.« Lexi grinste Rod von der Seite an, als sie ihren Rucksack abstellte. Er nickte knapp und warf einen Blick auf die Landebahn hinter der Lockheed. Eine große leere graue Fläche, an deren Ende er die Hangar der Base sehen konnte. Von dort war auch er gekommen. Dort hatten sie sich von ihren Teammitglieder verabschiedet. Der Abschied von ihren Liebsten war Stunden zuvor erfolgt. Auch wenn der Abschied von Lyndsay ruhig verlaufen war, er Zeit gehabt hatte um Wesley einige wichtige Dinge zu sagen, fühlte er sich gerade, als würde er seine Freundin im Stich lassen. Da half es ihm auch nicht, dass sein suspendierter Kollege sich mit Lyndsay um die Angelegenheiten kümmern würde, um die er sich kümmern müsste. Es war völlig egal, dass Wesley Stunden im Wagen verbracht hatte um hier zu sein, ehe er abflog. Wenn vielleicht einige der Meinung waren, dass Wesley der Letzte war, den sie bitten würden, sich um die Freundin zu kümmern, war Rod klar, dass Wesley der einzig Richtige war. Wesley mochte einen Ruf haben, den er nie wieder loswerden würde, aber seit June in sein Leben gekommen war, so war Rod sich sicher, hatte sich vieles geändert. Außerdem würde er sich nicht an eine Frau ranmachen, die vergeben war. Rod vertraute seinem Kollegen blind. Wesley würde alles nach bestem Wissen und Gewissen erledigen, Lyndsay die Schulter bieten die Rod hier hatte bieten wollen und er würde sie nicht verführen. Rod war sich sicher, dass Wesley diese Zeiten nun hinter sich gelassen hatte. Aber darum ging es auch nicht. Lyndsay musste ihren Vater beerdigen und vieles verarbeiten, was in den letzten Tagen geschehen war. Bis zuletzt hatte Rod gehofft, dass John ihn hier in San Diego lassen würde. Nun stand er im Flieger nach Dschalalabad. Über 15 Stunden zwischen Ausrüstung und seinen Kollegen standen ihm bevor. Die nächsten Tage und wohl auch Wochen würden ihn 12000 km von seiner Freundin trennen. Und nicht nur das. Es war unwahrscheinlich, dass er in dieser Zeit Kontakt zu ihr aufnehmen konnte. Das was sie vor hatten, war streng geheim. Niemand durfte wissen wohin der Flug ging und schon gar nicht, wo sie anschließend hin wollten. Es sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Ein abgehörtes Telefonat zur falschen Zeit. Ein Gespräch beim essen mit Freunden, schon könnten ihre Feinde Wind von ihrem Vorhaben bekommen.
Durchatmend, und die Gedanken verdrängend, drehte er sich um und sah sich nach einem Platz um, an dem er es sich in den nächsten Stunden gemütlich machen konnte. Die Sitzplätze waren noch nicht belegt und würden es wohl auch nur beim Start und der Landung sein. Er und seine Kollegen würden sich Hängematten aufspannen und so viel schlafen wie möglich, da sie davon ausgingen, dass Schlaf in den nächsten Tagen Mangelware werden würde. Während des Fluges konnten ihnen nur Turbulenzen gefährlich werden, die sie aus ihren Matten werfen konnten. Der Plan die Hälfte des Bravo Teams zu schicken war geplatzt, da Wesley suspendiert war und Tom mit einer Verletzung ausfiel. Wesley wurde von Lexi ersetzt, da sie ähnlich gute Leistungen als Scharfschütze liefern konnte wie ihr suspendierter Kollege und da sie nur einen Sanitäter im Bravo Team hatten, war Nick Black eingesprungen, der seinen ersten Auslandseinsatz bestreiten würde. Rod wusste, dass er selbst während des Einsatzes viele Jobs bekommen würde. Er könnte als Spotter für Lexi und Nuyen fungieren und im Notfall Nick zur Hand gehen, was er jedoch auf keinen Fall wollte. Eigentlich war er dafür zu ständig Türen zu öffnen. Mit kleinsten Mengen Sprengstoff bekam er jede Tür auf. Er ließ sich gerne nachsagen, dass er der hauseigene Schlüsseldienst der IATF war. Wenn er aber ehrlich zu sich war, rechnete er nicht mit Türen, die nicht mit einem kräftigen Tritt öffnen ließen. John ließ es sich nicht nehmen die Mission selbst zu leiten und Darrel würde sicher nicht nur als Übersetzer benötigt werden. Im Prinzip konnte jeder in ihrem Team jeden Posten besetzen, aber es gab wie immer im Leben einige Dinge, die manche einfach besser konnten als andere.
Der Rest ihres Teams blieb in San Diego. Es war ihm immer noch nicht klar, warum nicht das Alphateam den Einsatzbefehl bekommen hatte. Alleine schon die Tatsache, dass in ihrem Team zwei Mitglieder ausfielen, sollte doch ausreichend sein. Immer wieder hatte Rod sich in den letzten Stunden die Frage gestellt, wer im Hintergrund dieser Mission die eigentlichen Fäden zog. Denn dem Verteidigungsminister, hätte er zugetraut, dass er das Alphateam schickte. Mattis wusste, dass sie alle gleich hart trainiert hatten.
»Wie, das ist nicht sicher? Sollen wir euch dann mit Paragleitern da hinfliegen oder wie stellst du dir das vor? Wir brauchen einen nein zwei Black Hawks oder besser noch einen Chinook. Was glaubst du, wie ihr die beiden Jeeps sonst mitnehmen könnt? Beamen oder was?« Die aufgebrachte Stimme von Sharleen Porter ließ alle innehalten.
»Jetzt schon Stress?« Lexi starrte nach draußen, wo unten vor der Laderampe Sharleen und John auftauchten.
»Wir kriegen zwei Hubschrauber. Was und wann weiß ich nicht. Komm runter und macht euren verdammten Job«, ranzte John nun die Pilotin an, während er über die Laderampe zu ihnen in den Flieger kam.
»Probleme?« Lexi musterte ihren Vorgesetzten.
»Nein.« War die kurze und unüberhörbar schlecht gelaunte Antwort von John.
»Und ob. Es ist nicht sicher ob wir euch nach Tirah bringen können weil wir vielleicht keine Helis bekommen können. Dann könnt ihr euch tagelang mit den Jeeps durch die Berge schlagen. So ohne Straßen wird das schwer.« In Sharleens Augen lag ein wütendes Funkeln, als sie John folgte.
»Porter, mach das wofür du bezahlt wirst verflucht.« John drehte sich um und baute sich vor Sharleen auf. »Ihr fliegt uns nach Dschalalabad und wenn wir da keinen Heli bekommen, kommen wir auch anders an die Grenze.« Mit jedem Wort wurde John leiser aber nicht weniger drohend. »Reiß dich zusammen.« John drehte sich um und kam auf ihn zu. Rod war gespannt was, als Nächstes passieren würde. Würde John ihn wegen irgendeiner Kleinigkeit anfahren oder ihn einfach ignorieren. Und wie würde er reagieren? Auf keinen Fall würde Rod sich persönlich beleidigen lassen. John mochte nicht nur sein Captain, sondern auch ein guter Freund sein, aber beleidigen lassen musste er sich nicht von ihm.
»Hast du mit Wesley alles besprechen können?« John blieb vor ihm stehen und hatte einmal tief durchgeatmet, ehe er die Frage formuliert hatte. Es war nicht zu übersehen, dass John innerlich immer noch kochte. Er war wütend und Rod bezweifelte, dass diese Wut einzig auf Sharleen bezogen war, die gerade den Flieger wieder verließ.
»Ja, es ist alles so weit geklärt, wie es zu klären ist.« Auch wenn es Rod nicht zusagte seine Freundin nun alleine zu lassen, wollte er John es nicht ins Gesicht sagen. Was auch immer seinen Captain gerade so aufbrachte, wollte er nicht weiter schüren, wenn er mitteilte, wie er dazu stand, dass er das Team begleiten musste. John antwortete nicht, er nickte knapp und ging zu Nick Black, der mit Lexi weiter hinten im Flieger stand. Die Art wie John reagierte war ungewöhnlich. Was auch immer gerade geschehen war, schien ihn wirklich sehr zu ärgern und in Rod wuchs die Befürchtung, dass Sharleens Vorwürfe nicht völlig aus der Luft gegriffen waren. Was wenn sie keine Möglichkeit bekommen würden mit Hubschraubern an die pakistanische Grenze zu fliegen. Straßen gab es dort, wo sie hinwollten sicher nur wenige und ob die immer dahin führten wo sie hinwollten, stellte Rod in Frage. Außerdem hieß dass fahren auf der Straße auch, dass sie nicht nur ein gutes Ziel waren, sondern auch früh bemerkt wurden. Die beiden Jeeps, die noch nicht verladen waren, wollten sie nutzen um die letzten Kilometer von der Grenze bis nach Tirah schnell zu überwinden, da sie zu Fuß Tage brauchen würden. Seine Aufmerksamkeit blieb auf Nick liegen, der immer noch unsicher neben Lexi stand und nun Johns Worten lauschte.
Rod hatte Nick beobachtete, als dieser sich von seiner Freundin verabschiedet hatte. Das Paar hatte sich lange in den Armen gelegen und Rod hatte sich die Frage gestellt, wer sich wohl eher darüber im klaren war, was ihnen bevorstand. Nick, der noch keinen Auslandseinsatz bestritten hatte, aber ein wahres Massaker mitten in den USA miterlebt hatte oder Amber, die als Tochter ihres ehemaligen Captains nicht nur einmal ihren Vater in einen Einsatz hatte verabschieden müssen. Immer mit dem ungewissen Gefühl, dass man seine Geliebten vielleicht nicht wiedersah. Aber dieses Gefühl musste man ausblenden. Man musste lernen es zu ignorieren, sonst lag die Sorge viel zu schwer auf einem. Rod war sich im Klaren darüber, dass es schwer war, nicht an die Dinge zu denken die passieren konnten. Sein erster Einsatz war ein dreimonatiger Auslandseinsatz gewesen, den er die meiste Zeit in einem Camp verbracht hatte und erst die ersten Einsätze als SEAL hatten ihn an seine mentalen Grenzen gebracht. Damals hatte er sich nur von seinen Eltern verabschieden müssen, heute tat er dieses am Telefon und nutzte jede Minute mit Lyndsay, da der Gedanke an den Tod in seinem Hinterkopf mit jedem Einsatz präsenter wurde. Es konnte so schnell gehen … er schüttelte den Kopf und sah zu Darrel. Sein Kollege hatte jahrelang ein Geheimnis verbergen können, von denen nur wenige gewusst hatte, er eingeschlossen. Sein Kennenlernen mit Darrel war eines der dunkelsten Kapitel seiner Laufbahn und noch heute sah er die Bilder vor seinen Augen auftauchen, wenn er daran dachte. Es war Jahre her, kurz vor der Gründung der I.A.T.F hatte er einen Routineeinsatz im Jemen geleitet. Eine einfache Überwachung, nichts was je in irgendwelche Geschichtsbücher eingehen würde. Am Tag ihrer Rückreise bekam Rods Team Wind von einer Explosion, bei der es angeblich verletzte Soldaten der SASR gegeben hatte. Rod hatte mit seinen Kollegen beschlossen vor Ort zu helfen. Es stellte sich jedoch heraus, dass es keine Verletzten gab. Das ganze Team war bei einem Anschlag umgekommen und sie hatten Stunden damit verbracht die nähere Umgebung zu sichern und dabei zuzusehen, wie man Leiche um Leiche aus den Trümmern geborgen hatte. Darrel, der damals als Major der SASR dem getöteten Team vorgestanden hatte, hatte ihre Hilfe zwar nur zögernd angenommen aber das war ihnen egal gewesen. Nur wenige Tage später, nach der Beisetzung der getöteten Soldaten, der sie beigewohnt hatten, hatten sie Darrel durch einen Zufall in einer Bar wieder getroffen. Dort hatte Paul Redmann Darrel schließlich das Angebot unterbreitet in die USA zu kommen. Dass der Australier nur wenige Jahre zuvor seine Verlobte auf tragische Weise verloren hatte, hatten das gesamte Team erst vor kurzem erfahren. Mit Stevie hatte Darrel zum Glück eine Frau gefunden, die alles für ihren Freund tun würde. Aber auch sie hatte mit dem Verabschieden an Tagen wie diesem noch Probleme.
Rod schüttelte den Kopf, um die Gedanken wieder loszuwerden. Das was Darrel passiert war, war mit Sicherheit das Schlimmste, was einem Soldaten passieren konnte. Als einziger eines Teams am Leben zu bleiben und dann auch noch die Verantwortung für den tödlichen Einsatz gehabt zu haben musste die Hölle sein.
»Hier.«
Rod sah zu Nuyen, der ein Magazin zu Lexi warf, die es mit einem nicken auffing. Nuyen Sato war für Rod immer noch ein fast Fremder. Auch wenn Rod sein Leben blind in die Hände des Mannes mit dem asiatischen Aussehen legen würde, so wusste er doch fast nichts über den Fünfundzwanzigjährigen. Nuyen hatte sich seit seinem Eintritt in die IATF zu einem Kollegen entwickelt, der nicht nur auf der Arbeit 100 Prozent gab, auch als Freund wusste Rod den quirligen und manchmal vorlauten aber immer witzigen Mann zu schätzen. Das einzige was Rod über ihn wusste, war, dass er als Kind in die USA gekommen war und bei Verwandten aufgewachsen ist. Aber weder hatte Rod diese Verwandten bisher gesehen oder etwas über sie gehört. Nuyen war ein Einzelgänger, zumindest was sein Privatleben anging. Oder er war einfach in der Lage, Privates und Arbeit zu trennen. Rod wusste nicht einmal, ob Nuyen sich überhaupt von jemandem verabschiedet hatte. Vielleicht wusste auch niemand in seiner Familie, was er tat.
Wieder blieb seine Aufmerksamkeit auf John liegen, den er nun schon so viele Jahre kannte. Schon vor der IATF hatten sie zusammen gearbeitet und auch John würde er sein Leben blind anvertrauen. Aber das war ein Punkt, der wichtig für sie alle war. Blind den Kollegen vertrauen können. Ohne das ging es nicht. Jeder hatte ein Auge auf den anderen und jeder war dafür verantwortlich, dass niemand in Gefahr geriet. Nie durfte man sich darauf verlassen, dass man selbst alles sah. Vier Augen sahen mehr als zwei und ein ganzes Team hoffentlich alles, was ihnen gefährlich werden konnte. John war, auch wenn Rod ihn gefühlt schon ewig kannte ein ähnliches Rätsel wie Nuyen. Das er Familie hatte, wusste Rod zwar, aber nicht wen und wo. John war nur selten nicht da und wenn er dann zurückkam, sprach er nicht über das, was er in seiner Freizeit gemacht hatte. Aber John war nicht aus dem Gefüge der IATF herauszudenken. John war seit der Gründung dabei und hatte in den ersten Jahren immer wieder dafür gesorgt, dass in stressigen Situationen wieder Ruhe einkehrte. Er hatte ihren alten Captain Paul Redman regelmäßig geerdet und war nun selbst der, der die Befehlsgewalt innehatte. Und trotz dieser Position war er nicht nur Soldat, er war ein Freund, und zwar für jeden im Team. John war anders als Sean. Sean war während des Trainings und während der Einsätze durch und durch ein Soldat, und in der Freizeit ein loyaler Freund. John ließ nie jemanden spüren, dass er im Rang über ihm stand. Auch wenn es zu Streiterein wie gerade eben mit Sharleen kam, war die Art, wie John mit seinen Kollegen umging eine völlig andere. Meist ruhiger und immer Lösungsorientiert, wo Sean meist lauter war und ab und an mit dem Kopf durch die Wand wollte.
»Willst du eine?« Wo John so plötzlich hergekommen war, wusste Rod nicht. Er war so in Gedanken versunken gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie sein Kollege sich genähert hatte. Er hielt eine orange Dose in der Hand und musterte ihn fragend.
»Nein, jetzt nicht, vielleicht später.« Rod musste nicht fragen, was in der Dose war. Es waren Schlaftabletten, die ihnen helfen sollten während des folgenden langen Flugs schlaf zu finden. Einige seine Kollegen benötigten diese kleinen Wundermittel selbst noch nach Einsätzen, da es ihnen dann schwerfiel einzuschlafen. Rod hatte sie ebenfalls eine Weile regelmäßig genutzt, allerdings halfen sie ihm nur beim Einschlafen. Das Durchschlafen stand auf einem anderen Blatt. Oft reichten kleinste Geräusche aus, um ihn aus dem Schlaf zu reißen und dann war an ein weiterschlafen über Stunden nicht zu denken. Seit er mit Lyndsay zusammen war, hatte sich sein Tablettenkonsum auf ein Minimum reduziert, was er darauf schob, dass er mit ihr über das sprechen konnte, was ihm durch den Kopf ging, wenn er nicht in den Schlaf finden konnte. Dann war es, als würde der auf ihm lastende Druck abfallen, während er seine Gedanken mit ihr teilte.
»Dann leg dich hin, Du schläfst ja schon im Stehen. Wir starten gleich.« John gab ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen und ging auf Nick zu, der seine Hängematte befestigte.

 

2.
Lexi rieb sich den Schlaf aus den Augen, als John sie weckte. Hatte sie tatsächlich 15 Stunden am Stück geschlafen? So fühlte sie sich auf alle Fälle nicht, als sie sich auf der Matte liegend auf den Rücken drehte. Nur ein knappes Stück weiter war Nuyen Sato dabei seine Matte aufzurollen, während Rod immer noch wie ein großer Bär in seiner Hängematte hing.
»Ey Rodriguez, aufstehen.« Auch wenn John ihren Kollegen gleich wecken würde, ließ sie es sich nicht nehmen laut durch den Flieger zu rufen. Ihre anderen Kollegen waren bereits wach und hatten ihre Sachen zusammengepackt, als Rod langsam den Kopf hob. Sein Blick wanderte zu ihr und dann träge auf seine Armbanduhr. Kurz spielte sie mit dem Gedanken Rod nochmals anzusprechen und ihn stichelnd auf seinen tiefen Schlaf anzusprechen, unterließ es dann aber doch. Sie wandte sich der schwarzen Matte zu, auf der sie die letzten Stunden verbracht hatte und rollte den Schaumstoff auf. Eigentlich hatte sie ihren Einsatz für sich nochmals durchgehen wollen, aber da sie die gesamte Zeit geschlafen hatte, war ihr das nicht möglich gewesen. Jetzt würde sie sich irgendwann anders dazu Zeit nehmen oder darauf verzichten müssen, was ihr nicht behagte. Ihre Aufmerksamkeit wanderte zu Nick und ließ sie scharf ausatmen. Ihr fielen die zittrigen Bewegungen ihres Corpsmen auf. Immer noch wollte ihr nicht in den Sinn, warum John nicht Werner mitgenommen hatte. Werner hatte weit mehr Erfahrung als das Greenhorn, das nun seinen Rucksack schloss, den Blick hob und sie ansah. Selbst Tom wäre ihr noch lieber gewesen, auch wenn sie mit dem ehemaligen SEAL noch immer nicht warm geworden war. Roalstead lag einfach nicht auf ihrer Wellenlänge. Er mochte ein toller Sanitäter sein, aber mehr sicher auch nicht. Tom war niemand, der ihr mal eben Schmerztabletten zukommen ließ und auch mit den Schlaftabletten war er geizig. Werner war da anders. Der verteilte die Pillen wie Schokolinsen und regte sich nie darüber auf, wenn man nach etwas mehr als die Standartmenge haben wollte. Irgendwie regelte Werner das immer. Tom kam dann mit Vorschriften und Sucht und Nick … sie schüttelte den Kopf. Bei ihm war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt Schmerztabletten eingesteckt hatte.
»Was?« Nick schien ihren Blick bemerkt zu haben, den eine Tonart war alles andere als freundlich.
»Nichts, ich hab nur darüber nachgedacht, ob du genug Pflaster dabei hast.« Bissig pampte sie ihn an.
»Ich hab sogar ´ne Knochensäge einstecken.« Nicks kniff die Augen zusammen.
»Setzt eure Ärsche auf die Sitze.« John unterbrach ihren kleinen Schlagabtausch mit Nick. Jedoch ließ sie es sich nicht nehmen ihn nochmals aufzuziehen.
»Kannst du damit überhaupt umgehen?« Irgendwo in ihrem Hinterkopf tauchten Bilder auf, die dafür sorgten, dass sich ihr Magen kurz zusammenkrampfte und sie hoffte, dass Nick die Säge weder bei diesem Einsatz noch jemals sonst benutzen musste. Alleine der Gedanke daran dass er sie einsetzen musste und sie es vielleicht auch nur mitanschauen sollte, sorgte für aufsteigende Übelkeit.
»Ist dir schlecht?« Wo Nuyen hergekommen war wusste sie nicht, aber sie schüttelte den Kopf. Gut dass ihr Kollege ihre Gedanken nicht lesen konnte. Irgendwie musste sie die Bilder in ihrem Kopf wieder loswerden. Angestrengt starrte sie die Holzkisten vor sich an, nachdem sie sich auf einen der Sitze gesetzt hatte.
Kurz nach der Landung öffnete sich die Ladeluke und sie atmete tief ein. Auch wenn es nicht Bagram war, so war sie nun zurück in Afghanistan, ihrer heimlichen zweiten Heimat. Hier hatte sie Freunde gefunden, die gleichzeitig auch ihre Kollegen waren und Dinge erlebt, die wohl sonst kaum jemand erleben konnte und teils auch nicht erleben wollte. Hier hatte sie gelebt, geliebt und dafür gesorgt, dass ihr ein zweifelhafter Ruf vorauseilte. Aber Dank diesem Ruf kam niemand auf die Idee, sie nach einer Beziehung zu fragen. Abgesehen von Joe. Gedankenverloren griff sie nach ihrem Rucksack und verließ den Flieger über die Ladeluke. Joe … nein, sie schüttelte den Kopf. Auch wenn er Wochen an ihrem Krankenbett verbracht hatte, es zu Küssen gekommen war, wollte sie keine Beziehung mit ihm. Er war ihr Kollege mehr nicht. Die Küsse waren ein Fehler gewesen, das wusste sie und sie war immer noch der Meinung, dass Joe davon ausging, dass es irgendetwas zwischen ihnen gab, dass mal zu etwas ernstem werden könnte. Aber dem war nicht so. Von ihrer Seite aus war es Freundschaft. Sie hatte in ihrer Verzweiflung nur den Fehler gemacht und ihn geküsst. Sie hatte einen Moment eine Schulter zum anlehnen benötigt. Mehr als Freundschaft war es einfach nicht. Dass sie in letzter Zeit immer wieder an ihn dachte, ihn länger ansah als sie wollte, lag einzig daran, dass sie nicht wusste wie sie ihm sagen sollte, dass da nichts zwischen ihnen war.
»Wir werden gleich von einem Kontaktmann abgeholt. Dann fahren wir zu einem Haus, wo wir die nächsten Stunden warten, bis wir aufbrechen können.« John sah sich, während er sprach suchend um, ehe er Jamain und Sharleen entdeckte. »Ihr kommt mit, schlaft euch aus und bringt uns später mit dem Chinook an die Grenze, dann könnt ihr wie geplant hierher zurück und wartet auf weitere Befehle. Wenn ihr uns aus Pakistan rausholen müsst …«
»… fliegen wir nach Möglichkeit unter dem Radar.« Fiel Sharleen ihm ins Wort. »Dir sollte aber klar sein, dass das da in den Bergen fast nicht geht mit dem riesen Schulbus.«
Lexi beobachtete wie John sich einmal durch die Haare strich, dann nickte und sich dann an sie und ihre Kollegen wandte. »Ihr habt sie gehört. Wir laufen hin und zurück, damit die beiden nichts zu tun bekommen. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die beiden keinen Bock haben, mal was spannendes zu machen.«
Dieses Mal war Lexi nicht in der Lage zu sagen, ob Johns Worte ironisch gemeint waren und ob er Sharleen und Jamain in irgendeiner Form aus der Reserve locken wollte. Sie wunderte sich darüber, dass Sharleen und Jamain so klangen als wäre es ihnen nicht möglich unter dem Radar zu fliegen. Dabei sollte eine solche Aufgabe gerade für Sharleen eine Leichtigkeit sein. Mit ihrer Ausbildung und der Menge an Flugstunden übertrumpfte sich sicher viele weit ältere Piloten.
Als sie über die Rampe den Flieger verließ wanderte ihre Aufmerksamkeit über den Flughafen von Dschalalabad. Sie entdeckte einige Linienflieger, aber auch kleinere Learjets. Auch wenn überall Terror an der Tagesordnung war, gab es hier ein normales Leben. Sie folgte Darrel, der bisher nur wenig gesprochen hatte. Und nicht nur dass, ihr wurde klar, wie wenig sie über ihn und viele andere ihres Teams wusste. Einen Augenblick grübelte sie darüber ob sein Schweigen mit der langsam wachsenden Anspannung zu begründen war, dann beschloss sie aber, dass Darrel bereits so oft in Einsätzen war, dass es ihm sicher so erging wie ihr. Die Nervosität kam erst wenige Minuten vorher. Da gab es nichts, was sie nun bereits unruhig werden ließ. Ganz im Gegensatz zu Nick. Sein Blick schweifte unruhig über die Umgebung. Eine Hand klammerte sich an den Riemen seines Rucksackes, den er sich über die rechte Schulter geworfen hatte in der anderen Hand trug er eine Reisetasche. Das war alles, was sie mitgenommen hatten. 2 Taschen in denen sich nur wenige Kleidung befand, dafür Essensrationen, Wasser, ihre Waffen und Ausrüstung. Mehr benötigten sie nicht. Es interessierte niemanden wenn sie 2 Wochen das gleiche Hemd trugen oder wenn von ihnen ein Geruch ausging, der sogar Raubtiere vertreiben konnte. Sie mussten weder gut aussehen, noch gut riechen. Sie mussten lediglich ihren Job gut machen.
Es war früher Abend und die Temperatur war erträglich, auch wenn Lexi sich sicher war, dass es an die 30 Grad sein mussten, empfand sie die Wärme nicht als drückend oder gar stechend. Sie hatten sich eine Jahreszeit ausgesucht, in der das Thermometer auch in den Nächten nicht unter 20 Grad fallen würde. Für die einen war diese Wärme ein Segen, für andere ein Fluch. All die Zeit, die sie in Afghanistan verbracht hatte, hatte sie wohl daran gewöhnt Temperaturen von um die 40 Grad am Tage auszustehen und ebenso mit den im Winter kalten Nächten klarzukommen. Sie hatte aber auch Soldaten gesehen, die nach nur wenigen Tagen zusammengebrochen waren, da sie mit dem Klima nur schwer zurechtkamen.
Eine halbe Stunde später saß sie neben Rod in einem alten Toyota und wurde von einem Mann, der eine helle perahan tuban und einen Pakol trug Richtung Dschalalabad gefahren. John, der auf dem Beifahrersitz saß musterte immer wieder Menschen, die an den Straßenrändern standen. Hier war es schwer die Feinde von den Freunden zu trennen. Jeder der irgendwo stand, war potenziel gefährlich. Selbst die, die sich einem als Freunde vorstellten und einem über Jahre hinweg bewiesen, dass sie einem wirklich freundlich gesonnen waren, konnten hier von jetzt auf gleich zu Selbstmordattentätern werden oder einen verraten. Hier konnte man wirklich niemandem trauen. Lexi hoffte inständig, dass John sich über diese Tatsache im klaren war. Wenn ihre Fahrer sie an Messer liefern wollte, wäre es kein Problem. Sie hatte mit verdeckten Ermittlern der CIA gerechnet, als sie auf ihre Mitfahrgelegenheiten gewartet hatten. Auch John war überrascht gewesen, als er die beiden unübersehbar afghanischen Männer entdeckt hatte. Angeblich waren sie Informanten für das CIA. Aber selbst dieser Hintergrund vermochte es nicht Lexi ein sicheres Gefühl zu vermitteln. Sie traute weder ihrem Fahrer noch dem, der hinter ihnen war. Darrel, Nuyen und Nick befanden sich direkt hinter ihnen. Immer wieder konnte sie beim Blick über die Schulter den Wagen mit der verbeulten Motorhaube sehen, der viel zu dicht auffuhr. Aber hier fuhr jeder, wie ihm es in den Sinn kam. Die Polizei würde niemanden wegen nicht einhaltens des Mindestabstandes anhalten oder gar anzeigen. Als sich vor ihnen der Verkehr zu stauen begann, wollte ihr Fahrer nach rechts über einen Seitenstreifen ausweichen.
»Nicht.« John griff dem Fahrer noch in dem Moment ins Lenkrad, in dem er ihn anfuhr. Nur wenige Zentimeter vor ihrem Vordermann kam ihr Wagen zum Stehen.
»Was ist los?« Darrels Frage erreichte sie über ihre Headsets.
»Keine Ahnung. Wir warten. Auf keinen Fall fahren wir an die Seite.« Johns Tonlage duldete keinen Widerspruch. Lexi versuchte an der Seite der Fahrzeugreihe entlang zu schauen, aber die Wagen und Trucks vor ihnen standen nicht gerade hintereinander, sondern so, dass sie nur bis zum 4 Wagen sehen konnte. Sie hatte keine Ahnung, was weiter vorne los war. Was sie jedoch bemerkte, war, wie ihr Puls sich beschleunigte. Dieses Warten zwischen all den anderen, mitten in Dschalalabad, wo niemand wissen sollte das sie hier waren, machte sie nervös.
»Ich fahre einen anderen Weg.« Ihr Fahrer legte den Rückwärtsgang ein, was völlig sinnlos war, da der andere Wagen hinter ihnen nur wenige Meter hinter ihnen stand. Lexi zweifelte daran, dass es ihm gelingen würden den Wagen hier wenden.
»Nein, wir warten.« John fuhr den Fahrer erneut an, als er über die Schulter sah. Eine Detonation ließ wie aus dem nichts Steine auf ihren Wagen hageln und hüllte sie in eine riesige Staubwolke. Lexis Herz setzte einen Augenblick aus ehe es rasend weiterschlug. Die Flüche ihrer Kollegen sorgten für ein Pfeifen in ihren Ohren.
»Scheiße was war das?« Darrels Stimme kam klar und deutlich bei ihnen an.
»Keine Ahnung. Gehen wir schauen?« Nun klang John leicht verunsichert und wandte sich kurz zu ihr und Rod um.
»Wir müssen helfen.« Ihr Fahrer hatte bereits die Wagentür aufgestoßen.
»Ich mag den Gedanken gerade zwar nicht, aber ich befürchte, er hat recht. Wir können nicht einfach hier rumsitzen und zuschauen. Das fällt auf.« Rod nickte.
»Noir schnapp dir deinen Kram. Seht zu, dass keiner die Pistolen sieht. Banjo, du bleibst bei den Wagen und passt auf unsere Sachen auf.« John stieß die Wagentür auf. Lexi atmete tief durch, ehe sie es ihrem Captain gleich tat. Rod war bereits ausgestiegen und stand vor ihrem Toyota als sie sich kurz nach Nuyen und Nick umsah, der seinen Rucksack geschultert hatte, Es herrschte Chaos auf der Straße und sie entdeckte mehrere Menschen, die ihnen mit blutenden Wunden entgegenkamen.
»Noir, wir gehen nach vorne. Alle die noch laufen können brauchen deine Hilfe nicht.« Johns kühler Befehl jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Dass sie mehr oder weniger unbewaffnet zwischen dutzenden Wagen stand machte sie nervös. Sie ließ ihren Blick hin und her wandern und versuchte zu erkennen, ob die Menschen die hektisch umherliefen oder entsetzt an ihren Autos lehnten, gefährlich waren. Ob sie im nächsten Augenblick ein Gewehr zücken und das Feuern eröffnen würden. Aber es war ihr in dem größer werdenden Chaos nicht möglich Gefahren auszumachen. Vor ihrem Auge tauchten Bilder von früheren Anschlägen auf. Momente in denen nach einer Explosion eine Zweite und auch dritte, die Helfer in den Tod gerissen hatte. Was , wenn hier noch irgendwo eine Bombe war, oder wenn ein Selbstmordattentäter nur auf seinen Einsatz wartete. Wie zum Teufel sollte sie ihn erkennen und wie ihm entgehen?
»Noir hier!« Rods Rufen nach Nick ließ sie nach vorne sehen, wo Rod neben einem Mann kniete, der eine Frau auf dem Schoß hielt.

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