Leseproben

(unlektoriert/unkorrigiert)

1.

Die Hände in die Taschen seiner schwarzen Hose schiebend stand Cayden vor Jordans Grab. Ein kühler Wind trieb ihm feine Regentropfen ins Gesicht. Sein Blick verschwamm und er spürte, wie sich die Trauer schwer auf sein Herz legte. Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen und hatten ihn nicht nur daran gehindert hierher zu kommen, sondern auch daran, zu viele Gedanken an Jordan zu verschwenden. Jetzt war es ruhiger. Auch wenn sein jetziger Auftrag nicht weniger wichtig war, so befand er sich nur knapp eine Stunde Fahrzeit von seinem Haus entfernt und es gelang ihm sogar, regelmäßig Zeit mit Samira zu verbringen, die in diesen Minuten irgendwo mit Ellen, Jackie und Dila einkaufen war. Eigentlich wollte er jetzt im Wagen sitzen, zum Hotel fahren und dort Collin ablösen, aber er war zu früh aufgebrochen und hatte dann beschlossen hierher zu kommen. In diesem Augenblick bereute er es jedoch schon fast. Diese Schwere, die sich auf ihn legte, würde ihn nun die kommenden Stunden begleiten und das Arbeiten womöglich noch trister gestalten als es ohnehin schon war.
Die Frau, die sie seit einigen Tagen begleiteten, war eine angesehene Geschäftsfrau. Sie war gelernte Juwelierin und betrieb seit Jahren eine Kette von Geschäften, in denen eines der Schmuckstücke unter tausend Dollar über den Tresen ging. Zusätzlich kümmerte sie sich persönlich um den Einkauf von Juwelen und Gold und anderen Dingen, was ihrer Aussage nach hin und wieder kritisch sein konnte, gerade wenn es um besonders seltene Edelsteine ging. Er war sich nicht sicher, ob er ihrer Aussage Glauben schenken konnte, denn wenn es danach ging, war sie die einzige Frau, die sich regelmäßig in den Kreisen der Juwelenverkäufer und Schürfer aufhielt. Ihren Reichtum trug sie nicht nur damit zur Schau, dass sie Bodyguards arrangiert hatte, auch ihr Kleidungsstil zeugte von den Milliarden auf ihrem Konto. Sie kleidete sich aufreizend und machte nicht nur ihm, Collin und Duncan schöne Augen. Nachdem was er erfahren hatte ehe er den Auftrag angenommen hatte war sie ein männerfressendes Monster. Dazu verbrachte sie aktuell die meiste Zeit in dem 5 Sterne Hotel, in dem er und seine Kollegen nun permanent die Zeit totschlagen mussten. Es war eine unglaublich eintönige Arbeit. Das Hotel befand sich in Strandnähe und der Ausblick aus ihrem Appartment schien sie sogar daran zuhindern den Strand selbst zu besuchen. Dabei wäre genau ein solcher Strandbesuch das, was er sich von Zeit zu Zeit wünschte, um nicht permanent die teure Ausstattung des Hotels anstarren zu müssen, während sie darauf warteten, dass etwas Interessantes und sei es nur die Fahrt zu einem ihrer Geschäfte, passierte. Der Blick aus dem 15 Stock war wirklich atemberaubend aber in seinen Augen nicht durch einen echten Strandbesuch zu ersetzen, bei dem er und seine Kollegen dafür sorgen könnten und würde, dass ihr nichts passierte und sie die Zeit genießen konnte. Aber sie blieb lieber in ihren vier Wänden.
Ihre Gesprächspartner empfing sie sehr oft im hoteleigenen Restaurant oder, wenn die Treffen später stattfanden in der Bar. Aber genau dieser Job war nun einer, der nicht nur ihm guttat. Auch Collin nutzte die freien Stunden, um seine Beziehung zu Dila zu festigen. Das was zu Beginn mehr eine Bedarfsgemeinschaft als Liebe war, war inzwischen tatsächlich zu Liebe geworden und Collin machte sich als Vater nicht nur einfach gut. Cayden beneidete seinen Kollegen um besondere Momente. Vor wenigen Tagen hatte Gibran endlich seine ersten Worte gesprochen und es war nicht Mama gewesen, sondern Cat. Ob sich dieses Cat jedoch auf Collin bezog, der als Funknamen ebenfalls Cat trug oder doch mehr auf ein kleines Kinderbuch in dem es eine Katze gab, wusste wohl nur der Junge genau. Auch wenn er in der Entwicklung so war, wie Kinder in seinem Alter sein sollten, so war er, was das Sprechen anging spät dran. Allerdings schob der Kinderarzt diesen Umstand auf das herrschende Trauma.
»Wie viel bekommen so kleine Kinder davon mit?« Die Frage leise aussprechend strich er sich durch die inzwischen nassen Haare. Gerne hätte er nun eine Antwort von Jordan erhalten. Er hätte ihre Meinung nun gerne gehört. Er wusste, wie sehr Samira unter ihrer Vergangenheit litt, konnte sich aber nicht vorstellen, dass ein Baby bewusst von dem Horror in den Kriegsgebieten Kenntnis nahm. Auch wenn Samira inzwischen in den Nächten Ruhe fand, so würde er die Nächte in denen es nicht so gewesen war nie vergessen. Lange hatte er ihr jeden Abend versprechen müssen, dass er dafür sorgen würde dass die Bösen, so nannte Samira die Menschen die ihr und ihrer Familie Leid angetan hatten, noch heute, nicht in das Haus kamen. Und nicht selten war sie dann trotzdem nachts oder am späten Abend schreiend oder weinend aufgewacht. Meist war es nur ihm gelungen sie dann zu beruhigen. Zumindest war Jordan immer der Meinung gewesen, dass nur er es konnte, weil Samira meist nach ihm gerufen hatte. Aber vielleicht hatte sie ihn ja gar nicht gerufen, wen er sie trösten sollte, sondern vielleicht war er es, der in ihren Träumen aufgetaucht war. Vielleicht waren diese Erinnerungen auch keine Positiven gewesen. Schließlich war er mit seinem Team in ihr Haus eingedrungen. Auch wenn ihre Mutter und ihre Geschwister zu diesem Zeitpunkt bereits tot gewesen waren, war es womöglich nichts Positives, was sie mit ihrem Eindringen verband. Dann hatte sie mitansehen müssen, wie einer ihrer Kollegen auf schlimmste Weise umgekommen war. Cayden war sich sicher, dass auch sie den Geruch von verbranntem Fleisch und Blut gerochen hatte. Das war etwas, was auch er nie vergessen würde, verdrängen ja, aber auslöschen konnte man solche Erinnerungen nicht.
Durchatmend hob er seinen Blick. Der Regen war stärker geworden, ohne dass er es gemerkt hatte. Sein Jackett war zwar noch nicht durchgeregnet aber doch so nass, dass er eigentlich ein anderes anziehen musste, um auf der Arbeit seriös zu wirken. Der Regen hatte Flecken aus Sand auf seinen schwarzen Schuhen hinterlassen und ihm wurde bewusst, dass es wohl wirklich am besten wäre, wenn er sich nun umzog. Seine Uhr hingegen machte klar, dass er bereits jetzt spät dran war. Er hatte hier nicht nur das Wetter ausgeblendet, nein auch die Zeit war einfach an ihm vorbeigezogen ohne sich bemerkbar zu machen.
Für die Welt warst du irgendjemand.
Für irgendjemand warst du die Welt.
Cayden ließ seine Finger über die Inschrift des Grabsteins gleiten. »Ich vermisse dich.« Seine Worte waren ein leises Flüstern, ehe er sich abwandte. Ja, er vermisste Jordan. Die Abende an ihrer Seite, die Gespräche, ihre Nähe, ihre Anwesenheit. Jeden Tag aufs neue. Aber er musste weitermachen. Für Samira. Sie hatten versprochen sich um das Mädchen zu kümmern und Cayden würde dieses Versprechen einhalten. Er würde sie nicht alleine lassen. Zumindest würde er alles dafür tun. Dass er nicht in der Lage war, guten Angeboten zu widerstehen, hatte er bereits festgestellt und er hatte sich mehr als nur ein wenig über sich selbst geärgert. Ob er wollte oder nicht, er musste zugeben, dass er käuflich war. Mit ausreichend Geld konnte man ihn für jeden Job bekommen. Aber ohne Geld konnte er sich das Haus nicht leisten und er konnte Samira nicht das bieten, was er ihr gerne bieten und ermöglichen wollte. Ein Teufelskreis, aus dem er schon einmal versucht hatte auszubrechen. Damals war es ihm nicht gelungen und er hatte sich dazu entschieden, sich mit dem was er konnte selbstständig zu machen. Auch wenn Personenschutz nur am Rande seiner Ausbildung auf seinem Lehrplan gestanden hatte, so da das nun das, was ihm sein Einkommen sicherte. Auch Collin und Duncan verhalf er so dazu, dass sie ihr Leben bestreiten konnten. Also war er nicht nur für seine Adoptivtochter verantwortlich, sondern auch für seine Kollegen. Als er seinen Mustang erreichte, hatte der Regen bereits wieder nachgelassen und es war wieder ein feiner Wassernebel, der ihm vom Wind ins Gesicht getrieben wurde.
Den Wagen aufschließend hing er selbst in dem Augenblick noch seinen Gedanken nach, in dem er den Wagen nur wenig später vom Parkplatz lenkte. Syrien und Mexiko waren nun nicht gerade die Regionen gewesen, in denen andere Personenschützer sich aufhielten. Andere hatten aber sicher auch nicht den Vorteil, dass der Verteidigungsminister große Stücke auf sie hielt.
Ein hupender Wagen riss ihn aus den Gedanken und es gelang ihm im letzten Moment, einen Auffahrunfall zu verhindern, an dem er schuld gewesen wäre. Das Hupen stammte von einem Auto vor ihm, der nun ausscherte, um einen anderen zu überholen. Sein Versuch, in die Straße abzubiegen, in der das Hotel lag, welches nun sein Ziel war, scheiterte an einem quer stehenden Wagen. Was genau passiert war, konnte er nicht mehr sehen. Er rechnete aber damit, dass in den nächsten Minuten die Polizei auftauchen würde. Das würde jedoch nichts daran ändern, dass Collin nun seit einer gefühlten Ewigkeit auf ihn wartete. Er war zu spät. Viel zu spät und es wunderte ihn, dass sein Kollege noch nicht angerufen hatte. Wobei? Er zog sein Handy aus durchnässten Tasche seines Jacketts. Flugmodus. Augenrollend und den Blinker setzend beendete er die Stummezeit seines Telefons. Es dauerte nur Sekunde, ehe ihn ein Dutzende Nachrichten erreichten. Einen kurzen Moment die Augen schließend und durchatmend sammelte er sich um sich daran zu hindern die Nachrichten noch jetzt zu lesen. Er wäre in wenigen Minuten am Hotel und könnte dort dann gefahrlos schauen wer versucht hatte, ihn zu erreichen. Sehr wahrscheinlich waren die Nachrichten von Collin oder sogar von Duncan, der ihn am Abend ablösen sollte. Dann wollte er mit Samira ins Kino. Noch ehe er den Parkplatz des Hotels erreicht hatte, klingelte das Handy. Schon der Klingelton verriet ihm, dass es Collin war, der ihn sprechen wollte.
»Alter, du kannst auch noch ein paar Minuten warten«, murrend lenkte Cayden seinen auf den großen Parkplatz. Ein Schlagbaum verhinderte, dass unbefugte den Platz nutzten. Nur Gäste des Hotels konnten hier parken. Die Scheibe herunterlassend und das Klingeln weiter ignorierend schob er seine Chipkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz, damit sich der Schlagbaum hob. Das nervtötende Klingeln verstummte als er auf einen freien Platz zusteuerte. Collin würde ihn nun exakt 60 Sekunden geben, ehe er erneut anrufen würde. Genügend Zeit, um den Wagen abzustellen, auszusteigen und abzuschließen. Ob er das Gespräch dann annehmen würde, wusste er jedoch noch nicht. Er könnte den Anruf erneut ignorieren, schließlich würde es keine 5 Minuten mehr dauern, ehe er Collin sah.
Der zweite vermutete Anruf kam jedoch nicht. Cayden konnte seinen Wagen abschließen und machte sich auf den Weg zum Hoteleingang, wo ein Portier ihm die Tür öffnete und zunickte. Der zweite Blick des jungen Mannes, der wie Cayden wusste, Student war und sein Studium damit finanzierte, dass er anderen die Türen öffnete, wanderte knapp zur Seite und Cayden wurde klar, warum Collin in nicht erneut angerufen hatte. Sein Kollege saß in einem Ohrensessel im Empfangsbereich, von wo man einen guten Blick auf den Parkplatz hatte. Prüfend sah Cayden sich um. Jedoch entdeckte er ihre Klientin nicht.
»Wie wäre es, wenn der Herr einfach mal an sein Handy geht? Ich hab schon bei Sami angerufen, weil ich dich nicht erreichen konnte. Sie meinte du müsstest bei mir sein.« Collin war auf gestanden und zu ihm gekommen. Cayden konnte die neugierigen Blicke der Rezeptionisten auf sich spüren.
»Ich bin früher weg und war noch auf dem Friedhof.« Er hielt seine Stimme leise, ob wohl er Collin Vorwürfe machen wollte, dass er Samira angerufen hatte. Nun würde sie sich sicher Sorgen machen. Noch während er gesprochen hatte, überflog er seine Nachrichten. Es waren gleich mehrere von Samira darunter. Auch Karen hatte ihn angeschrieben. »Kann ich nicht einmal später kommen?« Samira eine Nachricht schickend in der er erklärte, dass er in Stau gestanden und das Handy versehentlich ausgeschaltet hatte, ranzte er Collin an.
»Du siehst beschissen aus.« Collin ging nicht weiter auf sein zu spät kommen ein, sondern schien sich nun darauf zu fixieren, dass er sicher aussah wie ein nasser Pudel.
»Könnte am Wetter liegen. Warum sitzt du hier rum und nicht oben?« Cayden hob fragend eine Augenbraue. Normalerweise saßen sie entweder vor der Suite von Miss Shaw oder sie machten es sich in dem großen Zimmer gemütlich, welches mehr eine kleine Wohnung war als ein Hotelzimmer. Cayden war sich sicher, dass er für eine Nacht in dem luxuriösen Zimmer einen einwöchigen Urlaub mit Samira machen könnte.
»PMS oder extrem schlechte Laune. Oder beides. Von hier konnte ich wenigstens sehen ob du kommst und ob jemand anders reinkommt. Im Moment würde ich ihr so nicht unter die Augen treten.« Collin deutete nur knapp auf seine nassen Sachen.
»Ich kann ja wieder fahren und mich umziehen«, murrte Cayden. Er hatte keine Lust, den Tag mit einer schlecht gelaunten Mitte 40igerin zu verbringen.
»Vergiss es. Ich fahre nun nach Hause.«
»Da ist eh keiner. Dila ist mit Karen und Samira shoppen.«
Cayden lachte bei Collins genervtem Augenrollen auf. Sein Kollege schien bereits die Rechnungen zu sehen, die seine Frau mit nach Hause bringen würde. Er war sich sicher, dass e nicht bei einem Strampler und einem Paar Schuhe bleiben würde. Dila hatte sich schnell dem hier herrschenden Konsumwahn angepasst. In Syrien war sie sicher froh gewesen, wenn sie ein Paar Schuhe gehabt hatte und dazu noch Wegwerfwindeln für ihren Sohn. Womöglich hatte sie sich diese Sachen dort auch nicht leisten können, selbst wenn man sie in einem Laden hatte finden können. Hier konnte sie nun nicht nur einfach alles in Supermärkten finden. Sie konnte auch gefahrlos einkaufen gehen. Da war niemand, der sie erschießen würde und auch niemand, der ihr den Einkauf vor der Nase wegnehmen würde.
»Dann will ich halt nach Hause und mein restliches Geld vor meiner Frau retten.« Collin legte eine Hand auf Caydens Schulter. »Lass nächstes Mal einfach das Handy an.« Der zweite Satz seines Kollegen war leiser und sollte nur ihm gelten. »Ich hab mir echt Sorgen gemacht.«
Cayden nickte knapp. »Liegt heute was wichtiges an?« Er grübelte kurz darüber, ob er am vergangenen Tag etwas von Terminen für den heutigen gehört hatte, aber ihm wollte nichts einfallen. Vielleicht würde sein Tag tatsächlich daraus bestehen, dass er auf irgendeinem Stuhl oder Sessel sitzen und nichts tun würde.
»Abgesehen von einem Essen mit diesem komischen Russen nicht. Vielleicht steigt ihre Laune dann ja wieder. Ich mach mich vom Acker.«
Cayden grinste bei der Erwähnung des Mannes, den Cayden auf Anfang 30 schätzte, den ihre Klientin bereits mehrfach getroffen hatte. Schon das letzte Treffen hatte in seinen Augen wenig mit einem geschäftlichen Treffen zu tun gehabt. Erst hatte die beiden lange gespeist und eine Flasche Wein geleert, anschließen waren sie noch auf ihr Zimmer gegangen wo, neben einer Flasche Champagner auf Wodka aufgetischt worden war. An dem Tag hatte er die Nachtschicht übernommen und als er am Morgen an Duncan übergeben hatte, war der Geschäftsmann mit einem breiten Grinsen und lallend an ihm und seinem Kollegen vorbei gekommen. Ihm lag noch ein Satz von Duncan in den Ohren. »Schau nicht so, du hast doch auch Bedürfnisse.« Duncan hatte den Mann nach unten begleitet und dafür gesorgt, dass er mit einem Taxi die Heimreise hatte antreten können, während er unschlüssig vor der Zimmertür der Geschäftsfrau gestanden und gegrübelt hatte, ob er sich nach ihrem Befinden erkundigen sollte oder nicht. Er hatte sich schließlich dagegen entschieden, da seine Motivation sich mit einer betrunkenen Frau zu unterhalten, die ihm seit Beginn ihres Auftrags schöne Augen machte, nicht vorhanden gewesen war. Schon am ersten Tag hatte sie deutlich gezeigt, dass er derjenige war, den sie mehr als nur ein wenig sympathisch fand. Jedoch war er nicht nur Profi, was seinen Job anging, sondern auch nicht an der Frau interessiert, die sich permanent aufreizend kleidete und so sicher bereits das ein oder andere geschäftliche Gespräch aufgrund ihres Erscheinungsbildes zu ihrem Vorteil geführt hatte.
Fünfzehn Minuten später stand er in der 15 Etage und klopfte gegen die Tür ihrer Klientin. Auch wenn er eine Chipkarte besaß, um die Tür zu öffnen, so würde er es nur im Notfall machen. Und wenn Collins Worte stimmten, war jetzt ohnehin die Zeit um freundlich um Einlass zu bitten. Er hatte wie Collin und Duncan auch noch ein Ersatzjackett in den Räumen der Geschäftsfrau abgelegt. Für den Fall, dass sie ihre Kleidung beschmutzten und ein makelloses Auftreten erforderlich war. Es dauerte eine Weile, ehe die Tür geöffnet wurde. Miss Shaw sah ihn erst verwundert an, ehe sie die Tür ganz öffnete.
»Mister Harrison, was ist Ihnen denn passiert?« Sie trat zu Seite und deutete ihm einzutreten. »Wollen Sie eine Dusche nehmen? Nicht das Sie sich erkälten.«
Cayden rollte bei ihren Worten innerlich mit den Augen. »Nein Danke. Miss Shaw es wird so gehen. Ich ziehe mir nur kurz ein anderes Jackett über und würde meines gerne zum trocknen in das Band hängen.«
»Sie sollten es direkt in die Reinigung geben. Nicht, dass es Flecken bekommt. Unten kümmert man sich sicher gerne darum.« Abigail Shaw ließ ihren Zeigefinger über den nassen Stoff seines Jacketts gleiten und lächelte ihn währenddessen verführerisch an. Jedoch verfehlte dieses Lächeln seine Wirkung bei ihm. Er war sich sicher, dass er, selbst wenn seine Gedanken nicht immer noch an Jordan hängen würden, nie etwas für die Frau vor sich empfinden könnte. Sie wirkte zu aufgesetzt und unecht. Dazu zweifelte er daran, dass ihre Erfolge alle rein mit dem Verkauf von hochwertigen Schmuck zu tun hatten. Zu oft hatte sie in den letzten Wochen ihre Gesprächspartner mit auf ihr Zimmer genommen und ihnen verboten zu stören. Auf diese Art schien sie ihre Geschäftspartner um den Finger zu wickeln um günstig einkaufen zu können. Freundschaftspreise wie andere es nennen würden waren es auf alle Fälle nicht. Diese Bezeichnung passte nicht. Denn Freunde waren die Männer und Miss Shaw sicher nicht nach einer gemeinsamen Nacht im Bett.
»Das ist natürlich auch eine Möglichkeit.« Cayden trat zur Seite und störte sich nicht an ihrem gefrusteten Aufschnauben. Dass es sie störte, dass er nicht auf ihren Annäherungsversuch ansprang, war ihm egal. In der Garderobe, die sich nur knapp neben der Tür befand, hingen Sakkos von ihm und seinen Kollegen. Sein nasses Jackett ausziehend fiel sein Blick kurz in den Spiegel, wo er Abigail Shaw sehen konnte, die ihm selbst jetzt noch zuzwinkerte, als sie seinen Blick bemerkte. Momente wie dieser waren die Ursache dafür, dass er sich hin und wieder zurück in den aktiven Dienst wünschte. Dort hatten ihn die Frauen nur abends in Bars angehimmelt.
»Ich bringe es kurz runter. Verlassen Sie …«
»… Ihr Zimmer bitte nicht. Mister Harrison, als wenn ich ohne Sie irgendwo hin gehen wollen würden. Ich würde doch nie auf Ihre Begleitung verzichten.« Sie schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln und Cayden konnte sich nur knapp daran hindern mit den Augen zu rollen.
»Danke.« Die Türklinke bereits in der Hand wandte er sich mit einem Lächeln zu ihr um, was sie dazu veranlasste ihm zuzuzwinkern. Erst als hinter ihm die Tür ins Schloss fiel, stieß er ein Schnauben aus. Seit dem Tag an dem er den Auftrag erhalten hatte sich, um die Sicherheit von Abigail Shaw zu kümmern machte sie ihm schöne Augen. Nein, nicht nur ihm. Collin und Duncan erging es ähnlich. Sie tat es bei jedem Mann. Abgesehen davon war sie jedoch eine ruhige Klientin. Es gab bisher keine Zwischenfälle und sie hielt sich an die auferlegten Regeln. Eigentlich ein Kunde wie aus dem Bilderbuch, wenn sie nicht mit jedem Atemzug versuchen würde sich an jeden Mann ranzumachen. Collin hatte ihn vor zwei Tagen spaßeshalber gefragt, ob sie vielleicht auch dafür sorgen mussten eine eventuelle Schwangerschaft zu verhindern. Cayden hatte jedoch nur lachend den Kopf geschüttelt. Sollte es irgendwann notwendig sein das Alimente gezahlt werden müssten. Würde man sicher einen großangelegten Test machen müssen, denn er war sich sicher, dass jeder Mann mit dem sie sich getroffen hatte, in Frage kommen könnte. Einzig der Zeitraum würde sich begrenzen lassen.
Gedanken verloren trat er wenig später aus dem Fahrstuhl und stieß mit einer brünetten Frau zusammen, die er schon oft hier gesehen hatte. Das Tablett mit Gläsern welches sie durch das Foyer trug geriet ins wanken und doch fiel kein Glas zu Boden. Auch fuhr sie ihn nicht an, obwohl er diesen Rüffel mehr als verdient hätte.
»Entschuldigung.« Er trat einen Schritt zur Seite als die Frau, die er auf Anfang 30 schätzte, mit einem leicht genervten Lächeln eines der Sektgläser wieder aufrichtete.
»Es ist nicht passiert.« Sie eilte weiter und ließ ihn stehen. Mit dem nassen Jackett unter dem Arm machte er sich auf den Weg zur Rezeption, die er verwaist vorfand. Irritiert sah er nach links und rechts ehe er auf die Klingel drückte die vor ihm stand. Sollte sich nun nicht sein Instinkt bei ihm melden, wenn etwas nicht in Ordnung war? Hier war doch sonst immer jemand.
»Allyson, Amanda hat gerade angerufen, sie ist auch krank, du müsstest heute mit Glenn die Bar alleine machen.«
»Klasse, was soll ich denn sonst noch alles. Ich kann mich auch nicht zerteilen.« Die von der männlichen Stimme angesprochenen Frau war unüberhörbar gereizt und Cayden wurde klar, dass es die Frau war, die er gerade um ein Haar umgerannt hätte. Der Mann, der eine Sekunde zuvor gesprochen hatte, kam aus einem Raum an der Seite auf ihn zu. Sein Lächeln wirkte angestrengt.
»Entschuldigen Sie, wir sind heute etwas unterbesetzt. Was kann ich für Sie tun?« Der Mann mit den dunkeln Haaren blieb vor ihm auf der anderen Seite des Tresens stehen.
»Ich wollte mein Jackett in die Reinigung geben.«
Der Gesichtsausdruck des Mannes, den Cayden auf Mitte 20 schätzte, veränderte sich. Er sah nicht mehr so zuvorkommend aus wie noch vor wenigen Sekunden. Es machte den Anschein, als würde Cayden etwas von ihm verlangen, was er nur mehr als nur widerwillig tun würde. Und doch nickte er.
»Gerne. Welche Zimmernummer?« Einen Stift in die Hand nehmend hob er sofort wieder den Blick.
»Cayden Harrison. Danke.« Cayden war sich immer noch nicht sicher, ob nicht vielleicht doch irgendetwas nicht in Ordnung war. Gab es vielleicht irgendein Problem, von dem er noch nichts mitbekommen hatte. Kurz sah er sich nach auffälligen Gästen um, aber abgesehen von einem Ehepaar entdeckte er niemanden.
»Wir melden uns bei Ihnen Mister Harrison.« Der Mann nahm ihm die nasse Jacke ab. »Ally …«
»Vergiss es, ich bin verdammt noch mal nicht das Mädchen für alles. Ich werde wie eine Kellnerin bezahlt und dann mache ich auch nicht mehr.« Die brünette Frau kam mit großen Schritten aus dem Raum, aus dem zuvor der Mann gekommen war und verschwand in Richtung der Bar. Cayden konnte nicht verhindern, dass er ihr verwundert nachsah. Solch laute, und vor allem unfreundliche Töne hatte er hier noch nie gehört.
»Entschuldigen Sie …« Caydens Gegenüber schien nach passenden Worten zu suchen.
»Schon okay. Ich hätte sie gerade fast umgelaufen. Vielleicht ist sie deswegen gerade so.«
So war wahrscheinlich, die einzig richtige Beschreibung für die schlechte Laune der Hotelangestellten.
»Selbst dann wäre ihr Verhalten nicht in Ordnung. Ich kümmere mich um Ihr Jackett. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Miss Shaw, hat heute Nachmittag einen Tisch reserviert. Haben Sie besondere Wünsche was die Position des Tisches anbelangt?« Der junge Mann überging die angesprochene schlechte Laune seiner Kollegin, legte das Jackett auf dem Tresen ab und musterte ihn nun. Es hatte bereits mehrere Essen gegeben und bisher hatten Cayden und seine Kollegen immer darum gebeten keinen Platz am Fenster zu bekommen und auch der erste Tisch am Eingang war einer der Plätze, die sie ablehnten. Zum einen war es dort sehr eng, zum anderen konnten dort viel zu viele Gäste zuhören und zu einer Gefahr für Miss Shaw werden.
»Alles wie immer.« Cayden nickte dem Mann knapp zu.
»Ich werde es weiterleiten. Falls Sie noch etwas benötigen …«
»Dann werde ich mich melden.«

 

2.

Allyson stellte gefrustet das Tablett mit den leeren Sektgläsern ab. Nicht nur, dass sich gleich drei ihrer Kolleginnen krank gemeldet hatten. Nun musste sie den Sektempfang am anderen Ende des Hotels in einem der Konferenzzimmer gemeinsam mit ihrem Soussier schmeißen, der vom Servieren so viel Ahnung hatte wie sie vom Kochen. Wobei sie sich sicher war, dass sie mehr Ahnung vom Kochen hatte, als er von dem was er nun tun musste. Nichts war so vorbereitet, wie es sollte. Nun blieb alles an ihr hängen. An sich hatte sie wenig Probleme damit, aber in den letzten Tagen wurde ihr wieder bewusst, dass sie für dass was sie tat, viel zu schlecht bezahlt wurde. Jeden Abend kümmerte sie sich darum, dass die Gäste des Restaurants wunschlos glücklich waren und dann waren da die vielen kleinen Aufgaben, die nicht in ihren eigentlichen Bereich fielen und die sie trotzdem immer wieder ohne Widersprüche erledigte. Weil sie verlernt hatte nein zu sagen.
»Ally, es wäre echt …« David tauchte in ihrem Sichtfeld auf. Sein Blick flehender als kurz zuvor. Das er überfordert war, wat nicht zu übersehen, und kurz war sie geneigt ihm zu sagen, dass sie den Mantel zur Reinigung bringen würde. Nur das könnte noch Stunden dauern. Sie konnte hier nicht weg.
»David, ich habe dir gerade schon gesagt, dass ich es nicht mache. Ich bin nicht eure Mädchen für alles.« Ohne ihn anzuschauen, griff sie sich einen Karton Sekt. »Du kannst auch gerne Gläser spülen. Dann hab ich vielleicht vor dem Nachmittag Zeit um das Teil in die Reinigung zu bringen.« Ihr tat ihre Tonart dem jungen Mann gegenüber nur kurz leid. Alle nutzten ihre Gutmütigkeit in letzter Zeit charmelos aus.
»Ally, bitte Sophie kommt erst in einer Stunde.« Nervös wanderte der Blick von David zur Rezeption. »Ich kann doch nichts dafür wenn alle Magendarm bekommen.«
»Dann bete, dass unsere Gäste verschont bleiben, sonst ist ein Mantel dein kleinstes Problem.« Sie wandte sich von ihrem Kollegen ab und machte sich zurück auf den Weg zum Konferenzzimmer, wo der Empfang nun dem Ende zu ging und die Gäste sich in den nächsten Stunden an bereitgestellten Getränken selbst bedienen würden. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie eine Bitte abgeschlagen hatte und es fühlte sich nicht, wie sie befürchtet hatte schlecht an. Nein, sogar gut. Da war nicht dieser Druck, der sonst entstand, weil sie eine weitere Aufgabe so erfüllen musste, dass jemand anders mit ihr zufrieden war. Sie müsste den heutigen Tag nur noch Gläser spülen und Bestellungen annehmen und an die Tische bringen. Hoffend dass der Tag im Restaurant ruhig bleiben würde öffnete sie die Tür zu dem großen Raum, in dem ein Autohaus zu einer Versammlung gerufen hatte. Ihr Herz setzte jedoch aus, als sie ihren Kollegen am Boden hockend und Scherben aufsammeln sah. Das Getuschel der Umstehenden ignorierend eilte sie ihm zur Hilfe. Den Kommentar, ob sie ihn nicht einmal ein paar Minuten alleine lassen konnte, hinunterschluckend beugte sie sich zu ihm und entdeckte seinen blutenden Zeigefinger. Einen leisen Fluch ausstoßend sprach sie ihn an.
»Geh bitte deinen Finger verbinden. Ich räume das hier auf.« Das ihr schlecht wurde, weil sie kein Blut sehen konnte, versuchte sie zu ignorieren. Es war schlimm genug, dass neben den Scherben und Blutflecken alle Blicke auf sie gerichtet waren. Sie war sich sicher, dieser Tag konnte schlimmer. Er konnte weit schlimmer und er war noch lange nicht zu Ende. Ihr Kollege erhob sich. Eine Hand um seinen blutenden Finger gepresst und nickte ihr kurz zu während er ihren Zuschauern eine Entschuldigung zumurmelte. Allyson bemühte sich nicht auf die Menschen zu achten, die sich nun wieder anderen Dingen widmeten, als sie die Scherben auflas.
Erst eine Stunde später begab sie sich wieder zur Bar. Die letzten Glassplitter hatte eine Putzfrau aufgesaugt, sie hatte die Sektflaschen in den Kühlschrank geräumt und ein letztes Mal die Getränke gerichtet. An der Bar war kein Licht angeschaltet, auch konnte sie ihren Kollegen nicht entdecken, der eigentlich schon hier sein müsste. Wieder schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass es schlimmer ging. Sich ein Glas Wasser einschenkend musterte sie die Getränkekartons, die irgendwann während ihrer Abwesenheit angekommen sein mussten. Für sich begann sie einen Plan zu entwerfen. Eines nach dem anderen und irgendwo dazwischen würde sie die Gäste bedienen. Dabei war die Bar eigentlich nicht ihr Platz heute. Die sollte Bestellungen aufnehmen und an die Tische bringen. Kassieren und immer freundlich lächeln in der Hoffnung, dass die Kunden ein üppiges Trinkgeld daließen, welches sie sich am Ende des Monats mir ihren Kollegen teilen musste, die teilweise nicht einmal so viele Stunden wie sie hier arbeiteten. Hinter ihr flammte Licht auf.
»Hey, Ally, entschuldige, auf den Straßen ist die Hölle los.« Glenn tauchte hinter ihr auf und betätigte weitere Lichtschalter. Erst jetzt zog ihr der Duft aus der Küche in die Nase und ihr fiel der genervte Ausdruck ihres Kollegen auf. »Dann müssen wir das wohl alleine rocken heute.«
»Sieht so aus, aber bisher sind es nur wenige Reservierungen.« Allyson hatte schon vor einigen Stunden in das Buch geschaut, welches neben der Kasse lag, wo sie die reservierten Plätze notierten. Es war unter der Woche meist so, dass wenig los war. Die Hotelgäste waren oft die einzigen, die hier speisten.
»Dann hoffen wir mal das beste.« Er schenkte ihr ein knappes Lächeln und begann Gläser zu verräumen. »Und wie läuft es sonst so?«
Sie schluckte. Die Frage von Glenn stach ihr ins Herz. Er stellte sie jeden Tag und immer wieder musste sie sich zu einer Notlüge zwingen. »Gut«, brachte sie hervor, schnappte sich einen Karton mit Spirituosen, die nicht mehr in die Regale passten, und verschwand in einem Nebenraum. Urplötzlich hatte sich ein unerträglicher Druck auf sie gelegt. Sie rang mit dem Tränen, wahrend sie hoffte, dass Glenn ihr nicht folgte, und begann die Flaschen in ein Regal zu räumen. 6 Stück. Einige Minuten, um sich zu sammeln. Die Pappe zusammenfalten und mit dem Handrücken schnell die Spuren beseitigen, die die drohenden Tränen gezeichnet haben könnten.
»Oh Santa kommt. Hat sie wieder einen Tisch reserviert?«
Ehe Allyson Glenn antworten konnte, hörte sie, wie ihr Kollege in dem Buch blätterte. Ja, Miss Shaw hatte wieder ihren Stammtisch reservieren lassen und ihre Wachhunde würde wieder den ganzen Abend in der Nähe des Tisches im Weg stehen. Dass sie einem der beiden heute schon in die Arme gelaufen war – nein, Moment sie war ihm nicht in die Arme gelaufen, er hatte ihr im Weg gestanden, weil er nicht hingeschaut hatte wo er hinging – verschwieg sie, als sie wieder hinter den Tresen trat.
»Na klasse, Hauptsache sie machen sich nicht so breit.« Glenns murmeln ließ sie schmunzeln. Es wurde Zeit, dass die Frau ihre Koffer nahm und verschwand. Sie konnte High Society Kunden nicht leiden, wenn sie sich derart aufspielten. Bodyguards, kein Trinkgeld und Angestellte von oben herab behandeln. Sie stieß ein Schnauben aus und begann Besteck in Servietten zu rollen. Auch wenn diese Männer oft von den weiblichen Gästen angeschmachtet wurden, empfand Allyson ihre Anwesenheit als störend. Das Klingeln ihres Handys riss sie kurz aus ihren Gedanken. Eine Nachricht und sie weigerte sich sie zu lesen. Ihr Mann hatte ihr etwas geschrieben, sie hatte es am Klingelton gehört. Wahrscheinlich wollte er etwas wissen oder das sie ihm etwas mitbrachte. Vielleicht wollte er in Erfahrung bringen, wann sie Feierabend hatte oder wo etwas lag oder die Cola war alle oder etwas anderes. Diese Dinge könnte er ohne Probleme selbst erledigen. Der nächste Wallmart war nur einen knappen Kilometer von ihnen entfernt und zu Fuß weit besser zu erreichen als mit dem Auto, da der Parkplatz immer überfüllt war. Und doch, obwohl sie es nicht wollte, griff sie kurz nach ihrem Handy, welches sie in der Gesäßtasche ihrer Hose trug, und entsperrte den Bildschirm. Es war, wie sie geahnt hatte. Er wollte wissen, wann sie heute Schuss machen konnte und ob sie auf dem Rückweg Zigaretten mitbringen konnte. Tief einatmend schaltete sie das Handy aus.
»Alles okay?« Glenn musterte sie prüfend.
»Ja.« Nickend wollte sie sich wieder auf ihre Arbeit konzentrieren, aber die Nachricht und ihr Freund gingen ihr nicht aus dem Kopf. Wie so oft wenn solche Nachrichten kamen. Es war seit Jahren so. Dabei könnte alles so einfach sein. Sie könnte ausziehen oder Raul vor die Tür setzen. Aber beide Varianten machten ihr Angst. Sollte sie ausziehen, würde ihre Familie ihr Vorwürfe machen, weil ja immer alle gesagt hatten, dass sie diesem Mann nicht trauen konnte. Dass sie an seiner Seite unglücklich werden würde. Dann würden sicher alle erwarten, dass sie die Schulden die sie gemeinsam bei ihrer Familie gemacht hatten, alleine zurückzahlte, dass würde jedoch ewig dauern und sie müsste eben eine Ewigkeit bei ihrer Familie wohnen, die sie mit Vorwürfen tagtäglich bombardieren würden. Sollte sie ihn vor die Tür setzen fürchtete sie, dass seine brutale Art ans Tageslicht kommen würde. Die mit der sie sich schon jetzt hin und wieder konfrontiert sah. Auch wenn er sie bisher nur verbal angegangen war, fürchtete sie, dass sich das ändern würde, sollte sie ihn rauswerfen. Davon ganz ab, hatte sie keine Idee, wie sie es anstellen sollte. Sie war ein riesengroßer Feigling. Ein Jasager. Die wenigen Freunde, die sie gehabt hatte, hatten sich alle aufgrund seiner Art von ihr abgewandt und sie hatte es nie bemerkt. Sie hatte sich in den Badboy verliebt. Den Mann der sie in den Bars beschützt hatte und der sie für sich alleine hatte haben wollen. Dass er sie auf diese Weise von ihren Freunden isoliert hatte, hatte sie erst vor kurzem bemerkt. Es war ein schleichender Prozess gewesen. Einer, der sich über Jahre erstreckte. Sie hatte sich immer weiter von ihm abhängig machen lassen. Nicht zuletzt mit dem Kauf des Hauses. Über einen kurzen Zeitraum hatten sie Geld angespart. Das war eine Zeit gewesen, in der Allyson gedacht hatte, dass er sich ändern würde. Dass alles gut werden würde. Ein eigenes Haus, eine eigene Familie … aber so war es nicht gekommen. Er hatte seinen Job geschmissen und nun musste sie irgendwie genug verdienen, damit sie über die Runden kamen. Allerdings gelang es ihr nicht. Sie drehten sich immer weiter hinein die Schuldenfalle der Bank. Vielleicht sollte sie einfach verschwinden. Diesen Gedanken hegte sie schon eine Weile, dann jedoch kamen die Punkte, die sie hinderten. Ihre Familie würde sie suchen lassen und wenn sie nicht auf die Arbeit kam, hätte sie kein Geld und sie würde schnell auf der Straße sitzen. Also musste sie einen anderen Weg finden – irgendwann.
»Nimmst du die Bestellungen auf?« Glenn riss sie aus ihren Grübellein. Dass erste Gäste Platz genommen hatten, hatte sie nicht einmal bemerkt. Auch dass das Besteck, welches sie in einen Korb gelegt hatte, nun sicher drei Tage reichen würde, war völlig an ihr vorbei gegangen.

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