Leseproben

(unlektoriert/unkorrigiert)

1.

Eine zufliegende Tür sorgte dafür, dass Ryan DeSanto sich entnervt ihn seinem Schreibtischstuhl nach hinten lehnte und seinen Blick zu Sean Harrison richtete, der unbeirrt weiter an einem Dokument schrieb.
»21, 22, 23 …« zählte sein Kollege murmelnd, ohne den Kopf zu heben.
»Dir ist echt nicht mehr zu helfen Bitch.«
Ryan stieß den Atem aus, als er das Brüllen von Joe Burnett hörte.
»Dein Job, dein Team.« Sean sah kurz durch seinen dichten Bart, grinsend auf.
»Bitch ist dein Problem.« Ryan schüttelte energisch den Kopf. Mit der biestigen Fünfundzwanzigjährigen tat er sich nicht nur einfach schwer, wenn es nach ihm gehen würde, hätte er sie schon lange vor die Tür gesetzt. Aber hier schienen nicht nur die Uhren anders zu ticken, sondern auch das Verständnis von Moral im Team schien ein völlig anderes zu sein, als in dem Team aus dem er gekommen war. Tageweise bereute er seinen Entschluss, dass Seal Team 5 verlassen zu haben, um in der IATF einen neuen Weg zu gehen. Das er innerhalb weniger Wochen als Captain den beschissensten Posten haben würde, den man haben könnte, hatte er in seinen Planungen einfach nicht mit einberechnet. Captain hatte er nie werden wollen. Aber nachdem John Thomson bei einem Einsatz verunglückt war und nun als Missed in Action galt, hatte er sich angeboten, das Team zu leiten, da Darrel White, der weit mehr Führungsqualitäten besaß als er, sich psychisch nicht in der Lage sah diesen Posten zu übernehmen. Dabei hatte der Australier schon als Major in der SASR eine beachtliche Laufbahn hingelegt, ehe er in die Staaten gekommen war. Dabei hatte alles danach ausgesehen, als würden sie John schnell wieder hier begrüßen können, nachdem er tatsächlich über Tage spurlos verschwunden gewesen war. John hatte sich gemeldet, ein Flugzeug hatte ihn holen sollen. Alles hatte nach einem Happy End ausgesehen, bis zu dem Augenblick an dem John nicht am Flughafen gewesen war und niemand, aber wirklich auch niemand wusste, wo er geblieben war. Der Flieger war ohne John zurückgekehrt und seit dem verliefen alle Versuche, ihn zu erreichen oder zu finden, im Nichts. Sean hatte dem Agenten, der John hatte einsammeln sollen tausende Male vorgeworfen, nicht richtig hingeschaut zu haben, aber selbst wenn das das Problem gewesen wäre, hätte sie ihn irgendwie erreichen können, doch er blieb spurlos verschwunden. Dieses Mal scheinbar endgültig. Dieser Umstand sorgte für permanente Spannungen in den Teams.
Joe Burnett, der gerade hinter Lexi hergebrüllt hatte, besaß eine ellenlange Liste an Verfehlungen, die dafür gesorgt hätte, dass er den Posten wahrscheinlich ohnehin nicht bekommen hätte. Keiner im Team hatte diesen Posten haben wollen. Einzig, weil niemand in die Fußstapfen von John hatte treten wollen.
»Das ist ein Problem, mit dem man zu leben lernt.« Grinsend sah Sean auf.
»Hört, hört. Irgendwie war ich der Meinung, dass Sean Harrison normalerweise anders reagieren würde.« Ryan erhob sich. Es war nicht nur ihm aufgefallen, dass Sean sich veränderte. Er kannte den Vierunddreißigjährigen im Prinzip nur aus Erzählungen in denen er als knallhart Ausbilder gelobt worden und gefürchtet war. Sie hatten sich bisher kaum näher kennenlernen können, auch, da sie immer schnell aneinander gerieten. Auch seine erste Zeit hier war das so gewesen, aber seit John nicht mehr da war, hatte sich irgendetwas gewaltig verändert. Der älteste der drei Harrisons wirkte sehr oft sehr nachdenklich und hatte, seit das Team ohne John zurückgekehrt war, niemanden mehr angebrüllt oder zur Schnecke gemacht, was doch eigentlich zur Natur von Sean Harrison, dem cholerischen SEAL gehörte. Es war beinahe erschreckend den Mann so in sich gekehrt zu sehen. Überhaupt war er der Meinung, dass die Stimmung, seit John verschollen war, sich rapide verändert hatte. Jeder im Team ging anders mit dem Verlust um, von dem niemand wusste, ob es wirklich einer war. Viele waren in sich gekehrt und bei der Arbeit verbissener, als er es noch zuvor erlebt hatte. Andere, zu denen vor allem Lexi zählte, waren absolut unberechenbar. Es war gerade bei ihr nicht mehr abzusehen, welche Worte zu einer Explosion führen konnten. Ryan hatte das Team aus den Bergen geholt, er hatte ihren Blick gesehen, die Verzweiflung von Darrel, der sich ebenfalls stark verändert hatte und die schmerzverzerrten Gesichter der anderen. Lexi hatte alles gegeben um das Team in den Stunden, in denen sie eingeschlossen gewesen waren zusammenzuhalten und nun hatte Ryan den Eindruck, dass gerade sie am meisten unter dem Geschehenen litt.
Ryan erhob sich, als eine weitere Tür donnernd ins Schloss geworfen wurde und er Joe fluchen hörte. Er ging auf die Bürotür zu und spürte Seans Blick im Rücken. Auch sein Kollege war neugierig auf das, was diesen erneuten Ausbruch verursacht hatte. Er hoffte, dass Sean in den nächsten Tagen das Gespräch mit Lexi suchen würde um zu klären was los war. Die Tür öffnend atmete er tief durch, trat auf den Flur und entdeckte Joe, der starr mitten auf dem Flur stand und die geschlossene Eingangstür anstarrte. Auf seinen Comanding Officer zugehend legte Ryan sich Worte zurecht, mit denen er Joe ansprechen wollte, aber irgendwie fühlten sich alle falsch an. Er könnte ihn nun anfahren, was der Krach zu bedeuten hatte, er könnte fragen, ob Lexi vielleicht Hilfe benötigte, oder er könnte einen anderen Befehl erteilen. Als Captain standen ihm diese Punkte zu und doch fühlte sich alles falsch an.
»Frag nicht, ich weiß es auch nicht.« Joe drehte sich zu ihm um, sah ihn kurz an und ging einfach an ihm vorbei. Damit hatte Ryan nicht gerechnet. Es hatte den Eindruck gemacht, dass Joe sein Kommen nicht bemerken würde. Er hatte geistig abwesend gewirkt. »Wir haben das Killhouse für morgen und auf dem Parcours ist auch Platz. Heute ist Theorie angesetzt, daher …« Joe deutete auf den Raum, aus dem er wohl gekommen war. Auf was genau er mit seinen Worten anspielen wollte, wollte sich Ryan in diesen Sekunden nicht auftun.
»Aber doch nicht mit dem Alpha Team zusammen.« Ryan kannte den Plan der kommenden Tage und hatte in einer halben Stunde ebenfalls zu seinen Männern stoßen wollen, um sich über neue Vorschriften zu informieren. Das Team von Sean, zu dem eben auch das wilde Biest zählte, dass gerade das Gebäude verlassen hatte, hatte einen ganz anderen Trainingsplan als sein Team.
»Ne.« Joe hatte die Tür bereits erreicht.
»Und warum rennst du dann hinter Lexi her, wenn sie wieder ihre 5 Minuten hat? Wo kam die überhaupt her.« Ryan schüttelte verständnislos den Kopf.
»Sie hat ihr Handy heut morgen drinnen liegen lassen.« Joe hatte nun die Tür geöffnet und würde in den nächsten Sekunden in dem Raum verschwinden in dem das gesamte Bravo Team saß. Mit ausladenden Schritten erreichte Ryan seinen Kollegen und stellte sich zwischen ihn und die Tür und drückte die Tür wieder zu. Der gerade ausgesprochene Satz war so seltsam, dass Ryan sich sicher war, etwas Wichtiges verpasst zu haben.
»Erzähl mir keinen Mist Gambit. Ihr Handy, hier? Im Konferenzraum, den ihr sonst meidet wie Feuer das Wasser?« Ryan deutete mit dem Kopf auf die Tür hinter sich. »Das ist Blödsinn.« Warum auch immer Joe ihm diese Geschichte auftischte, er würde es jetzt in Erfahrung bringen. Er war fest davon überzeugt, dass Lexi ihr Handy nicht in dem Raum hinter ihm vergessen hatte. Erstens gehörte sie zu der Gattung Mensch, die durchgehend erreichbar war, zum anderen war es mehr als unwahrscheinlich, dass sie irgendwann in der früh im Konferenzzimmer gewesen war. Was sollte man auch alleine in diesem muffigen Raum und dann noch das Handy vergessen? Nein. Ryan musterte Joe, der die Augen rollte. »Du konntest auch schon besser lügen.« Ryan war jemand, der Lügen nicht leiden konnte. Weder im Privaten noch auf der Arbeit. Wobei es bei ihm tatsächlich so war, dass er Lügen im privaten Bereich als nicht so schlimm empfand, als wenn er auf der Arbeit angelogen wurde. Hier musste er den anderen vertrauen, blind und unter allen Umständen. Da konnte auch eine Lüge, die nichts mir ihrer Arbeit zu tun hatte, dafür sorgen, dass das Vertrauen gebrochen wurde, was wiederum zu großen Problemen führen konnte.
»Ihr Scheiß Handy nervt nur noch. Ewig klingelt es und nie nimmt sie das Gespräch an. Gerade wenn man abends mal seine Ruhe haben will klingelt es ewig, dann irgendwann nur 2 oder 3 mal, ich denke, sie drückt die Gespräche dann einfach weg. Dann beim Frühstücken, wenn sie die News liest, oder es morgens irgendwann einschaltet, ein permanentes Gebimmel. Jedes beschissene Mal verdreht sie die Augen und drückt es weg. Warum zum Teufel speert sie die Nummer nicht einfach? Dann wäre endlich Ruhe.«
»Ähm« Ryan strich sich übers unrasierte Kinn. »Es geht dich nichts an, mit wem sie redet und mit wem nicht. Und woher meinst du zu wissen, dass sie die Anrufe wegdrückt? Vielleicht nimmst sie sie auch entgegen. Oder hängst du durchgehend mit dem Ohr an der Wand, um mitzubekommen, mit wem sie redet?«
»Jetzt fang du nicht auch noch an.« Joes Unmut war nicht mehr zu überhören. Ehe Ryan ihn jedoch erneut ansprechen konnte, atmete er tief durch und sprach weiter. »Sie ist echt seltsam in letzter Zeit.«
Ryan hob die Augenbrauen.
»Seltsamer als sonst. Ich denke, es ist irgendwas Wichtiges, aber sie lässt nicht mit sich reden …«
»Wie immer.« Schlussfolgerte Ryan das hilflose Schulterzucken seins Kollegen. »Geh rein. Ich spreche mit Sean, der soll mal mit ihr reden.« Ryan war sich nicht sicher, ob diese Entscheidung richtig war. Er wusste nur, dass es richtig war, dafür zu sorgen, dass Joe nun nicht zu Lexi ging und dass sie nun ein paar Minuten für sich hatte. So professionell sie auch auf Einsätzen war, so kompliziert war sie im normalen Leben abseits der Kriegs und Krisengebiete. Joe antwortete ihm nicht, er stieß murrend die Tür auf und ließ ihn im Flur stehen. Einen Moment starrte er in Richtung der Ausgangstür, ehe er sich entschied, wirklich wieder ins Büro zurückzukehren und sich dort dem Papierkram zu widmen. Lexis Probleme waren nicht seine. Wenn überhaupt waren sie die von Sean.
»Na, hat sie euch gefressen?« Sean sah nur kurz vom Bildschirm auf, als Ryan das Büro betrat.
»Du solltest dringend mit ihr reden.« Ryan ließ sich auf seinem Schreibtischstuhl nieder. Dieser Platz war ihm immer noch zu wider und er war froh, dass er spätestens am kommenden Tag wieder mit dem Rest des Teams trainieren konnte. Heute würde er sich jedoch nochmals mit dem Unfall im Pakistan auseinandersetzen und schauen ob es irgendwelche Hinweise darauf gab, wo sein Vorgänger sich nun befand. Er hatte nämlich nicht vor ewig auf diesem Stuhl zu sitzen.
»Mit Lexi reden? Über etwas Privates?« Seans Kopfschütteln und sein Gesichtsausdruck machten klar, was sein Kollege von dieser Aufforderung hielt. »Über was Privates kannst du höchstens mit ihr reden, wenn du ihr die Kündigung in die Hand drücken willst oder mit ihr ins Bett willst, aber sicher nicht wegen einer Lappalie, was ist überhaupt los?«
Ryan fiel auf, dass Sean nicht nur den Blick gehoben hatte, sondern ihn nun tatsächlich durchaus interessiert ansah. Das Wohl und der Erfolg der Teams waren eng miteinander verknüpft. Private Probleme könnten schnell für Probleme bei Einsätzen führen, da die Konzentration darunter leiden konnte, wenn man an das dachte, was zu Hause an Problemen auf einen wartete. Das war der Grund, warum er selbst bereits einmal nicht an einem Einsatz teilgenommen hatte, da seine privaten Probleme für Konzentrationslücken gesorgt hatten.
»Keine Ahnung. Joe ist aufgefallen, dass Lexi wohl im Moment mehr Anrufe bekommt als sonst und dass sie bisher nicht einen dieser Anrufe entgegengenommen hat.« Ryan lehnte sich nachdenklich in seinem Stuhl nach hinten. Eigentlich waren abgelehnte Anrufe ja kein Grund, um aus der Haut zu fahren. Wenn es Anrufe von irgendwelchen Vertreten waren, könnte man die Nummern blockieren und Freunden, wenn Lexi sowas außerhalb des Teams überhaupt hatte, könnte man die Meinung sagen, und Ryan war sich sicher, dass Lexi genau das machen würde.
»Das ist doch albern.« Sean starrte ihn an.
»Sag den beiden das. Beziehungsweise sag ihr das, mit Joe hab ich gesprochen. Sie ist dein Problem.« Ryan richtete seinen Blick wieder auf den Bildschirm. Auf keinen Fall würde er nun irgendwelche Spekulationen zu Lexis Launen aufstellen. Erstens war es nicht seine Aufgabe und zweitens war sie nicht in seinem Team und doch wollte ihn das Verhalten einfach nicht loslassen. Irgendetwas war da, da war er sich sicher, und es war an der Zeit, dass er dieses Irgendetwas vergaß. Grübelnd gab er der Maus einen Stoß, da sein PC Bildschirm bereits wieder auf Stromsparmodus geschaltet hatte.

 

2.

Lexi bemühte sich tief durchzuatmen. Sie spürte ihren rasenden Puls und traute sich nicht über die Schulter zum Eingang der Base zu schauen, aus Angst, dass Joe gleich neben ihr auftauchen würde. Dass ihr Verhalten ihm gegenüber gerade alles andere als fair gewesen war, war ihr bewusst, aber sie konnte weder seine Blicke noch seine neugierige Art im Augenblick ertragen. Ihr war klar, dass er keine bösen Absichten hegte, aber sie wollte nicht, dass er in ihrem Leben herumstocherte, nur weil plötzlich ein Teil ihrer Familie der Meinung war mit ihr reden zu wollen. Sie wusste, dass niemand gestorben war, das hatte sie kontrollieren lassen, also gab es keinen einzigen Grund, warum sie mit ihr reden wollen könnten. Auf keinen Fall würde sie mit ihnen reden. Dieses Problem könnte sie ganz einfach lösen. Sie könnte die Nummer blockieren, die zu ihrer Tante gehörte. Es währen nur wenige Handgriffe, nein nicht einmal das, es waren nur wenige Fingerbewegungen, dann würde sie nie wieder etwas von ihrer Tante hören und doch tat sie genau das nicht. Warum eigentlich nicht? Sie hielt ihr Handy immer noch in der Hand und sah nun auf das Display. Es war doch so einfach. Aber nein, irgend ein komischer Teil in ihr spielte gerade den Moralapostel und verhinderte, dass sie den Kontakt abbrach. Es machte doch keinen Unterschied, ob sie 20 Jahre nichts von ihrer Tante gehört hatte oder nicht. Wenn sie die Nummer nun blockierte, würde sich nichts ändern. Warum zum Teufel tat sie es nicht einfach? Es war kein Mord, den sie begehen wollte und auch kein anderes Verbrechen, es wäre nur das Blockieren einer Person, die sich Jahrzehnte lang nicht um sie gekümmert hatte. Und doch hatte sie mit jedem neuen Handy mit jedem Umzug diese eine Nummer, diese eine Adresse mitgenommen und darauf geachtet, dass sie nicht verloren ging. Warum eigentlich? Niemand aus ihrer Familie war diesen Aufwand wert.
Lexi massierte mit ihren Fingern ihre Schläfen, wo sich in diesen Minuten ein penetranter Schmerz ausbreitete. Sie wollte keine Antwort auf diese Frage finden. Sie atmete tief durch. Heute war es kühler als die letzten Tage und der Himmel passend zu ihrer Stimmung bewölkt. Schon in einigen Monaten würden wieder überall die Familien zusammen unter Tannenbäumen sitzen und Weihnachten feiern. Die letzten Jahre hatte sie dieses Fest mit ihren Kollegen in Bagram verbracht. Zwischen einem Plastiktannenbaum und extra Bier. Mit einem guten Essen und Worten der Vorgesetzten, die sie schon damals nicht interessiert hatten. Dieses Mal würde es das erste Mal seit sehr langer Zeit sein, dass sie zum Fest wieder hier wäre.
Ein vorbeifahrendes Auto riss sie aus den Gedanken, die sie für sich schnaubend beendete. Weihnachten. Sie lachte auf. Sie würde hier bleiben und fernsehen. Familie war etwas, was sie weder zu Weihnachten noch sonst wann benötigte. Sie warf einen Blick auf ihr Handy und löschte die verpassten Anrufe. Nein, sie würde nicht zurückrufen. Irgendwann würde ihre Tante aufgeben. Sie nahm sich vor weitere 5 Minuten genau hier, vor der Base stehen zu bleiben um sich zu sortieren und dann zurück zu den anderen zu gehen. Um Joe würde sie in den nächsten Tagen einfach einen noch größeren Bogen machen. Auch wenn er ihr eine große, wenn nicht sogar die einzige Stütze gewesen war, als man sie verletzt aus Afghanistan ausgeflogen hatte und er eine gefühlte Ewigkeit bei ihr im Militärkrankenhaus in Deutschland, an ihrer Seite verbracht hatte, wollte sie die Distanz, die es zwischen ihnen gegeben hatte, zurück. Sie hatte ihn zu dicht an sich herangelassen. Viel zu dicht. Sie hatte ihn geküsst und ihm so wohl falsche Hoffnungen gemacht, obwohl er genau wissen müsste wie sie zu Beziehungen stand. Nämlich gar nicht. Schon gar nicht unter Kollegen. Und Joe, das war ihr vor Wochen klar geworden, wollte sie als guten Freund behalten. Sie benötigte ihn als Freund und Kollegen, dem sie blind vertrauen konnte. Sie wollte ihn nicht als eifersüchtigen neugierigen Lebensgefährten oder sonst was.
»Hey.«
Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie die Stimme von Syrell vernahm. Dass er nur einen knappen Meter hinter ihr stand, hatte sie nicht nur nicht bemerkt, sondern trieb auch ihren Puls in die Höhe. Einmal tief einatmend wollte sie sich umdrehen, doch etwas hielt sie zurück. Sie schluckte und richtete ihren Blick auf den Boden, wo sie neben sich die Füße von Syrell entdeckte. Verfluchter Mist, dieser Typ war so unheimlich, dass sie gerade nicht einmal seine Schritte gehört hatte. Die ersten Monate hier hatte sie die Erzählungen über ihn und seine Frau immer wieder belächelt und auch die scharfen Abweisungen, die er teils von Kollegen kassiert hatte, wenn sie nicht wollten, dass er ihnen in die Augen sah. Inzwischen gehörte sie selbst zu denen, die sich in Momenten wie diesem nur ungern mit ihm unterhielt. Er war ein ausgezeichneter Soldat und auch Kollege aber wenn es um Gefühle ging, hielt sie ihn so weit es ging auf Distanz.
»Ich komme gleich.« Klangen ihre Worte so, wie sie es wollte? Ohne Zweifel ohne Regung?
»Ok.« Seine tiefe Stimme ließ sie zur Seite sehen. Er drehte sich bereits um, was sie verwundert die Luft anhalten ließ. Sie hatte mit einem langen Gespräch gerechnet. Darüber warum sie so reagiert hatte, wie sie reagiert hatte und was es mit ihrem Handy auf sich hatte.
»Vielleicht ist es auch wichtig, wenn niemand gestorben ist.« Syrell drehte sich zu ihr um. Seine braunen Augen lagen prüfend auf ihr. Sie bildete sich ein, dass sie immer größer wurden. Da war nichts Wichtiges. Selbst wenn jemand verstorben wäre, würde es sie nicht interessieren. Ihre Geschwister waren jung und würden wenn überhaupt bei einem Unfall umkommen und sie hatte die Todesanzeigen der letzten Wochen und Tage aus Perrytown und Hope genau studiert. Selbst wenn jemand krank wäre, wäre es ihr egal.
»Das solltest du dir noch mal überlegen.« Syrells Stimme hallte dunkel in ihrem Kopf nach. Es war eine Tonart die in ihr ein kribbelndes Vibrieren verursachte. Erst als er sich abwandte, gelang es ihr durchzuatmen. Ihr leises Arschloch erreichte ihn sicher nicht. Er hatte sie tatsächlich überrumpelt und dazu gebracht ihn anzusehen. Genau das hatte sie doch verflucht nochmal nicht machen wollen. Den Mann mit dem dunkeln Pferdeschwanz beobachtend, der nun in der Base verschwand versuchte sie ihre Gedanken zu fassen. Es fühlte sich an, als kreisten sie in ihrem Kopf umher. Es war ihr unmöglich auch nur einen zu fassen zu bekommen. Sie entglitten ihr immer wieder. Und sie war sich sicher, dass Syrell an diesem Umstand schuld trug.
Stunden später hatte sie nicht nur den Weg zurück in die Base gefunden, sie hatte sich auch dem Training auf dem Parcours angeschlossen und sich immer wieder bemüht Syrell aus dem Weg zu gehen. Sean war den gesamten Tag einmal mehr ungewohnt ruhig gewesen, dafür hatte sie immer wieder Ryan DeSanto gehört, der das Bravo Team angebrüllt hatte. Im Alpha Team herrschte seit kurzem eine ungewohnte Ruhe. Eine Ruhe die sich Tag zu Tag mehr in eine drückende Stimmung verwandelte von der sie nur darauf wartete, dass sie kippte. Sie war sich sicher, dass Sean irgendwann der Kragen platzen würde. Ihr Captain war schon zu lange still. Er gab Befehle, verbesserte sie, stellte sie zur Rede, nur die Art wie er es tat war ihr fremd. Er wirkte absolut halbherzig.
»Bitch!« Sean riss sie aus ihrer Konzentration. Sie blieb mit einem Fuß in einem Reifen hängen und wäre um ein Haar gefallen, konnte sich aber noch fangen. Irritiert lief sie weiter, sah aber zu ihrem Captain, der sie mir einer einzigen Handbewegung zu sich bestellte. War das nun die drohende Explosion von Sean? Würde sie sie mit voller Wucht abbekommen? Darauf hatte sie wenig Lust und bereitete sich darauf vor ihrem Captain die Meinung zu sagen. Sie würde sich nicht als Prellbock anbieten.
»Sir?« Sie blieb salutierend vor ihm stehen. Nur keine Angriffsfläche bieten. An anderen Tagen hätte sie anders gehandelt aber heute war ihr nicht danach sich mit ihm anzulegen.
»Rühren.« Er wandte sich von ihr ab »Mitkommen.« Derselbe befehlende Ton wie zuvor sorgte dafür, dass sich in ihrem Nacken kleine Härchen aufstellten. Vor versammelter Mannschaft einen Anschiss zu kassieren war das eine, aber warum sollte sie nun mitkommen. Schweigend und mit jedem Schritt damit rechnend, dass Sean sich zu ihr umdrehte und sie anfuhr, folgte sie ihm. Erst auf dem großen geteerten Platz vor dem Strandabschnitt, an dem sie gerade trainierten, blieb er stehen.
»Ich hab einen Anruf bekommen.« Er drehte sich nicht zu ihr um und doch glaubte sie, dass ihr Herz in diesem Augenblick stehen blieb. Sie erwiderte nichts. Sie konnte nicht. Sie wusste nicht einmal, was sie sagen könnte. »Ich wurde gefragt, ob du noch bei der Navy bist oder ob ich was über deinen Verbleib sagen könnte, da man keine Sterbeurkunde finden konnte.« Erst mit den letzten Worten hatte er sich zu ihr umgedreht. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt mit bohrendem Blick stand er vor ihr.
»Wer …« Immer noch konnte sie keinen Gedanken fassen. Da waren gerade viele Fragen und keine davon ließ sich ausformulieren, da jede einzelne dafür sorgen würde, dass ihr Captain und so auch ihr Team Dinge über sie erfahren könnte, die niemand wissen sollte.
»Die Polizei von Hope. Es hat eine Anfrage von deinen Angehörigen gegeben.« Die grünbraunen Augen ihres fast zwei Meter großen Gegenübers lagen nicht einfach prüfend neugierig auf ihr. Er forderte Antworten. Keine Ausflüchte wie sie es sonst tat und wie er es gewohnt war. Jetzt wollte er die Wahrheit und die Gründe warum nach ihr gesucht wurde und er würde nicht locker lassen. Das war der Blick eines Bluthundes. Noch ruhig aber doch fordernd und angespannt. Eine falsche Frage, eine Äußerung die wie eine Ausflucht klang, würde dafür sorgen, dass sein heißer Atem direkt über ihr Gesicht strich, weil er Lügen riechen konnte. Dieses Gefühl hatte sie in seiner Gegenwart noch nie gehabt.
»Wann …« Wie alt war diese Anfrage? Wusste Joe davon und war das der Grund warum er ihr damit auf die Nerven ging, dass sie die beschissenen Anrufe entgegennehmen sollte?
»Kurz bevor wir hierher sind.« Seans Haltung veränderte sich. Es sah aus, als würde man ihm eine Last von den Schultern nehmen und auch die Art, wie er sie ansah, entspannte sich. »Ich hab ihnen nur gesagt, dass du am Leben bist, ich aber keine weiteren Auskünfte geben darf. Lexi, da scheint irgendwem wirklich was daran zu liegen, dass du dich meldest. Mach es einfach.« Er wandte sich ab und ging an ihr vorbei. Erst als er einige Meter entfernt war, stieß sie die angehaltene Luft aus. Erst Joe, dann Syrell, nun Sean. Und warum war jemand aus ihrer Familie so scharf darauf mit ihr zu reden? Sich umdrehend richtete sie den Blick auf den Parcours und den dahinter liegenden Ozean. Sie hoffte darauf, dass sich irgendeine Art von Ruhe einstellte. Das die Gleichgültigkeit, die sonst immer in Verbindung mit ihrer Familie eingetreten war, zurückkehrte, aber das passierte nicht.
Diese Unruhe entwickelte sich bis zum Abend in einen Druck, dem sie kaum standhalten konnte. Selbst das Abendessen in der Base ließ sie ausfallen, stattdessen schwang sie sich in ihre Freizeitkleidung und joggte durch die Stadt zum Strand, wo sie inständig hoffte, dass dieses drückende Gefühl, welches einfach nicht weichen wollte, endlich verschwand. Aber es passierte nicht. Außer Atem blieb sie an einem verlassenen Strandabschnitt stehen, die Sonne hatte sich vor einer Stunde verabschiedet und ihre nassgeschwitzte Kleidung sorgte bei jedem Windstoß für ein Frösteln. Verfluchte scheiße. Mit dem Fuß in den Sand tretend hob sie den Blick. Das Wasser des Pazifik lag dunkel vor ihr und hinter ihr befand sich der Wahnsinn einer jeden Großstadt. Laut hell und nie schlafend. Auch sie hatte einige Wochen gebraucht, um sich hier wieder einzuleben. Schlaflose Nächte hatten ebenso dazugehört, wie durchzechte. Wieder hier in den Staaten zu sein hatte sich erst fremd angefühlt, dann gut und nun verfluchte sie es wieder, da sie viel näher an ihrer Vergangenheit war, als sie es je hatte sein wollen.
Das Klingeln ihres Handys riss sie aus einer Trance, in der sie das an den Strand rollende Wasser beobachtet hatte.
»Verfluchte scheiße was wollt ihr?« Sie hatte nicht geschaut, zu wem die Nummer gehörte und es war ihr völlig egal, wenn sie gerade so anfuhr. Sie war hergekommen, um Ruhe zu haben. Kein Joe, kein Sean, kein Team, keine aneinanderprallenden Billardkugeln und keine Dartpfeile. Ruhe. Stille. Dass nun jemand von ihr verlangen könnte sofort zur Base zu kommen, da sie eine Mission hatten, war nur ein stiller Wunsch.
»Lexi?« Es war die Stimme einer Frau, die sie nicht kannte. Nach einigen Sekunden in denen sie nicht geantwortet hatte, wurde ihr klar, dass es ihre Tante sein musste. Die Schwester ihrer Mutter, die, als sie noch Kind gewesen war, immer so an ihren Umgangsformen herumgegängelt hatte. Nie war sie freundlich genug gewesen, nie hatte sie sich angemessen gekleidet oder gar angemessen benommen.
»Ja.« Murrend drehte sie sich um. Beleuchtete Hausfassend vor den riesigen Hochhäusern San Diegos. Autos auf den Straßen, die sie sehen konnte. Überall herrschte Bewegung und Leben und sie wünschte sich nichts mehr, als dass jetzt die Zeit stehen blieb und sie sich überlegen konnte, wie sie reagieren sollte.
»Ich bin es deine Tante Eve.«
Lexi rollte mit den Augen. Alleine schon dieser erste Satz klang, als würde ihre Tante mit einem Kleinkind sprechen.
»Was willst du?« Sie erwischte sich dabei, wie sie mit den Zähnen knirschte. Sie war kein kleines Kind mehr. Das letzte Mal, dass sie ihre Tante gesehen hatte, war sicher 15 Jahre her. Ob sie sich darüber bewusst war? Sie sprach nicht mit dem kleinen Kind, von dem es ihr nicht gepasst hatte, dass sie unterschiedliche Socken zum Geburtstag getragen hatte.
»Ich wollte mir dir reden.« Begann ihre Tante zögernd, was bei Lexi zu einem genervten Schnauben führte.
»Da wäre ich von alleine nicht drauf gekommen. Warum? Warum meldest du dich nach über einem Jahrzehnt so plötzlich? Dich hat es nie interessiert, was aus mir wird oder was ich mache. Was ist passiert, dass du deinen beschissenen Arsch bewegst und anrufst? Ist deine heile Welt in sich zusammengefallen oder was?« Sie lachte bitter auf. Selbst wenn ihre Tante Probleme hätte, würde sie ihr sicher nicht helfen. Sie konnte sich daran erinnern, dass, als sie 5 gewesen war, ihre Tante noch einen anderen Stellenwert innegehabt hatte. Das hatte sich aber in den folgenden 2 oder vielleicht waren es auch drei Jahre gewesen geändert. Nur kurz nach dem sie in die Schule gekommen war, hatte es immer heftigere Streiterein zwischen ihrer Tante und ihrer Mutter gegeben, bis man ihr schließlich den Kontakt zu Eve verboten hatte, worum sie nie böse gewesen war. Eve war in dem Moment, in dem Lexi zur Schule gekommen war ein Drachen geworden. Sie wusste nicht, ob diese Wandlung mit der Schule zusammengehangen hatte oder ob etwas anderes der Grund dafür gewesen war, aber ihrer Tante hatte man nie etwas recht machen können. Erste gemalte Bilder mit Namen waren wild diskutiert worden, dann verbessert und schließlich zerrissen, mit den Worten, dass aus ihr nie etwas werden würde,. Lexi konnte sich daran erinnern, dass sie das erste Jahr in der Schule alles versucht hatte, um ihrer Tante zu gefallen, obwohl ihre Mutter den Kontakt untersagt hatte, aber dieser Versuch war irgendwie gescheitert. Dann hatte es jahrelang keinen Kontakt gegeben. Aus irgendwelchen ihr unbekannten Gründen war Eve wieder bei ihrer Schwester aufgetaucht, als Lexi Teenager gewesen war. Aber in dieser Zeit war ihr das bereits egal gewesen. Sie hatte sich in einem Freundeskreis bewegt, der alles andere als gut für sie gewesen war, aber auch dass hatte sie erst zu spät begriffen.
»Es geht um deinen Bruder.«
Lexi konnte das Durchatmen ihrer Tante hören.
»Welchen?« Sie starrte weiter auf das Wasser, dass mit kleinen schäumenden Kronen an den Strand rollte. Das Salz in der Luft nahm sie kaum noch wahr und die Ruhe, die nach ihr gegriffen hatte, verschwand immer mehr. Was zum Teufel wollte ihre Tante? Konnte sie nicht einfach sagen, wieso sie anrief? Musste sie ihr jeden Satz aus der Nase ziehen?
»Keaton.«
Wieder entstand eine Pause die Lexi weiter in den Wahnsinn trieb. Keaton war ihr jüngster Bruder. 3 Jahre trennten sie. Sie konnte sich daran erinnern, wie sie ihn an die Hand genommen hatte, als er mit etwas über 2 Jahren alleine durch den Garten getollt war und dass sie gemeinsam die Straße auf und abgelaufen waren. Das war wohl die einzige Zeit, in der es in ihrer Familie friedlich verlaufen war. Denn auch hier war es die Zeit gewesen, zu der sie in die Schule gekommen war, wo es einen Bruch zwischen ihr und Keaton gegeben hatte. Ihre Mutter hatte ihr irgendwann diese Spaziergänge verboten und auch da war Eve in Lexis Augen ein ausschlaggebender Punkt gewesen. Nur dieses verfluchte warum wollte ihr nicht einfallen. Aber sie war auch einfach zu jung gewesen, um das beurteilen zu können.
»Man, was ist mit dem? Ich kann hier nicht ewig rumstehen und darauf warten, dass du sagst, was Sache ist«, schnauzte sie ihre Tante an. Es war ihr nicht nur ein wenig egal, was mit ihrem Bruder war. Es war ihr komplett egal. Keaton hatte sich in den letzten Jahren ebenso wenig nach ihr erkundigt wie ihre anderen Brüder, oder ihre Eltern oder Tante Eve.
»Ich glaube, er hat Probleme«, erklärte Eve zögernd.
»Ach und was soll ich da machen? Der ist erwachsen.« Knurrte sie ins Telefon. Ihr hatte auch niemand geholfen, als sie Probleme gehabt hatte. Sie lachte erneut bitter auf. Es hatte ja nicht einmal jemand bemerkt, dass sie über Jahre nicht im Land gewesen war. Erst als man Eve angerufen hatte und sie über ihren kritischen Zustand aufgeklärt hatte, hatten sie es erfahren und selbst da hatte sich nie jemand gemeldet. Weder Eve deren Nummer man herausbekommen hatte noch ihre Eltern, die sicher von dem Telefonat erfahren hatten. Sie existierte in den Augen ihre Familie doch gar nicht mehr. Sie war nicht einfach das schwarze Schaf, sie war ein niemand, der in den Augen ihrer Familie nicht existierte. Lexi zweifelte daran, dass es überhaupt jemanden interessiert hatte, dass sie über Wochen schwerverletzt im Krankenhaus gelegen hatte und es eine Zeit gegeben hatte, in der die Ärzte nur noch wenig Hoffnung gehegt hatten.
»Du bist die Einzige, auf die er vielleicht hört.« Ihre Tante klang seltsam. Vielleicht war es wirklich Verzweiflung, die in ihrer Stimme lag, aber selbst wenn dann würde es Lexi nicht interessieren. Warum sollte sie sich nun kümmern? Sie lachte auf.
»Ach auf einmal soll jemand auf mich hören? Ich bin doch die, für die sich niemand interessiert. Weißt du überhaupt, was ich die letzten Jahre gemacht habe?« Sie machte eine kurze Pause. »Nein. Nein, das weißt du nicht, das wisst ihr nicht, denn wenn ihr es wissen würdet und wenn es euch interessieren würde, dann hättet ihr euch verdammt nochmal nach mir erkundigt. Ist euch eigentlich klar, dass mein Kollege eine Beisetzung für mich geplant hatte und dass er gewollt hätte, dass ihr verlogenes Pack dabei seid?« Platzte es aus ihr heraus. Ihr waren wie aus dem Nichts Worte von Joe in Erinnerung gekommen. Er hatte ihr sein persönliches Worste Case Szenario geschildert. Nachdem er bei der Beisetzung von DJ anwesend gewesen war, hatte er sich ausgemalt, was passieren würde, wenn er sie als Kollegin und gute Freundin nach dem Horrorangriff in Afghanistan ebenfalls verlieren würde. Er hatte mit ihr darüber gesprochen, wer aus dem alten Rescue Team wohl alles keinen Familienanschluss mehr hatte, weil sie sich mit ihren Angehörigen überworfen hatten. Es waren viele, nein, eigentlich waren es sie alle. Keiner von ihnen hatte mehr einen guten Kontakt zu den Familien. Bei der IATF sah das anders aus und diesen Unterschied hatte sie erst in den letzten Tagen weit deutlicher wahrgenommen als sonst. Und das lag einzig und allein daran, dass diese beschissene Nummer ihrer Tante immer wieder im Display ihres Handys gestanden hatte.
»Lexi, es tut mir leid. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Stell dir mal vor, das ruft wer vom Militär an und sagt eine Angehörige ist schwer verletzt worden. Was soll man da machen?«
»Sich in den nächsten Scheißflieger setzen und hinfliegen verflucht.« Lexi beendete mit einem Zähneknirschen die Verbindung. Sie könnte kein weiteres Wort mit ihrer Tante wechseln. Es ging nicht. Sie war hin und hergerissen zwischen Verzweiflung, Wut und Trauer über die Ignoranz ihrer Tante und die ihrer Familie. Ihre Sicht auf das Display verschwamm, als sie die Nummer ihrer Tante ohne Zögern zu der Liste der blockierten Nummern hinzufügte. In ihr schrie eine Stimme, sie sollte das Handy wegwerfen, aber sie tat es nicht. Sie streckte es zurück in die Gesäßtasche ihrer Hose und trat in den Sand vor ihren Füßen. Da war er wieder. Der Druck, der sich auf sie legte und sie bildete sich ein, dass er weit stärker war als zuvor. Schwer legte er sich auf sie und wollte ihr Herz am Schlagen hindern. Leise Flüche ausstoßend starrte sie auf das Wasser. Was sollte diese Scheiße? Jahrelang hatte sie niemand um das geschert, was sie getan hatte, was sie tat oder wie es ihr ging und nun sollte sie diesen Menschen helfen. Das war doch ein schlechter Scherz.

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